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Der Pionier der Erforschung ostfriesischer Laubmoose – Oberlehrer Christian Eberhard Eiben (1813-1895) und sein Herbarium

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Laubmoose gehören nicht gerade zum Sammlungsgebiet einer geisteswissenschaftlich ausgerichteten Bibliothek. Und dennoch hat sich eine Sammlung von fünfzig ostfriesischen Laubmoosen in der Landschaftsbibliothek erhalten. Die Landschaftsbibliothek übernahm sie aus dem Nachlass des Pädagogen, Volkskundlers und Botanikers Friedrich Sundermann (1843–1924),1 der den Wert der Sammlung schon früh erkannt und entsprechend auf dem blauen Schutzumschlag neben den Angaben zum Verfasser und zum Titel auch „vorsichtig zu öffnen und zu behandeln“ vermerkte.

Abb. 1: Titelblatt des Herbariums „Ostfrieslands Laubmoose“ (1866) (Landschaftsbibliothek Aurich, Rara x 85623)

Dieses Herbarium legte der Verfasser C. E. Eiben bis 1866 an und gab es im selben Jahr noch im Selbstverlag – in Kommission bei N. J. Frerichs in Aurich – heraus.2 Gedruckt wurde sein Buch bei A. H. F. Dunkmann in Aurich. Die Sammlung enthält Moose, die Eiben überwiegend in und um Aurich sowie auf Norderney fand, aber auch aus seinem Geburtsort Burhafe sind Moose vorhanden. Das Buch ist dem Standard entsprechend aufgebaut: neben dem eingeklebten Moos finden sich ein Hinweis auf den Namen der Art (lateinisch und deutsch), die Verbreitungshäufigkeit und Eibens Fundorte.

Als Beispiel sei das Sparrige Torfmoos (Sphagnum squarrosum) genannt, das laut Eiben selten sei und das er im Sandhorster Forst und auch zwischen Upstede und Abens bei Wittmund gefunden habe. Diese Art gilt aktuell nicht als gefährdet und wächst in dichten Torfwäldern, in grasbewachsenen Mooren und manchmal auch in Überflutungsgebieten wie Uferzonen.3 Auch das Polster-Kissenmoos (Grimmia pulvinata) sei aufgeführt, das Eiben auf mehreren Hausdächern in Ostfriesland gefunden hat. Dieser Art kam die Ehre zu, 2007 zum deutschen Moos des Jahres ausgezeichnet zu werden, auch weil es zu den gegen Trockenheit resistentesten Moosarten in Mitteleuropa gehört.4 Am Ende des Buches folgt ein von Eiben handschriftlich angelegtes Inhaltsverzeichnis. Die quer durch Ostfriesland verstreuten Funde, die sorgfältige Aufbereitung und Trocknung für die Sammlung und auch die Klassifikation sprechen für eine Arbeit, die Eiben mehrere Jahre beschäftigt hat.

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  1. Paul Weßels, Art. Friedrich Wilhelm Hermann Sundermann, online: https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/3/dateiarchiv/2753/Sundermann-Friedrich.pdf [28.11.2024]. [↩]
  2. Nicolas Johann Frerichs (?–1870) eröffnete 1857 eine Buch-, Kunst- und Musikalienhandlung in Aurich; vgl. https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1283315041 [28.11.2024]; https://portal.dnb.de/bookviewer/view/128331505X [28.11.2024]. [↩]
  3. https://www.upmforestlife.com/de/arten/sparriges-torfmoos [28.11.2024]. [↩]
  4. https://sns.uba.de/chronik/en/concepts/t130998_11b71bf7ec9_343f.html [28.11.2024]. [↩]

Dr. Hajo van Lengen (1940-2024) – Ein Glücksfall für Ostfriesland

Ein Nachruf von Dr. Paul Weßels und Dr. Michael Hermann

Abb. 1: Dr. Hajo van Lengen, 2024 (Quelle: Ostfriesische Landschaft, Foto: Sebastian Schatz)

Hajo van Lengen verstarb überraschend am 4. November 2024 in Aurich. Er war über Jahrzehnte hinweg das bestimmende Gesicht der Ostfriesischen Landschaft und gemeinsam mit seinem vor zwei Jahren verstorbenen Freund Heinrich Schmidt1 hat er auch seit den 1970er Jahren die Geschichtslandschaft im deutschen Nordwesten geprägt und vorangebracht.

