Liebe Leser:innen des Blogs für ost-friesische Geschichte,
möglicherweise sind Sie überrascht, dass sich der Blog plötzlich in einem neuen grafischen Gewand zeigt. Dies hängt damit zusammen, dass wir kurzfristig gezwungen waren, zu einer anderen Grafikoberfläche zu wechseln.
Hintergrund ist, dass es zur Zeit eine Abmahnwelle gibt, sobald Internetseiten Google Fonts nutzen, weil damit ein Verstoß gegen die DSGVO verbunden sei (https://www.heise.de/news/Neue-Abmahnwelle-Wieder-gehen-Schreiben-wegen-Google-Fonts-raus-7322064.html). Diesem Risiko wollten wir uns nicht aussetzen, so dass wir kurzfristig – und hoffentlich auch nur temporär – zu einer anderen Grafikoberfläche gewechselt sind.
Auf die Qualität der Beiträge hat diese Veränderung natürlich keine Auswirkungen.
Zu diesem Thema bietet der diesjährige “Tag der Ostfriesischen Geschichte” am 19. November 2022 neben zwei Vorträgen im Landschaftsforum auch eine Führung über das ehemalige Lagergelände in Engerhafe an
Bereits zum 23. Mal laden die Ostfriesische Landschaft und die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs zum „Tag der Ostfriesischen Geschichte“ ein, der diesmal am Samstag, den 19. November 2022, von 9.30 bis ca. 12.30 Uhr im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft in Aurich (Georgswall 1-5) stattfindet und ab 13.30 Uhr mit einem Mittagsimbiss und einer Führung in der Gedenkstätte KZ-Engerhafe (Kirchwyk 5, 26624 Südbrookmerland) seine Fortsetzung findet.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht das Thema „Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland am Beispiel der russischen Kriegsgefangenen und des KZ-Außenlagers Engerhafe“. Auf die Begrüßung durch den Landschaftspräsidenten Rico Mecklenburg folgen zwei thematische Vorträge:
Herr Dr. Rolf Keller (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten): „‚Da erfahrungsgemäß mit Todesfällen im Lager zu rechnen ist …‘ – Arbeitseinsatz und Lebensbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener in Ostfriesland.“
Frau Dr. Simone Erpel (Verein Gedenkstätte KZ Engerhafe e.V.) unter dem Titel „‚… entspricht es den Tatsachen, dass gegen Kriegsende in der Umgebung von Engerhafe die Nebenstelle eines Konzentrationslagers bestanden hat?‘ – Das KZ-Außenlager in Engerhafe zwischen juristischer Aufarbeitung, Verjährung und organisierten Vergesslichkeit der 1960er Jahre“.
Nach einer kurzen Pause berichten Herr Dr. Paul Weßels (Ostfriesische Landschaftsbibliothek) und Herr Dr. Michael Hermann (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich) wie gewohnt über „Neues aus Wissenschaft und Forschung zur ostfriesischen Geschichte“.
Am Nachmittag findet um 14.30 Uhr in Engerhafe eine Führung über den KZ-Friedhof und das ehemalige Lagergelände in Engerhafe statt. Bereits zuvor (um 13.30 Uhr) ist es möglich, an einem Imbiss im Gulfhof Ihnen in Engerhafe (Kirchwyk 3, 26624 Südbrookmerland) teilzunehmen. Die Anmeldung für den Mittagsimbiss und die Führung am Nachmittag kann bei Frau Heidrun Oltmanns in der Landschaftsbibliothek erfolgen (oltmanns@ostfriesischelandschaft.de).
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.
Dr. Paul Weßels Leiter der Landschaftsbibliothek Ostfriesische Landschaft
Dr. Michael Hermann Leiter Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich
Einige Monate nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden bald die Lücken sichtbar, die die Männer, die als Soldaten an die Front beordert worden waren, hinterlassen hatten. Sie fehlten in den Fabriken, beim Handwerk und in der Landwirtschaft, in der es üblicherweise eine große Anzahl Betriebe gab, die von dem Eigentümer mit Ehefrau und einer gelegentlichen Kraft geführt wurden.
