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“Ich ersterbe in tiefster Devotion”. – Der “Neue ostfriesische Briefsteller”, Aurich 1797

Das Schreiben von (elektronischen) Briefen und Nachrichten ist auch heute noch eine oft unbeliebte Übung, weil man sich gegebenenfalls entscheiden muss, welche Ansprache, welcher Ton oder welche Grußformel angemessen ist für den Adressaten oder für die Adressatin. Wer in solchen Dingen unsicher ist, kann Rat suchen in sog. „Briefstellern“. Diese Ratgeber-Kategorie, die heute weitgehend aus der Mode gekommen ist, hat über die Jahrhunderte hinweg ihren Markt gefunden. Briefmustersammlungen sind seit der Antike bekannt. Sie wurden in der frühen Neuzeit als „Kanzleibüchlein“ bezeichnet und blieben meist als Hilfsmittel in den Amtsstuben. Aber in den Zeiten der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert gewannen die „Briefsteller“ eine zunehmende öffentliche Bedeutung, weil auch der private Briefverkehr eine erhebliche Steigerung erfuhr und die Postdienstleistungen stark ausgebaut wurden.1 Ein immer lesefähigeres Publikum benötigte auch Hilfestellungen für das stilgerechte und sozial angemessene Verfassen von schriftlichen Nachrichten. Angesichts einer stark ständisch und hierarchisch gegliederten Gesellschaft tauchte bei den weniger im Schreiben Geübten natürlich die Frage auf: Wer verdient welche Anrede? „Briefsteller“ boten dabei eine Hilfe. Sie wurden aber nicht nur als Titularbuch zur Hand genommen, sondern enthielten als Gebrauchsliteratur häufig auch Sprachlehren oder orthographische Lexika. Als Etikette-Ratgeber konnten sie ebenfalls oft dienen, und sie boten durchaus Ratschläge für besondere Lebenssituationen. Vor dem Hintergrund des sich hebenden Bildungsstandes wurden „Briefsteller“ um 1700 zu sehr erfolgreichen Buchprodukten. Allein in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden etwa 150 Anleitungen für das Schreiben von Briefen veröffentlicht,2 und einzelne Briefsteller erlebten bis zu 70 Auflagen. Gotthold Ephraim Lessing bezeichnet deshalb 1751 die Autoren von „Briefstellern“ als „Modeskribenten in Deutschland“.3

Abb. 1: Titelblatt des Neuen Ostfriesischen Briefstellers …, Aurich 1797 (Signatur: LBA: x 1440)

Auch in Ostfriesland wurden Briefsteller früh als hilfreiche Ratgeber wahrgenommen. Die ältesten Exemplare in der Landschaftsbibliothek in Aurich wurden 1591 in Venedig und 1601 in Antwerpen gedruckt.4 Der jüngste Ratgeber aus dem Bibliotheksbestand stammt aus dem Jahr 2000 und enthält bereits Hinweise für das Verfassen von E-Mails und Textnachrichten auf dem Handy.5

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  1. Carmen Furger, Briefsteller. Das Medium „Brief“ im 17. und frühen 18. Jahrhundert, Köln 2010, S. 12. []
  2. Furger, S. 43. []
  3. Gotthold Ephraim Lessing, Werke. Band 3, München 1970 ff., S. 73-77. []
  4. Signaturen in der Landschaftsbibliothek (LBA): Q 1061; Q 458 (6). []
  5. Gabi Neumayer (Hrsg.), Briefe für jede Gelegenheit. Der neue Briefsteller mit über 150 Musterbriefen. Extra: Messages per e-mail & Handy, Niedernhausen/Ts.  2000; Signatur LBA: x 78754. []

“Heel wat besünners” – Eine Online-Ausstellung zeigt 700 Jahre ostfriesische Geschichte

Ein Gastbeitrag von Laura-Sophie Bönemann

Seit über 150 Jahren werden in Aurich, genauer gesagt in der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs (früher: Staatsarchiv Aurich), Zeitzeugnisse aus 700 Jahren ostfriesischer Geschichte verwahrt, konserviert und kommuniziert – wie die Historie zeigt, keine Selbstverständlichkeit.

