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“Ordnung ist die Seele der Arbeit”

Preußische Verwaltungspraxis, ostfriesische Eigenheiten und wirtschaftliche Modernisierung in den Auricher Tagebuchaufzeichnungen Ludwig von Vincke (1803–1804)

Zur Erinnerung an Dr. phil. Johann Enno Eimers (1936–2026)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Im Oktober 1803 trat Ludwig Freiherr von Vincke sein Amt als Kammerpräsident der Kriegs- und Domänenkammer Aurich an.1 Er tat dies ohne Begeisterung. In einem Brief an eine Bekannte hatte er den Posten zuvor als „halben Invalidenposten“ bezeichnet: Die Kammer habe „fast gar nichts zu tun“, die Kontribution – die direkte Grundsteuer des platten Landes –werde von den Ständen verwaltet und damit seien „der Kammer überall die Hände gebunden“.2 Das war die Außenperspektive eines 29-jährigen westfälischen Landrats auf eine preußische Randprovinz, die er noch nicht kannte. Knapp ein Jahr später, im November 1804 von Aurich nach Münster abberufen, empfand er dieselbe Versetzung als einen schweren Schlag und ließ mit einer Mitteilung an die Auricher Presse keinen Zweifel daran, was ihm das Jahr in Ostfriesland bedeutet hatte. Spätestens 1809, aus Potsdam zurückblickend, brachte er es auf den Punkt: „Ich war ein Jahr und von meinem bisherigen Leben das schönste in Ostfriesland.“

Abb. 1: Hermann Angermayer, posthumes Bildnis des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, Öl auf Leinwand (nach 1904) (LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, Inv. Nr. 894 LM)

Diese Wandlung – von widerwilliger Anreise zu tief empfundener Bindung – ist kein biografisches Klischee, sondern verweist auf ein Erfahrungsformat, das Wolfgang Henninger als kennzeichnend für den Auricher Verwaltungsbeamten beschrieben hat: das Diktum „Sie kommen mit Tränen, und sie gehen mit Tränen“ treffe, so Henninger, einen „wahrlich nicht seltenen Typus“ des nach Aurich versetzten preußischen Beamten. Was den Beamten veränderte, war die Provinz selbst, also ihre institutionellen Eigenheiten, ihre physische Gestalt, ihre lokalen Netzwerke, ihre von der preußischen Norm abweichenden Verwaltungsaufgaben.

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  1. Eine Druckfassung dieses Beitrags wird voraussichtlich im Herbst 2026 in den Preußischen Mitteilungen erscheinen, die der Leeraner Dr. Enno Eimers von 2008 bis zu seinem Tod 2026 redigiert hat. Da diese Zeitschrift allerdings nur den Mitgliedern zugänglich ist, erfolgt an dieser Stelle die Erstveröffentlichung []
  2. Zitiert nach Heinrich Kochendörffer, Vincke, Bd. 1, Soest 1932, S. 135. []

Zwischen Hausgeburt und Kreissaal – Die ostfriesische Hebamme Hilka Haßler verh. de Vires (1922-1974)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Kinderstation in der Wolfenbütteler Frauenklinik und Entbindungsanstalt (um 1945) (Landschaftsbibliothek, Ms 461: Nachlass Hilka de Vries)

Der 2025 von der Landschaftsbibliothek Aurich übernommene Nachlass der Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922–1974) ermöglicht erstmals einen umfassenderen und quellennahen Einblick in das Berufsleben einer ostfriesischen Landhebamme im 20. Jahrhundert. Kernstück des Nachlasses sind sieben Dienst- oder Hebammentagebücher der Jahre 1948 bis 1966. Hinzu kommen Ausbildungs- und Zulassungspapiere seit 1936, Korrespondenz mit Behörden und mit ausgewanderten Verwandten in South Dakota sowie mehrere Fotografien und Postkarten aus ihrer gesamten beruflichen Laufbahn.1