Zum anderen hatte die Kriegsführung wohl nicht bedacht, dass man sehr rasch sehr viele fremde Soldaten gefangen nehmen würde. Und jetzt drängte sich die Frage auf: „Wohin mit ihnen?“ In Windeseile mussten Lösungen gefunden werden. Bei der Unterbringung griff man zunächst auf die bestehende Infrastruktur zurück. Eine schnelle Gelegenheit bot die Landwirtschaft. Die einzelnen Bürgermeister konnten umgehend mit den Landkreisen leerstehende Schulen, Gemeindehäuser oder gar Baracken als Lager aktivieren. Bereits ab September / Oktober 1939 lassen sich Kriegsgefangenenlager nachweisen. Doch man machte auch viele zivile Gefangene, die zunächst auf freiwilliger Basis, später sofort als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im gesamten Reich verteilt wurden und teilweise auch einzeln in der Landwirtschaft zum Einsatz kamen. Sehr häufig war es für die Betroffenen eine glückliche Fügung, denn die überwiegende Anzahl der landwirtschaftlichen Arbeitgeber lebte mit diesen Menschen in einem Haus und einer Wohngemeinschaft zusammen.
Es gab auch Zwangsarbeiter1 aus den grenznahen Gebieten der besetzten Staaten, die am Abend zu ihren Familien zurückfahren konnten. Im Landkreis Leer zum Beispiel in die benachbarten Niederlande. Manche Niederländer waren wegen kleinerer Vergehen zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet worden. Sie mussten morgens mit dem Zug anreisen und konnten abends mit dem letzten Zug wieder zurück, um bei ihren Familien zu übernachten. Diese Züge nannte man in den Niederlanden „Arbeidetrain“. Es handelte sich um speziell eingesetzte Züge, die von Groningen bis nach Leer und zurück fuhren. Das Risiko einer Flucht war eher gering, denn man spürte die Betroffenen im besetzten Land bald auf oder man nahm in ihrer Heimat die Familien als Geiseln, die als Ersatz in ein Zwangsarbeitslager gebracht wurden.
Abb. 1: Willem Horinga (1922-2016) (Quelle: Gezichen van Vryheid – Video Willem Horinga, www.gezichtenvanvryheid.com)
Ein Einzelschicksal aus dieser Zeit betrifft den Niederländer Willem Horinga (1922-2016), der seine Geschichte vor etwa 20 Jahren selbst verfasst hat, die auch in die Chronik der altreformierten Kirchengemeinde Ihrhove Eingang gefunden hat.2 In diesem Beitrag wird versucht, mit den heute zugänglichen Quellen Horingas Geschichte nochmals zu skizzieren und für kommende Generationen festzuhalten.
Neben den in Deutschland zu Arbeiten verpflichteten Personen gab es viele Berufstätige, die auf freiwilliger Basis in Deutschland einen Arbeitsplatz antraten. [↩]
Chronik der Evangelisch-altreformierten Gemeinde Ihrhove, Dezember 2002. [↩]
Der Historiker Dr. Claus Veltmann widmet sich im nächsten Vortrag der landeskundlichen Vortragsreihe von Landschaftsbibliothek und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich – am 7. November 2022 der Bedeutung des Dortmund-Ems-Kanals als Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und den ostfriesischen Nordseehäfen.
Abb.: Brücke über den Ems-Seitenkanal bei Oldersum als nördlichster Teil des Dortmund-Ems-Kanals. Ausschnitt aus einer Postkarte mit Ansichten von Oldersum um 1900 (Quelle: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft)
Ostfriesland liegt am nördlichen Endpunkt des Dortmund-Ems-Kanals. Mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Aufschwung des Rheinisch-Westfälischen Industriegebiets forderten Wirtschaftsvertreter der Region den Bau einer Wasserstraße zu den deutschen Nordseehäfen. Realisiert wurde dies mit dem 1899 eröffneten Dortmund-Ems-Kanal.
Von der Verbindung vom „Rhein zur Nordsee“ profitierten vor allem Emden und Leer als Seehäfen sehr stark. Erst der Niedergang des Bergbaus und der Schwerindustrie bewirkten in den letzten Jahrzehnten einen Strukturwandel des Verkehrs auf dem Kanal.
Dr. Claus Veltmann:
„Erze zu Berg und Kohle zu Tal. Der Dortmund-Ems-Kanal als Verbindung zwischen dem Ruhrgebiet und den ostfriesischen Nordseehäfen“.
