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Jakobus Onnen aus Tichelwarf – Das Gesicht hinter einem ikonischen Holocaust-Foto

Der Historiker Dr. Jürgen Matthäus im Gespräch über die Aufklärung eines 80 Jahre alten Verbrechens durch klassische Archivarbeit und moderne Technologie

Ein Interview von Dr. Heiko Suhr

Im Jahr 2025 gelang dem Historiker Jürgen Matthäus eine bemerkenswerte Identifizierung: Mithilfe von KI-gestützter Bildanalyse und Hinweisen von Nachfahren konnte er Jakobus Onnen als den Schützen auf einem der bekanntesten Holocaust-Fotos identifizieren.1 Die unter dem Titel „Der letzte Jude in Winniza“ bekannte Aufnahme zeigt die bevorstehende Erschießung eines jüdischen Menschen vor einem Massengrab durch einen Angehörigen der deutschen Einsatzgruppen. Die Identität des Täters war jahrzehntelang ungeklärt – bis jetzt.

Abb. 1: Eines der wohl ikonischsten Fotos der Shoah zeigt den aus Tichelwarf gebürtigen Jakobus Onnen während einer Massenerschießung. Es stammt aus dem Kriegstagebuch von Walter Materna (United States Holocaust Memorial Museum, Archives, 2021.159.1)

Die Recherche begann, als ein entfernter Verwandter Onnens einen Bericht von Matthäus las und sich an den Historiker wandte. Der Mann und seine Frau vermuteten seit Längerem, dass ein Verwandter seiner Frau auf dem Foto zu sehen sei, und stellte erhaltene Fotografien sowie biografische Informationen zur Verfügung. Eine Open-Source-Journalismus-Gruppe führte daraufhin eine KI-gestützte Bildanalyse durch, die eine hohe Übereinstimmung zwischen den Familienfotos und der Person auf dem historischen Bild feststellte. In Verbindung mit weiteren dokumentarischen Belegen ermöglichte dies die Identifizierung – ein „schrittweiser Prozess“ aus traditioneller Archivarbeit, glücklichen Zufällen und innovativer Technologie.

Matthäus’ Forschung klärte zudem auf, dass das Massaker entgegen der Ortsangabe im Titel nicht in Winnyzja, sondern am 28. Juli 1941 in Berdyčiv von der Einsatzgruppe C verübt wurde. Diese Erkenntnisse stützen sich auf das Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers sowie auf weitere Fotografien mit entsprechenden Notizen, die Matthäus in einem kürzlich erschienenen Buch über deutsche Privatfotoalben zum Zweiten Weltkrieg in den breiteren Kontext von Gewaltdarstellung und Kriegserinnerung stellt.2

Jakobus Onnen wurde 1906 im ostfriesischen Tichelwarf geboren und arbeitete als Lehrer für Englisch, Französisch und Sport.3 Noch vor 1933 trat er der NSDAP bei, 1933 der SA und ab 1934 war er SS-Mitglied.4 Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde er zur Ordnungspolizei versetzt und später an der Ostfront als Teil der Einsatzgruppe C eingesetzt. Diese mobile Einheit ermordete bis Frühjahr 1942 mehr als 100.000 überwiegend jüdische Zivilisten in der Ukraine. Spätestens im Juli 1941 beging Onnen seine ersten Morde. Er fiel am 12. August 1943 bei einem Kriegseinsatz in der Region Schytomyr.

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  1. Jürgen Matthäus, Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 73, 2025, H. 9, S. 705–729; vgl. auch Jürgen Matthäus, The last Jew in Vinnitsa. Reframing an Iconic Holocaust Photograph, in: Holocaust and Genocide Studies 37, 2023, H. 3, S. 349–359. [↩]
  2. Jürgen Matthäus, Gerahmte Gewalt. Fotoalben von Deutschen im „Osteinsatz“ und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, Berlin 2025. [↩]
  3. NLA HA, Hann. 144, Nr. 1907: Prüfungsakten des Lehrers Jakobus Onnen. [↩]
  4. Vgl. Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/144308. [↩]

Kersen, Krenten und Kaneel

Backrezepte des 18. Jahrhunderts aus Leer und Weener liegen in einer neuen Edition vor

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Titelblatt der Edition (Ferro, Bakkerijrecepten, S. 1)

Wie schon im November 2023 soll an dieser Stelle erneut ein von Rudolf Nunes Ferro ediertes Büchlein vorgestellt werden.1 Der Autor hat dieses Mal Backrezepte aus Leer und Weener gesammelt, transkribiert und kommentiert.

Im ersten Teil (S. 4–5) des reich bebilderten Werkes wird der Quellenkorpus kurz vorgestellt: erstens eine 76-seitige Rezeptsammlung der Bäckerei K. F. Koolman aus Weener aus der Zeit um 1900, die handschriftlich auf Deutsch verfasst ist, aber vor allem niederländische Rezepte umfasst, und zweitens eine etwa 250-seitige Sammlung von Rezepten in niederländischer Sprache, die Bäcker Koolman verwendet hat, die aber von einem Titus van der Velde stammen. Diese zweite Sammlung ist dann der Gegenstand der vorliegenden Edition.

Im zweiten Kapitel (S. 6–26) beschreibt und analysiert Ferro dann den edierten Quellentext, der aus Oldenburger Familienbesitz stamme. Die Wasserzeichen des Papiers geben einen ersten Hinweis auf die Entstehungszeit, da der Betrieb von Maarten Schouten aus Woormerveer (Provinz Nordholland) nur zwischen 1775 und 1797 tätig gewesen sei. Der zweite Hinweis ist der Urheber der Rezeptsammlung. Die Rezepte stammen überwiegend von Bäckermeister Titus van der Velde (1714–1786), der in Emden zur Welt kam und in Leer verstarb. Daraus ergebe sich eine Entstehungszeit zwischen 1775 und 1786. Weiterhin gebe es in dem untersuchten Büchlein Rezepte für Bäckereien und Konditoreien eines Peter van Loo aus dem Jahr 1831 und Rezepte für Getränke und Parfüms aus der Zeit danach, die jedoch in der Edition nicht berücksichtigt worden sind.

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  1. Heiko Suhr, Pfeffernüsse aus dem 17. Jahrhundert – Neuerscheinung einer Edition von Rezeptsammlungen aus der Beningaburg in Grimersum, online: https://ostfrhist.hypotheses.org/3214 [15.04.2025]. [↩]