Die Geschichte der Hebammen erfuhr im Zuge der Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den 1980er Jahren verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Für den norddeutschen Raum liegen jedoch nur wenige biografische Studien vor. Christine Loytveds Dissertation untersuchte die Lübecker Hebammen zwischen 1730 und 1850 und analysierte dabei die Professionalisierung unter ärztlicher Aufsicht.2 Malte de Vries widmete sich jüngst den Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung bzw. in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts.3 Eva Labouvie hat in ihren kulturhistorischen Arbeiten den „Erlebnisraum Geburt“ vom 16. bis 19. Jahrhundert ausgeleuchtet und dabei die Verlagerung der Geburt aus dem häuslichen Umfeld in eine ärztlich geführte Klinik sowie die dabei entstandenen Widerstände auf dem Land herausgearbeitet.4 Sie betont zu Recht, auf dem Dorf sei die Tätigkeit der Hebamme lange Zeit als christliche Nachbarschaftshilfe angesehen worden und hätte damit nur den Charakter eines gering entlohnten Ehrenamtes. Kirsten Tiedemann legte mit ihrer Untersuchung zur Reichsfachschaft Deutscher Hebammen die erste systematische Forschung zur Verbandsgeschichte vor, die auch Fragen weiblicher Handlungsräume im Nationalsozialismus berührt.5

Für Ostfriesland fehlt eine systematische Aufarbeitung des Hebammenwesens weitgehend; erste Impulse gaben regionalhistorische Projekte, in denen u. a. die Biografie der Hebamme Martje Janssen aus Loga vorgestellt wurde, die im 19. Jahrhundert im ländlichen Raum praktizierte.6 Ergänzend hat der 2024 dem Niedersächsischen Landesarchiv Aurich übereignete Nachlass der aus Pewsum stammenden Frauenärztin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen (1872–1955) neue Forschungsperspektiven eröffnet.7 Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende Biografie einer ostfriesischen Hebamme einen Beitrag zur bislang unterrepräsentierten ländlichen Geburtshilfe in der Region leisten.

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  1. Vgl. https://opac.lbs-emden.gbv.de/DB=1.1/XMLPRS=N/PPN?PPN=1971839221 [16.07.2026]. []
  2. Christine Loytved, Hebammen und ihre Lehrer. Wendepunkte in Ausbildung und Amt Lübecker Hebammen (1730–1850), Osnabrück 2002. []
  3. Malte de Vries, Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung. Ein Überblick, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 104, 2023, S. 59–88; ders., Hebammenausbildung in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts, in: Stader Jahrbuch 114, 2024, S. 141–177. []
  4. Eva Labouvie, Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte der Geburt, Köln/Weimar/Wien 1998. []
  5. Kirsten Tiedemann, Hebammen im Dritten Reich. Über die Standesorganisation für Hebammen und ihre Berufspolitik, Frankfurt am Main 2013. []
  6. Christine Hühns / Gabriele Ketels, Die Hebamme Martje Janssen, in: Stadt Leer (Hrsg.), FrauenLeben in Leer. Ausgewählte Frauenbiografien vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, Leer 2022, S. 44–53; vgl. dazu https://ostfrhist.hypotheses.org/1797 [02.02.2026]; vgl. zu Martje Janssen auch Jann de Buhr, Martje Janssen, als Hebamme fast sieben Jahrzehnte tätig, in: Unser Ostfriesland 2012, Nr. 12. []
  7. NLA AU, Rep. 220/30; vgl. zum Nachlass, der im Auricher Landesarchiv verwahrt wird, vor allem https://ostfrhist.hypotheses.org/6198 [02.02.2025]. []

Eine besondere Uhrengeschichte aus Emden

Ein Gastbeitrag von Wiard Loesing (unter Mitarbeit von Axel Heinze)

Was zunächst wie eine gewöhnliche Wanduhr wirkte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als außergewöhnliches Zeugnis der Emder Handwerksgeschichte. Auf dem Zifferblatt einer in Aurich aufgetauchten Präzisionspendeluhr war die ursprüngliche Signatur „Seckel & Co Emden“ sorgfältig abgedeckt und durch den Aufdruck „Kittel Aurich“ ersetzt worden – nach dem heute nicht mehr bestehenden Auricher Uhren- und Schmuckgeschäft Kittel am Marktplatz, in dem sich das Zeitmessgerät zuletzt befand. Der Verfasser hatte Interesse an der Uhr bekundet, die er erwarb und anschließend restaurieren ließ.

