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Ein Architektenleben zwischen Landschaftspolder und Hamburg.

Gerhard de Boer (19272005) und seine Zeichnungen vom Steinhaus Bunderhee

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Im Sommer 2026 hat die Landschaftsbibliothek eine kleine Sammlung des Architekten Gerhard de Boer übernommen. Ihr Kernstück ist eine baugeschichtliche Untersuchung des Steinhauses Bunderhee, die de Boer 1956 als Student anfertigte und zu der auch neun großformatige Bauaufnahmen des Gebäudes gehören.1 Mit dem Erhalt dieser Objekte ergaben sich jedoch sogleich weiterführende Fragen, einmal nach dem Urheber und dessen Werdegang, aber auch in welchem Kontext die Studie und die Zeichnungen entstanden waren.

Abb. 1: Gerhard de Boer als Architekt in Hamburg (1976) (Privatarchiv Theda de Boer)

Gerhard de Boer hat sein Berufsleben als angestellter Architekt bei der Neuen Heimat in Hamburg verbracht, also bei einem Unternehmen, das für den Wohnungsbau der Bundesrepublik in großem Maßstab steht und weniger für den einzelnen architektonischen Entwurf. Tagebücher oder Briefwechsel sind aus seinem Leben nicht überliefert. Dennoch lässt sich seine Biografie anhand von zwei eigenhändigen Lebensläufen rekonstruieren, die im Besitz der Familie geblieben sind: ein knapper von 1950, mit dem der junge Mann seine Zulassung zum Architekturstudium erbat, und ein ausführlicher, Anfang 1948 zur Reifeprüfung niedergeschrieben.2 Darin erzählt der Zwanzigjährige in einer überraschend dichten, fast literarischen Sprache von seiner Kindheit auf einem abgelegenen Hof, vom Internatsleben in Ihrhove, vom Zweiten Weltkrieg und von dem früh gefassten Wunsch, Architekt zu werden. Erst sie machen die Untersuchung zu Bunderhee und die Zeichnungen als Teil einer Biografie lesbar.

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  1. Vgl. zur Übernahme des Nachlasses durch die Landschaftsbibliothek auch die Presseberichterstattung: Zeichnungen vom Steinhaus aufgetaucht, in: Ostfriesen-Zeitung, 30.07.2026 bzw. die Pressemitteilung der Ostfriesischen Landschaft https://www.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/dateiarchiv/4275/PM%20%C3%9Cbergabe%20Steinhaus-Zeichnungen.pdf [27.08.2026]. []
  2. Vgl. zur Biografie von Gerhard de Boer vor allem Privatarchiv Theda de Boer, eigenhändige Lebensläufe von Gerhard de Boer vom 20.08.1950 und undatiert [Anfang 1948]. Ich danke Theda de Boer für die Überlassung der wichtigen Dokumente und zahlreiche Auskünfte. []

Was Ostfriesland am Laufen hielt

Eine Archivalienausstellung im Niedersächsischen Landesarchiv zeigt am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, den 13. September 2026, ausgewählte historische Pläne, Karten und Schriftstücke zur Infrastrukturgeschichte Ostfrieslands

Abb. 1: Verlauf des Treckfahrtstiefs zwischen Aurich und Emden vorbei am Großen Meer und dem Kleinen Meer um 1830 (NLA AU Rep. 244 B Nr. 581)

Wie gelangten Nachrichten über weite Entfernungen ans Ziel? Auf welchen Wegen wurden Menschen und Waren transportiert? Und wie konnten die ostfriesischen Inseln selbst im strengen Winter versorgt werden? Unter dem Titel „Was Ostfriesland am Laufen hielt …“ zeigt das Niedersächsische Landesarchiv in Aurich am diesjährigen Tag des offenen Denkmals, wie Verkehrswege, Kommunikationsnetze und Versorgungsstrukturen das Leben in Ostfriesland prägten.