Als Ostfriesland im Jahr 1866 der preußischen Provinz Hannover unterstellt wurde, erschien der Erhalt des Archivstandorts Aurich als „kulturelles Gedächtnis“ der Region alles andere als gesichert. Die preußische Regierung äußerte ab 1868 Pläne, den Sprengel des Staatsarchivs Osnabrück im Sinne finanzieller Einsparungen auf Ostfriesland auszuweiten und das Auricher Archiv in eben dieses einzugliedern.1 Schließlich seien die „Bestände […] nicht groß, die Benutzung gering, […]“ und Aurich nicht geistiges und kommerzielles Zentrum des Landes.2 Die ostfriesische Bevölkerung reagierte auf derartige Überlegungen mit eindringlichem Protest – und das mit Erfolg. Es war ihre Gegenwehr, welche die Entscheidungsfindung bis zur letztlichen Ablehnung einer Zusammenlegung anleitete. Nach einem Bericht des Landdrosten in Aurich aus dem Jahr 1870 wären die „praktischen Bedürfnisse der Behörden“ und der „Lokalpatriotismus der Ostfriesen“ primäre Faktoren für einen Verbleib.3 Folglich kam es am 9. April 1872 zur Gründung des Königlich Preußischen Staatsarchivs am Standort Aurich.

Anlässlich des Gründungsjubiläums konzipierte das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich (NLA Aurich) 2022 die Ausstellung „Heel wat besünners“ („Ganz was Besonderes“), wobei über herausragende Objekte des Archivbestands Schlaglichter auf besondere Episoden der regionalen Geschichte geworfen werden. Jetzt ist die Ausstellung neu aufbereitet und in virtueller Form wieder zugänglich. Seit dem 20. Januar 2023 ist sie unter dem Link https://ndslandesarchiv.pageflow.io/ostfriesland abrufbar.

„“Heel wat besünners” – Eine Online-Ausstellung zeigt 700 Jahre ostfriesische Geschichte“ weiterlesen
  1. Vgl. Günther Möhlmann / Joseph König, Geschichte und Bestände des Niedersächsischen Staatsarchivs in Aurich, Göttingen 1955, S. 64 f. und Michel Hermann, Mittelpunkt und Träger der ostfriesischen Geschichte? Das staatliche Archiv in Aurich seit seiner Gründung vor 150 Jahren, in: Emder Jahrbuch 102, 2022, S. 108 f. []
  2. Hermann, Mittelpunkt und Träger der ostfriesischen Geschichte, S. 108. []
  3. Möhlmann / König, Geschichte und Bestände des Niedersächsischen Staatsarchivs, S. 64 f. []

Am 23. Januar 2023 findet der erste landeskundliche Vortrag in diesem Jahr statt – im Fokus stehen die Ödlandkultivierung und der Torfabbau in Nordwestdeutschland

Maschineller Torfabbau in Wiesmoor, um 1930
Abb. 1: Maschineller Torfabbau in Wiesmoor, um 1930 (NLA AU Rep. 243 acc. 2019/11 Nr. 89)

Im ersten Vortrag der gemeinsam von der Landschaftsbibliothek und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich organisierten landeskundlichen Vortragsreihe in diesem Jahr befasst sich der Leiter des Emsland Moormuseum, Dr. Michael Haverkamp, am 23. Januar 2023 im Landschaftsforum mit der Entwicklung des Torfabbaus bis zur Etablierung eines Niedersächsischen Moorschutzprogramms in den 1980er Jahren.

Die Nutzung der nordwestdeutschen Moore – ob industriell oder im Rahmen der Ödlandkultivierung – erlebte erst ab den 1880er Jahren den Aufschwung, der ein nennenswertes wirtschaftliches Potenzial entfaltete. Getragen wurde dieser Anstieg von der hohen Nachfrage nach Weißtorfproduktion für die im Industriezeitalter stark wachsenden Städte sowie der Notwendigkeit, landwirtschaftliche Nutzflächen auszudehnen, um die wachsende städtische Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Schwarztorfe als Brennstoff hatten zu diesem Zeitpunkt der Geschichte keine überregionale wirtschaftliche Relevanz. Dabei unternahm die preußische Regierung spätestens ab1866 erhebliche administrative Anstrengungen, um die wirtschaftliche Nutzung der landeseigenen Moore zu forcieren und zu steuern. Neben der Ödlandkultivierung auf Hochmoor standen auch die Verbesserung des Torfabbaus, die Torfweiterverarbeitung und die Produktentwicklung sehr intensiv im Fokus von Forschung und Industrie. Das 20. Jahrhundert brachte schließlich die Etablierung von Torf im Erwerbsgartenbau, was den Torfabbau in Deutschland noch einmal stark forcierte.