Der Fund warf sogleich mehrere Fragen auf: Wer verbarg sich hinter der Bezeichnung „Seckel & Co“? Welches handwerkliche Können steckte in der Entwicklung dieser Uhr? Und weshalb war die ursprüngliche Signatur verdeckt worden? Die Spurensuche führte zurück ins Emden des 19. Jahrhunderts und in eine Uhrmacherwerkstatt, die in ihrer Qualität weit über das hinausging, was man für eine norddeutsche Hafenstadt dieser Größe erwarten durfte.

Objekte einer zeitgenössischen Präzisionstechnik

Bei der wiederentdeckten Uhr handelt es sich um eine Präzisionspendeluhr und damit um keinen Alltagsgegenstand, sondern um ein Gerät auf dem Stand der damaligen Spitzentechnik. Das Gehäuse ist aus Eiche gefertigt und mit feinstem englischem Mahagoni furniert. Das ungewöhnlich schwere Werk ist mit präzisen Messingblechen gegen Staub geschützt. Räder und Triebe mit hohen Zahnzahlen sind sauber geschnitten und poliert. Das sogenannte Regulator-Zifferblatt spart die Räder des Zeigerwerks ein. Die Hemmung verfügt über Saphirpaletten, um die Reibung zu minimieren, und das Pendel ist als Kompensationspendel ausgeführt: Ein Quecksilberzylinder gleicht die Längenausdehnung der Pendelstange bei Erwärmung aus.

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“Durch Lesen und Sprechen (…) nützlich und angenehm”

Die Auricher Literarische Ressource zwischen Aufklärung und preußischerAnnexion (1802-1866)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Eine niederländische Lesegesellschaft (um 1850) (Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-2015-26-798, online: https://id.rijksmuseum.nl/200634254 [19.05.2026])

Am 2. Mai 1802, in den letzten Jahren der ersten preußischen Periode und auf der Höhe des spätaufklärerischen Sozietätswesens, gründete sich in Aurich die „Literarische Ressource“. Das gedruckte Statut, ein schmales Heft ohne Verfasser- und ohne Jahresangabe, ist in der Landschaftsbibliothek Aurich überliefert; es gliedert sich in vier Abschnitte und regelt Zweck, Verfassung, Beiträge sowie Ämterstruktur der neuen Vereinigung. Damit liegt ein frühes gedrucktes Zeugnis einer Gesellschaft vor, die das gesellige und kulturelle Leben der ostfriesischen Verwaltungshauptstadt für ein knappes Jahrhundert mitbestimmen sollte. Zusammen mit dem Tagebuch des preußischen Kammerpräsidenten Ludwig von Vincke aus den Jahren 1803/04 erlaubt das Statut einen ungewöhnlich dichten Blick auf den frühen Betrieb der „Ressource“ und damit auf gesellschaftliche Zusammenkünfte, die sich in das norddeutsche Muster aufklärerischer Geselligkeit einfügen und zugleich ostfriesische Besonderheiten erkennen lassen.

Der Schwarze Bär und sein Gastwirt Conrad Bernhard Meyer

Ihre Zusammenkünfte hielt die „Ressource“ in Conrad Bernhard Meyers Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ am Auricher Marktplatz – heute: Marktplatz 28 – ab. Das Haus war zu diesem Zeitpunkt bereits eines der angesehensten der Stadt. Es ist seit dem späten 17. Jahrhundert als Gasthof nachweisbar – Fürst Christian Eberhard ließ dort 1691 beim Wirt Dirk Focken Pferde einstellen.1 Das ältere Auricher Hypothekenbuch belegt, dass Johannes Meyer das Haus am 2. März 1773 erwarb.2 Sein Sohn Conrad Bernhard Meyer3 übernahm das Geschäft formell am 4. Mai 1790, obwohl er es schon kurz nach dem Erwerb durch seinen Vater geführt haben dürfte.2 Der grundlegende Umbau, den der jüngere Meyer im Frühjahr 1775 in den „Wöchentlichen Ostfriesischen Anzeigen und Nachrichten“ vom 11. Mai öffentlich bekanntmachte – der „verwichenen Sommer gänzlich von neuen erbauet[e]“ Gasthof biete „verschiedene schöne Zimmer“ sowie „gute Stallung und Weide für Pferde“ und empfehle sich „allen honetten Passagiers“ zum „civilesten Preis“ –, fiel mithin noch in die Zeit der Eigentümerschaft des Vaters.

