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Niederländische Pläne zur Annexion Ostfrieslands nach dem Zweiten Weltkrieg

Ein Gastbeitrag von Dr. Dirkje Mulder-Boers

Eine mögliche Annexion Ostfrieslands durch die Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Thema, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern schon lange begleitet, nicht zuletzt durch die traditionellen Meinungsverschiedenheiten über den Verlauf der Grenze im Dollart.1

Nach dem Ersten Weltkrieg war eine Annexion deutscher Gebiete von niederländischer Seite nicht thematisiert worden. Allerdings hatte das Deutsche Reich die Niederlande auch nicht in den Krieg mit einbezogen, sondern deren Neutralität weitgehend respektiert. Die niederländische Regierung und die Bevölkerung der Provinz Groningen stimmten damals nicht einmal dem Versailler Vertrag zu, da sie der Ansicht waren, Deutschland bekäme durch ihn keinerlei Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Die Groninger Bevölkerung unterstützte dann auch ihre ostfriesischen Nachbarn so gut sie konnte. Sie sammelte Waren und Geld für die Ostfriesen und sorgte für vorübergehende Betreuung ihrer Kinder, sodass diese sich – vor allem im Osten der Provinz Groningen – erholen und eine Zeitlang das Elend vergessen konnten.2

Erst infolge des Zweiten Weltkriegs wurde der Kampf um deutsches Territorium, darunter auch Ostfriesland, ein wichtiges Thema. Dabei stellt sich die Frage, ob es 1945 den Niederlanden vor allem um Ostfriesland ging oder ob die Annexionsfrage nicht viel umfassender war. In diesem Beitrag soll dargelegt werden, aus welchen Gründen die niederländische Regierung im Gegensatz zu 1918/19 nunmehr eine andere Sichtweise zu möglichen Gebietsabtretungen einnahm und wie die niederländische Bevölkerung darüber dachte. Bei so einem umfangreichen Thema ist es schwer, sich allein auf Ostfriesland zu beschränken, weil es nämlich nicht nur um Ostfriesland ging, sondern allgemein um Wiedergutmachungs- und Reparationsleistungen, die die niederländische Regierung von den Deutschen forderte. Es lässt sich daher nicht vermeiden, die gesamten Maßnahmen anzusprechen, der Fokus soll aber auf Ostfriesland liegen.

Abb. 1: Niederländisches Poster „Deutsches Geld, deutsche Unterschriften, deutsche Versprechen sind wertlos. Für unsere abgesoffenen Polder, zerstörten Häfen, Eisenbahnen und Städte verlangt das niederländische Volk deutsches Territorium ohne Deutsche“ (August 1945) (Stadsarchief Deventer)
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  1. Der Text basiert auf zwei Vorträgen, die von der Autorin in Leer (11.11.2017) und Aurich (23.05.2025) – im Rahmen einer Tagung zur 80. Wiederkehr des Kriegsendes – gehalten wurden; vgl. https://ostfrhist.hypotheses.org/5918 [17.07.2025]. Grundlegend zum Thema ist die Dissertation der Verfasserin; vgl. Dirkje Mulder-Boers, De grens getrokken. Noord-Nederlandse grensbewoners tussen 1914–1964, Assen 2020, für diesen Beitrag vor allem Kapitel 5. Vgl. auch Louis de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de tweede wereldoorlog, Band 9/1, ‘s-Gravenhage 1979, S. 660–669. [↩]
  2. Mulder-Boers, Grens getrokken, S. 74–75 mit Verweis auf lokale Zeitungsberichte wie den Winschoter Courant aus dem Frühjahr 1920. Die ostfriesischen Tageszeitungen sollen zu diesen Hilfsaktionen geschrieben haben, man liebe in Holland mehr als anderenorts die Kinder. [↩]

Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 1: Zur Herkunft des Norder Stadtwappens

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Seit über fünfhundert Jahren führt die Stadt Norden ihr sehr prägnantes Wappen, das drei goldene Sporenräder in Blau zeigt. In der großen Ausführung des Wappens hält der heilige Andreas, im Mittelalter der Stadtpatron, den Wappenschild (Abb. 1).

Abb. 1: Wappen der Stadt Norden mit dem heiligen Andreas als Schildhalter. Ausschnitt aus einem der beiden Wappenfenster im sogenannten Prunkzimmer der Ostfriesischen Landschaft, Aurich, 1914 (Foto: Hanke Immega)

Dieses Wappen ist schon in nahezu identischer Form auf einem Stadtsiegel aus dem Jahr 1498 zu sehen.1 Allerdings scheint es sich hier im Wappenschild eher um Sterne zu handeln, denn den drei Wappenfiguren fehlen die mittigen Achslöcher. Auf späteren Siegeln sind sie hingegen deutlich zu erkennen (Abb. 2). Ob es sich ursprünglich um Sterne oder Sporenräder gehandelt hat, ist umstritten; beide Varianten kommen über längere Zeit nebeneinander vor.