Zeit: 7. November 2022; 19.30 Uhr
Ort: Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5, 26603 Aurich
Wer schreibt Geschichte und was ist ihr Gegenstand? Der Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) beantwortete diese Frage mit den markanten Worten „Männer machen die Geschichte.“ Die traditionelle Geschichtsschreibung der Moderne bis 1945 eröffnet so eine weitere Facette des „Gender gaps“ in der historischen Überlieferung und Erinnerungskultur, welche die Geschichte der Frauen über lange Zeit in ein Schattendasein drängte. Neue Generationen von Historiker*innen, eine veränderte universitäre Landschaft, aber auch regionale Initiativen, wie die AG FrauenLeben in Leer, tragen heute dazu bei, diesen Rückstand in der Geschichtsbetrachtung schrittweise aufzuholen und dem vernachlässigten Bereich der Frauengeschichte in den gegenwärtigen Debatten um „Gender equality“ weitere Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Das 2022 erschienene Buch FrauenLeben in Leer. Ausgewählte Frauenbiografien vom 16. bis ins 20. Jahrhundert der gleichnamigen Arbeitsgruppe beleuchtet das Leben von Leeraner Frauen durch die Jahrhunderte der neuzeitlichen Geschichte hinweg. Jedes Kapitel ordnet das individuelle Schicksal der Frauen in ihren spezifisch-regionalen wie allgemeinen historischen Kontext ein und leistet einen wichtigen Beitrag diese Lücke in der Auseinandersetzung mit der Geschichte Ostfrieslands und der Frauengeschichte generell zu schließen.
Die Vernachlässigung der Frauengeschichte als strukturelles Problem
Napoleon, Bismarck, Hitler – noch bis 1945 kennzeichnete sich das gesellschaftlich-dominante Bild von „Geschichte“ als eine Personengeschichte „großer Männer“. Seit der Verwissenschaftlichung des Faches infolge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wurden Frauen und ihre Geschichte strukturell aus der Geschichtsschreibung und -wissenschaft verdrängt. Hintergrund dieses Prozesses bildete die Etablierung der Geschichte als wissenschaftliche Disziplin u.a. durch die Impulse Barthold Georg Niebuhrs und Leopold Rankes und ihre damit zusammenhängende Verortung an die Universitäten, zu denen Frauen bis zur Jahrhundertwende keinen Zugang erhielten.1 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts manifestierte sich in der Nationalisierungs- und Kulturidealisierungsbewegung daneben ein regelrechter „Personenkult“. Es wurde Abstand genommen von dem Konzept der Universalgeschichte; Politik- und hierbei Personengeschichte definierten den neuen Standard.
Vgl. Paletschek, Sylvia: Die Geschichte der Historikerinnen. Zum Verhältnis von Historiografiegeschichte und Geschlecht, in: Freiburger FrauenStudien 13, 20 (2007) [S. 27-49], S. 27 f. und Alberti, Johanna: Gender and the Historian, Harlow et. al. 2002, S. 2. [↩]
In der Landschaftsbibliothek findet sich in der Abteilung der Raritäten eine dünne, 12-seitige Broschur in den Maßen von etwa 19 x 22 cm: „Die Bremer Stadtmusikanten. Ein Märchen der Brüder Grimm“.1 Der hellgrüne Einband ist – wie auch die Zeichnungen im Innenteil – zweifellos von Kinderhand sorgfältig mit Buntstiften ausgemalt. Was hat dieses kleine Heft in der Raritäten-Abteilung der Landschaftsbibliothek zu suchen?