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  1. Friedrich Ritter, Alte Gasthöfe in Ostfriesland, in: Upstalsboom-Blätter für ostfriesische Geschichte und Heimatkunde 8, 1918/1919, S. 18–25, hier S. 18. []
  2. Auskunft [Mail], Wiard Hinrichs, 21.05.2026; vgl. auch NLA AU, Rep. 237, Nr. 1: Hypothekenbücher Aurich Stadt. [] []
  3. Gert Schlechtriem, Conrad Bernhard Meyer. Ein Baumeister des Klassizismus in Ostfriesland, in: Ostfriesland. Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Verkehr 1957, Nr. 1, S. 13–21, hier 13. []

NS-Belastung und Erinnerungspolitik in einer ostfriesischen Dorfgemeinschaft

Der Volksschullehrer Gerhardus Jungmann (1892–1970) in Visquard

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Seit den 1980er Jahren besteht in Visquard der Gerhardus-Jungmann-Platz mit einer Erinnerungstafel an den ehemaligen Lehrer. Bei ihrer Aufstellung und Einweihung durchaus nicht unumstritten, ist die Tafel mittlerweile längst Teil des gewohnten Dorfbildes. Auffällig ist allerdings, dass das zugehörige Hinweisschild Jungmann als Lehrer in Visquard von 1927 bis 1959 würdigt und damit seine Entlassung aus dem Schuldienst infolge der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst ausspart. Schon dieser Befund wirft Fragen nach den Formen und Funktionen lokaler Erinnerungskultur auf. Im November 2023 erhielt das Thema dann größere öffentliche Aufmerksamkeit: Im Rahmen der Gründungsversammlung des „Bündnis für mehr Demokratie und Weltoffenheit“, einer zivilgesellschaftlichen Initiative gegen Rechtsextremismus, brachte Hans Schulz, ein ehemaliger Visquarder, die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit der Jungmann-Tafel in einer Diskussion über rechte Strukturen zur Sprache und bat um Unterstützung bei der Aufarbeitung – konkret um rasche Umbenennung des Platzes und Abbau der Erinnerungstafel. Sein Vorstoß fand zunächst wenig Resonanz; lediglich die Ostfriesen-Zeitung griff das Thema auf.1 Dieser Artikel löste im Dorf erhebliche Unruhe aus, wobei die Reaktionen sich weniger gegen die Erinnerungstafel als vielmehr gegen Schulz selbst richteten, der für seinen Vorstoß deutliche Kritik erfuhr. Die Gemeinde Krummhörn, zu der Visquard heute gehört, entschied sich daraufhin, den Konflikt nicht weiter schwelen zu lassen, sondern eine fundierte historische Grundlage für die weitere Diskussion zu schaffen: Mit Beschluss des Verwaltungsausschusses wurde der Verfasser dieses Beitrages mit der Erstellung einer biografischen Studie zu Jungmann beauftragt, aus der ein Vorschlag für den Gemeinderat zum künftigen Umgang mit der Erinnerungstafel und dem Jungmann-Platz abgeleitet werden soll.

Abb. 1: Das Hinweisschild auf dem Gerhardus-Jungmann-Platz in Visquard (um 2000) (Privatarchiv, Nachlass Gerhardus Jungmann)