Hajo van Lengen wurde am 25. April 1940 in Jever als Sohn des technischen Zeichners Heinrich van Lengen geboren. Er wuchs in Wilhelmshaven auf und ging dort auch zur Schule. Viel Zeit verbrachte er aber bei seinen Großeltern in Aurich. Er fühlte sich immer so sehr als echter Ostfriese, dass er eine Ehrung mit dem Indigenat, der „ostfriesischen Ehrenbürgerwürde“ für nicht in Ostfriesland geborene, durchweg ablehnte. Er hätte eine solche Verleihung sogar als persönliche Herabsetzung empfunden.

Nach dem Abitur in Wilhelmshaven nahm Hajo van Lengen 1960 in Göttingen das Studium der Geschichte, Literatur, Philosophie und Pädagogik auf. Anfänglich galt seine Leidenschaft vor allem der Literatur, und erst im Laufe des Studiums gewann seine Begeisterung für die mittelalterliche Geschichte die Oberhand. Bereits im vierten Semester empfahl er sich seinem späteren Arbeitgeber, der Ostfriesischen Landschaft, durch einen Aufsatz „zur Geschichte des Namens ‚Ostfriesland’ im Mittelalter“. Ungewöhnlich genug für einen jungen Studenten im vierten Semester wurde dieser Aufsatz 1962 im Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands veröffentlicht. Die redaktionelle Betreuung dieses Artikels übernahm der junge Assessor im Auricher Staatsarchiv Heinrich Schmidt. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich die jahrzehntelange enge Freundschaft der beiden herausragendsten Mittelalterhistoriker im Nordwesten.

Hajo van Lengen beschäftigte sich mittlerweile in Göttingen schon im Hinblick auf seine Dissertation zur Geschichte des Emsigerlandes insbesondere mit den historischen Entwicklungen der Häuptlingszeit in Ostfriesland zwischen dem frühen 13. und dem späten 15. Jahrhundert. Als Schüler von Georg Schnath wurde er 1969 zum Doktor der Philologie promoviert. Die in zwei Bänden 1973 und 1976 (Kartenteil) erschienene Dissertation wurde sofort zu einem neuen regionalgeschichtlichen Standardwerk und wirkte sich bahnbrechend auf die weitere kritische historische und archäologische Erforschung des ostfriesischen Mittelalters aus. Mit ihm setzte er eine Zäsur zur bis dahin stark von der Heimatgeschichte geprägten ostfriesischen Geschichtsschreibung des Mittelalters. Als junger moderner Historiker gelang es ihm, seine Begeisterung für die Besonderheiten der ostfriesischen Geschichte zu vermitteln, diese zugleich aber auch mit kritischer Distanz als Struktur- und Entwicklungsgeschichte darzustellen. Erst durch das Engagement Hajo van Lengens wurden Burgengeschichte, Steinhäuser und Häuptlingsgeschichte zu echten Erinnerungsorten in Ostfriesland. Der Vortragssaal der Ostfriesischen Landschaft in Aurich war mit Hajo van Lengen als Vortragendem immer bis auf den letzten Platz besetzt und Tagungen mit ihm als Referenten stets ausgebucht.

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  1. Vgl. Antje Sander / Hajo van Lengen, Der große Geschichtsschreiber – Zum Tode von Prof. Dr. Heinrich Schmidt (9. August 1928 – 27. Juni 2022), in: Blog für ost-friesische Geschichte, 20. Juli 2022, https://ostfrhist.hypotheses.org/1522 [25.11.2024]. [↩]

Von guten und schlechten Jägern. Ein vergnüglich geschriebenes Büchlein von 1869 schlägt auch kritische Töne an

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Titelblatt des “Ostfriesischen Jagdbuches” (Landschaftsbibliothek Aurich, x 83855)