Dr. Michael Haverkamp
Abb. 2: Leiter des Emsland Moormuseums, Dr. Michael Haverkamp

Dr. Michael Haverkamp, Emsland Moormuseum

„… mit dem allmählichen Abgraben des Moores wird eine rationelle Cultur und ausgedehnte Colonisation eintreten …“ – Ödlandkultivierung und Torfabbau in Nordwestdeutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Zeit:                23. Januar 2023; 19.30 Uhr

Ort:                 Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5

Eintritt:           5,00 €

Michael Hermann

(Red.: G.K.)

Spion und Landesverräter? Der friesische Diplomat und Historiker Lieuwe van Aitzema (1600-1669) und seine Geschichte der Vereinigten Niederlande (1655-1671)

Ein Beitrag von Dr. Paul Weßels

Die politische Entwicklung in den benachbarten Niederlanden war stets von besonderer Bedeutung für Ostfriesland. Das mag der Grund dafür sein, dass eines der zentralen zeitgenössischen Werke zur Geschichte des „Goldenen Zeitalters“ der Niederlande im 17. Jahrhundert, das man ansonsten eher selten in deutschen Bibliotheken findet, in der Landschaftsbibliothek in Aurich gleich zweimal vorhanden ist: die „Geschichte der Angelegenheiten von Staat and Krieg der Vereinigten Niederlande“ von Lieuwe van Aitzema („Historie of Verhael Van Saken van Staet En Oorlogh, In, ende ontrent de Vereenigde Nederlanden“). Drucker aller Bände war der „Boeckverkooper in de Gort-Straet“ Jan (Johan) Veely aus Den Haag.

Abb. 1: Titel des ersten Bandes der Geschichte der Niederlande von Lieuwe von Aitzema, den Haag, 1655-1672.

Die erste, aus 14 Bänden bestehende Serie in der Auricher Bibliothek stammt aus der Büchersammlung des preußischen Regierungspräsidenten von Derschau (1714 -1799) und war ursprünglich im Besitz der ostfriesischen Grafen und Fürsten. Sie ist in hellem Leder eingebunden, und zentral auf der Vorder- und Rückseite der Buchdeckel ist das eingeprägte gräflich-fürstliche Wappen zu erkennen.

Die Bücher dieser Serie sind zwischen 1655 und 1672 erschienen. Bei dem ersten Band handelt es sich noch um einen mit 16 x 23 cm etwas größerformatigen Band der „Erweiterten Geschichte der Friedensverhandlungen der Vereinigten Niederlande“, der Entwicklungen der Jahre 1621 bis 1626 zum Gegenstand hat. Die weiteren, kleinerformatigen Ausgaben decken schließlich die Geschichte bis zum Jahr 1669 ab. Die Bücher aus der fürstlichen Bibliothek wirken wenig benutzt, zeigen aber Anstreichungen und kurze Anmerkungen von fremder Hand vor allem in Ostfriesland betreffenden Teilen.1

„Spion und Landesverräter? Der friesische Diplomat und Historiker Lieuwe van Aitzema (1600-1669) und seine Geschichte der Vereinigten Niederlande (1655-1671)“ weiterlesen
  1. Signatur LBA: Q 819 (1 – 14). []

Private Sammlungen: Zwischen Schatzkästlein und Bürde

Ein Gastbeitrag von Dr. Nina Hennig1

Museen und Sammlungen

In der Arbeitsgemeinschaft Museen und Sammlungen in Ostfriesland, kurz AG MuSa, sind aktuell 58 Einrichtungen kollegial miteinander verbunden. Diese Gruppe dürfte nahezu alle Museen und Sammlungen der drei ostfriesischen Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie aus Emden widerspiegeln, die sich auch öffentlich präsentieren. Sie werden im Folgenden einen Schwerpunkt der Informationen und Gedanken bilden.2

Abb. 1: Kiek mal rin: Museen und Sammlungen in Ostfriesland (Serie von Postkarten), hrsg. von der Museumsfachstelle der Ostfriesischen Landschaft, Projekt MOBiLe, 1990 (NLA AU Rep. 243 S 16)

Mir ist bewusst, dass es darüber hinaus auch rein private Sammlungen gibt – wahrscheinlich sehr viele! Über ihre Anzahl und Inhalte kann ich aber leider mangels Wissen keine definitiven Aussagen, höchstens Vermutungen anstellen und werde später weitere Gedanken formulieren.

