Im neu erschienenen Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands werden facettenreiche Einblicke in vier Jahrhunderte regionaler Geschichte präsentiert. Von der Gelehrtenkorrespondenz des 16. Jahrhunderts bis zur Museumsgeschichte der 1960er Jahre spannt sich ein faszinierender Bogen, der Persönlichkeiten, Orte und Entwicklungen in den Mittelpunkt rückt, die Ostfriesland geprägt haben.
Die fünf Hauptbeiträge führen die Leserschaft durch unterschiedliche Epochen und eröffnen dabei überraschende Perspektiven auf die ostfriesische Geschichte.
Zeitlich passend, da sich das Todesjahr Ubbo Emmius’ in diesem Jahr zum 400. Mal jährt, untersucht Kläre Seemann M.A. in ihrem Beitrag mit dem Titel „Ubbo Emmius (1547–1625) im Spiegel seiner Korrespondenz“ die umfangreiche Briefüberlieferung des bedeutenden Historikers und Groninger Universitätsprofessors, insgesamt 540 überwiegend lateinische Briefe. Dabei interessiert sich Frau Seemann vor allem für das briefliche Netzwerk von Ubbo Emmius, aber auch für die Themen und Inhalte, die in den Briefen zu Tage treten. So kann sie u.a. feststellen, dass es in der Korrespondenz allgemein um gelehrte Praktiken ging (von der Quellenbeschaffung über den Fortgang des Schreibens bis zu Schwierigkeiten bei der Veröffentlichung von Schriften), aber auch um eine intensive Auseinandersetzung mit den politischen und konfessionellen Geschehnissen in Ostfriesland.
Eine historische Tagung widmet sich dem Kriegsende in Ostfriesland und seinen besonderen Phänomenen
Abb.: Kanoniere des 12th Field Regiment der Royal Canadian Artillery mit der Sieges-Ausgabe ihrer Maple Leaf Zeitung in Aurich am 20. Mai 1945 (Library and Archives Canada, ID-Nummer 3210997)
In der historischen Forschung wird die Nachkriegszeit längst nicht mehr als absolute Zäsur oder als „Stunde Null“ betrachtet, sondern als vielschichtige Übergangsphase mit Brüchen und Kontinuitäten. Das Kriegsende 1945 war auch in Ostfriesland kein einheitliches Ereignis, sondern vollzog sich mit eigener Dynamik und regionalen Unterschieden. Die Tagung beleuchtet diese komplexe Zeitspanne zwischen Kriegsgewalt und Nachkriegszeit mit erstaunlichen Kontinuitäten und graduellem Wandel und ermöglicht so auch einen neuen Blick auf die ostfriesische Geschichte.
Das Tagungsprogramm vereint renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die verschiedene Facetten dieser Zeit beleuchten: von den theoretischen Grundlagen regionaler Kriegsenden über konkrete Fallstudien wie die unterschiedlichen Schicksale Emdens und Aurichs bei Kriegsende bis hin zu grenzüberschreitenden Perspektiven. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Situation der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie den deutsch-niederländischen Grenzerfahrungen. Die drei thematischen Panels bieten Raum für einen angeregten Austausch und versprechen damit neue Erkenntnisse zu einem Schlüsselmoment der ostfriesischen Regionalgeschichte.
Die Tagung wird von der Ostfriesischen Landschaft und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich – veranstaltet und findet am 23. Mai 2025 ab 10 Uhr statt. Als Tagungsort dient das Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft (Georgswall 1–5, 26603 Aurich).
Die Teilnahme ist kostenlos, aber eine Anmeldung ist wegen der begrenzten Teilnehmerzahl erforderlich. Bitte melden Sie sich bis spätestens zum 19. Mai 2025 unter Angabe Ihres Namens und Ihrer Kontaktdaten ausschließlich per E-Mail an unter oltmanns@ostfriesischelandschaft.de.
Tagungsprogramm:
Datum: 23. Mai 2025, 10:00 bis 16:00 Uhr
Ort: Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1–5, 26603 Aurich
10:00–10:15 Uhr: Begrüßung: Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger
Panel 1: Historische Rahmenbedingungen (Moderation: Dr. Heiko Suhr)
10:15–11:00 Uhr: Prof. Dr. Michael Jonas (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg): Kriegsende im Kleinen. Die Entflechtung der Gewalt und der Übergang in die Nachkriegszeit in regionalhistorischer Sicht
11:00–11:30 Uhr: Kirsten Hoffmann, M.A. (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich): Phasen der Entnazifizierung in der britischen Besatzungszone und deren Auswirkungen auf Ostfriesland
11:30–11:45 Uhr: Diskussion
11:45–13:00 Uhr: Mittagspause
Panel 2: Ostfriesische Städte und das Kriegsende (Moderation: Dr. Matthias Stenger)
13:00–13:30 Uhr: Dr. Christopher Galler (Historisches Museum Aurich): Zerstörung am letzten Kriegstag verhindert. Die Kapitulation von Aurich
13:30–14:00 Uhr: Aiko Schmidt, M.A. (Ostfriesisches Landesmuseum Emden): Auf Trümmern neuerrichtet. Emdens Zerstörung und Neuaufbau
14:00–14:15 Uhr: Diskussion
14:15–14:30 Uhr: Kaffeepause
Panel 3: Grenzerfahrungen (Moderation: Dr. Michael Hermann)
14:30–15:00 Uhr: Dr. Simone Erpel (Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung Berlin): In der Gefahrenzone. Zwangsarbeitende in Ostfriesland zwischen entgrenzter Gewalt und Befreiung 1945
15:00–15:30 Uhr: Drs. Dirkje Mulder-Boers (Groningen): Annexion und Traktatland nach dem Zweiten Weltkrieg
Am 27. März 2025 trafen sich Historiker:innen und Sprachwissenschaftler:innen aus Ost-, West- und Nordfriesland zu einem Experten-Workshop im Steinhaus Bunderhee
Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann und Dr. Heiko Suhr
Abb. 1: Abbildung der eigens für das Volksfest der Nordfriesen 1844 konzipierten Fahne mit der Aufschrift “Liewer düd as Slav” (Foto: Nordfriisk Instituut)
Insbesondere im Internet begegnet einem immer häufiger der Satz „Lever dood as Slaav“, der – oftmals in Verbindung mit „Eala Frya Fresena“ – als ein Wahlspruch der Ostfriesen bezeichnet wird. So wurde auch die Ankündigung einer sogenannten „Freiheitsfeier“, mit der an die abgebrochene Belagerung Leerorts während der Sächsischen Fehde 1514 erinnert werden sollte, in einem Facebook-Post mit den Worten „Lever dood as Slaav!“ eingeleitet und darauf verwiesen, durch einen „ultimativen Glücksschuss“ sei damals die ostfriesische Freiheit verteidigt worden.
Immer wieder werden diese publikumswirksamen Schlagworte verwendet, ohne sie historisch zu hinterfragen, so dass sich am 27. März 2025 – auf Einladung der Ostfriesischen Landschaft, des Niedersächsischen Landesarchivs – Abteilung Aurich und der Fryske Akademy (Leeuwarden) – 25 Expertinnen und Experten zu einem Workshop im Steinhaus Bunderhee trafen, um sich mit dem politischen Wahlspruch „Lever dood as Slaav“ aus west-, ost- und nordfriesischer Perspektive zu befassen. Das Projekt „Steinhausgespräch Workshop ‚Lever dood as Slav‘” wurde durch das Interreg-Programm Deutschland-Nederland sowie seinen Programmpartnern ermöglicht und von der Europäischen Union kofinanziert. Die Tagung fand im Rahmen des niederländisch-deutschen Historikernetzwerks der Ems Dollart Region (EDR) statt.
Eine wissenschaftliche Tagung befasste sich mit einer Naturkatastrophe von vor 200 Jahren und ihrer Bedeutung für den Küstenschutz in der Gegenwart
Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr
Abb. 1: Ein Blick in das vollbesetzte Sparkassenforum in Leer (Foto: Sebastian Schatz, Ostfriesische Landschaft)
Die Ostfriesische Landschaft und die ostfriesischen Deichachten organisierten gemeinsam sowie mit Unterstützung der Ostfriesischen Landschaftlichen Brandkasse und der Sparkasse LeerWittmund die Tagung „Die Sturmflut 1825 –Eine Naturkatastrophe vor 200 Jahren und ihre Bedeutung für den Küstenschutz in Ostfriesland in der Gegenwart“, die am 5. Februar 2025 im Sparkassenforum in Leer stattfand. Rund 250 Gäste nahmen an der Tagung teil, die historische Analysen der verheerenden Sturmflut mit aktuellen Erkenntnissen über die Auswirkungen des Klimawandels auf Häufigkeit und Intensität von Sturmfluten verband. Während im ersten Panel die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen des historischen Ereignisses beleuchtet wurden, widmete sich das zweite Panel den gegenwärtigen Herausforderungen des Küstenschutzes angesichts steigender Meeresspiegel und zunehmender Extremwetterereignisse.
Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Grußworte des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse LeerWittmund, Ingo Fortkamp, des Landschaftspräsidenten Rico Mecklenburg und des Präsidenten des Wasserverbandstages Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Heiko Albers.
Abb. 2: Dr. Heiko Suhr warf Schlaglichter auf die Sturmflut von 1825 in Ostfriesland (Foto: Sebastian Schatz, Ostfriesische Landschaft)
Im ersten Panel, moderiert von Dr. Matthias Stenger, ging es zunächst um einen Blick auf die historische Perspektive. Dr. Heiko Suhr, Leiter der Landschaftsbibliothek in Aurich, sprach über die Sturmflut von 1825 in Ostfriesland, welche die „höchste, welche jemahls, so weit die Geschichte reicht, die Küsten der Nordsee heimgesucht“ war. Nach einer kurzen Übersicht über Vorbedingungen und Verlauf der Naturkatastrophe kam der Referent zum konkreten Schadensbild. Anhand der akribisch geführten Akten der Landdrostei Aurich sei klar, dass elf Menschen ihr Leben verloren haben, 54 Gebäude vollständig zerstört wurden und über 3.500 Nutztiere verendeten. Fast einhundert Kilometer Deichlinie sei mehr oder minder schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Vortrag widmete sich dann den lokalen und staatlichen Hilfsmaßnahmen, wobei besonders die Unterstützung Ludwig Freiherr von Vinckes (1774–1844) in den Blick genommen wurde. Vincke amtierte 1825 als Oberpräsident der preußischen Provinz Westfalen in Münster, war aber nach seiner Zeit als Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich (1803/1804) Ostfriesland sehr verbunden. Heiko Suhr ließ außerdem mit dem lutherischen Superintendenten Johann Ernst Müller und dem Emder Landrabbiner Abraham Levy Löwenstamm zwei Zeitzeugen der Ereignisse zu Wort kommen. Als Fallbeispiel für die Zerstörungskraft des Meeres und den ebenso unbeugsamen Willen der Ostfriesen zum Wiederaufbau stellte der Vortragende abschließend den Schwerinsgroden oberhalb von Neuharlingersiel vor, der 1802 eingedeicht, 1825 schwer zerstört und zwischen 1832 und 1988 in mehreren Etappen schließlich erneut eingedeicht worden ist.
Eine Naturkatastrophe vor 200 Jahren und ihre Bedeutung für den Küstenschutz in Ostfriesland in der Gegenwart. Gemeinschaftliche Veranstaltung der ostfriesischen Deichverbände und der Ostfriesischen Landschaft
Abb. 1: Aquarell von Hinrich Adolph von Lengen, Deichbruch in der Westermarsch beim Dorf Itzendorf im Jahr 1825 (Ostfriesisches Teemuseum Norden, HVN-01820).
Die Sturmflut von 1825 markiert ein einschneidendes Ereignis für die norddeutsche Küstenregion. In der Nacht vom 3. auf den 4. Februar verursachte sie massive Schäden entlang der deutschen, dänischen und niederländischen Nordseeküste, wobei Ostfriesland besonders schwer getroffen wurde. Historische Aufzeichnungen belegen, dass die Pegelstände in nahezu allen ostfriesischen Ortschaften dramatisch anstiegen und die bis dahin gemessenen Höchstwerte deutlich übertrafen.
Die Auswirkungen dieser Naturkatastrophe waren verheerend: Zahlreiche Deiche brachen, ganze Ortschaften wurden überflutet, und tausende Menschen verloren ihr Zuhause. Auch die Landwirtschaft erlitt durch die Überflutung der Ackerflächen schwere Schäden, was zu gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die gesamte Region führte.
Diese Katastrophe löste ein grundlegendes Umdenken im Küstenschutz aus. Die Erkenntnis, dass die bestehenden Schutzmaßnahmen unzureichend waren, führte zu weitreichenden Verbesserungen der Deichinfrastruktur. Das Jahr 1825 wurde damit zum Wendepunkt in der Küstenschutzplanung – mit nachhaltigen Auswirkungen auf Deichbau und Landnutzung im gesamten Nordseeraum.
Bis heute bleibt die Sturmflut von 1825 eine Mahnung an die Naturgewalten und die besondere Verletzlichkeit der Küstenregionen. Als bedeutendes Kapitel der regionalen Geschichte regt sie auch gegenwärtig zur Diskussion über den Umgang mit extremen Natur- und Wetterereignissen an.
Der Eingang zum Veranstaltungsort erfolgt über die Bürgermeister-Ehrlenholtz-Straße 14. Parkmöglichkeiten befinden sich fußläufig und barrierefrei in der Innenstadt, z.B. das Parkhaus Leffers-City (kostenpflichtig).
Bitte melden Sie sich bis spätestens zum 22. Januar 2025 unter Angabe Ihres Namens und Ihrer Kontaktdaten ausschließlich per E-Mail an unter oltmanns@ostfriesischelandschaft.de.
Eine Facharbeit zur Reichspogromnacht in Leer und Aurich wurde mit dem diesjährigen Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte ausgezeichnet
Abb. 1: Verleihung des Schülerpreises im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft (v.l. Dr. Michael Hermann, Leiter des Niedersächsischen Landesarchivs – Abteilung Aurich, Landschaftspräsident Rico Mecklenburg, Schülerpreisgewinnerin Johanna Henrieke Brahms und Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger) (Foto: Sebastian Schatz, Ostfriesische Landschaft).
In einer feierlichen Veranstaltung wurde am 9. Dezember 2024 im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft in Aurich Johanna Henrieke Brahms, Schülerin des Ubbo Emmius Gymnasiums in Leer, der Schülerpreis für ostfriesische Kultur und Geschichte verliehen. Die mit 500 Euro dotierte Auszeichnung wird alljährlich von der Ostfriesischen Landschaft in Verbindung mit dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich ausgelobt. Seit Bestehen des Wettbewerbs 2009 wurden bislang über zweihundert Fach- und Seminararbeiten eingereicht, wobei in diesem Jahr die Konkurrenz außergewöhnlich groß gewesen ist. Denn mit 19 Bewerbungen standen fast doppelt so viele Arbeiten zur Begutachtung an als im Vorjahr.
