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Vom Fischerdorf zum Staatsbad: Karl-Wilhelm Fischers Publikation zur Frühgeschichte des Seebades Norderney

Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann

Abb. 1: Umschlagbild der Veröffentlichung

Auf den ersten Blick weckt der Titel der vorliegenden Broschüre Assoziationen zu Hermann Soeke Bakkers Dissertation „Norderney: Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad“ (1956, erw. Auflagen 1971 und 1980).1 Doch wo Bakker sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Insulaner bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs auseinandersetzte, konzentriert sich Karl-Wilhelm Fischer, langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter des Norderneyer Bademuseums, auf die schwierige Gründungsphase des Bades, während der aus einem bescheidenen ostfriesischen Fischerort ein konzessioniertes Seebad entstand.

Fischer verortet seine Darstellung im europäischen und deutschen Kontext der Badekultur um 1800. Als Vorbilder nennt er die repräsentativen Seebäder an der englischen Nordseeküste sowie den einflussreichen Aufsatz des Göttinger Professors Georg Christoph Lichtenberg von 1793, der für die Gründung eines Seebades an der deutschen Nordseeküste plädierte und auf die nachgewiesenen Heilerfolge bei Atemwegs- und Hauterkrankungen hinwies. Die Gründung des ersten deutschen Ostseebades in Bad Doberan (1794) hatte überdies bewiesen, dass ein solches Vorhaben auch an der deutschen Küste realisierbar war.

Norderney selbst präsentierte sich Ende des 18. Jahrhunderts als relativ unbedeutende Inselgemeinde, deren Bewohner ihren Lebensunterhalt vornehmlich aus Fischfang und Frachtschifffahrt bestritten. An die Errichtung eines Seebades war zunächst kaum zu denken. Den entscheidenden Impuls gab schließlich der Inselvogt Johann Gerhard Feldhausen, in dessen Haus bereits Gäste zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit logierten: 1797 wandte er sich mit einem Gesuch um finanzielle Unterstützung an die ostfriesischen Landstände.

Fischer zeichnet die kleinteilige Verwaltungsgeschichte dieses Gründungsprozesses nach. Das Gutachten des Arztes Dr. Friedrich Wilhelm von Halem, der die therapeutische Wirkung des Seebades bei chronischen Erkrankungen hervorhob, ebnete den Weg für den Grundsatzbeschluss der Landstände. In den Folgejahren standen mehrere Alternativen zur Debatte – darunter die Anlage eines Seebades in Norddeich oder die Beauftragung eines privaten Unternehmers –, bevor man sich 1800 auf die Bereitstellung von 1.500 Talern aus dem Dispositionsfonds zur Errichtung eines Conversationshauses einigte.

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  1. Vgl. Hermann Soeke Bakker, Norderney. Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Bevölkerung der Insel Norderney bis zum ersten Weltkriege (= Schriften der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens e.V., Neue Folge, Bd. 62), Bremen-Horn 1956. []

Von Westoverledingen ins Unheil

Neue Erkenntnisse zu Transportwegen und Einzelschicksalen jüdischer Einwohner im Holocaust

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Umschlag der Veröffentlichung

Als Regionalhistoriker hat Hermann Adams bereits mehrfach zur Geschichte Ostfrieslands, insbesondere Westoverledingens, veröffentlicht. Sein 2017 erschienenes Werk „Geboren in Ihrhove – Westoverledingen – im Holocaust umgekommen“ hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Vergangenheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger Westoverledingens sichtbar zu machen.

Vielfach wurde gerade erst durch diese Veröffentlichung bekannt, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Westoverledingen eine jüdische Gemeinde gab. Die von Adams vorgestellten Lebensgeschichten der Ihrhover Juden während des „Dritten Reichs“ zeugen von zunehmendem Antisemitismus, täglichen Schikanen und Gewalttaten während der Reichspogromnacht 1938 und darüber hinaus. Ursprünglich hatte Adams 14 Betroffene ermittelt; die Lebenswege von 13 von ihnen bis zu ihrem Tod im Holocaust lassen sich nachzeichnen, wie Adams 2017 zeigte.

Unter dem etwas sperrigen Titel „Transportsystem – Westerbork – Rheiderland – Westoverledingen – Leer – Bremen – ins Verderben. Das Schicksal von Max Mindus im Holocaust. Geboren in Ihrhove – In Theresienstadt überlebt“ hat Hermann Adams mit großer Akribie weitere Erkenntnisse zu den aus Ihrhove stammenden jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner zusammengetragen und zu den Wegen, auf denen sie in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Kurz vor der Einweihung eines den Westoverlediger Juden gewidmeten Denkmals ist es ihm überdies gelungen, zu zeigen, dass es mit Max Mindus einen Überlebenden des Holocaust aus der Gemeinde gab.