Ich möchte damit beginnen, die existierenden Sammlungen und Museen vorzustellen. Wie gesagt, es sind fast 60, zu denen öffentlich zugängliche Informationen vorliegen und die grundsätzlich besichtigt werden können. Und: ein Drittel der Museen ist hauptamtlich geleitet! Das kann allerdings jeweils etwas sehr Unterschiedliches bedeuten. Im besten Fall gibt es mehr als sechs Personen, die sich um die Sammlung, ihre wissenschaftliche Erforschung, Präsentation, Vermittlung und ihre – konservatorisch korrekte – Magazinierung kümmern können, sowie weitere, die Verwaltungs- und technische Aufgaben erfüllen. Im entgegengesetzten – ich will keinesfalls schlechtesten Fall sagen, denn die Qualität hängt nie allein an der Menge des Personals – ist dafür gesorgt, dass die Kasse während der evtl. recht eingeschränkten Öffnungszeiten besetzt ist.

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  1. Schriftliche Fassung des gleichnamigen Vortrags, gehalten auf der Veranstaltung „Archive als ‚Mittelpunkt und Träger‘ für die Erforschung der ostfriesischen Geschichte? Öffentliche Tagung des Niedersächsischen Landesarchivs anlässlich der Errichtung des Königlich Preußischen Staatsarchivs in Aurich am 9. April 1872“ am 24. Juni 2022 im Forum der Ostfriesischen Landschaft, Aurich. Siehe auch den entsprechenden Tagungsbericht von Michael Hermann im Blog für ost-friesische Geschichte, 2022, https://ostfrhist.hypotheses.org/1416 [zuletzt abgerufen am 23.11.2022]. []
  2. Informationen zu den Museen, die Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Museen und Sammlungen in Ostfriesland sind unter: https://www.musa-ostfriesland.de/ [zuletzt abgerufen am 17.11.2022]. []

Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland am Beispiel der russischen Kriegsgefangenen und des KZ-Außenlagers Engerhafe

Knapp 80 Teilnehmer:innen informierten sich am diesjährigen Tag der ostfriesischen Geschichte über dieses dunkle Kapitel ostfriesischer Historie

Abb. 1: Die Vortragenden am Tag der ostfriesischen Geschichte am 19. November 2022 im Landschaftsforum: Dr. Simone Erpel und Dr. Rolf Keller (Foto: Paul Weßels)

Auch Ostfriesland hat während des Zweiten Weltkriegs sehr stark von Zwangsarbeit profitiert. Weit mehr als 300 Lager unterschiedlichster Art in über 200 Orten der ostfriesischen Halbinsel können nachgewiesen werden. Mit diesem thematischen Einstieg begrüßte Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, die knapp 80 Teilnehmer:innen, die zum 23. Tag der ostfriesischen Geschichte am Samstag, den 19. November 2022 ins Landschaftsforum gekommen waren. Die Ausrichtung der traditionellen Veranstaltung hatten in diesem Jahr die Landschaftsbibliothek und die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs gemeinsam mit dem Verein Gedenkstätte KZ Engerhafe übernommen.

Nachdem mit Unterstützung des Landkreises Aurich eine Projektstelle in Engerhafe finanziert werden konnte, um die neue Dauerstellung in der KZ-Gedenkstätte zu konzipieren, die gleichzeitig auf das System der zahlreichen Zwangsarbeitslager im Landkreis Aurich hinweist, hatten Landschaft, Archiv und Gedenkstätte bereits am 18. Mai 2022 einen Workshop organisiert, um den Stand der Forschung zur NS-Zwangsarbeit und der Zwangsarbeitslager in Ostfriesland zu diskutieren (https://ostfrhist.hypotheses.org/1241). Trotz dieser wichtigen Ansätze – so Mecklenburg – sei weiterhin „eine grundlegende wissenschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema dringend notwendig“.

„Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland am Beispiel der russischen Kriegsgefangenen und des KZ-Außenlagers Engerhafe“ weiterlesen

Vortrag über die NS-Erbgesundheitspolitik in Ostfriesland am 5. Dezember 2022 in Aurich

Abb.: Abbildungstafel aus Erwin Baur / Eugen Fischere / Fritz Lenz, Menschliche Erblehre, München 1936.

Im letzten Vortrag der gemeinsam von der Landschaftsbibliothek und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich organisierten Vortragsreihe in diesem Jahr befasst sich die Historikerin und Archivarin Kirsten Hoffmann am 5. Dezember 2022 im Landschaftsforum mit den Auswirkungen der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik in Ostfriesland.

Der „Rassegedanke“ und die „Erbgesundheit des deutschen Volkes“ waren zentrale Elemente der NS-Ideologie. Die darauf basierende „Erbgesundheitspolitik“ griff tief in die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung ein. Neben den Nürnberger Rassegesetzen und dem als Ehegesundheitsgesetz bezeichneten Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes von 1935 gehörte dazu auch das bereits 1934 in Kraft getretene Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses. Mit Hilfe der im Niedersächsischen Landesarchiv in großen Mengen überlieferten personenbezogenen Unterlagen zur NS-Zeit und ihren Folgen, hier speziell den Akten des Erbgesundheitsgerichts Aurich, wird eine erste Annäherung an die Auswirkungen der Erbgesundheitspolitik in Ostfriesland vorgenommen.

Kirsten Hoffmann, Niedersächsisches Landesarchiv

Folgen der nationalsozialistischen Erbgesundheitspolitik in Ostfriesland – Erste Ergebnisse auf Basis massenhaft überlieferter personenbezogener Unterlagen zur NS-Zeit und ihren Folgen

Zeit:                     5. Dezember 2022; 19:30 Uhr

Ort:                      Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft, Georgswall 1-5

Eintritt: 5,00 €

Michael Hermann
(Red.: P.W.)

Die Friesenfibel. Ein ABC-Buch zwischen Reformpädagogik und Heimatbewegungen im Jahr 1923

Es ist eine alte Frage aller Volksschullehrer, mit welchen Methoden und mit welchen Medien man Grundschülerinnen und Grundschülern am besten das Lesen beibringt, und zugleich ist es eine Frage, die je nach Kenntnisstand und zur Verfügung stehendem Unterrichtsmaterial sehr unterschiedlich beantwortet worden ist. Im Spätsommer und Spätherbst 1923 erschien als radikal andere Antwort auf diese Frage die zweibändige „Friesenfibel“. Äußerlich war sie noch eher unscheinbar: Mit ihrem identischen flexiblen, grünlichen Kartoneinband, schlicht gebunden und bedruckt mit einem Motiv von Fehnkanal und Windmühle hob sie sich kaum von ihrer Konkurrenz ab. Aber der Innenteil sah ganz anders aus als alles, was man bisher in Ostfriesland an Unterrichtswerken gekannt und verwendet hatte.1

Abb. 1: Titelblatt der “Friesenfiebel” von 1923

Der Schulrat in Wilhelmshaven und Herausgeber des Ostfriesischen Schulblatts, E. A. Meinecke, hob bei seinem Hinweis auf dieses neue Lehrbuch nicht nur das neue pädagogische Konzept hervor, er lobte auch „die grell und markig hingeworfenen Bilder, die voller Lust und Leben“ seien.2 Die Ausstattung der beiden Teile sei vielseitig und gefällig. Auch wenn beide Teile für ein Schuljahr „reichlich umfangreich und kostspielig“ seien, verfüge man nun mit der Friesenfibel über „ein nettes Kinderbuch“.3

„Die Friesenfibel. Ein ABC-Buch zwischen Reformpädagogik und Heimatbewegungen im Jahr 1923“ weiterlesen
  1. Andreas Baumann und Georg Schäfer (Hrsg.), Friesenfibel. Erstes Lesebuch für die Kinder Ostfrieslands, 1. u. 2. Teil, Braunschweig 1923 (Sign. Landschaftsbibliothek Aurich: x 66276 [1,2]). []
  2. M. Meinecke, Friesenfibel, in: Ostfriesisches Schulblatt (im Folgenden: OS), 19, 15. Oktober; ders., Friesenfibel II. Teil, in: OS, 22, 1. Dezember 1923, S. 439. []
  3. Meinecke, OS, 22, 01.12.1923, S. 439. []