Trotz der falschen Zuschreibung bei Plinius dem Älteren, dass in Ostfriesland kaum gejagt werde, gehört die Jagd nicht nur zu den beliebten Aktivitäten in Ostfriesland, sondern auch zu einem vielschichtigen Sujet des ostfriesischen Schrifttums.1 In diese Reihe gehört auch ein kleines Büchlein mit nur 51 Seiten, das 1869 im Verlag von Diedrich Soltau in Norden erschienen und dort auch gedruckt worden ist.2 Das „ostfriesische Jagdbuch“ ist relativ schmucklos und enthält keinerlei Illustrationen. Erst 2024 wurde das Exemplar der Landschaftsbibliothek auf dem deutschen Antiquariatsmarkt erworben. Erwähnenswert ist, dass hier auch der eher selten erhaltene Interimseinband noch vorhanden ist.3 Weitere Exemplare in Deutschland scheint es ansonsten nur noch in der Bibliothek des Heimatvereins Norderland im Ostfriesischen Teemuseum in Norden, in der Dienstbibliothek des Niedersächsischen Landesarchivs – Abteilung Aurich sowie in der Staatsbibliothek zu Berlin und der Bayerischen Staatsbibliothek zu geben.4

Angaben zum Urheber ließen sich nicht ermitteln. Schon auf der Titelseite ist „von einem unbekannten Verfasser“ die Rede. Im Text gibt es wenige Hinweise, die darauf hindeuten, dass der Autor ein Ostfriese ist,5 der über höhere Schulbildung verfügt haben muss und wohl auch ein Universitätsstudium genossen hatte.6 Dafür spricht, dass eine gerade erschienene Gießener Studie von „O. V. Leo“ zitiert wird, die aus dem dortigen forstwissenschaftlichen Umfeld stammt und noch keinen Eingang in die bisherigen Standardwerke gefunden hatte.7

Abb. 2: Seehundjagd auf der Insel Wangerooge, Zeichnung von Theodor Presuhn (Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
„Von guten und schlechten Jägern. Ein vergnüglich geschriebenes Büchlein von 1869 schlägt auch kritische Töne an“ weiterlesen
  1. Genannt seien in chronologischer Reihenfolge Schimmelpfennig, Volk, Wald und Jagd in Ostfriesland. Eine kulturhistorische Skizze, in: Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen 10, 1879, S. 261–329; Otto Rink, Jagd und Jagdhunde bei den alten Friesen, in: Ostfreesland. Kalender für Jedermann 25, 1938, S. 181–185; Hans-Werner Eule, Forst- und Jagdgeschichte Ostfrieslands, 4 Bde., Aurich 1953 [Manuskript]; Heinrich Buurman, Spatz, Sperling, Lüntje oder die Jagd auf Vögel in Ostfriesland, Leer 2001. Das Werk von Eule ist digitalisiert verfügbar unter https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/3/dateiarchiv/1535/Eule-Jagdgeschichte.pdf [08.10.2024]. [↩]
  2. Ein ostfriesisches Jagdbuch, dem Jagdvergnügen und „guten Jägern“ mit besonderer Vorliebe gewidmet / von einem unbekannten Verfasser, Norden 1869. [↩]
  3. Demnach ist das Buch im Verlag von Johann Christian Kühtmanns Buchhandlung in Bremen erschienen. [↩]
  4. Digitalisiert und frei verfügbar ist das Buch via https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.hn5s4h [24.09.2024]. Das Exemplar im Auricher Landesarchiv scheint relativ bald nach Erscheinen dort in den Bestand aufgenommen worden zu sein, wofür die Tinte, mit der die frühere Signatur vermerkt wurde, und das Signaturschild, das sich so nur bei Bänden vom Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten hat, sprechen. Angaben zum Verfasser ließen sich auch aus diesem Exemplar nicht gewinnen. Ich danke Fabian Gründling für diese kleine Recherche. [↩]
  5. Er spricht von „meine verehrten Herren Landsleute“ (S. 6). [↩]
  6. Der Autor zitiert ein Fallbeispiel aus Magdeburg (S. 12), was für Verbindungen dorthin oder eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fachpublikationen spricht. Auch verwendet der Verfasser diverse lateinische Zitate, u.a. von Horaz (S. 13), was ebenso für eine höhere Schulbildung sprechen könnte. [↩]
  7. Beim Verfasser handelt es sich um Ottomar Viktor Anderlind, der u.a. in Gießen studiert hat, dessen Hauptwerke aber alle lange nach dem Jagdbuch veröffentlicht worden sind, was wiederum dafür spricht, dass unser Verfasser sich akademisch mit dem Thema befasst hat bzw. auch in Gießen studiert haben könnte; vgl. zu Anderlind https://www.deutsche-biographie.de/sfz901.html [25.09.2024]. [↩]