Die neue Publikation soll im Folgenden kurz vorgestellt werden: Einführend stellt Adams das bereits erwähnte Holocaust-Denkmal vor und geht auf die Einweihungsfeier ein. Der folgende Abschnitt präsentiert neue Erkenntnisse zu den Transporten in die Vernichtungslager im Osten, die in der Regel vom Durchgangslager Westerbork/Niederlande aus durch Ostfriesland fuhren. Zahlreiche Abbildungen u. a. von den Transportwegen respektive dem für die Transporte genutzten Schienennetz, aktuelle Belegfotos und Augenzeugenberichte bereichern diesen Abschnitt der Veröffentlichung. Besonders erwähnenswert ist hier, dass viele der Augenzeugen übereinstimmend berichten, dass nicht verborgen blieb, welche Jüdinnen und Juden unter welchen Umständen in diesen Zügen deportiert wurden,  die nicht selten auf Gleisen im Gemeindegebiet abgestellt wurden.

Als weiteres zentrales Thema der Publikation wird im nächsten Abschnitt das Schicksal von Max Mindus, der aus Ihrhove stammte, beleuchtet: Bei seiner ersten Veröffentlichung zum Thema im Jahr 2017 war Adams noch davon ausgegangen, dass sich in der Gemeinde Westoverledingen keine Überlebenden des Holocaust nachweisen lassen. Kurz vor der Einweihung des Holocaust-Denkmals im November 2019 wurde jedoch bekannt, dass der 1895 in Ihrhove geborene Max Mindus mit seiner Frau den Holocaust überlebt hatte und nach Kalifornien emigriert war. Ausführlich stellt Adams die Lebenswege von Max Mindus und seiner Frau Selma vor. Der Leser lernt ihre Elternhäuser und Familien kennen; er erfährt, dass Max Mindus als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte und mit welchen Schwierigkeiten die junge Familie Mindus schon vor der NS-Zeit zu kämpfen hatte. Auch der weitere Lebensweg von Max Mindus während und nach der NS-Zeit bis zur Befreiung des KZ Theresienstadt und Mindus‘ Übersiedlung in die USA nach dem Zweiten Weltkrieg wird eindrücklich geschildert. Sehr lesenswert ist auch die Schilderung von Mindus‘ Kampf um Entschädigung für sein in der NS-Zeit verlorenes Eigentum.

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Von Wappen und verschwundenen Gewässern bis hin zu dunklen Kapiteln der NS-Zeit

Das neue “Emder Jahrbuch” eröffnet abermals Einblicke in die ostfriesische Geschichte

Abb. 1: Umschlagbild des aktuellen Emder Jahrbuchs 2026

Dass unsere Sicht auf die Geschichte nicht statisch ist, sondern in einem fortwährenden Prozess des Entdeckens entsteht, beweist eindrücklich die neueste Ausgabe des „Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands“. In insgesamt sechs Forschungsbeiträgen, die zeitlich vom 15. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit reichen, unterstreicht der aktuelle Band, dass die Geschichte der Region durch moderne Fragestellungen ständig neu beleuchtet werden kann.

Der erste Beitrag stammt von Hanke Immega, Mitarbeiter der Landschaftsbibliothek, der sich für Ostfriesland immer mehr zu dem Heraldik-Experten entwickelt. Nachdem er im „Blog für ost-friesische Geschichte“ seit September 2025 bereits vier umfangreiche Beiträge zu verschiedenen Themen rund um ostfriesische Wappen veröffentlicht hat,1 befasst er sich im Emder Jahrbuch mit der „Entwicklung der Helmzierden des ostfriesischen Grafen- und Fürstenwappens“. Es geht darin nicht um den bekannten Wappenschild mit seinen sechs Feldern, sondern um den oberen Teil des Wappens. In seinem Aufsatz kommt Immega zu dem Ergebnis, dass die Helmzierden nicht nur den tatsächlichen Besitz, sondern darüber hinaus auch nicht verwirklichte Herrschaftsansprüche des Grafenhauses repräsentieren. Nach 1630 kam neben dem Oberwappen der Häuptlinge des Harlingerlandes auch das der Herrschaft Jever hinzu, welche die Cirksena nie in die Grafschaft integrieren konnten. Später wurde diese Helmzier durch die der Grafschaft Rietberg ersetzt, die vorher im Besitz einer Nebenlinie der Cirksena gewesen war.

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  1. Hanke Immega, Selbstvergewisserung einer fürstlichen Halbwaise. Die Heraldik im Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 24.09.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/6435; Hanke Immega, Nachahmung eines Stadtwappens mit fürstlichen Mitteln. Ein ungewöhnliches Wappen auf einer Münze Enno Ludwigs von Ostfriesland, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 05.11.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/6760; Hanke Immega, Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 1: Zur Herkunft des Norder Stadtwappens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 04.12.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042; Hanke Immega, Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 2: Das Dreililienwappen von Faldern und Oldersum, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 15.01.2026, https://ostfrhist.hypotheses.org/7301. []