Neue grafische Darstellung des Blogs – ein Hinweis in eigener Sache

Liebe Leser:innen des Blogs für ost-friesische Geschichte,

möglicherweise sind Sie überrascht, dass sich der Blog plötzlich in einem neuen grafischen Gewand zeigt. Dies hängt damit zusammen, dass wir kurzfristig gezwungen waren, zu einer anderen Grafikoberfläche zu wechseln.

Hintergrund ist, dass es zur Zeit eine Abmahnwelle gibt, sobald Internetseiten Google Fonts nutzen, weil damit ein Verstoß gegen die DSGVO verbunden sei (https://www.heise.de/news/Neue-Abmahnwelle-Wieder-gehen-Schreiben-wegen-Google-Fonts-raus-7322064.html). Diesem Risiko wollten wir uns nicht aussetzen, so dass wir kurzfristig – und hoffentlich auch nur temporär – zu einer anderen Grafikoberfläche gewechselt sind.

Auf die Qualität der Beiträge hat diese Veränderung natürlich keine Auswirkungen.

(Red. P.W.)

“Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland”

Zu diesem Thema bietet der diesjährige “Tag der Ostfriesischen Geschichte” am 19. November 2022 neben zwei Vorträgen im Landschaftsforum auch eine Führung über das ehemalige Lagergelände in Engerhafe an

Bereits zum 23. Mal laden die Ostfriesische Landschaft und die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs zum „Tag der Ostfriesischen Geschichte“ ein, der diesmal am Samstag, den 19. November 2022, von 9.30 bis ca. 12.30 Uhr im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft in Aurich (Georgswall 1-5) stattfindet und ab 13.30 Uhr mit einem Mittagsimbiss und einer Führung in der Gedenkstätte KZ-Engerhafe (Kirchwyk 5, 26624 Südbrookmerland) seine Fortsetzung findet.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht das Thema „Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Ostfriesland am Beispiel der russischen Kriegsgefangenen und des KZ-Außenlagers Engerhafe“. Auf die Begrüßung durch den Landschaftspräsidenten Rico Mecklenburg folgen zwei thematische Vorträge:

  • Herr Dr. Rolf Keller (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten): „‚Da erfahrungsgemäß mit Todesfällen im Lager zu rechnen ist …‘ – Arbeitseinsatz und Lebensbedingungen sowjetischer Kriegsgefangener in Ostfriesland.“
  • Frau Dr. Simone Erpel (Verein Gedenkstätte KZ Engerhafe e.V.) unter dem Titel „‚… entspricht es den Tatsachen, dass gegen Kriegsende in der Umgebung von Engerhafe die Nebenstelle eines Konzentrationslagers bestanden hat?‘ – Das KZ-Außenlager in Engerhafe zwischen juristischer Aufarbeitung, Verjährung und organisierten Vergesslichkeit der 1960er Jahre“.

Nach einer kurzen Pause berichten Herr Dr. Paul Weßels (Ostfriesische Landschaftsbibliothek) und Herr Dr. Michael Hermann (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich) wie gewohnt über „Neues aus Wissenschaft und Forschung zur ostfriesischen Geschichte“.

Am Nachmittag findet um 14.30 Uhr in Engerhafe eine Führung über den KZ-Friedhof und das ehemalige Lagergelände in Engerhafe statt. Bereits zuvor (um 13.30 Uhr) ist es möglich, an einem Imbiss im Gulfhof Ihnen in Engerhafe (Kirchwyk 3, 26624 Südbrookmerland) teilzunehmen. Die Anmeldung für den Mittagsimbiss und die Führung am Nachmittag kann bei Frau Heidrun Oltmanns in der Landschaftsbibliothek erfolgen (oltmanns@ostfriesischelandschaft.de).

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

Dr. Paul Weßels
Leiter der Landschaftsbibliothek Ostfriesische Landschaft

Dr. Michael Hermann
Leiter Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich