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Ein Architektenleben zwischen Landschaftspolder und Hamburg.

Gerhard de Boer (19272005) und seine Zeichnungen vom Steinhaus Bunderhee

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Im Sommer 2026 hat die Landschaftsbibliothek eine kleine Sammlung des Architekten Gerhard de Boer übernommen. Ihr Kernstück ist eine baugeschichtliche Untersuchung des Steinhauses Bunderhee, die de Boer 1956 als Student anfertigte und zu der auch neun großformatige Bauaufnahmen des Gebäudes gehören.1 Mit dem Erhalt dieser Objekte ergaben sich jedoch sogleich weiterführende Fragen, einmal nach dem Urheber und dessen Werdegang, aber auch in welchem Kontext die Studie und die Zeichnungen entstanden waren.

Abb. 1: Gerhard de Boer als Architekt in Hamburg (1976) (Privatarchiv Theda de Boer)

Gerhard de Boer hat sein Berufsleben als angestellter Architekt bei der Neuen Heimat in Hamburg verbracht, also bei einem Unternehmen, das für den Wohnungsbau der Bundesrepublik in großem Maßstab steht und weniger für den einzelnen architektonischen Entwurf. Tagebücher oder Briefwechsel sind aus seinem Leben nicht überliefert. Dennoch lässt sich seine Biografie anhand von zwei eigenhändigen Lebensläufen rekonstruieren, die im Besitz der Familie geblieben sind: ein knapper von 1950, mit dem der junge Mann seine Zulassung zum Architekturstudium erbat, und ein ausführlicher, Anfang 1948 zur Reifeprüfung niedergeschrieben.2 Darin erzählt der Zwanzigjährige in einer überraschend dichten, fast literarischen Sprache von seiner Kindheit auf einem abgelegenen Hof, vom Internatsleben in Ihrhove, vom Zweiten Weltkrieg und von dem früh gefassten Wunsch, Architekt zu werden. Erst sie machen die Untersuchung zu Bunderhee und die Zeichnungen als Teil einer Biografie lesbar.

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  1. Vgl. zur Übernahme des Nachlasses durch die Landschaftsbibliothek auch die Presseberichterstattung: Zeichnungen vom Steinhaus aufgetaucht, in: Ostfriesen-Zeitung, 30.07.2026 bzw. die Pressemitteilung der Ostfriesischen Landschaft https://www.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/dateiarchiv/4275/PM%20%C3%9Cbergabe%20Steinhaus-Zeichnungen.pdf [27.08.2026]. []
  2. Vgl. zur Biografie von Gerhard de Boer vor allem Privatarchiv Theda de Boer, eigenhändige Lebensläufe von Gerhard de Boer vom 20.08.1950 und undatiert [Anfang 1948]. Ich danke Theda de Boer für die Überlassung der wichtigen Dokumente und zahlreiche Auskünfte. []

Zwischen Kochtopf und Archiv

Am 21. April 2026 trafen sich Historiker:innen, Archäolog:innen und Sprachwissenschaftler:innen aus Ost- West-, und Nordfriesland zu einem interdisziplinären Workshop im Steinhaus Bunderhee

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Wer im breiten Publikum nach der Küche der Frieslande fragt, erhält in der Regel nur wenige, immer wiederkehrende Antworten: das ostfriesische Teezeremoniell, vielleicht Grünkohl und Pinkel, Mehlpüüt oder Krintstuut. In Reiseportalen, Lifestyle-Magazinen und sozialen Medien werden solche Schlagworte ebenso publikumswirksam wie unhinterfragt als Inbegriff einer „typisch friesischen“ Esskultur präsentiert – meist ohne die historischen Wurzeln, die soziale Differenzierung der Tafel oder den Austausch zwischen Ost-, West- und Nordfriesland in den Blick zu nehmen. Tatsächlich ist die kulinarische Geschichte der Frieslande wissenschaftlich bislang nur in Ansätzen erschlossen, bietet aber gleichwohl faszinierende Einblicke in Esskultur, Trinkgewohnheiten, Gastlichkeit und regionale Identität.

