Ein Gastbeitrag von Frau Dr. Inge Lüpke-Müller1
Am 1. November 1946 wurde der ehemalige Regierungsbezirk Aurich Teil des von der britischen Besatzungsmacht neugebildeten Bundesstaates Niedersachsen mit der Landeshauptstadt Hannover. Zu diesem Zeitpunkt war die Kreisstadt Aurich Sitz der für Ostfriesland zuständigen britischen Militärregierung. Vier Wochen nach der Gründung Niedersachsens, am 29. November 1946, wurde die Militärregierung für den Regierungsbezirk aufgelöst, die Dienststelle des Regierungspräsidenten wurde von der Militärregierung Oldenburg aus kontrolliert.2
Die Zuordnung zu Hannover war für Ostfriesland nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert war der Regierungsbezirk nach den Napoleonischen Kriegen von Preußen für etwa 50 Jahre an das Königreich Hannover abgetreten worden (1815-1866). Dies geschah damals gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung, fühlte sie sich dadurch doch in ihrer kulturellen und traditionellen Eigenständigkeit eingeschränkt. Die Rückkehr zum preußischen Mutterland 1866 wurde daher begrüßt.3
Ob diese Skepsis der Ostfriesen gegenüber Hannover knapp hundert Jahre später noch bestand, sollte nicht zuletzt die erste Landtagswahl 1947 zeigen. Aber auch die übrigen Wahlgänge – von den Gemeinde- und Kreistagswahlen 1946 bis zur Bundestagswahl 1949 – lassen Rückschlüsse darauf zu, ob in Ostfriesland ein demokratischer Neubeginn möglich war, wobei zunächst die Bedingungen, unter denen der politische Neuanfang zu geschehen hatte, sowie die einzelnen sich zur Wahl stellenden Parteien untersucht werden sollen.
Bedingungen für den politischen Neuanfang
1. Politische Entwicklung in Ostfriesland während der Weimarer Republik
Die Eigenständigkeit Ostfrieslands zeigte sich nicht nur im kulturell-traditionellen Selbstverständnis seiner Einwohner, sondern auch in der politischen Orientierung, wie die Wahlergebnisse der Weimarer Republik nahelegen.

Abb. 1: Politische Entwicklung in Ostfriesland während der Weimarer Republik (Ausschnitte); Ergebnisse nach: Lüpke-Müller, Region 1998, S.155ff. Dort auch weitere Quellenangaben.
