Digital resources in the Social Sciences and Humanities OpenEdition Our platforms OpenEdition Books OpenEdition Journals Hypotheses Calenda Libraries OpenEdition Freemium Follow us

Ein friesisches Nationalepos? Marten Hamckema schildert in seiner “Frisia” friesische Geschichte und Legende in Versen

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Zur Identitätsstiftung einer Volksgruppe gehört neben Sprache und Kultur auch eine eigene Geschichtsüberlieferung, die sich häufig an Helden und Herrschergestalten festmacht. In Antike und Mittelalter gab es für viele Völker dabei eine Ursprungslegende und einen Herrscherstammbaum von einem mythischen Ahnen her. So führten die Römer ihr Gemeinwesen auf den Stadtgründer Romulus und die Briten auf einen ersten König Brutus zurück.

In der frühen Neuzeit inspirierten diese Legenden verschiedene Dichter zu nationalen Epen nach dem Vorbild der lateinischen Aeneis. In diesem Werk der klassischen Antike beschreibt der römische Dichter Vergil das Leben des trojanischen Helden in hexametrischen Versen nach dem Modell der Ilias und der Odyssee Homers.1 So schuf Luís de Camões die „Lusiaden“ (Os Lusíadas, erschienen 1572) und wurde damit zum Nationaldichter Portugals. Ausgehend vom legendären Lusus, dem Gefährten des Weingottes Bacchus, schildert er darin eine verklärte Geschichte Portugals.2 Noch im gleichen Jahr veröffentlichte der französische Dichter Pierre de Ronsard die ersten vier seiner wie Homers Werke auf vierundzwanzig Gesänge angelegten „Franciade“, die beginnend mit Francus, dem angeblichen Sohn Hektors von Troja, die gesamte Geschichte Frankreichs darstellen sollte. Dieses Werk blieb allerdings unvollendet.3

Einen solchen „Stammvater“ sollen auch die Friesen in Friso gehabt haben, einem Sohn eines Königs vom Ganges in Indien, der nach der Ermordung seines Vaters zusammen mit seinen Brüdern seine Heimat verlassen musste. Nachdem sie anfangs im Heer Alexander des Großen gedient hatten, zogen die drei Brüder mit ihrer Gefolgschaft nach dessen Tod angeblich nach Nordwesteuropa. Friso soll am Ufer des heutigen IJsselmeers die Stadt Stavoren gegründet haben, benannt angeblich nach dem Gott Stavo.4 Nach der Legende zog der eine Bruder, Saxo, weiter an die Elbe, wo das Siedlungsgebiet nach ihm Sachsen benannt wurde, während der andere, Bruno, an die Weser ging und Braunschweig gegründet haben soll.5

Abb. 1: Friso, Gründer Frieslands, „Ur-Anführer“ und erster Fürst, mit Schwert und Ruder sowie der eisernen Krone und dem heiligen roten Banner der legendären Überlieferung; im Hintergrund Stavoren mit dem Tempel des mit Jupiter gleichgesetzten Stavo, rechts ein Baumstumpf als Symbol für den legendären Kreilerwald, der in der Zuiderzee versunken sein soll. Kupferstich von Pieter Feddes von Harlingen, in: Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Amsterdam 1623, Bl. 6v (Landschaftsbibliothek Aurich, x 1065 (3.Ex.))
„Ein friesisches Nationalepos? Marten Hamckema schildert in seiner “Frisia” friesische Geschichte und Legende in Versen“ weiterlesen
  1. Vgl. Gero von Wilpert (Hrsg.), Lexikon der Weltliteratur, München 1997, Bd. 3, S. 19. [↩]
  2. Vgl. Wilpert, Bd. 4, S. 829–830. [↩]
  3. Vgl. Wilpert, Bd. 3, S. 392. [↩]
  4. Bei Stavo soll es sich um die friesische Entsprechung des germanischen Donnergottes Thor bzw. Donar handeln. Andererseits wird diese Gottheit mit Jupiter gleichgesetzt. Einer der Beinamen dieses höchsten römischen Gottes war „Stator“ („der (die Feinde) zum Stehen bringt“). Möglicherweise handelt es sich bei Stavo aber um einen in späterer Zeit erdichteten Namen. Zu Stavo vgl. Martinus Hamconius, Verthoninghe der coninghen, bisschoppen, princen, potestaten, heeren ende graven van Vrieslant, Workum 1844, S. 18. [↩]
  5. Für die gesamte Sage vgl. Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Franeker 1620, Bl. 7 sowie Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843, S. 3–6 (Sagen Nr. 1 und 2). [↩]