Abb. 2: Siegel der Stadt Norden an einer Urkunde vom 7. November 1599 (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich, Rep. 1, Nr. 821)

Allgemein wurde und wird angenommen, dass das Norder Wappen auf die Häuptlingsfamilie Idzinga zurückgeht.2 In Siegeln der Mitglieder dieser Familie lässt sich das allerdings offenbar nicht nachweisen. Hicko Ychenga oder Idzinga von Norden siegelte 1340 mit einem Adler, einem der ältesten erhalten Häuptlingssiegel überhaupt (Abb. 3). Allerdings handelt es sich hier vermutlich noch nicht um ein Wappen im eigentlichen Sinne. Der Adler steht frei im rautenförmigen Siegel und ist in unheraldischer Seitenansicht zu sehen. Ob es sich tatsächlich um einen Adler oder einen anderen Vogel handeln soll, ist ebenfalls nicht eindeutig zu erkennen.

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  1. Vgl. Ernst Friedländer (Hrsg.), Ostfriesisches Urkundenbuch, Bd. 2, Emden 1881, S. 575 / Nr. 1582. Abbildung in: Ufke Cremer, Norden im Wandel der Zeiten, Norden 1955, S. 1. [↩]
  2. So z. B. bereits Heinrich Bernhard von dem Appelle, Collectanea heraldica, 1713 (NLA AU, Dep. 1 Msc, Nr. 59, S. 138) oder aktuell Hajo van Lengen, Die ostfriesischen Wappen. Das Fürstenwappen und das Landschaftswappen, Aurich 2018, S. 21–22. [↩]

Wübbe Ulrichs Jütting (1825-1890) – Vom ostfriesischen Bauernsohn zum preußischen Reformpädagogen

Eine Würdigung zum 200. Geburtstag

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Stahlstich von Wübbe Ulrichs Jütting (um 1900), gefertigt in der 1840 in Leipzig gegründeten graphischen Anstalt der Stahl- und Kupferstecher August Weger (1823–1892) und Theodor Weger jun. (1838–1892), die für Bildnisse berühmter Personen bekannt war (Landschaftsbibliothek Aurich, x 5014)

Wenn im November 2025 der zweihundertste Jahrestag der Geburt Wübbe Ulrichs Jüttings begangen wird, erinnert man sich weit über Ostfriesland hinaus an einen Reformpädagogen, dessen Kampf gegen die Existenznot der Volksschullehrer und für die Professionalisierung des Lehrerstands nichts von seiner historischen Bedeutung verloren hat. Jütting war einer der ersten Pädagogen, der erkannte, dass die Qualität der Bildung untrennbar mit den Lebensbedingungen der Lehrenden verbunden ist.1

Wübbe Ulrichs Jütting wurde am 9. November 1825 in Holte geboren und wuchs in einem kleinbäuerlichen Elternhaus in ausschließlich plattdeutscher Umgebung auf. Seine ersten Schulerfahrungen waren durch sprachliche Barrieren geprägt, da in der Dorfschule ausschließlich auf Hochdeutsch unterrichtet wurde, also in einer Sprache, die dem Bauernjungen zunächst fremd war. Diese frühe Erfahrung sollte sein späteres pädagogisches Wirken nachhaltig prägen.

In der Schule des Nachbarorts Rhaude fühlte sich Jütting wohler, da der dortige Lehrer überwiegend Plattdeutsch mit seinen Schülern sprach. Allerdings mangelte es diesem an der Fähigkeit, die hochdeutsche Sprache angemessen zu vermitteln. Trotz dieser Widrigkeiten bildete sich Jütting autodidaktisch weiter und fiel bei einer Schulinspektion durch seine überdurchschnittlichen Leistungen auf. Der vorgeschlagene Gymnasialbesuch scheiterte jedoch an den finanziellen Möglichkeiten der Familie.

Stattdessen bereitete sich Jütting in der damals üblichen Weise auf den Lehrerberuf vor: durch eigenständiges Lernen und die Anleitung erfahrener Lehrer. Zwei Theologiestudenten – einer davon aus Potshausen – nahmen sich des begabten Jungen an und förderten ihn in Deutsch, Latein und Französisch. Bemerkenswert ist, dass Jütting bereits mit 15 Jahren vertretungsweise eine Lehrerstelle für 120 Schüler verwaltete, was sowohl seine Fähigkeiten als auch die schlechte Situation der damaligen Bildungsverhältnisse widerspiegelt.

Mit 16 Jahren bewarb er sich um die Lehrerstelle seines Heimatorts, wurde jedoch von den Eltern mit der bemerkenswerten Begründung abgelehnt, er sei dafür viel zu gelehrt. Diese Ablehnung durch die eigene Dorfgemeinschaft mag verletzend gewesen sein, hinderte Jütting jedoch nicht an seiner weiteren Entwicklung. Ab Ostern 1842 war Jütting in Pogum als Lehrersgehilfe tätig, dann wurde er selbst Lehrer in Schatteburg. Seine erste reguläre Stelle übernahm er Anfang 1848 als Lehrer, Organist und Küster zu Schott bei Marienhafe.

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  1. Vgl. zur Biografie von Jütting vor allem Hajo Jelden, [Art.] Wübbe Ulrichs Jütting, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. 1, Aurich 1993, S. 215–217; vgl. auch Franz Meis, Dr. W. U. Jüttings Leben, Wirken und Schaffen, Leipzig [um 1900] sowie Otto W. Beyer, Deutsche Schulwelt des neunzehnten Jahrhunderts in Wort und Bild, Wien 1903, S. 136–138. [↩]

100 Jahre Friesenkongresse – Beginn, Entwicklung und erste Bilanz

Festvortrag zur Jubiläumstagung des Interfriesischen Rates am 17. Oktober 2025 im Audienzsaal des Schlosses zu Jever1

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Steensen (Nordstrand)

Einhundert Jahre Friesenkongresse – das sind 29 Tagungen mit Menschen aus allen Winkeln der friesischen Lande und weit darüber hinaus. Es sind ungefähr 150 Vorträge mit neuen Erkenntnissen über die Friesen und die Frieslande, mal wissenschaftlich-sachlich und analytisch, mal spröde und knochentrocken, mal leidenschaftlich oder gar pathetisch. Es sind ungezählte Sitzungen, „Workshops“, Auftritte von Trachten-, Tanz- und Musikgruppen, feierliche friesische und plattdeutsche Gottesdienste. Es sind mehrere Hunderttausend, vielleicht Millionen Kilometer, die in interfriesischen Zusammenhängen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den Niederlanden zurückgelegt wurden, zumeist mit Personenautos und Omnibussen, manchmal mit dem Fahrrad, mit der Eisenbahn und auch mit dem Schiff. Die Friesenkongresse bilden gewiss das Kernstück der interfriesischen Zusammenarbeit. Aber daneben gibt oder gab es die ebenfalls dreijährlichen Fahrten nach Helgoland, die Bauerntreffen, Tagungen von Kommunalpolitikern, Jugend- und Studentenlager, Frauentreffen. Ungezählt sind die Briefe, Telefonate, Telefaxe, E-Mails, „Posts“ in den „sozialen Medien“. Ungezählt sind auch die Presse-, Radio und Fernsehberichte. Erst dadurch erfuhr so mancher Friese, dass es überhaupt andere Frieslande gab und gibt. Dennoch ist das Wissen übereinander weithin gering ausgeprägt. Ich erfuhr dies auf meiner Fahrradtour durch West- und Ostfriesland, als ich erzählte, dass ich aus Nordfriesland komme. „Ach so, ganz aus Mecklenburg-Vorpommern …“, erhielt ich zur Antwort.

Viel Papier wurde produziert. Allein die Protokolle des Friesenrates oder seit 1999 Interfriesischen Rates, der ja gewissermaßen die Klammer für all das bildet, umfassen rund tausend Seiten; mit einiger Mühe haben meine Frau und ich mittlerweile mit einer Ausnahme sämtliche Protokolle von der Gründung bis zum Jahr 2000 in fünf verschiedenen Archiven ermitteln können, die meisten in Aurich. Ideen wanderten hin und her, Erfahrungen wurden ausgetauscht, nicht selten eiferte man in einem Friesland dem Vorbild des anderen nach. Grundsätzliche Diskussionen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Friesen wurden geführt. Dabei dürfte so mancher Teepunsch, Friesengeist, Beerenburger konsumiert worden sein. Interfriesische Impulse führten zu bemerkenswerten Ergebnissen – oder aber, was wohl noch häufiger geschah, sie lösten sich in Luft auf, gerieten in Vergessenheit. Interfriesische Freundschaften sind entstanden. Interfriesische Ehen wurden geschlossen – und zum Teil wieder geschieden. Tausende Menschen aus den Frieslanden sind sich begegnet und nähergekommen – dies ist, um es in einer Bilanz nach einhundert Jahren gleich am Beginn zu sagen, gewiss das Wichtigste.

All das hat in diesem prachtvollen Saal im Schloss zu Jever einen Anfang genommen. Am 4. und 5. August 1925 kamen hier etwa 80 Vertreter aus den friesischen Gebieten, außerdem Wissenschaftler und weitere Interessierte aus Deutschland und den Niederlanden zu dem – später so bezeichneten – ersten Friesenkongress zusammen. In Nordfriesland war vom ersten „Allfriesentag“ die Rede, in Westfriesland vom „Great Frysk Kongres“ und „Friezendei“, in Ostfriesland zumeist von der ersten „friesischen Geschichtstagung“, dem „Friesentag“ oder auch der ersten „Allfriesentagung“. Diese Bezeichnung behagte manchen Westfriesen nicht, denn sie lasse an das „Alldeutschtum“ denken. In der gedruckten Einladung hieß es unverfänglich: “Zusammenkunft von Freunden friesischer Geschichte und Literatur”.

Abb. 1: Tagungsort des ersten Friesenkongresses 1925: das Schloss zu Jever; auch der „Jubiläumskongress“ 75 Jahre später wurde hier gehalten (Foto: Thomas Steensen, 2019).

Warum geschah dies gerade in Jever? Warum nicht in Aurich und damit nahe an der von Mythen umwehten friesischen „Weihestätte“, dem Upstalsboom? Warum traf man sich nicht in der westfriesischen Hauptstadt Ljouwert/Leeuwarden, der weltweit größten friesischen Stadt? Warum nicht auf Helgoland, früher manchmal als eine Art Zentralheiligtum der Friesen betrachtet? Warum nicht in Nordfriesland, sagen wir: in Bredstedt?

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  1. Gedankt sei Arno Ulrichs, dem Vorsitzenden des Interfriesischen Rates, für die Einladung und Volker Landig für die organisatorische Vorbereitung in Jever, außerdem Antje Sander für die Gastfreundschaft im Schloss und Froukje de Jong-Krap, die freundlicherweise die westfriesischen Verse vortrug. Der Vortragstext wurde leicht überarbeitet und ergänzt. – Der Verfasser arbeitet an einer umfassenden Darstellung zu den „interfriesischen“ Verbindungen zwischen Nord-, Ost- und Westfriesen. Darin werden die Quellen- und Literaturangaben detailliert aufgeführt. [↩]

Nachahmung eines Stadtwappens mit fürstlichen Mitteln. Ein ungewöhnliches Wappen auf einer Münze Enno Ludwigs von Ostfriesland

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Unter den Münzprägungen der ostfriesischen Cirksena fällt ein Silbergulden (Florin) Enno Ludwigs (1632–1660, regierender Graf seit 1651) durch eine ungewöhnliche Wappendarstellung auf. Unter Rudolf Christian (1602–1628, Graf seit 1625) war endgültig der heute noch bekannte Schild mit sechs Feldern eingeführt worden (Abb. 1). Spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde auf den Münzen das ostfriesische Grafen- bzw. Fürstenwappen nur noch in dieser Form oder als einfacher Harpyienschild dargestellt.

Abb. 1: Das ostfriesisches Fürstenwappen an der “Alten Wache” in Aurich. Der Schild zeigt die sogenannte Harpyie in Feld 1 für die Häuptlingsfamilie Cirksena, das Adlerwappen der tom Brok in Feld 2, den Rautenbalken mit den Monden für Gela von Manslagt in Feld 3, das Löwenwappen der Ukena in Feld 4 sowie den Bären und die Geißeln für das Harlingerland in Feld 5 und 6. Die Beizeichen zu den ersten beiden Feldern (Sporenräder bei der Harpyie, Kronen beim Adler) sind nicht zu erkennen. Umgeben ist der Schild von einem Kranz aus Orangenzweigen, dem Symbol des in den Niederlanden regierenden Hauses Oranien. Außerdem ist er mit einer Fürstenkrone bekrönt. Diese Kombination deutet auf Enno Ludwig hin, der mit Henriette Catharina von Oranien verlobt war und als erster Cirksena den Fürstentitel erlangte (Foto: Hanke Immega).

Der Silbergulden Enno Ludwigs weicht davon deutlich ab (Abb. 2 und 3).1 Er stammt aus seinen letzten Regierungsjahren, denn auf der für diesen Münztyp üblichen Seite mit dem kaiserlichen Doppeladler und der Wertangabe (28 Stüber) ist als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Leopold (I.) (1640–1705, Kaiser seit 1658) genannt. Auf der anderen Seite zeigt die Münze einen gevierten Schild mit zunächst einer Harpyie und kleinen Sporenrädern im ersten sowie einem Adler im vierten Feld. Bei der Harpyie handelt es sich um das Stammwappen der Cirksena, beim Adler sicherlich um den der tom Brok, auch wenn keine Kronen auf dem Kopf und den Flügeln dargestellt sind.2 Kurios ist der Inhalt des zweiten und dritten Feldes. Hier ist zweimal das Wappen Gelas von Manslagt dargestellt, der Mutter des ersten Grafen Ulrich I. (um 1408–1466, Graf seit 1464). Es handelt sich um einen mit Rauten belegten Balken, der von drei Halbmonden begleitet ist.3

Abb. 2: Silbergulden Enno Ludwigs, zwischen 1658 und 1660. Vierfeldriger Wappenschild. (Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N 457, Foto: Hinrich Dirksen)
Abb. 3: Silbergulden Enno Ludwigs, zwischen 1658 und 1660. Kaiserlicher Doppeladler und Wertangabe 28 Stüber (Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N 457, Foto: Hinrich Dirksen)
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  1. Eine Ausnahme stellt zwar auch ein Schilling Enno Ludwigs dar, der den gevierten Schild des Harlinglanit je zwei Feldern mit einem Bären bzw. zwei Geißeln zeigt; vgl. Anton Kappelhoff, Die Münzen Ostfrieslands, Aurich 1982, S. 69. Da das Harlingerland aber noch jahrhundertelang innerhalb Ostfrieslands eine Sonderstellung einnahm, ist diese Münze trotzdem nicht ungewöhnlich. [↩]
  2. Vgl. Kappelhoff, Münzen, S. 69–70. [↩]
  3. Außerdem ist diesem Wappen offenbar auch noch ein „lediges Schildhaupt“, also ein leerer schmaler Bereich am oberen Rand hinzugefügt worden, dessen Bedeutung nicht erkennbar ist. [↩]

Jakobus Onnen aus Tichelwarf – Das Gesicht hinter einem ikonischen Holocaust-Foto

Der Historiker Dr. Jürgen Matthäus im Gespräch über die Aufklärung eines 80 Jahre alten Verbrechens durch klassische Archivarbeit und moderne Technologie

Ein Interview von Dr. Heiko Suhr

Im Jahr 2025 gelang dem Historiker Jürgen Matthäus eine bemerkenswerte Identifizierung: Mithilfe von KI-gestützter Bildanalyse und Hinweisen von Nachfahren konnte er Jakobus Onnen als den Schützen auf einem der bekanntesten Holocaust-Fotos identifizieren.1 Die unter dem Titel „Der letzte Jude in Winniza“ bekannte Aufnahme zeigt die bevorstehende Erschießung eines jüdischen Menschen vor einem Massengrab durch einen Angehörigen der deutschen Einsatzgruppen. Die Identität des Täters war jahrzehntelang ungeklärt – bis jetzt.

Abb. 1: Eines der wohl ikonischsten Fotos der Shoah zeigt den aus Tichelwarf gebürtigen Jakobus Onnen während einer Massenerschießung. Es stammt aus dem Kriegstagebuch von Walter Materna (United States Holocaust Memorial Museum, Archives, 2021.159.1)

Die Recherche begann, als ein entfernter Verwandter Onnens einen Bericht von Matthäus las und sich an den Historiker wandte. Der Mann und seine Frau vermuteten seit Längerem, dass ein Verwandter seiner Frau auf dem Foto zu sehen sei, und stellte erhaltene Fotografien sowie biografische Informationen zur Verfügung. Eine Open-Source-Journalismus-Gruppe führte daraufhin eine KI-gestützte Bildanalyse durch, die eine hohe Übereinstimmung zwischen den Familienfotos und der Person auf dem historischen Bild feststellte. In Verbindung mit weiteren dokumentarischen Belegen ermöglichte dies die Identifizierung – ein „schrittweiser Prozess“ aus traditioneller Archivarbeit, glücklichen Zufällen und innovativer Technologie.

Matthäus’ Forschung klärte zudem auf, dass das Massaker entgegen der Ortsangabe im Titel nicht in Winnyzja, sondern am 28. Juli 1941 in Berdyčiv von der Einsatzgruppe C verübt wurde. Diese Erkenntnisse stützen sich auf das Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers sowie auf weitere Fotografien mit entsprechenden Notizen, die Matthäus in einem kürzlich erschienenen Buch über deutsche Privatfotoalben zum Zweiten Weltkrieg in den breiteren Kontext von Gewaltdarstellung und Kriegserinnerung stellt.2

Jakobus Onnen wurde 1906 im ostfriesischen Tichelwarf geboren und arbeitete als Lehrer für Englisch, Französisch und Sport.3 Noch vor 1933 trat er der NSDAP bei, 1933 der SA und ab 1934 war er SS-Mitglied.4 Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde er zur Ordnungspolizei versetzt und später an der Ostfront als Teil der Einsatzgruppe C eingesetzt. Diese mobile Einheit ermordete bis Frühjahr 1942 mehr als 100.000 überwiegend jüdische Zivilisten in der Ukraine. Spätestens im Juli 1941 beging Onnen seine ersten Morde. Er fiel am 12. August 1943 bei einem Kriegseinsatz in der Region Schytomyr.

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  1. Jürgen Matthäus, Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 73, 2025, H. 9, S. 705–729; vgl. auch Jürgen Matthäus, The last Jew in Vinnitsa. Reframing an Iconic Holocaust Photograph, in: Holocaust and Genocide Studies 37, 2023, H. 3, S. 349–359. [↩]
  2. Jürgen Matthäus, Gerahmte Gewalt. Fotoalben von Deutschen im „Osteinsatz“ und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, Berlin 2025. [↩]
  3. NLA HA, Hann. 144, Nr. 1907: Prüfungsakten des Lehrers Jakobus Onnen. [↩]
  4. Vgl. Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/144308. [↩]

Gernot de Vries (1925-2012). Ein Leben zwischen Kanzel und plattdeutscher Literatur

Der Pastor und niederdeutsche Literat wäre am 26. Oktober 2025 einhundert Jahre alt geworden

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Gernot de Vries mit seiner Ehefrau als Pensionär in seinem alten Gemeindehaus in Kirchdorf (Archiv der Ev.-luth. Paulusgemeinde, unsortierte Sammlung)

Am 26. Oktober 1925 wurde in Völlenerfehn ein Kind geboren, das einmal zu einer der prägenden Gestalten der Nachkriegszeit in Ostfriesland werden sollte.1 Gernot Johann Oltmanns de Vries wuchs als Sohn des Lehrers Julius de Vries2 in einer Zeit auf, in der das Plattdeutsche noch selbstverständlicher Alltag war – eine Erfahrung, die sein gesamtes späteres Schaffen durchziehen sollte. Zur weiterführenden Schule ging er in Papenburg, wo er als Protestant unter der katholischen Dominanz immer ein wenig gelitten hat. Der Weg zum Abitur wurde vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Nach dem Kriegsdienst in Italien und an der Ostfront, einer schweren Verwundung bei der Schlacht um Halbe vor den Toren Berlins im April 1945 und einer kurzen Gefangenschaft bis Juli 1945 schlug sich de Vries wieder nach Ostfriesland durch. Sein Abitur holte er schließlich im März 1948 in Leer nach – den Schulweg von und nach Völlenerfehn ging er täglich zu Fuß – und entschied sich dann für den Weg des Theologiestudiums, was in den Nachkriegsjahren besondere Herausforderungen mit sich bringen sollte. De Vries führte später aus, sein Vater sei als loyaler Nationalsozialist von einer streng anti-kirchlichen Haltung geprägt gewesen – er trat 1939 aus der Kirche aus – und er selbst sei auch in diesem Geist aufgewachsen. Das habe sich in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft grundlegend geändert und er habe dort zu Gott gefunden. Nach dem Krieg habe er dann – während seiner Schulzeit dort – in Leer Zugang zu einem Bibelkreis gefunden, wo schließlich sein Studienwunsch gereift sei. Sehr zu seiner Überraschung habe dann sein Vater – der nach dem Krieg selber wieder in die Kirche eingetreten war – sich über diese Absicht zwar verwundert gezeigt, ihn aber nicht aktiv davon abgebracht und später sogar unterstützt.3

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  1. Eine Biografie zu Gernot de Vries liegt bisher nicht vor; die folgenden Angaben entstammen seiner Personalakte; vgl. Landeskirchliches Archiv Hannover (im Folgenden: LkAH), B 7, Nr. 5116. Vgl. auch einige publizierte Streufunden mit biografischen Angaben: Ohne Namen, Fritz-Reuter-Preis an Gernot de Vries, in: Friesische Heimat. Beilage zum Anzeiger für Harlingerland, 30.11.1982; Birkhild Haussmann, Pfannkuchen, von unten gesehen, in: Ostfriesland Magazin, 8/1984, S. 31; Ewald Christophers, Nur nicht verzetteln, in: Ostfriesland Magazin, 8/2000, S. 60–61; Hildegard Schepker, Seelsorger und Autor, in: Ostfriesland Magazin, 1/2013, S. 44–45. [↩]
  2. Julius Arnold de Vries (16.12.1886–?), geb. in Geestemünde, lutherisch, erste Lehrerprüfung 25.12.1908 in Aurich, zweite Lehrerprüfung 10.08.1911 in Aurich, ab Oktober 1911 im Volksschullehrerdienst, seit 01.06.1921 Lehrer in Völlenerfehn, Mai 1933 Eintritt in die NSDAP, Anfang Dezember 1935 Zellenleiter der NSDAP, Mai 1937 Rottenführer der SA, 1944 vertretungsweise Schulungsleiter der NSDAP in der Ortsgruppe Völlen, am 24.06.1945 von der Militärregierung aus dem Amt entlassen und auch nach Einspruch nicht wieder eingestellt, 06.04.1949 als Unterstützter des Nationalsozialismus (Kategorie IV) entnazifiziert, aus gesundheitlichen Gründen trotzdem keine erneute Dienstaufnahme und Pensionierung; vgl. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Archiv, Gutachterstelle für deutsches Schul- und Studienwesen im Berliner Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung und Schulentwicklung, Personalunterlagen von Lehrkräften, Nr. 188908 [Preußische Volksschullehrerkartei]; NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 1325 [Lehrerpersonalakte] und NLA AU, Rep. 250, Nr. 51733 [Entnazifizierungsakte]. [↩]
  3. Vgl. LkAH, L 5i, Nr. 178. [↩]