Die eigens konzipierte Ausstellung greift das bundesweite Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“ auf. Anhand von historischen Plänen, Karten und Schriftstücken zeigt sie, wie Post, Kanäle, Schienen und Bunkeranlagen den Alltag organisierten und in schwierigen Zeiten handlungsfähig hielten. Dazu gehören neben der historischen Entwicklung der Post ab Mitte des 16. Jahrhunderts auch der Bau des Vorläufers des Ems-Jade-Kanals von Emden nach Aurich zwischen 1798 und 1800, die Anbindung Aurichs an das Kleinbahnschienennetz ab 1890, die Nutzung der Bunkeranlagen in Aurich und Emden oder die Notversorgung der ostfriesischen Inseln im Winter.

Abb. 2: Beispiele aus der Archivalienausstellung in der NLA-Abteilung Aurich

Neben der Ausstellung steht die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs (Oldersumer Straße 50, 26603 Aurich) von 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr allen Interessierten offen und bietet verschiedene weitere Veranstaltungspunkte an:

  • Wie und wo werden authentische Quellen zur ostfriesischen Geschichte aufbewahrt?
    Führung durch das Archiv und das Archivmagazin, die einen Einblick gibt, wie die Originale aufbewahrt werden, damit sie auch die nächsten Jahrhunderte überdauern
    (12.00 Uhr / 14.00 Uhr / 16.00 Uhr).
  • Wie und wo finde ich Unterlagen zu meinem Thema?
    Für alle, die Familienforschung betreiben, sich für die Geschichte ihres Ortes interessieren oder in die ostfriesische Geschichte eintauchen wollen, gibt es eine Einführung in das Archivinformationssystem „Arcinsys“, mit dem man online nach Archivalien recherchieren und diese gleich in den Lesesaal bestellen kann
    (13.00 Uhr).
  • Haben Sie Dias, Fotos, Fotoalben oder ähnliches Bildgut mit Bezug zu Ostfriesland, die es wert sind, für nachfolgende Generationen erhalten zu werden und daher im Archiv dauerhaft aufbewahrt werden sollten? Dann nutzen Sie unsere Tauschbörse, bei der historische Fotos gegen Bücher aus dem Dubletten-Bestand der Dienstbibliothek getauscht werden können. Oder stöbern Sie in unserem Bücherflohmarkt.

Alle Interessierten sind herzlich willkommen! Das Landesarchiv freut sich auf Ihren Besuch!

“Ordnung ist die Seele der Arbeit”

Preußische Verwaltungspraxis, ostfriesische Eigenheiten und wirtschaftliche Modernisierung in den Auricher Tagebuchaufzeichnungen Ludwig von Vincke (1803–1804)

Zur Erinnerung an Dr. phil. Johann Enno Eimers (1936–2026)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Im Oktober 1803 trat Ludwig Freiherr von Vincke sein Amt als Kammerpräsident der Kriegs- und Domänenkammer Aurich an.1 Er tat dies ohne Begeisterung. In einem Brief an eine Bekannte hatte er den Posten zuvor als „halben Invalidenposten“ bezeichnet: Die Kammer habe „fast gar nichts zu tun“, die Kontribution – die direkte Grundsteuer des platten Landes –werde von den Ständen verwaltet und damit seien „der Kammer überall die Hände gebunden“.2 Das war die Außenperspektive eines 29-jährigen westfälischen Landrats auf eine preußische Randprovinz, die er noch nicht kannte. Knapp ein Jahr später, im November 1804 von Aurich nach Münster abberufen, empfand er dieselbe Versetzung als einen schweren Schlag und ließ mit einer Mitteilung an die Auricher Presse keinen Zweifel daran, was ihm das Jahr in Ostfriesland bedeutet hatte. Spätestens 1809, aus Potsdam zurückblickend, brachte er es auf den Punkt: „Ich war ein Jahr und von meinem bisherigen Leben das schönste in Ostfriesland.“

Abb. 1: Hermann Angermayer, posthumes Bildnis des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, Öl auf Leinwand (nach 1904) (LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, Inv. Nr. 894 LM)

Diese Wandlung – von widerwilliger Anreise zu tief empfundener Bindung – ist kein biografisches Klischee, sondern verweist auf ein Erfahrungsformat, das Wolfgang Henninger als kennzeichnend für den Auricher Verwaltungsbeamten beschrieben hat: das Diktum „Sie kommen mit Tränen, und sie gehen mit Tränen“ treffe, so Henninger, einen „wahrlich nicht seltenen Typus“ des nach Aurich versetzten preußischen Beamten. Was den Beamten veränderte, war die Provinz selbst, also ihre institutionellen Eigenheiten, ihre physische Gestalt, ihre lokalen Netzwerke, ihre von der preußischen Norm abweichenden Verwaltungsaufgaben.

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  1. Eine Druckfassung dieses Beitrags wird voraussichtlich im Herbst 2026 in den Preußischen Mitteilungen erscheinen, die der Leeraner Dr. Enno Eimers von 2008 bis zu seinem Tod 2026 redigiert hat. Da diese Zeitschrift allerdings nur den Mitgliedern zugänglich ist, erfolgt an dieser Stelle die Erstveröffentlichung []
  2. Zitiert nach Heinrich Kochendörffer, Vincke, Bd. 1, Soest 1932, S. 135. []

Zwischen Hausgeburt und Kreißsaal – Die ostfriesische Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922-1974)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Kinderstation in der Wolfenbütteler Frauenklinik und Entbindungsanstalt (um 1945) (Landschaftsbibliothek, Ms 461: Nachlass Hilka de Vries)

Der 2025 von der Landschaftsbibliothek Aurich übernommene Nachlass der Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922–1974) ermöglicht erstmals einen umfassenderen und quellennahen Einblick in das Berufsleben einer ostfriesischen Landhebamme im 20. Jahrhundert. Kernstück des Nachlasses sind sieben Dienst- oder Hebammentagebücher der Jahre 1948 bis 1966. Hinzu kommen Ausbildungs- und Zulassungspapiere seit 1936, Korrespondenz mit Behörden und mit ausgewanderten Verwandten in South Dakota sowie mehrere Fotografien und Postkarten aus ihrer gesamten beruflichen Laufbahn.1

Die Geschichte der Hebammen erfuhr im Zuge der Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den 1980er Jahren verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Für den norddeutschen Raum liegen jedoch nur wenige biografische Studien vor. Christine Loytveds Dissertation untersuchte die Lübecker Hebammen zwischen 1730 und 1850 und analysierte dabei die Professionalisierung unter ärztlicher Aufsicht.2 Malte de Vries widmete sich jüngst den Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung bzw. in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts.3 Eva Labouvie hat in ihren kulturhistorischen Arbeiten den „Erlebnisraum Geburt“ vom 16. bis 19. Jahrhundert ausgeleuchtet und dabei die Verlagerung der Geburt aus dem häuslichen Umfeld in eine ärztlich geführte Klinik sowie die dabei entstandenen Widerstände auf dem Land herausgearbeitet.4 Sie betont zu Recht, auf dem Dorf sei die Tätigkeit der Hebamme lange Zeit als christliche Nachbarschaftshilfe angesehen worden und hätte damit nur den Charakter eines gering entlohnten Ehrenamtes. Kirsten Tiedemann legte mit ihrer Untersuchung zur Reichsfachschaft Deutscher Hebammen die erste systematische Forschung zur Verbandsgeschichte vor, die auch Fragen weiblicher Handlungsräume im Nationalsozialismus berührt.5

Für Ostfriesland fehlt eine systematische Aufarbeitung des Hebammenwesens weitgehend; erste Impulse gaben regionalhistorische Projekte, in denen u. a. die Biografie der Hebamme Martje Janssen aus Loga vorgestellt wurde, die im 19. Jahrhundert im ländlichen Raum praktizierte.6 Ergänzend hat der 2024 dem Niedersächsischen Landesarchiv Aurich übereignete Nachlass der aus Pewsum stammenden Frauenärztin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen (1872–1955) neue Forschungsperspektiven eröffnet.7 Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende Biografie einer ostfriesischen Hebamme einen Beitrag zur bislang unterrepräsentierten ländlichen Geburtshilfe in der Region leisten.

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  1. Vgl. https://opac.lbs-emden.gbv.de/DB=1.1/XMLPRS=N/PPN?PPN=1971839221 [16.07.2026]. []
  2. Christine Loytved, Hebammen und ihre Lehrer. Wendepunkte in Ausbildung und Amt Lübecker Hebammen (1730–1850), Osnabrück 2002. []
  3. Malte de Vries, Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung. Ein Überblick, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 104, 2023, S. 59–88; ders., Hebammenausbildung in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts, in: Stader Jahrbuch 114, 2024, S. 141–177. []
  4. Eva Labouvie, Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte der Geburt, Köln/Weimar/Wien 1998. []
  5. Kirsten Tiedemann, Hebammen im Dritten Reich. Über die Standesorganisation für Hebammen und ihre Berufspolitik, Frankfurt am Main 2013. []
  6. Christine Hühns / Gabriele Ketels, Die Hebamme Martje Janssen, in: Stadt Leer (Hrsg.), FrauenLeben in Leer. Ausgewählte Frauenbiografien vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, Leer 2022, S. 44–53; vgl. dazu https://ostfrhist.hypotheses.org/1797 [02.02.2026]; vgl. zu Martje Janssen auch Jann de Buhr, Martje Janssen, als Hebamme fast sieben Jahrzehnte tätig, in: Unser Ostfriesland 2012, Nr. 12. []
  7. NLA AU, Rep. 220/30; vgl. zum Nachlass, der im Auricher Landesarchiv verwahrt wird, vor allem https://ostfrhist.hypotheses.org/6198 [02.02.2025]. []

Zwischen Kochtopf und Archiv

Am 21. April 2026 trafen sich Historiker:innen, Archäolog:innen und Sprachwissenschaftler:innen aus Ost- West-, und Nordfriesland zu einem interdisziplinären Workshop im Steinhaus Bunderhee

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Wer im breiten Publikum nach der Küche der Frieslande fragt, erhält in der Regel nur wenige, immer wiederkehrende Antworten: das ostfriesische Teezeremoniell, vielleicht Grünkohl und Pinkel, Mehlpüüt oder Krintstuut. In Reiseportalen, Lifestyle-Magazinen und sozialen Medien werden solche Schlagworte ebenso publikumswirksam wie unhinterfragt als Inbegriff einer „typisch friesischen“ Esskultur präsentiert – meist ohne die historischen Wurzeln, die soziale Differenzierung der Tafel oder den Austausch zwischen Ost-, West- und Nordfriesland in den Blick zu nehmen. Tatsächlich ist die kulinarische Geschichte der Frieslande wissenschaftlich bislang nur in Ansätzen erschlossen, bietet aber gleichwohl faszinierende Einblicke in Esskultur, Trinkgewohnheiten, Gastlichkeit und regionale Identität.

Abb. 1: Drohnenaufnahme des Steinhauses in Bunderhee (2024) (Foto: Ostfriesische Landschaft)

Um diese Forschungslücke aus interdisziplinärer Perspektive zu adressieren, trafen sich am 21. April 2026 – auf Einladung der Ostfriesischen Landschaft, der Auricher Abteilung des Niedersächsischen Landesarchivs, des Nordfriisk Instituut (Bredstedt) und der Fryske Akademy (Leeuwarden) – Expertinnen und Experten zu einem Workshop im Steinhaus Bunderhee, um sich mit der Kulinarik in den Frieslanden zwischen Kochtopf und Archiv zu befassen.

Das Projekt „Steinhausgespräch: Friesische Kulinarik“ wurde durch das Interreg-Programm Deutschland-Nederland sowie seine Programmpartner ermöglicht und von der Europäischen Union kofinanziert. Die Tagung fand im Rahmen des niederländisch-deutschen Historikernetzwerks der Ems Dollart Region (EDR) statt.

Den Auftakt bildete ein Beitrag von Redmer Alma (Stichting Twickel, Delden/Provinz Overijssel) über die adlige Küche in den friesischen Landen des 16. und 17. Jahrhunderts. Alma näherte sich dem weiten Feld exemplarisch anhand zweier Angehöriger des Ommelander Adels an: Johan van Ewsum (um 1508–1570) und Occa Johanna Ripperda (1619–1669). Die Auswahl, so betonte er, sei weniger durch die herausragende Bedeutung der beiden Personen bestimmt als durch die Quellenlage, die für diesen Zeitraum ausgesprochen dürftig ausfällt und deshalb jeden dichter überlieferten Fall besonders kostbar macht.

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Norderney zwischen Nachkriegsnot und Neubeginn

Mit einer neuen Publikation von Matthias Pausch begibt man sich auf eine historische Bilderreise

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Titelblatt der Publikation

Pünktlich zum Beginn der Sommerferien wird auch Norderney erneut von der jährlich wiederkehrenden Gästewelle überflutet. Die Annehmlichkeiten der Insel sind allzu verlockend; hier kann der Sommer in vollen Zügen genossen werden. Dabei stand Norderney als Sommerfrische nach ersten schweren Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mitte jenes Jahrhunderts beinahe vor dem Aus. Vom Ersten Weltkrieg und den wirtschaftlich schwierigen Weimarer Jahren hatte sich das Nordseebad noch nicht vollständig erholt, als die NS-Zeit und in ihrem Verlauf der Zweite Weltkrieg mit fatalen Folgen über die Insel hereinbrachen. Die wenigsten der heute anreisenden Gäste werden ahnen oder wissen, wie hart und steinig der Weg Norderneys nach dem Krieg zurück zum belebten Seebad war, und wie wenig selbstverständlich es ist, dass die Insel für viele Erholungsuchende zum beliebten und begehrten Ferienparadies werden konnte.

So ist es sehr erfreulich, dass Stadtarchivar Matthias Pausch als profunder Kenner der Inselgeschichte jetzt eine eindrucksvolle Dokumentation über Norderney in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vorlegt. Dabei hat er keinen klassischen historischen Überblick verfasst. Das Buch lebt vielmehr von seinen Bildern. Fotografien aus den Beständen des Stadtarchivs, ergänzt durch zeitgenössische Zeitungsberichte, amtliche Bekanntmachungen, Leserbriefe und andere historische Dokumente, lassen die Nachkriegsjahre auf Norderney lebendig werden. Die erläuternden Texte sind bewusst knapp gehalten und ordnen die Quellen ein, ohne sich in ausführlichen Darstellungen zu verlieren. Gerade dadurch sprechen die Bilder häufig für sich selbst, und der tiefgreifende Wandel Norderneys von den entbehrungsreichen Jahren unmittelbar nach Kriegsende über die Zeit als Leave Centre – also als ein Erholungszentrum der britischen Rheinarmee – bis hin zum Wiederaufleben des Badebetriebs und den Anfängen des modernen Massentourismus in den 1950er Jahren wird plastisch nachvollziehbar.

Den Ausgangspunkt bildet die Situation auf der Insel unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Badebetrieb, die wirtschaftliche Grundlage Norderneys, war zum Erliegen gekommen. Norderney war im Krieg Garnison; zahlreiche Kasernengebäude, Bunker und Militärwerkstätten prägten das Inselbild. Die britische Besatzungsmacht bestimmte das öffentliche Leben, gleichzeitig verschärften Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und der Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten die ohnehin schwierige Lage der Inselbevölkerung. Die Fotografien dokumentieren eindrucksvoll einen Alltag, der von Mangel und Improvisation geprägt war.

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Viel mehr als “Soete pasteikens”

Das handschriftliche Kochbuch der Dichterin Clara Feyoena van Raesfelt (1729-1807) liegt nun ediert vor

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Cover von Clara Feyoenas “Kookboek”

Erst im April dieses Jahres führte ein nord-, ost- und westfriesisches Expertentreffen im Steinhaus in Bunderhee vor Augen, dass die kulinarische Geschichte der Frieslande wissenschaftlich bislang nur in Ansätzen erschlossen ist und dass gerade handschriftliche Kochbücher zu den ergiebigsten Quellen gehören, um Esskultur, Trinkgewohnheiten, Gastlichkeit und regionale Identität greifbar zu machen.1 Wo die Quellen zu gehobenen Tafeln zu sprechen beginnen, erweisen sie sich regelmäßig als Resonanzraum eines weitgespannten Waren- und Wissenstransfers, in dem Rezepte, koloniale Gewürze und höfische Tischsitten zusammenfließen. Vor diesem Hintergrund verdient eine niederländische Neuerscheinung Aufmerksamkeit, die auch für die Frieslande von Belang ist: Das „Kookboek van Clara Feyoena“.

Bei der Quelle handelt es sich um ein handgeschriebenes, in Leder gebundenes Rezeptbuch aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zur Sammlung des Drents Museum gehört und im Drents Archief wiederentdeckt wurde. Die „Stichting Historische Projecten Hardenberg“ ließ es Seite für Seite digitalisieren, transkribierte die 324 Rezepte und übertrug sie zugleich ins moderne Niederländisch. Clara Feyoena hat das Buch dabei nicht eigenhändig geschrieben. Es stammt aber aus ihrem Besitz und wurde ihr wohl zu ihrer Volljährigkeit geschenkt.

Hinter dem Büchlein steht eine bemerkenswerte Frau. Clara Feyoena van Sytzama wurde 1729 in Leeuwarden geboren und entstammte dem friesischen Adel. 1750 heiratete sie Isaac Reinder van Raesfelt, Herr zu Heemse, und führte ab 1753 als „Vrouwe van Heemse“ das Gut in der Provinz Overijssel. Bekannt wurde sie vor allem als Dichterin und als Autorin von Kirchenliedern, die bis heute im niederländischen Gesangbuch stehen. Sie starb 1807 in Heemse. Da das Buch aus ihrem vorehelichen Besitz stammt, spiegelt es das kulinarische Milieu ihrer Herkunft – des westfriesischen Landadels – und rückt die Sammlung damit auch in den Horizont einer Esskulturgeschichte der gesamten Frieslande.2

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  1. Vgl. https://www.kultino.de/magazin/kulinarik-den-frieslanden [25.06.2026]. Ein ausführlicher Tagungsbericht erscheint zeitnah hier im Blog. []
  2. Vgl. zu ihrer Biografie http://www.biografischportaal.nl/persoon/96168353 [25.06.2026]. []

Eine besondere Uhrengeschichte aus Emden

Ein Gastbeitrag von Wiard Loesing (unter Mitarbeit von Axel Heinze)

Was zunächst wie eine gewöhnliche Wanduhr wirkte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als außergewöhnliches Zeugnis der Emder Handwerksgeschichte. Auf dem Zifferblatt einer in Aurich aufgetauchten Präzisionspendeluhr war die ursprüngliche Signatur „Seckel & Co Emden“ sorgfältig abgedeckt und durch den Aufdruck „Kittel Aurich“ ersetzt worden – nach dem heute nicht mehr bestehenden Auricher Uhren- und Schmuckgeschäft Kittel am Marktplatz, in dem sich das Zeitmessgerät zuletzt befand. Der Verfasser hatte Interesse an der Uhr bekundet, die er erwarb und anschließend restaurieren ließ.

Der Fund warf sogleich mehrere Fragen auf: Wer verbarg sich hinter der Bezeichnung „Seckel & Co“? Welches handwerkliche Können steckte in der Entwicklung dieser Uhr? Und weshalb war die ursprüngliche Signatur verdeckt worden? Die Spurensuche führte zurück ins Emden des 19. Jahrhunderts und in eine Uhrmacherwerkstatt, die in ihrer Qualität weit über das hinausging, was man für eine norddeutsche Hafenstadt dieser Größe erwarten durfte.

Objekte einer zeitgenössischen Präzisionstechnik

Bei der wiederentdeckten Uhr handelt es sich um eine Präzisionspendeluhr und damit um keinen Alltagsgegenstand, sondern um ein Gerät auf dem Stand der damaligen Spitzentechnik. Das Gehäuse ist aus Eiche gefertigt und mit feinstem englischem Mahagoni furniert. Das ungewöhnlich schwere Werk ist mit präzisen Messingblechen gegen Staub geschützt. Räder und Triebe mit hohen Zahnzahlen sind sauber geschnitten und poliert. Das sogenannte Regulator-Zifferblatt spart die Räder des Zeigerwerks ein. Die Hemmung verfügt über Saphirpaletten, um die Reibung zu minimieren, und das Pendel ist als Kompensationspendel ausgeführt: Ein Quecksilberzylinder gleicht die Längenausdehnung der Pendelstange bei Erwärmung aus.

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“Durch Lesen und Sprechen (…) nützlich und angenehm”

Die Auricher Literarische Ressource zwischen Aufklärung und preußischerAnnexion (1802-1866)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Eine niederländische Lesegesellschaft (um 1850) (Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-2015-26-798, online: https://id.rijksmuseum.nl/200634254 [19.05.2026])

Am 2. Mai 1802, in den letzten Jahren der ersten preußischen Periode und auf der Höhe des spätaufklärerischen Sozietätswesens, gründete sich in Aurich die „Literarische Ressource“. Das gedruckte Statut, ein schmales Heft ohne Verfasser- und ohne Jahresangabe, ist in der Landschaftsbibliothek Aurich überliefert; es gliedert sich in vier Abschnitte und regelt Zweck, Verfassung, Beiträge sowie Ämterstruktur der neuen Vereinigung. Damit liegt ein frühes gedrucktes Zeugnis einer Gesellschaft vor, die das gesellige und kulturelle Leben der ostfriesischen Verwaltungshauptstadt für ein knappes Jahrhundert mitbestimmen sollte. Zusammen mit dem Tagebuch des preußischen Kammerpräsidenten Ludwig von Vincke aus den Jahren 1803/04 erlaubt das Statut einen ungewöhnlich dichten Blick auf den frühen Betrieb der „Ressource“ und damit auf gesellschaftliche Zusammenkünfte, die sich in das norddeutsche Muster aufklärerischer Geselligkeit einfügen und zugleich ostfriesische Besonderheiten erkennen lassen.

Der Schwarze Bär und sein Gastwirt Conrad Bernhard Meyer

Ihre Zusammenkünfte hielt die „Ressource“ in Conrad Bernhard Meyers Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ am Auricher Marktplatz – heute: Marktplatz 28 – ab. Das Haus war zu diesem Zeitpunkt bereits eines der angesehensten der Stadt. Es ist seit dem späten 17. Jahrhundert als Gasthof nachweisbar – Fürst Christian Eberhard ließ dort 1691 beim Wirt Dirk Focken Pferde einstellen.1 Das ältere Auricher Hypothekenbuch belegt, dass Johannes Meyer das Haus am 2. März 1773 erwarb.2 Sein Sohn Conrad Bernhard Meyer3 übernahm das Geschäft formell am 4. Mai 1790, obwohl er es schon kurz nach dem Erwerb durch seinen Vater geführt haben dürfte.2 Der grundlegende Umbau, den der jüngere Meyer im Frühjahr 1775 in den „Wöchentlichen Ostfriesischen Anzeigen und Nachrichten“ vom 11. Mai öffentlich bekanntmachte – der „verwichenen Sommer gänzlich von neuen erbauet[e]“ Gasthof biete „verschiedene schöne Zimmer“ sowie „gute Stallung und Weide für Pferde“ und empfehle sich „allen honetten Passagiers“ zum „civilesten Preis“ –, fiel mithin noch in die Zeit der Eigentümerschaft des Vaters.