“Friesland ruft”

Die Vortragsreihe im Landschaftsforum (Saison 2024/25) startet am 16. September 2024 mit einem Vortrag zur Geschichte der interfriesischen Verbindungen zwischen Ost-, Nord- und Westfriesen

Abb.: Konstituierende Sitzung des Friesenrates im Prunkzimmer der Ostfriesischen Landschaft (1956) (Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)

Die Landschaftsbibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich laden im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Landeskundlich Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands“ zum ersten Vortrag in der Saison 2024/25 ein.

Darin befasst sich der langjährige Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt, Prof. Dr. Thomas Steensen, am 16. September 2024 unter dem Titel „Friesland ruft“ mit den interfriesischen Verbindungen zwischen Ost-, Nord- und Westfriesen.

„Interfriesische Beziehungen“ – so werden die Verbindungen zwischen den Friesen in Ostfriesland, Nordfriesland (Schleswig-Holstein) und Westfriesland (Niederlande) bezeichnet. Was hat es damit auf sich? Welche Ziele sollten erreicht werden? Gab es gar eine „großfriesische“ Ideologie? Und welche Rolle spielten bei alledem die Ostfriesen?

Um diese Fragen geht es in dem Vortrag von Prof. Dr. Thomas Steensen. Er wird einen „interfriesischen“ Gesamtüberblick geben und näher eingehen auf den wichtigen Friesenkongress 1955 in Aurich mit der Verkündung des sog. „Friesischen Manifestes“ sowie auf die Gründung des Friesenrates 1956, die in Leer und Aurich vollzogen wurde. Dazu werden viele Fotos und Dokumente gezeigt.

Abb. : Prof. Dr. Thomas Steensen

Prof. Dr. Thomas Steensen (Nordstrand)

„Friesland ruft“ – Zur Geschichte der interfriesischen Verbindungen zwischen Ost-, Nord- und Westfriesen

Zeit:                Montag, den 16. September 2024; 19.30 Uhr

Ort:                 Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5

Eintritt:           5,00 €

Michael Hermann
(Red.: H.S.)

Zwischen aufklärerischem Gartenbau und reformierter Kirche – Edzard Moritz zu Innhausen und Knyphausen im Spiegel seiner Leichenpredigt

Rede zur Gedächtnißfeier des verewigten Grafen E. M. zu Inn- und Knyphausen nebst einigen geschichtlichen Denkwürdigkeiten aus dem Leben Desselben, G. H. Leding, Norden, 1824

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Leichenpredigten sind die in Druckform erschienenen Predigten eines Geistlichen bei einer kirchlichen Begräbnisfeier. Sie erlebten ihre Blütezeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert vor allem in protestantischen Gebieten und sind überwiegend für Adelige und das wohlhabende Bürgertum erschienen. Typisch ist oft ein vorangestelltes Porträt des Verstorbenen als Holz- bzw. später Kupferstich.1 Ein Beispiel dafür – wenn auch in eher bescheidener Ausstattung und ohne Porträt – ist die gedruckte „Rede zur Gedächtnißfeyer“ auf Edzard Moritz Graf zu Innhausen und Knyphausen.

Abb. 1: Edzard Moritz Graf zu Innhausen und Knyphausen (1748-1824) (Landschaftsbibliothek Aurich, x 62722)

Vor rund zweihundert Jahren – am 29. Januar 1824 – verstarb Edzard Moritz Graf zu Innhausen und Knyphausen auf seinem Grafensitz in Lütetsburg. Er wurde am 10. März ebenda geboren und trat nach Abschluss seines 1764 begonnenen Studiums in Halle an der Saale als Offiziersanwärter in ein Königlich Preußisches Infanterie-Regiment in Frankfurt an der Oder ein. 1776 nahm Edzard Moritz seinen Abschied und zog auf das ihm von seinem Vater überlassene Gut Visquard, wodurch er Mitglied der Ritterschaft und der Landstände wurde. 1789 erbte Edzard Moritz den sog. Familienfideikommiss – also das auch im Erbfall nicht teilbare Vermögen inkl. Grundbesitz einer Familie – Lütetsburg.