Abb. 1: Titelblatt der “Bremer Stadtmusikanten” von Werner Klemke, Norden 1945 (Landschaftsbibliothek Aurich, Rara : x 77886)
Es handelt sich bei diesem im Spätsommer 1945 in Norden entstandenen Märchenbuch um das vermutlich erste deutsche Kinderbuch der Nachkriegszeit in Deutschland. Der Norder Journalist Johann Haddinga hatte selber Weihnachten 1945 ein Exemplar des Kinderbuchs geschenkt bekommen und Jahrzehnte später mit mehreren Artikeln auf dieses besondere ostfriesische Druckwerk aufmerksam gemacht. Sein Exemplar wird heute in der Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld e.V. ausgestellt, die an die Ankunfts- und Integrationsgeschichte der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert. 2022 hat die Dokumentationsstätte auch ein Reprint des Märchenbuchs veröffentlicht.2
„Die Bremer Stadtmusikanten“ ist auch die erste eigenständige Veröffentlichung von Werner Klemke (1917-1994), der später in der DDR lebend als einer der bedeutendsten Grafiker und Buchgestalter des 20. Jahrhunderts in Deutschland gelten darf. Der Klemke-Sammler Matthias Haberzettl aus Augsburg errechnete neben ungezählten anderen Veröffentlichungen für Werner Klemke nahezu 300 Bücher mit über 10.000 Illustrationen und Umschlaggestaltungen für ca. weitere 550 Bucheinbände.3 Das kleine Märchenbuch wurde also zum Ausgangspunkt all der vielen nachfolgenden Veröffentlichungen Klemkes. Aber das Thema ist dem Grafiker sicherlich nicht zufällig in den Sinn gekommen. Die „Bremer Stadtmusikanten“ zählen zu den am häufigsten ins Bild gesetzten Geschichten der Brüder Grimm. Der Text des Märchens wird von Werner Klemke in einer leicht modernisierten Fassung wiedergegeben und schließt als optimistische Sozialutopie zugleich an die Traditionen der Tierfabel und der Gesindeerzählung an: Die Tiere sind durch die Arbeit alt und schwach geworden, deshalb werden sie aus dem Dienst gejagt. Durch ihr solidarisches Verhalten schaffen sie sich gemeinsam eine neue Lebensgrundlage. Werner Klemke wird sich bewusst gewesen sein, dass die Aussage dieses Märchens verbunden mit scheinbarer Harmlosigkeit des Sujets 1945 in der Welt des deutschen Zusammenbruchs nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene ansprechen würde.
In einer aktuellen Veröffentlichung präsentiert der Historiker Heiko Suhr Ego-Dokumente des späteren Präsidenten der Ostfriesischen Landschaft
Bereits im Frühjahr 2021 hatte der aus Großefehn stammende Historiker Dr. Heiko Suhr (heute Archivar im Stadtarchiv Wesel) einen biografischen Beitrag zu Georg von Eucken Addenhausen im Emder Jahrbuch veröffentlicht, in dem nicht nur dessen Lebensweg von seiner Geburt am 29. Juli 1855 in Aurich bis zu seinem Tod am 1. Mai 1942 ausführlich betrachtet, sondern auch dessen Rolle als „einer der wichtigsten Wegbereiter des Nationalsozialismus in Ostfriesland“ nachgezeichnet wurde.1 Nun hat Suhr – sozusagen als Nebenprodukt seiner langjährigen Forschungstätigkeit – im Selbstverlag die von Eucken-Addenhausen 1929 selbstverfassten „Erlebnisse und Erfahrungen“ sowie die überlieferten Briefe an seine Frau aus dem Ersten Weltkrieg als Edition herausgebracht. Auf die dazugehörigen Originale war er im Nachlass Eucken-Addenhausens in der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs gestoßen.2
Nach allgemeinen Vorbemerkungen bietet Suhr eine biografische Einleitung, die die Lebensstationen Eucken-Addenhausens kurz skizziert. So war Eucken-Addenhausen nach seinem Jura-Studium zunächst als (Ober)-Bürgermeister in Jena und Eisenach tätig, wechselte dann als Referent der Reichsregierung für das Seewesen ins Reichsinnenministerium, um schließlich 1905 den Posten als Bundesratsbevollmächtigter von Oldenburg zu übernehmen. Die ersten beiden Jahre des Weltkriegs verbrachte Eucken-Addenhausen an der Westfront, um dann bis 1919 wieder in den Oldenburgischen Staatsdienst zurückzukehren. Den Rest seines Lebens verbrachte er auf seinem Sielhof in Neuharlingersiel, wo er eine rege Publikationstätigkeit entwickelte. 1932 wurde er zum Vorsteher der Ostfriesischen Landschaft gewählt, deren Fortbestand er gegen den erklärten politischen Willen aus Hannover, von wo aus eine Auflösung der Provinziallandschaften angestrebt wurde, sicherstellen konnte.