Selbstvergewisserung einer fürstlichen Halbwaise. Die Heraldik im Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Im März 1690 trat der 24jährige Christian Eberhard Cirksena (1665–1708) endlich die Regierung an. Zwar war er schon vom Augenblick seiner Geburt an Fürst von Ostfriesland, denn sein Vater war knapp vier Monate vorher verstorben, aber seine Mutter Christine Charlotte von Württemberg (1645–1699) hatte bis dahin die Regentschaft geführt. Christian Eberhard war schon als Zehnjähriger zur Ausbildung außer Landes geschickt worden und erst seit etwas über einem Jahr wieder in Ostfriesland.1

Abb. 1: Porträt-Silbergulden Christian Eberhards von 1686 (Graveur: Giovanni Hamerani, Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N-641, Foto: Hinrich Dirksen)

Für seine Residenz in Esens ließ der junge Fürst einen repräsentativen Stammbaum erstellen, ein Gemälde von fast drei Metern Höhe, das heute im Rathaus von Esens zu sehen ist. Zu den genealogischen Zusammenhängen hat schon Hajo van Lengen einen Beitrag verfasst, der ebenfalls in diesem Blog veröffentlicht wurde.2 Ein paar Anmerkungen zu den dargestellten Wappen sollen hier noch folgen.

Abb. 2: Stammbaum der Cirksena im Rathaus von Esens (Foto: Detlef Kiesé). Vgl. auch das 360-Grad-Panoramabild, das über die Website der Stadt Esens zugänglich ist (https://esens-museen.de/sehenswuerdigkeiten/rathaus-mit-ahnensaal bzw. direkt https://maps.app.goo.gl/rh9ENEunJD6po1fGA)

Der Stammbaum enthält alle männlichen und weiblichen Mitglieder des Hauses Cirksena mit ihren Ehepartnern, und zwar sowohl die der ostfriesischen Hauptlinie als auch die der beiden katholischen Nebenlinien. Die erste begründete Johann der Ältere (1506–1572) 1538 mit der unehelichen Kaisertochter Dorothea von Österreich (1516–1572); sie erlosch 1600 „im Mannesstamm“. Die zweite Linie von 1601 bis 1690 entstammte der Ehe Johanns des Jüngeren (1566–1625) mit seiner Nichte Sabina Catharina von Ostfriesland-Rietberg (1582–1618). Der Stammbaum wurde nach dem Tod Christian Eberhards offensichtlich bis 1711 fortgeführt und enthält noch zwei seiner Enkel, als Kleinkinder verstorbene ältere Geschwister des letzten Fürsten Carl Edzard (1716–1744), dieser selbst fehlt aber bereits. Immerhin sind damit vierzehn Generationen verzeichnet, beginnend im 14. Jahrhundert mit Edzard, dem Ururgroßvater Ulrichs I. (um 1408–1466).

Links am Fuß des Stammbaums ist eine Art erweitertes Allianzwappen des Fürstenpaares dargestellt (Abb. 3). Im Gegensatz zum eigentlichen Allianzwappen für Eheleute zeigt es drei Vollwappen: Über den Wappen Christian Eberhards und seiner Ehefrau Eberhardine Sophie (1666–1700) ist das seiner Mutter Christine Charlotte dargestellt, alle mit sämtlichen Wappenfeldern, Helmen und Helmzierden sowie durch Schleifenbänder miteinander verbunden.3

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  1. Vgl. Ernst Kaeber, Bilder aus dem Leben ostfriesischer Fürstlichkeiten des 17. Jahrhunderts, Aurich 1912, S. 59. [↩]
  2. Hajo van Lengen, Ostfriesische Geschichte anschaulich. Der Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, Aurich 2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/5582 [04.09.2025]. [↩]
  3. Da die Mutter Eberhardine Sophies die Schwester Christine Charlottes war, kann deren Wappen zugleich als das ihrer Schwester aufgefasst werden; vgl. van Lengen, Stammbaum, https://ostfrhist.hypotheses.org/5582 [04.09.2025]. Damit ergibt die Position des württembergischen Wappens mittig über den Wappen des Ehepaars und die beidseitige Verknüpfung des Schleifenbandes auch genealogisch Sinn. [↩]

Zwanzig Jahre Plattdüütskmannt – “De Schimmelrieder” von Theodor Storm in der plattdeutschen Übersetzung

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Jubiläumsplakat zum Plattdüütskmannt (Ostfriesische Landschaft)

Seit nunmehr zwanzig Jahren wird der September in Ostfriesland zum Plattdüütskmaant: Der Monat steht damit im Zeichen der plattdeutschen Sprache, mit der sich eine Vielzahl von Aktionen und Projekten auseinandersetzt. Ziel ist es, das Ansehen der plattdeutschen Sprache nachhaltig zu verbessern und den Menschen Mut zu machen, die Sprache wieder mehr im Alltag zu nutzen oder sie ganz einfach auszuprobieren. Die Landschaftsbibliothek widmet diesem Anlass ein „Buch des Monats“, das in der üblichen Kurzform auf der Internetseite der Bibliothek ausnahmsweise auch in plattdeutscher Sprache vorgestellt wird.

Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ ist nicht nur ein Meisterwerk der deutschen Literatur, sondern auch ein Werk, das durch seine Thematik des Lebens an der Nordsee eine besondere Verbindung zu Ostfriesland aufweist. Daher liegt ein besonderes Augenmerk des Beitrages auf der Rezeption des Werks in Ostfriesland, insbesondere auf Otto Buurmans plattdeutscher Übersetzung aus den 1960er Jahren und auf der aktuellen Neuübertragung durch das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft. Diese Übersetzungsarbeiten verdeutlichen, wie Storms Erzählung auch in der ostfriesischen Sprachlandschaft lebendig gehalten wird.

Zur Biografie von Theodor Storm

Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14. September 1817 in Husum als erstes von sieben Kindern des Rechtsanwalts Johann Casimir Storm und seiner Frau Lucie geborene Woldsen geboren. Die Mutter stammte aus einer angesehenen Patrizierfamilie und gab ihr musikalisches Talent an ihre Kinder weiter.1

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  1. Vgl. zur Biografie Storms vor allem: Herbert Kraft, Theodor Storm. Leben und Schreiben eines Aufklärers, Würzburg 2021; Maren Ermisch, Theodor Storm. Dichter, Bürger, Kiel/Hamburg 2017; Christian Begemann, Kleine Poetik der Schublade. Storms Schubladen, München 2023. [↩]

Ein Mann zwischen den Welten – Der Pionier der Homosexuellen-Emanzipation

Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) zum 200. Geburtstag

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Titelblatt des ersten Teils („Vindex“, 1864) der von Karl Heinrich Ulrichs verfassten zwölfteiligen Serie „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“ (Johannes a Lasco Bibliothek Emden, Jur. 8° 0612 M)

Am 28. August 2025 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs. Aus diesem Anlass erinnert die Landschaftsbibliothek Aurich mit einer kleinen Ausstellung zum „Buch des Monats“ an einen der bedeutendsten Ostfriesen der Neuzeit. Zu sehen ist bis Anfang September als Leihgabe der Johannes a Lasco Bibliothek Emden auch der erste Teil „Vindex“ (1864) von Ulrichs’ Hauptwerk der „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“.

Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) war ein Mann zwischen den Welten: ein Jurist, der seine Laufbahn aufgeben musste, ein Deutscher, der sein Vaterland verließ und vor allem ein Vorkämpfer für die Rechte Homosexueller. Sein Leben war geprägt von fundamentalen Brüchen, die sowohl seine persönliche Existenz als auch sein gesellschaftliches Wirken bestimmten.1

Herkunft und Ausbildung

Am 28. August 1825 wurde Karl Heinrich Ulrichs als Sohn des Landbaumeisters Hermann Heinrich Ulrichs und seiner Ehefrau Anna Elise geb. Heinrichs auf Gut Westerfeld bei Aurich geboren. Die Familie war tief in der evangelisch-lutherischen Kirche verwurzelt, die Verwandtschaft wurde von Pastoren und Kirchenbeamten geprägt. Nach dem frühen Tod des Vaters 1835 zog die Familie nach Burgdorf bei Hannover, wo Ulrichs’ Großvater mütterlicherseits – Johann Heinrich Heinrichs – als Superintendent wirkte und ihn auch konfirmierte.

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  1. Vgl. zur Biografie Ulrichs’ vor allem Hubert Kennedy, Karl Heinrich Ulrichs. Leben und Werk, Hamburg 2001 und ders., [Art.] Karl Heinrich Ulrichs, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. 2, Aurich 1997, S. 384–387 und für einzelne Aspekte wiederum Volkmar Sigusch, Karl Heinrich Ulrichs. Der erste Schwule der Weltgeschichte, Berlin 2000; Wolfram Setz, Karl Heinrich Ulrichs zum 175. Geburtstag. Ein (Ge)Denkblatt, in: ders. (Hrsg.), Karl Heinrich Ulrichs zu Ehren. Materialien zu Leben und Werk, Hamburg 2000, S. 1–16; Jochen Engeling, Ulrichs’ Bewerbung um die Bürgermeisterstelle in Uslar, in: Wolfram Setz (Hrsg.), Neue Funde und Studien zu Karl Heinrich Ulrichs, Hamburg 2004, S. 9–48. Vgl. zuletzt auch Werner Jürgens, Ein Vorkämpfer für die Homosexuellen. Vor 200 Jahren wurde Karl Heinrich Ulrichs in Aurich geboren – Sein Einsatz wirkt bis heute nach, in: Unser Ostfriesland 16, 2025. [↩]