Abb. 1: Drohnenaufnahme des Steinhauses in Bunderhee (2024) (Foto: Ostfriesische Landschaft)

Um diese Forschungslücke aus interdisziplinärer Perspektive zu adressieren, trafen sich am 21. April 2026 – auf Einladung der Ostfriesischen Landschaft, der Auricher Abteilung des Niedersächsischen Landesarchivs, des Nordfriisk Instituut (Bredstedt) und der Fryske Akademy (Leeuwarden) – Expertinnen und Experten zu einem Workshop im Steinhaus Bunderhee, um sich mit der Kulinarik in den Frieslanden zwischen Kochtopf und Archiv zu befassen.

Das Projekt „Steinhausgespräch: Friesische Kulinarik“ wurde durch das Interreg-Programm Deutschland-Nederland sowie seine Programmpartner ermöglicht und von der Europäischen Union kofinanziert. Die Tagung fand im Rahmen des niederländisch-deutschen Historikernetzwerks der Ems Dollart Region (EDR) statt.

Den Auftakt bildete ein Beitrag von Redmer Alma (Stichting Twickel, Delden/Provinz Overijssel) über die adlige Küche in den friesischen Landen des 16. und 17. Jahrhunderts. Alma näherte sich dem weiten Feld exemplarisch anhand zweier Angehöriger des Ommelander Adels an: Johan van Ewsum (um 1508–1570) und Occa Johanna Ripperda (1619–1669). Die Auswahl, so betonte er, sei weniger durch die herausragende Bedeutung der beiden Personen bestimmt als durch die Quellenlage, die für diesen Zeitraum ausgesprochen dürftig ausfällt und deshalb jeden dichter überlieferten Fall besonders kostbar macht.

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Das Steinhaus Bunderhee

Mit einem Vortrag des Archäologen und ehemaligen Landschaftsdirektors Dr. Rolf Bärenfänger startet am 29. September 2025 wieder die Vortragreihe im Landschaftsforum

Abb.: Das Steinhaus Bunderhee (Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft, Foto: Sebastian Schatz)

Die Landschaftsbibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich – laden zur ersten Veranstaltung der neuen Vortragssaison 2025/26 zu einem Vortrag über das Steinhaus Bunderhee ins Landschaftsforum ein.

Mit einem Alter von mehr als 600 Jahren ist das Steinhaus zu Bunderhee wohl das älteste erhaltene profane Gebäude Ostfrieslands. Der massive Backsteinturm steht im Rheiderland, nahe der niederländischen Grenze, in weitgehend unverfälschter Form. Er ist als Kulturdenkmal von überragender Bedeutung für die ostfriesische Geschichte und besitzt überregionale Ausstrahlung. Gleichzeitig belegt er die Kontinuität der hochstehenden bäuerlichen Kultur im Rheiderland vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit.

Der Vortrag des Archäologen und ehemaligen Landschaftsdirektors Dr. Rolf Bärenfänger beschreibt die Baugeschichte des Hauses, den historischen Hintergrund und die besonderen naturräumlichen Bedingungen am Rand des damals überschwemmten Dollartgebietes. Im Weiteren richtet sich der Blick auf die früheren Besitzer des Platzes sowie auf die jüngste Entwicklung hin zu einem Erlebnisort mit modernem Kulturangebot in historischem Ambiente. Zahlreiche historische und aktuelle Abbildungen tragen zur Veranschaulichung bei.

Dr. Rolf Bärenfänger

Dr. Rolf Bärenfänger (Moormerland)

Das Steinhaus Bunderhee

Zeit:                Montag, den 29. September 2025; 19.30 Uhr

Ort:                 Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1–5

Eintritt:           5,00 €

Michael Hermann
(Red.: H.S.)