Bekannt ist er vor allem für die radikale Umgestaltung des Lütetsburger Schlossparks, die er gleich nach dem Tod seines Bruders Georg Anton Wilhelm (1744–1789) umzusetzen begann und die 1813 vorläufig vollendet war. Er löste sich dabei von allen barocken Traditionen und schuf einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild mit auch chinesischen Einflüssen wie Wasserläufen und künstlichen Inseln. Auf solch einer Insel – der Insel der Seligen – wurde der Graf schließlich bestattet, ebenso wie nach ihm auch andere Angehörige seines Geschlechts.

Abb. 2: Postkartenmotiv des Schlossparks Lütetsburg mit dem 1799 erbauten Freundschaftstempel (Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
„Zwischen aufklärerischem Gartenbau und reformierter Kirche – Edzard Moritz zu Innhausen und Knyphausen im Spiegel seiner Leichenpredigt“ weiterlesen
  1. Heike Düselder, [Art.] Leichenpredigt, in: Friedrich Jaeger (Hrsg.), Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 7, Stuttgart/Weimar 2008, Sp. 821–823. [↩]

Ausstellungseröffnung “Zeitreise über Ostfriesland – Die Region von Emden bis Wilhelmshaven in alten Luftaufnahmen (1927-1938)” am 27. August 2024 um 18:30 Uhr in der Landschaftsbibliothek

Abb. Schrägluftbild des Auricher Schlosses (1932) (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, RW 0229, Nr. 38216)

Die Luftbildfotografie erlebte nach dem Ersten Weltkrieg einen großen Aufschwung. Durch den Einsatz von neuartigen Kleinflugzeugen entstanden Luftbilder für ganz unterschiedliche Zwecke. Zu den bedeutendsten Firmen dieser Zeit zählen die Junkers Luftbildzentrale und die Hansa Luftbild. Im Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland in Duisburg haben sich fast dreihundert dieser Schrägluftbilder erhalten, die die ostfriesische Halbinsel von Emden bis Wilhelmshaven zeigen. So zeigt eine Aufnahme aus dem Jahr 1932 das Auricher Schloss.

Die Ausstellung in der Landschaftsbibliothek präsentiert eine Auswahl dieser Luftbilder vor allem aus dem Landkreis Aurich und von den Ostfriesischen Inseln. Die Bilder zeigen eindringlich die landschaftlichen Veränderungen und den strukturellen Wandel sowohl im ländlichen als auch im städtischen Umfeld.

Am 27. August 2024 um 18:30 führt Axel Heinze durch die Ausstellung. Er hat zum gleichnamigen Buch die Begleittexte formuliert. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Die Ausstellung ist bis zum 27. September 2024 kostenlos während der Öffnungszeiten der Landschaftsbibliothek zu sehen.

Dr. Heiko Suhr
(Red.: M.H.)

Aus Alt mach Neu: Spätmittelalterliche Liturgiehandschriften und frühneuzeitliche Wissenskultur

Das “Dictionarium Historicum, Ac Poeticum […]” des Charles Estienne, [Genf] 1579

Ein Gastbeitrag von Dr. des. Christopher Folkens

Das „Dictionarium historicum, ac poeticum […]“ aus der Werkstatt der französischen Drucker- und Verleger-Dynastie Estienne ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Wissenskultur des 16. Jahrhunderts, die in Form enzyklopädischer und lexikalischer Werke bestrebt war, das Weltwissen möglichst vollständig und geordnet aufzubereiten und zu präsentieren. Zudem ist das Exemplar der Landschaftsbibliothek Aurich auch ein ästhetisches Highlight. Umhüllt von Pergamentmakulatur einer spätmittelalterlichen liturgischen Handschrift wird der Einband von der kalligraphisch ausgeformten Textura-Buchschrift mit ihren charakteristischen gebrochenen Schäften sowie von zum Teil mühevoll ausgestalteten, roten und blauen Initialen und Hervorhebungen geziert.