Untersuchungsgegenstand der prämierten Seminararbeit war „Der 09. November 1938 in Ostfriesland – Ein Vergleich der Ereignisse in der Reichspogromnacht und mit deren Umgang in den Städten Leer und Aurich“. Dabei analysierte die Schülerin, inwieweit sich beim Täterkreis, dem zeitlichen Verlauf, dem individuellen Umgang mit Jüdinnen und Juden sowie dem Verhalten der Bevölkerung in den beiden ostfriesischen Städten Ähnlichkeiten oder Unterschiede ergaben – ein methodisch anspruchsvoller Ansatz, der – wie Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger in seiner Laudatio betonte – „stringent und ausgewogen verfolgt“ wurde. Insbesondere die Vorschläge der Preisträgerin, sich für eine lebendige Erinnerungskultur einzusetzen – etwa durch die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge in Leer, um gerade junge Menschen für den erneut aufkommenden Antisemitismus zu sensibilisieren – wurden gewürdigt: „Hiermit beweist die Verfasserin neben der sicher beherrschten historisch-analytischen Methodik auch Empathie und gefestigte Moralvorstellungen“, erklärte Stenger.
Ein Nachruf von Dr. Paul Weßels und Dr. Michael Hermann
Abb. 1: Dr. Hajo van Lengen, 2024 (Quelle: Ostfriesische Landschaft, Foto: Sebastian Schatz)
Hajo van Lengen verstarb überraschend am 4. November 2024 in Aurich. Er war über Jahrzehnte hinweg das bestimmende Gesicht der Ostfriesischen Landschaft und gemeinsam mit seinem vor zwei Jahren verstorbenen Freund Heinrich Schmidt1 hat er auch seit den 1970er Jahren die Geschichtslandschaft im deutschen Nordwesten geprägt und vorangebracht.
Hajo van Lengen wurde am 25. April 1940 in Jever als Sohn des technischen Zeichners Heinrich van Lengen geboren. Er wuchs in Wilhelmshaven auf und ging dort auch zur Schule. Viel Zeit verbrachte er aber bei seinen Großeltern in Aurich. Er fühlte sich immer so sehr als echter Ostfriese, dass er eine Ehrung mit dem Indigenat, der „ostfriesischen Ehrenbürgerwürde“ für nicht in Ostfriesland geborene, durchweg ablehnte. Er hätte eine solche Verleihung sogar als persönliche Herabsetzung empfunden.
Nach dem Abitur in Wilhelmshaven nahm Hajo van Lengen 1960 in Göttingen das Studium der Geschichte, Literatur, Philosophie und Pädagogik auf. Anfänglich galt seine Leidenschaft vor allem der Literatur, und erst im Laufe des Studiums gewann seine Begeisterung für die mittelalterliche Geschichte die Oberhand. Bereits im vierten Semester empfahl er sich seinem späteren Arbeitgeber, der Ostfriesischen Landschaft, durch einen Aufsatz „zur Geschichte des Namens ‚Ostfriesland’ im Mittelalter“. Ungewöhnlich genug für einen jungen Studenten im vierten Semester wurde dieser Aufsatz 1962 im Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands veröffentlicht. Die redaktionelle Betreuung dieses Artikels übernahm der junge Assessor im Auricher Staatsarchiv Heinrich Schmidt. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich die jahrzehntelange enge Freundschaft der beiden herausragendsten Mittelalterhistoriker im Nordwesten.