“Lever dood as Slaav”

Am 27. März 2025 trafen sich Historiker:innen und Sprachwissenschaftler:innen aus Ost-, West- und Nordfriesland zu einem Experten-Workshop im Steinhaus Bunderhee

Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann und Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Abbildung der eigens für das Volksfest der Nordfriesen 1844 konzipierten Fahne mit der Aufschrift “Liewer düd as Slav” (Foto: Nordfriisk Instituut)

Insbesondere im Internet begegnet einem immer häufiger der Satz „Lever dood as Slaav“, der – oftmals in Verbindung mit „Eala Frya Fresena“ – als ein Wahlspruch der Ostfriesen bezeichnet wird. So wurde auch die Ankündigung einer sogenannten „Freiheitsfeier“, mit der an die abgebrochene Belagerung Leerorts während der Sächsischen Fehde 1514 erinnert werden sollte, in einem Facebook-Post mit den Worten „Lever dood as Slaav!“ eingeleitet und darauf verwiesen, durch einen „ultimativen Glücksschuss“ sei damals die ostfriesische Freiheit verteidigt worden.

Immer wieder werden diese publikumswirksamen Schlagworte verwendet, ohne sie historisch zu hinterfragen, so dass sich am 27. März 2025 – auf Einladung der Ostfriesischen Landschaft, des Niedersächsischen Landesarchivs – Abteilung Aurich und der Fryske Akademy (Leeuwarden) – 25 Expertinnen und Experten zu einem Workshop im Steinhaus Bunderhee trafen, um sich mit dem politischen Wahlspruch „Lever dood as Slaav“ aus west-, ost- und nordfriesischer Perspektive zu befassen. Das Projekt „Steinhausgespräch Workshop ‚Lever dood as Slav‘” wurde durch das Interreg-Programm Deutschland-Nederland sowie seinen Programmpartnern ermöglicht und von der Europäischen Union kofinanziert. Die Tagung fand im Rahmen des niederländisch-deutschen Historikernetzwerks der Ems Dollart Region (EDR) statt.

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Kein Häuptling im Steinhaus

Neuerscheinung über das Steinhaus in Bunderhee räumt mit Mythen auf und klärt offene Fragen

Ein Gastbeitrag von Dr. Heiko Laß, Hannover

Abb. 1: Titelbild der Publikation

Das vorliegende 68 Seiten starke Heft stellt die Baugeschichte des Steinhauses Bunderhee vor und verknüpft sie mit den naturräumlichen und historischen Voraussetzungen. Die Geschichte wird bis in die Gegenwart und der Umnutzung des Steinhauses zu einem kulturhistorisch-touristischen Erlebnisort betrachtet. Die Publikation ist reich mit aktuellen und historischen Fotografien und Plänen illustriert, hinzu kommen Grundriss, Aufrisse und Schnitte. Anmerkungen und Literaturliste fehlen nicht. Ein Bastelbogen im Maßstab 1:100 rundet das Heft ab.

Der Autor Rolf Bärenfänger ist Archäologe und ehemaliger Direktor der Ostfriesischen Landschaft. So verwundert es nicht, dass sein Schwerpunkt auf archäologischen Erkenntnissen liegt. Es bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, da über die Frühzeit des Steinhauses kaum Schriftzeugnisse vorliegen – der Erbauer des Hauses bleibt mangels Quellen unbekannt.

Das Besondere am Steinhaus in Bunderhee ist, dass sich seine ursprüngliche Bausubstanz des 14. Jahrhunderts erhalten hat. Der Turm misst im Grundriss 11,40 auf 1,60 Meter und ist heute rund 15 Meter hoch. Sein 1,30 Meter starkes zweischaliges Mauerwerk von Backsteinen im Klosterformat wurde mit Muschelkalk vermörtelt. Es gibt ein Untergeschoss mit eigenem Eingang und zwei Obergeschosse sowie ein Dachgeschoss. Ursprünglich hatte das Gebäude nur Lichtschlitze (eher keine Schießscharten), die erst nach dem Mittelalter teilweise zu Fenstern ausgeweitet wurden. Es steht am Zusammentreffen der drei Landschaftstypen der Region: Moor, Marsch und Geest.