Abb. 1: Einband aus Pergamentmakulatur einer spätmittelalterlichen liturgischen Handschrift (Landschaftsbibliothek Aurich, Signatur: F 587)

Die Entwicklung der Buchdrucktechnik ab der Mitte des 15. Jahrhunderts eröffnete im (west-)europäischen Raum neue Möglichkeiten der Produktion und Zirkulation von Wissen in schriftlicher Form. Im Zuge dieses Prozesses entstanden in Form, Gestalt und Benennung neuartige Textgattungen, zu denen auch (Universal-)Enzyklopädien und Wörterbücher zählten. Das „Dictionarium historicum, ac poeticum“ stellt einen wertvollen Beitrag zu dieser noch jungen Tradition dar. In alphabetischer Ordnung, die im ausführlichen Titel des Werkes als beste Ordnung (optimo ordine) bezeichnet wurde, enthält das Werk mehr oder weniger ausführliche Einträge zu Personen, „Nationen“, einzelnen Regionen und Orten, Flüssen und Gebirgen sowie zu Autoren geistlicher und weltlicher Literatur. Entgegen der Titulierung als Dictionarium handelt es sich somit nicht um ein Wörterbuch, sondern vielmehr um eine Universalenzyklopädie, die das gesammelte Wissen der Zeit zur Verfügung stellen wollte. Das später hinzugefügte Vorwort des Druckers unterstreicht zudem, dass zu jedem der Einträge auch die entsprechenden Quellen genannt wurden, um einen einfachen Zugang zu dem reichen Wissensschatz (thesaurus locupletum) zu ermöglichen. Der Erfolg gab dem Projekt recht: Das Dictionarium gehörte ab dem späten 16. Jahrhundert nicht nur zum Standardrepertoire privater Bibliotheken und Schulbibliotheken, sondern befand sich ebenfalls im Bücherbestand der englischen Könige und Königinnen Maria I., Elisabeth I. und Jakob I.1

„Aus Alt mach Neu: Spätmittelalterliche Liturgiehandschriften und frühneuzeitliche Wissenskultur“ weiterlesen
  1. Starnes, DeWitt Talmage: Robert Estienne’s Influence on Lexicography, Austin 1963, S. 95-100, insb. S. 99f. [↩]

Wer war Balthasar von Esens?

Der von 1522 bis 1540 über das Harlingerland herrschende Junker steht im Mittelpunkt eines Vortrages im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft am 11. März 2024

Abb.: Herzog Carl von Geldern belehnt den Junker Balthasar von Esens am 7. Dezember 1531 mit der Herrlichkeit Esens (NLA AU Rep. 1 Nr. 457)

Im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Landeskundliche Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands“ laden die Landschaftsbibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich zum letzten Vortrag der Serie 2023/24 in den Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft ein. In diesem Vortrag befasst sich der Geschichtslehrer Titus Blecken aus Lüneburg mit dem Junker Balthasar von Esens.

Von den einen als Reformator, progressiver Regent und Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit seiner Heimat verehrt und von den anderen als Unruhestifter, Seeräuber und treuloser Junker diffamiert, scheiden sich durch die Jahrhunderte hindurch bis heute die Geister der Geschichtsschreibung an einer treffenden Beurteilung Balthasars von Esens.

Balthasar war von 1522 bis zu seinem Tod 1540 Regent des Harlingerlandes. Er ist bis heute Teil des kollektiven ostfriesischen Gedächtnisses, da die Reformation unter seiner Führung ablief und er dem damaligen Zentrum Esens vermeintlich die Stadtrechte verlieh. Seine Jahre waren geprägt von Krieg und Fehden, insbesondere mit der benachbarten Grafschaft Ostfriesland unter der Herrschaft Edzards des Großen und dessen Nachfolger Enno II. Zum damaligen Jeverland und dessen Herrin Maria von Jever hielt Balthasar eine enge Verbindung.

Der Referent Titus Blecken ist Geschichtslehrer aus Lüneburg mit ostfriesischen Wurzeln. Er konstatiert mit Blick auf Balthasar von Esens einen unzureichenden Forschungsstand und massive Forschungslücken. In seinem Vortrag gibt er einen Einblick in seine aktuellen Studien zu Persönlichkeit und Herrschaftspraxis Balthasars unter Bezugnahme auf vergleichbare Regenten. Damit kann er viele Mythen entlarven und die Esenser Stadtgeschichte in Teilaspekten neu schreiben.

Titus Blecken

Titus Blecken (Lüneburg)

Wer war Balthasar von Esens?