Heiko Suhr, Georg von Eucken-Addenhausen (1855-1942). Ein Monarchist zwischen Berliner Schloss und Neuharlingersiel, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde, Bd. 101, 2021, S. 51-109, hier: S. 106. [↩]
Mit einem Vortrag zur Biographie des Gauleiters des NSDAP-Gaues Weser-Ems startet am 19. September die landeskundliche Vortragsreihe 2022/23 von Landschaftsbibliothek und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich
Abb. 1: Reichsstatthalter Carl Röver bei der Einweihung der Leda-Brücke am 16.06.1934 (Niedersächsisches Landersarchiv – Abteilung Aurich, Rep. 243 A 888)
Um Carl Röver (1889-1942), Gauleiter des NSDAP-Gaues Weser-Ems, 1932/33 oldenburgischer Ministerpräsident und von 1933 bis zu seinem Tod Reichsstatthalter in Oldenburg und Bremen, rankt sich ein bis heute lebendiges Mythengeflecht. Seine Biographie hingegen ist bislang so gut wie nicht erforscht.
Umso erfreulicher ist es, dass sich der Oldenburger Historiker Dr. Joachim Tautz aktuell mit der Person Carl Rövers auseinandersetzt. In seinem Vortrag im Rahmen der landeskundlichen Vorträge von Landschaftsbibliothek und Auricher Archiv stellt er Rövers Entwicklung in ihrem politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext dar und gibt einen Einblick in seine Arbeit an der Biographie eines auf regionaler Ebene führenden Nationalsozialisten.
Abb. 2: Der Vortragende Dr. Joachim Tautz
Dr. Joachim Tautz:
„Carl Röver (1889-1942). Zur Biographie des Gauleiters des NSDAP-Gaus Weser-Ems“.
Zeit: 19. September 2022; 19.30 Uhr
Ort: Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5, 26603 Aurich
Der heute in seinem Kern wohl attraktivste Sielhafenort an der ostfriesischen Nordseeküste verdankt seine Anziehungskraft seiner über Jahrhunderte hinweg währenden Platzkontinuität. Landverluste wie Landgewinne hatten in seinem Falle bis heute zu keiner Verlegung gezwungen, sondern zu einem historisch gewachsenen Ortsbild führen können. Der seit dem späten 14. Jahrhundert in Urkunden überlieferte altfriesische Ortsname Grede, Greed,Greet, Greit, Gret, Griet u.a.1 bedeutet „Grasland“, „Weideland“ eines angeschwemmten Außendeichslandes, und er konnte nach dessen Eindeichung als „neu eingedeichtes Land“ und damit für diesen so entstandenen Groden weiterhin gelten, zumal der Begriff Grode mit Grede verwandt ist.2 Dieses traf auch im Falle von Greet(siel) zu, wo einerseits nordöstlich von Hauen – im damaligen Kirchspiel Pilsum – wie andererseits nördlich von Appingen – in dessen Kirchspiel am Südufer der Leybucht – neues Land zunächst angeschwemmt und sodann eingedeicht worden war. An den Verlauf des ehemaligen Deiches jenes älteren Grodens nordöstlich von Hauen dürfte sich heute der von Westen nach Greetsiel führende Escherweg orientieren, der südseits von Resten dieses Deiches in Gestalt einer Reihe kleiner Erdhügel begleitet wird.3 (Abb. 1) Der heutige Flurname für diesen älteren sowie den anschließenden jüngeren Groden ist „Escher“ – infolge der neuen Nutzung als Ackerland.4
Die beiden Groden bzw. „Escher“ stammen also aus verschiedenen Zeiten, was auch daran abzulesen ist, dass die Häuptlingsfamilie Cirksena im jüngeren Groden im Unterschied zum älteren durchaus ansehnlich besitzend war, weil dieser erst nach 1375 und damit unter ihrer Führung entstanden ist. Hingegen sind sie in dem älteren, von ihnen bereits vorgefundenen Groden erst nachträglich durch An- und Zukauf zu Grundbesitz gekommen. Die Flur des jüngeren Grodens war in seiner östlichen Hälfte noch im späten 19. Jahrhundert in sehr schmale Streifen aufgeteilt, die abwechselnd vom Besitzer des Steinhauses, der Kirche und der Armengemeinde besessen wurden, während in der Mitte für den Anteil am Burgland unterschiedlich breite Streifen zusammengelegt worden waren. Der Grundbesitz, mit dem das Steinhaus wie die Kirche bei ihrer Gründung zunächst ausgestattet werden konnten, lag dagegen im älteren Groden.