Während die frühe Funktion des Hauses unklar ist, wurde es später zum Wohnsitz und dann in der Frühen Neuzeit ausgebaut, erweitert sowie mit einem Garten umgeben. Allgemein gilt das Steinhaus als „eine der ältesten erhaltenen Burgen Ostfrieslands. Die dreigeschossige mittelalterliche Turmburg in Bunderhee aus dem 14. Jahrhundert war Häuptlingssitz und ist in der Grundsubstanz unverändert erhalten“, so die Wikipedia. Die Gemeinde Bunde klärt auf ihrer Homepage auf: „Im Rheiderland, nahe der niederländischen Grenze, steht die ursprünglichste Häuptlingsburg Ostfrieslands“.

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Grenzüberschreitende kulturhistorische Projekte

Deutsch-niederländische Historiker:innen trafen sich am 23. Mai 2023 zu einem “Steinhausgespräch” in Bunderhee

Abb. 1: Der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, begrüßt die deutschen und niederländischen Veranstaltungsteilnehmer (Foto: Paul Weßels, Ostfriesische Landschaft)

Um dem deutsch-niederländischen Netzwerk-Gedanken nach der Corona-Pandemie wieder neue Impulse zu verleihen und gleichzeitig die Steinhausgespräche im Steinhaus Bunderhee wieder ins Leben zu rufen, organisierten Dr. Paul Weßels und Dr. Michael Hermann auf deutscher Seite sowie Dr. Simon Halinck und Dr. Han Nijdam (beide Fryske Akademy) auf niederländischer Seite am 23. Mai 2023 einen Workshop in Bunderhee. 25 Teilnehmende von diesseits und jenseits der Grenze informierten sich an diesem Vormittag über „Niederländisch-deutsche kulturhistorische Projekte – Erfahrungen, Probleme und Perspektiven“.

In einem ersten Vortrag berichteten Prof. Dr. Raingard Esser und Prof. Dr. Bart Ramakers (Rijksuniversiteit Groningen) über ein deutsch-niederländisches Forschungsprojekt „Niederländer in Ostfriesland – Sprache, Wirtschaft und Kultur seit der Frühen Neuzeit). Bereits 2020 setzte – mit Förderung durch die Ems-Dollart-Region – eine Vorbereitungsphase ein, in der die Zusammenarbeit mit regionalen Bibliotheken und Archiven gesucht wurde, um einen Überblick über Literatur und Quellen zur Alltags- und Sprachgeschichte in transregionaler und interdisziplinärer Perspektive zu erhalten. Trotz der Corona-Pandemie konnten zwei Projektthemen ausgearbeitet werden, die seit 2022 von zwei Studierenden der Rijksuniversität Groningen und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg erforscht werden: Meggy Lennaerts M.A. befasst sich mit „Border Managers and Border Dwellers: Intra-regional migration in the border region Groningen-East Frisia in the long durée, 1594-1914“, während Gijs Altena das Thema „Using Language for Religion and Identity: The use and position of Dutch in East Frisia in the long durée (16th – 19th Century) übernommen hat. Das Forschungsprojekt ist auf vier Jahre ausgelegt. Dabei können die beiden Doktoranden das Stipendienprogramm des „Hardenberg-Fellowship“ der Johannes a Lasco-Bibliothek Emden nutzen und werden zudem von der Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung unterstützt, die neben der Rijksuniversität zwei Forschungsstellen für je zwei Jahre finanziert. Erste Ergebnisse der Forschungen finden sich im aktuellen Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands.

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