Zeit:                Montag, den 11. März 2024; 19.30 Uhr

Ort:                 Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5

Eintritt:           5,00 €

Michael Hermann
(Red.: H.S.)

Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel und das Spiel der Könige

Die Auricher Landschaftsbibliothek beherbergt als Prachtexemplar das erste deutschsprachige Schachbuch von 1616

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Der von Jacob van der Heyden gefertigte Kupferstich zeigt Herzog August den Jüngeren (rechts) mit seinem – bereits mattgesetzten – Spielgegner Landgraf Moritz den Gelehrten (Landschaftsbibliothek Aurich, F 518)

Schach ist nicht nur das bekannteste strategische Brettspiel und dazu als Sportart anerkannt, sondern auch von großer kultureller Bedeutung. Viele bedeutende Gelehrte haben sich dem Spiel der Könige gewidmet, so der oberitalienische Dominikaner Jacobus de Cessolis im 14. Jahrhundert oder der spanische Priester Ruy López de Segura im 16. Jahrhundert.

Das erste deutschsprachige Fachbuch zum Schachspiel ist „Das Schach- oder König-Spiel […] in vier unterschiedene Bücher […] abgefasset. Auch mit dienlichen Kupfer-Stichen gezieret […] Diesem ist […] angefüget ein sehr altes Spiel genandt Rythmo-Machia“, das 1616 in Leipzig erschien. Autor ist August II. von Braunschweig-Wolfenbüttel – August der Jüngere – (1579–1666). Er gilt als einer der gelehrtesten Fürsten seiner Zeit und entwickelte schon in jungen Jahren ein starkes Interesse an Handschriften und Büchern. Seine Sammelleidenschaft führte in Wolfenbüttel zur Gründung der für die damalige Zeit größten Bibliothek Europas: die heutige Herzog August Bibliothek.1

Sein Schachbuch ist heute nur in wenigen Bibliotheken – vor allem in Niedersachsen, aber auch in Skandinavien – verfügbar. Auch die Auricher Landschaftsbibliothek bewahrt ein Prachtexemplar auf, das in Schweinsleder gebunden und mit Blindprägungen geschmückt ist. Anhand mehrerer Eintragungen im Buch ist die Provenienz lückenlos ermittelbar. Ein gewisser Tobias Gloger hat es dem Mediziner Christoph Neander geschenkt; in die Landschaftsbibliothek kam es dann aus dessen Besitz mit der von Derschau-Bibliothek, dessen Wappen als Exlibris im Innendeckel zu sehen ist.2 Zudem ist das Exemplar der Landschaftsbibliothek eines der wenigen vollständigen Exemplare, das auch den meisterhaften Kupferstich Jacob van der Heydens enthält, der August beim Schachspiel mit dem bereits mattgesetzten Landgrafen Moritz den Gelehrten zeigt (Abb. 1).

Abb. 2: August II. (Braunschweig-Wolfenbüttel) (1579-1666) (Rijksmuseum Amsterdam, Objektnummer RP-P-2010-329-132)
„Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel und das Spiel der Könige“ weiterlesen
  1. Vgl. den Ausstellungskatalog Sammler, Fürst, Gelehrter. Herzog August zu Braunschweig-Lüneburg 1579–1666, Wolfenbüttel 1979. [↩]
  2. Vgl. Michael Hermann, Ein ungeliebter Bücherschatz? Das Schicksal der von Derschauschen Bibliothek im 19. Jahrhundert, in: ders. (Hrsg.), Ostfriesland im „langen“ 19. Jahrhundert. Festschrift für Paul Weßels, Aurich 2023, S. 53–64. [↩]

Exekutiert in Aurich – eine Bücherverbrennung im Januar 1733

Von Dr. Paul Weßels

Am 29. Januar 1733 kam es auf dem Auricher Marktplatz zu einer „Exekution“: Auf Befehl Fürst Georg Albrechts (1708-1734) wurden im Beisein von Amtmann Stürenburg und Bürgermeister Ennen drei Bücher öffentlich durch den Scharfrichter am Pranger verbrannt.1 Solche „Buchhinrichtungen“ haben als öffentlich inszenierte und ritualisierte symbolische Aktionen immer auch eine politische Zielrichtung. Man erinnere sich nur an die jüngsten Koranverbrennungen, die sich 2023 mehrmals in Schweden und Dänemark ereignet haben.2

Abb. 1: Anordnung Georg Albrechts zur Verbrennung dreier Druckwerke am Pranger in Aurich vom 29.01.1733, abgedruckt bei: Enno Johann Heinrich Tiaden, Das gelehrte Ost-Friesland, Bd. 2, Aurich 1787, S. 137-138.

