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“Ordnung ist die Seele der Arbeit”

Preußische Verwaltungspraxis, ostfriesische Eigenheiten und wirtschaftliche Modernisierung in den Auricher Tagebuchaufzeichnungen Ludwig von Vincke (1803–1804)

Zur Erinnerung an Dr. phil. Johann Enno Eimers (1936–2026)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Im Oktober 1803 trat Ludwig Freiherr von Vincke sein Amt als Kammerpräsident der Kriegs- und Domänenkammer Aurich an.1 Er tat dies ohne Begeisterung. In einem Brief an eine Bekannte hatte er den Posten zuvor als „halben Invalidenposten“ bezeichnet: Die Kammer habe „fast gar nichts zu tun“, die Kontribution – die direkte Grundsteuer des platten Landes –werde von den Ständen verwaltet und damit seien „der Kammer überall die Hände gebunden“.2 Das war die Außenperspektive eines 29-jährigen westfälischen Landrats auf eine preußische Randprovinz, die er noch nicht kannte. Knapp ein Jahr später, im November 1804 von Aurich nach Münster abberufen, empfand er dieselbe Versetzung als einen schweren Schlag und ließ mit einer Mitteilung an die Auricher Presse keinen Zweifel daran, was ihm das Jahr in Ostfriesland bedeutet hatte. Spätestens 1809, aus Potsdam zurückblickend, brachte er es auf den Punkt: „Ich war ein Jahr und von meinem bisherigen Leben das schönste in Ostfriesland.“

Abb. 1: Hermann Angermayer, posthumes Bildnis des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, Öl auf Leinwand (nach 1904) (LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, Inv. Nr. 894 LM)

Diese Wandlung – von widerwilliger Anreise zu tief empfundener Bindung – ist kein biografisches Klischee, sondern verweist auf ein Erfahrungsformat, das Wolfgang Henninger als kennzeichnend für den Auricher Verwaltungsbeamten beschrieben hat: das Diktum „Sie kommen mit Tränen, und sie gehen mit Tränen“ treffe, so Henninger, einen „wahrlich nicht seltenen Typus“ des nach Aurich versetzten preußischen Beamten. Was den Beamten veränderte, war die Provinz selbst, also ihre institutionellen Eigenheiten, ihre physische Gestalt, ihre lokalen Netzwerke, ihre von der preußischen Norm abweichenden Verwaltungsaufgaben.

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  1. Eine Druckfassung dieses Beitrags wird voraussichtlich im Herbst 2026 in den Preußischen Mitteilungen erscheinen, die der Leeraner Dr. Enno Eimers von 2008 bis zu seinem Tod 2026 redigiert hat. Da diese Zeitschrift allerdings nur den Mitgliedern zugänglich ist, erfolgt an dieser Stelle die Erstveröffentlichung [↩]
  2. Zitiert nach Heinrich Kochendörffer, Vincke, Bd. 1, Soest 1932, S. 135. [↩]

“Ich war ein Jahr und von meinem bisherigen Leben das schönste in Ostfriesland …”

Am 19. September 2024 erinnert eine Lesung aus den Tagebüchern des Ludwig Freiherrn von Vincke an den ehemaligen Leiter der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich 1803/04 und seine Zeit in Ostfriesland

Abb. 1: Porträt des Oberpräsidenten der Provinz Westfalen Ludwig Freiherr von Vincke

Auch wenn Ludwig Freiherr von Vincke seine größten Verdienste als Oberpräsident der 1815 neu gebildeten Provinz Westfalen erwarb, so war doch seine „Lehrzeit“ „fern der politischen und wirtschaftlichen Zentren Preußens“ prägend, als er von 1803 bis 1804 die Kriegs- und Domänenkammer in Aurich leitete.1

Als Leiter der Kriegs- und Domänenkammer traf er in Aurich und an anderen Orten Ostfrieslands nicht nur Honoratioren, Industrielle und Kommunalpolitiker, sondern auch einfache Leute. Er schob zahllose Projekte an, etwa zur Verbesserung der Moorkolonien, zur Modernisierung des Deich- und Sielwesen, zum Ausbau der Infrastruktur und ganz besonders in den Häfen in Greetsiel und Emden. So war ihm der Ausbau des Kanals von Aurich nach Carolinensiel ein besonderes Anliegen.

Zeitlebens blieb er Ostfriesland eng verbunden. Zu seinem großen Leidwesen konnte er die Abtretung Ostfrieslands von Preußen an Hannover nicht verhindern. Aber dafür organisierte er, als Ostfriesland 1825 von einer heftigen Sturmflut getroffen wurde, Hilfsgelder und bewegte sogar den preußischen König Friedrich Wilhelm III. zu einer Spende, obwohl Ostfriesland nach dem Wiener Kongress gar nicht mehr zu Preußen gehörte.

Abb. 2: Doppelseite aus einem der Tagebücher von Ludwig Freiherr von Vincke

Seine Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen hielt von Vincke über 55 Jahre seines Lebens in seinem Tagebuch fest. So entstand ein lebensnahes und ursprüngliches Bild seines beruflichen und Alltagslebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Lesung im Landschaftsforum will Sie in diese Welt mitnehmen: Der Schauspieler Markus von Hagen liest Passagen aus dem Tagebuch, die Ostfriesland und seine Bewohnerinnen und Bewohner betreffen. Kurze Einführungen ordnen die Passagen historisch ein. Im Anschluss gibt es die Gelegenheit, bei Wein, Wasser und Brezeln ins Gespräch zu kommen.

Ludwig Freiherr von Vincke auf Reisen: … in Aurich

Lesung aus den Tagebüchern mit dem münsterischen Schauspieler Markus von Hagen

Zeit:                Donnerstag, den 19. September 2024, 19.00 Uhr

Ort:                 Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1–5

Veranstalter: Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Münster, Landesarchiv NRW, Historische Kommission für Westfalen, Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich, Ostfriesische Landschaft

  1. Wolfgang Henninger, [Art.] Friedrich Ludwig Wilhlem Philipp Freiherr von Vincke, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. 2, Aurich 1997, S. 389-390, https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/3/dateiarchiv/2878/Vincke-Ludwig.pdf [zuletzt abgerufen: 03.09.2024]. Rückblickend berichtete er von dieser Zeit: „Ich war ein Jahr und von meinem bisherigen Leben das schönste in Ostfriesland und mit dessen Bewohnern in so freundlichem Verhältnis, daß Du schwerlich einen Ostfriesen antreffen möchtest, der mich nicht kennt, und ich darf wohl sagen, der mir nicht etwas gut ist.“ ((Ebd. [↩]