„“Durch Lesen und Sprechen (…) nützlich und angenehm”“ weiterlesen
  1. Friedrich Ritter, Alte Gasthöfe in Ostfriesland, in: Upstalsboom-Blätter für ostfriesische Geschichte und Heimatkunde 8, 1918/1919, S. 18–25, hier S. 18. []
  2. Auskunft [Mail], Wiard Hinrichs, 21.05.2026; vgl. auch NLA AU, Rep. 237, Nr. 1: Hypothekenbücher Aurich Stadt. [] []
  3. Gert Schlechtriem, Conrad Bernhard Meyer. Ein Baumeister des Klassizismus in Ostfriesland, in: Ostfriesland. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Verkehr 1957, Nr. 1, S. 13–21, hier 13. []

Vom Fischerdorf zum Staatsbad: Karl-Wilhelm Fischers Publikation zur Frühgeschichte des Seebades Norderney

Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann

Abb. 1: Umschlagbild der Veröffentlichung

Auf den ersten Blick weckt der Titel der vorliegenden Broschüre Assoziationen zu Hermann Soeke Bakkers Dissertation „Norderney: Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad“ (1956, erw. Auflagen 1971 und 1980).1 Doch wo Bakker sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Insulaner bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs auseinandersetzte, konzentriert sich Karl-Wilhelm Fischer, langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter des Norderneyer Bademuseums, auf die schwierige Gründungsphase des Bades, während der aus einem bescheidenen ostfriesischen Fischerort ein konzessioniertes Seebad entstand.

Fischer verortet seine Darstellung im europäischen und deutschen Kontext der Badekultur um 1800. Als Vorbilder nennt er die repräsentativen Seebäder an der englischen Nordseeküste sowie den einflussreichen Aufsatz des Göttinger Professors Georg Christoph Lichtenberg von 1793, der für die Gründung eines Seebades an der deutschen Nordseeküste plädierte und auf die nachgewiesenen Heilerfolge bei Atemwegs- und Hauterkrankungen hinwies. Die Gründung des ersten deutschen Ostseebades in Bad Doberan (1794) hatte überdies bewiesen, dass ein solches Vorhaben auch an der deutschen Küste realisierbar war.

Norderney selbst präsentierte sich Ende des 18. Jahrhunderts als relativ unbedeutende Inselgemeinde, deren Bewohner ihren Lebensunterhalt vornehmlich aus Fischfang und Frachtschifffahrt bestritten. An die Errichtung eines Seebades war zunächst kaum zu denken. Den entscheidenden Impuls gab schließlich der Inselvogt Johann Gerhard Feldhausen, in dessen Haus bereits Gäste zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit logierten: 1797 wandte er sich mit einem Gesuch um finanzielle Unterstützung an die ostfriesischen Landstände.

Fischer zeichnet die kleinteilige Verwaltungsgeschichte dieses Gründungsprozesses nach. Das Gutachten des Arztes Dr. Friedrich Wilhelm von Halem, der die therapeutische Wirkung des Seebades bei chronischen Erkrankungen hervorhob, ebnete den Weg für den Grundsatzbeschluss der Landstände. In den Folgejahren standen mehrere Alternativen zur Debatte – darunter die Anlage eines Seebades in Norddeich oder die Beauftragung eines privaten Unternehmers –, bevor man sich 1800 auf die Bereitstellung von 1.500 Talern aus dem Dispositionsfonds zur Errichtung eines Conversationshauses einigte.

„Vom Fischerdorf zum Staatsbad: Karl-Wilhelm Fischers Publikation zur Frühgeschichte des Seebades Norderney“ weiterlesen
  1. Vgl. Hermann Soeke Bakker, Norderney. Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Bevölkerung der Insel Norderney bis zum ersten Weltkriege (= Schriften der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens e.V., Neue Folge, Bd. 62), Bremen-Horn 1956. []