Arend Remmers, Von Aaltukerei bis Zwischenmooren. Die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade, Leer 2004, S. 82, 258f.; Ders., Flurnamen, 2011, S. 29f; August Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Darmstadt 1965, S. 129. [↩]
Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes vom frühen 13. bis zum späten 15. Jahrhundert in zwei Teilen, Aurich 1973, Bd. 2, Karten Nr. 2, 11; Hans Homeier, Der Gestaltwandel der ostfriesischen Küste im Laufe der Jahrhunderte. Ein Jahrtausend ostfriesischer Deichgeschichte, in: Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 2, Leer 1969, S. 3 – 75, hier: Karte Nr. 9, S. 15. S. Karte 1. [↩]
Remmers, S. 19. Nördlich von Wirdum hieß ein Stück eingedeichtes Neuland denn auch „Grederescher“; vgl. van Lengen, Emsigerland. Bd. 2, Karte 9. [↩]
Die (Bau-) Geschichte der evangelisch-reformierten Kirche zu Uttum (Ldkr. Aurich), dieses „Glaubens- und Zufluchtsortes im Wandel der Zeit“ zu erarbeiten – das war ein Herzenswunsch von Gesine Janssen. Anfang 2022 konnte sie sich ihren Wunsch erfüllen und ihre Recherchen zur Kirchengeschichte Uttums abschließen und in einem reich bebilderten Band vorstellen. Kurz darauf verstarb sie am 8. Februar 2022 im Alter von 73 Jahren in Uttum.
In Ostfriesland und besonders in Emden hat sich Gesine Janssen einen Namen bei der Erarbeitung der Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der Emder Juden während des Nationalsozialismus gemacht. Sie veröffentlichte als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg eine Studie über den jüdischen Arzt Dr. Julian Kretschmar, der rechtzeitig nach Palästina flüchten konnte,1 arbeitete an der videobiografischen Zeitzeugen-Reihe überlebender Emder Juden mit und verfasste Biografien für das Emder Stolperstein-Projekt.
Gesine Janssen waren die Forschungen zur Kirchengeschichte Uttums ein wichtiges Anliegen. Neben den bauhistorischen Betrachtungen und der Einordnung in die Geschichte der reformierten Kirche wird an einigen Stellen auch die ganz persönliche Faszination der Autorin deutlich, wenn sie z.B. von der Bedeutung der Kirchengemeinde, der Gemeinschaft der Gläubigen schreibt, für die Dorfkirchen als „Zeichen in der Zeit“, von einer „anderen Dimension des Lebens“ berichten (S. 15). Die fast 800jährige Geschichte der Kirche bettet sie deshalb auch immer wieder in den Kontext der religiösen Strömungen der Jahrhunderte ein.
Akribisch und ausdauernd hat die Autorin die vorhandene Literatur ausgewertet und die Ergebnisse zusammengeführt und in Archiven (darunter im Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich und besonders im Kirchenarchiv der evangelisch-reformierten Gemeinde Uttum) nach weiteren Quellen recherchiert.
Die Kirche in Uttum ist ein äußerst bemerkenswerter Sakralbau und steht weithin sichtbar auf einer Dorfwarf in der Krummhörn. Die Anfänge des mächtigen spätromanischen Backsteinbaus lassen sich in die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückdatieren. Im Jahr 1276 wurde die St. Paulus Kirche vom Bischof von Münster zur Send- und Probsteikirche ernannt, ein Hinweis auf deren Bedeutung im Mittelalter. Der monumentale Turm, erbaut 1527, gehörte zu den bedeutendsten Turmanlagen Ostfrieslands. Leider musste er aufgrund der instabilen Bodenverhältnisse Anfang der 1930er Jahre wegen Einsturzgefahr abgebrochen, umgebaut und verkleinert werden, ein Vorgang, der mit Hilfe historischen Fotomaterials eindrucksvoll dokumentiert werden konnte.
Gesine Janssen, Deutschland lag hinter uns. Dr. Julian Kretschmer, Emden: “Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933”, Emden 2018. [↩]