Hajo van Lengen beschäftigte sich mittlerweile in Göttingen schon im Hinblick auf seine Dissertation zur Geschichte des Emsigerlandes insbesondere mit den historischen Entwicklungen der Häuptlingszeit in Ostfriesland zwischen dem frühen 13. und dem späten 15. Jahrhundert. Als Schüler von Georg Schnath wurde er 1969 zum Doktor der Philologie promoviert. Die in zwei Bänden 1973 und 1976 (Kartenteil) erschienene Dissertation wurde sofort zu einem neuen regionalgeschichtlichen Standardwerk und wirkte sich bahnbrechend auf die weitere kritische historische und archäologische Erforschung des ostfriesischen Mittelalters aus. Mit ihm setzte er eine Zäsur zur bis dahin stark von der Heimatgeschichte geprägten ostfriesischen Geschichtsschreibung des Mittelalters. Als junger moderner Historiker gelang es ihm, seine Begeisterung für die Besonderheiten der ostfriesischen Geschichte zu vermitteln, diese zugleich aber auch mit kritischer Distanz als Struktur- und Entwicklungsgeschichte darzustellen. Erst durch das Engagement Hajo van Lengens wurden Burgengeschichte, Steinhäuser und Häuptlingsgeschichte zu echten Erinnerungsorten in Ostfriesland. Der Vortragssaal der Ostfriesischen Landschaft in Aurich war mit Hajo van Lengen als Vortragendem immer bis auf den letzten Platz besetzt und Tagungen mit ihm als Referenten stets ausgebucht.
Vgl. Antje Sander / Hajo van Lengen, Der große Geschichtsschreiber – Zum Tode von Prof. Dr. Heinrich Schmidt (9. August 1928 – 27. Juni 2022), in: Blog für ost-friesische Geschichte, 20. Juli 2022, https://ostfrhist.hypotheses.org/1522 [25.11.2024]. [↩]
Ein Gastbeitrag von Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Münster1
Abb. 1: Ludwig Freiherr Vincke (23.12.1774-02.12.1844), preußischer Verwaltungsbeamter, erster Oberpräsident der preußischen Provinz Westfalen von 1816 bis zu seinem Tod (Ölgemälde von Friedrich Boser, 1840)
Vincke und seine Tagebücher
Zwischen 1980 und 2022 gaben der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Münster (e. V.), das Landesarchiv NRW und die Historische Kommission für Westfalen insgesamt elf Bände mit Tagebucheinträgen heraus – elf Bände mit Aufzeichnungen eines einzelnen Mannes, der über 55 Jahre seines Lebens, von 15 bis zu seinem Tod mit knapp siebzig Jahren, Tagebuch schrieb. Insgesamt haben sich 24 Tagebücher im Original erhalten, die fast 7.000 Druckseiten umfassen. Darin enthalten sind auch Vinckes Eintragungen über seine Zeit als Präsident der Ostfriesischen Kriegs- und Domänenkammer 1803/04 in Aurich.2
Tagebuchschreiben gehörte für die Gesellschaft der Schreib- und Lesekundigen zwischen 1750 und 1850 zum Alltag. Viele gebildete Menschen taten das. Vincke schrieb meistens abends als Tageszusammenfassung. Er beschreibt, welche Briefe eingegangen sind, welche Akten er bearbeitete, wo er dienstlich und privat zu Besuch war (wobei sich sehr häufig beides mischte), was er besichtigte, welchen Eindruck das Erlebte bei ihm hinterließ und manchmal auch, welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären.
Warum sollten derartige Eintragungen gedruckt in einer Publikation erscheinen? Erstens, weil der langjährige erste Oberpräsident von Westfalen für Westfalen, Ostfriesland und für Preußen bedeutsam war. So war er ein ausgesprochener Netzwerker, wie man heute sagen würden, er kannte unendlich viele Leute und pflegte Kontakte zum Teil über Jahrzehnte. So traf er in Aurich und an anderen Orten in Ostfriesland Honoratioren und Industrielle, Kommunalpolitiker und einfache Leute. „Überarbeitslüstern“, wie er von einem Zeitgenossen charakterisiert worden ist, unterstützte Ludwig Freiherr Vincke aktiv und persönlich alle Maßnahmen, die das Leben einfacher machten und die dem Ausbau der Infrastruktur dienten, wie den Chausseebau oder die Schiffbarmachung von Lippe und Ruhr, aber auch die Verbesserung der ostfriesischen Infrastruktur, darunter ganz besonders der Häfen Greetsiel und Emden sowie dem Ausbau des Kanals von Aurich nach Carolinensiel. Er wandte sich auch den sozialen Problemen seiner Zeit zu und machte sich u. a. den Bau und die Einrichtung eines Landarmen- und Arbeitshauses und einer Blindenschule zu eigen. Ebenso bewahrte er Ostfriesland als Zivilgouverneur vor der in Berlin geforderten Kriegssteuer.
Der Blogbeitrag geht auf eine Veranstaltung zurück, die am 19. September 2024 im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft in Aurich vom Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Münster, vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, von der Historischen Kommission für Westfalen, von der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs und von der Ostfriesischen Landschaft veranstaltet worden war. Während die Vincke-Zitate von dem Schauspieler Markus von Hagen rezitiert wurden, übernahm Dr. Mechthild Black-Veldtrup die historische Einordnung der ausgewählten Tagebuchpassagen. [↩]
Erstmals veröffentlicht von Wolfgang Knackstedt und Wolfgang Henninger, Die Auricher Tagebucheinträge des preußischen Kammerpräsidenten Ludwig Freiherr Vincke (1774-1844) aus den Jahren 1803 bis 1804, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 77, 1997, S. 103-170 (Teil 1) und Bd. 78, 1998, S. 98-187 (Teil 2). [↩]
Die neueste Ausgabe des Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands ist erschienen
Von 1568 bis in die 1970er Jahre – also über einen Zeitraum von gut vierhundert Jahren – spannt sich in diesem Jahr das thematische Spektrum des Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands, das traditionell von der Ostfriesischen Landschaft, der Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden, der Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden sowie dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich herausgegeben wird. In diesem Jahr übernahmen der ehemalige Leiter der Landschaftsbibliothek, Dr. Paul Weßels, dessen Nachfolger Dr. Heiko Suhr und Dr. Michael Hermann – unterstützt durch Frau Ines Verena Arnold – die Redaktionsarbeiten.
Abb. 1: Umschlagbild des diesjährigen Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands 2024
In der Regel stehen die wissenschaftlichen Beiträge im Emder Jahrbuch thematisch unabhängig nebeneinander, doch in diesem Jahr bilden zumindest die ersten drei Beiträge einen gemeinsamen inhaltlichen Schwerpunkt. Sie alle befassen sich mit der Schlacht von Jemgum im Jahr 1568, die – zusammen mit der Schlacht von Heiligerlee – den Beginn des niederländischen Freiheitskampfes bzw. den Achtzigjährigen Krieg markiert. Die Beiträge gehen auf wissenschaftliche Vorträge zurück, die auf einer Tagung am 24. September 2016 im Jemgumer Rathaus gehalten worden waren, und nun endlich auch publiziert vorliegen.
So übernimmt es Dr. Bernd Kappelhoff, bis 2014 Präsident des Niedersächsischen Landesarchivs, in das damalige Zeitgeschehen einzuführen. Unter dem Titel „Emden, die ostfriesische Landesherrschaft und die Schlacht von Jemgum 1568“ arbeitet er drei Entwicklungsstränge heraus, denen sich die Grafschaft Ostfriesland gegenüber sah: die Reformation, das außerordentliche Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums Emdens sowie die notwendig gewordene Transformation der dynastisch geprägten Landesherrschaft in einen frühmodernen Staat. Die Schlacht von Jemgum wirkte dabei – so der Autor – wie ein Katalysator, durch den das Konfliktpotential dieser Problemkomplexe deutlich sichtbar wurde.
Aus westfriesischer bzw. Groninger Sicht betrachtet der niederländische Historiker Dr. Oebele Vries die Schlachten von Heiligerlee und Jemgum. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die ostfriesische Historiographie bislang nur unzureichend erkannte, in welcher großen Gefahr sich die Grafschaft Ostfriesland 1568 befand. Denn Philipp II., König von Spanien und Herr der Niederlande, hatte seinem Feldherrn, dem Herzog von Alba, weitgehend freie Hand gelassen, die zu einem Sammelplatz von Ketzern gewordene Stadt Emden anzugreifen und dem ostfriesischen Grafen abzunehmen.
Abb. 1: Jann Berghaus im Alter von 77 Jahren (1947/48) (Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Ein unscheinbares und zudem erst 1967 publiziertes Werk als „Buch des Monats“ zu würdigen, mag bei all den Kostbarkeiten aus der Frühzeit des Buchdrucks, die in der Landschaftsbibliothek verwahrt werden, verwundern. Auf dem Buchumschlag sieht man einen älteren Herrn in pastoral-predigender Haltung, der von dem Buchtitel „Jann Berghaus erzählt“ schon fast kontrastiert wird. Aus dem Titel ergibt sich dann auch schon der Gegenstand und die Art des Buches. Es handelt sich um die Lebenserinnerungen des Volksschullehrers, Auricher Regierungspräsidenten und ersten Nachkriegspräsidenten der Ostfriesischen Landschaft Jann Berghaus. Am 18. Februar 2024 jährte sich sein Todestag zum siebzigsten Mal, sodass Berghaus’ anhand seiner Lebenserinnerungen biografisch gedacht werden soll.1 Diese sind 1967 von seiner Tochter Siever Johanna Meyer-Abich (1895–1981) herausgegeben worden und basieren auf Jann Berghaus’ eigenen hand- und maschinenschriftlichen Aufzeichnungen.2
Abb. 2: Umschlag der Lebenserinnerungen von Jann Berghaus (Landschaftsbibliothek)
Jann Janssen Berghaus kam am 19. August 1870 in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Schirum zur Welt. Sein Vater war ursprünglich Landwirt in Hesel, zog dann aber berufsbedingt nach Schirum um, wo er Arbeit in der dortigen Mühle fand. Zu einem eigenen Hausstand reichte das schmale Einkommen aber nicht, sodass er mit dem Bruder seiner Ehefrau und dessen Familie in einem Haus wohnte. Dem Leben in wirtschaftlicher Not überdrüssig, entschieden sich Jann Berghaus’ Eltern für eine Auswanderung nach Amerika, wo drei seiner Tanten bereits lebten. Schon während der Überfahrt bekam die Mutter allerdings so starkes Heimweh, dass sie gemeinsam mit dem kleinen Jann wieder nach Schirum zurückkehrte und bei ihren Eltern Unterschlupf fand. Die Ehe wurde daraufhin geschieden. Seine alleinerziehende Mutter musste nun für sich und ihren Sohn den Lebensunterhalt verdienen, sodass Jann Berghaus überwiegend bei seiner früh verwitweten Großmutter aufwuchs. In diesem weiblichen Haushalt – was den jungen Berghaus durchaus geprägt hat, seine Mutter und Großmutter heirateten beide erst einige Jahre später erneut – wuchs er behütet und vor allem stark religiös geprägt auf. Soziales Verantwortungsempfinden und eine stark religiös verwurzelte Geisteshaltung sollten Berghaus sein Leben lang prägen.
Vgl. zu Berghaus’ Biografie vor allem und auch mit einem Blick auf die knappe Literatur Stefan Pötzsch, [Art.] Jann Janssen Berghaus, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. 1, Aurich 1993, S. 50–53. Eine umfassende Biografie steht noch aus. [↩]
Im Familiennachlass Berghaus liegen vier Bände mit zusammen 470 Seiten vor, die eng handgeschrieben und im zweiten Teil der vierten Kladde maschinengeschrieben sind; vgl. Auskunft [Mail], Jann Berghaus [Urenkel], 01.04.2024. [↩]