Die Verbrennung oder Zerstörung von Büchern ist keine Erfindung der Moderne, sondern schon aus vorchristlicher Zeit und dem Mittelalter bekannt. 1515 wurde nicht nur Johannes Hus verbrannt, sondern zugleich wurden auch seine Schriften öffentlich ins Feuer geworfen. 1520 wurden auch die Werke Martin Luthers öffentlich verbrannt. Seit 1634 lassen sich „Buchhinrichtungen“ durch Henker nachweisen, und vor allem im letzten Drittel des 17. bzw. der ersten Hälfte des 18. Jhs. wurden solche symbolischen Aktionen häufig von Herrschern befohlen, um zu zeigen, dass ihre absolute Macht vermeintlich ausreichte, unliebsame Gedanken und Ideen aus ihrem Territorium zu verbannen. Diese Bücherverbrennungen waren immer auch als symbolische Hinrichtung der Autoren gemeint.3 1817 war es nur wenige Jahre zuvor beim nationaldeutschen Wartburgfest zum vierten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig zu einer symbolischen Bücherverbrennung von frankreichfreundlichen, die Kleinstaaterei verteidigenden oder der deutschen Nationalbewegung kritisch gegenüberstehenden Schriften gekommen.4 Und auf diese Aktion bezog sich 1933 die NSDAP, als sie zur „Hinrichtung des Ungeistes“ am 10. Mai des Jahres im Rahmen einer „Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist“ gemeinsam mit Hitlerjugend, SA und Deutscher Studentenschaft die berüchtigte deutschlandweite Bücherverbrennung durchführte.5 Auch Ostfriesland war davon betroffen. Im Juni 1933 fand in Norden, einer der Hochburgen der Nationalsozialisten in Ostfriesland, eine Bücherverbrennung statt. Nach dem Vorbild Berlins und anderer deutscher Universitätsstädte sammelte die Hitlerjugend in den Norder Haushalten alle „undeutschen“ und „entarteten“ literarischen Werke und Bücher „marxistisch-jüdischer, jesuitischer und freimaurerischer Tendenz“ ein, um sie bei einer Sonnenwendfeier in Tidofeld vor großem Publikum zu verbrennen.6

„Exekutiert in Aurich – eine Bücherverbrennung im Januar 1733“ weiterlesen
  1. Diese „Exekution“ wird ausführlicher beschrieben bei: Enno Johann Heinrich Tiaden, Das gelehrte Ost-Friesland, Bd. 2, Aurich 1787, S. 136-138. Vgl. dazu auch: Paul Weßels, Warum in Aurich Bücher “hingerichtet” wurden. Fürst Georg Albrecht ließ 1733 mehrere Schriftstücke öffentlich auf dem Marktplatz verbrennen, in: Unser Ostfriesland, Beilage zur Ostfriesen-Zeitung, Nr. 19, 2023. [↩]
  2. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/daenemark-gesetz-koranverbrennungen-100.html, abgerufen am 02.01.2024. Seit Dezember 2023 ist es in Dänemark gesetzlich verboten, religiöse Schriften zu verbrennen. [↩]
  3. Hermann Rafetseder, Bücherverbrennungen. Die öffentliche Hinrichtung von Schriften im historischen Wandel, Wien u.a. 1988, S. 131-132, 140, 145, 156, 174-175, 179. [↩]
  4. Vgl. Die Gartenlaube, Heft 33, S. 552. [↩]
  5. Zitiert nach: Hans-Wolfgang Strätz, Die studentische „Aktion wider den undeutschen Geist“ im Frühjahr 1933, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Bd. 16, 1968, S. 347-372, hier S. 350. [↩]
  6. Johann Haddinga, 1933. Brauner Terror und brennende Bücher, in: Ostfriesischer Kurier vom 01.11.2008, S. 56. [↩]