Der Hintergrund dieser von Hans Schulz ausgelösten bzw. wiederbelebten lokalen Auseinandersetzung war ein direkt nach dem Kriegsende schwelender Konflikt zwischen Gerhardus Jungmann und dem Landarbeiter Marten Wagenaar, der sich zu einer bisher übersehenen lokalpolitischen Auseinandersetzung entwickelte. Wagenaar, ein überzeugter Sozialdemokrat und nach eigenem Bekunden Antifaschist, hatte Jungmann 1946 bei der britischen Militärregierung angezeigt und damit dessen vorübergehende Entlassung aus dem Schuldienst bewirkt. Die Reaktion der Dorfgemeinschaft darauf offenbart jedoch, dass die moralischen Koordinaten der unmittelbaren Nachkriegszeit keineswegs so eindeutig waren, wie es die kategorische Unterscheidung zwischen Täter und Opfer, zwischen Nazis und Antifaschisten suggeriert. Die Mehrheit der Visquarder Bevölkerung stellte sich hinter ihren Volksschullehrer und wandte sich gegen den vermeintlichen „Denunzianten“, dessen Ambitionen auf das Bürgermeisteramt in der Folge scheiterten.

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  1. Claus Hock, Ist dieser Platz nach einem Nazi benannt?, in: Ostfriesen-Zeitung, 18.11.2023. []

Ein friesisches Nationalepos? Marten Hamckema schildert in seiner “Frisia” friesische Geschichte und Legende in Versen

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Zur Identitätsstiftung einer Volksgruppe gehört neben Sprache und Kultur auch eine eigene Geschichtsüberlieferung, die sich häufig an Helden und Herrschergestalten festmacht. In Antike und Mittelalter gab es für viele Völker dabei eine Ursprungslegende und einen Herrscherstammbaum von einem mythischen Ahnen her. So führten die Römer ihr Gemeinwesen auf den Stadtgründer Romulus und die Briten auf einen ersten König Brutus zurück.

In der frühen Neuzeit inspirierten diese Legenden verschiedene Dichter zu nationalen Epen nach dem Vorbild der lateinischen Aeneis. In diesem Werk der klassischen Antike beschreibt der römische Dichter Vergil das Leben des trojanischen Helden in hexametrischen Versen nach dem Modell der Ilias und der Odyssee Homers.1 So schuf Luís de Camões die „Lusiaden“ (Os Lusíadas, erschienen 1572) und wurde damit zum Nationaldichter Portugals. Ausgehend vom legendären Lusus, dem Gefährten des Weingottes Bacchus, schildert er darin eine verklärte Geschichte Portugals.2 Noch im gleichen Jahr veröffentlichte der französische Dichter Pierre de Ronsard die ersten vier seiner wie Homers Werke auf vierundzwanzig Gesänge angelegten „Franciade“, die beginnend mit Francus, dem angeblichen Sohn Hektors von Troja, die gesamte Geschichte Frankreichs darstellen sollte. Dieses Werk blieb allerdings unvollendet.3

Einen solchen „Stammvater“ sollen auch die Friesen in Friso gehabt haben, einem Sohn eines Königs vom Ganges in Indien, der nach der Ermordung seines Vaters zusammen mit seinen Brüdern seine Heimat verlassen musste. Nachdem sie anfangs im Heer Alexander des Großen gedient hatten, zogen die drei Brüder mit ihrer Gefolgschaft nach dessen Tod angeblich nach Nordwesteuropa. Friso soll am Ufer des heutigen IJsselmeers die Stadt Stavoren gegründet haben, benannt angeblich nach dem Gott Stavo.4 Nach der Legende zog der eine Bruder, Saxo, weiter an die Elbe, wo das Siedlungsgebiet nach ihm Sachsen benannt wurde, während der andere, Bruno, an die Weser ging und Braunschweig gegründet haben soll.5

Abb. 1: Friso, Gründer Frieslands, „Ur-Anführer“ und erster Fürst, mit Schwert und Ruder sowie der eisernen Krone und dem heiligen roten Banner der legendären Überlieferung; im Hintergrund Stavoren mit dem Tempel des mit Jupiter gleichgesetzten Stavo, rechts ein Baumstumpf als Symbol für den legendären Kreilerwald, der in der Zuiderzee versunken sein soll. Kupferstich von Pieter Feddes von Harlingen, in: Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Amsterdam 1623, Bl. 6v (Landschaftsbibliothek Aurich, x 1065 (3.Ex.))
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  1. Vgl. Gero von Wilpert (Hrsg.), Lexikon der Weltliteratur, München 1997, Bd. 3, S. 19. []
  2. Vgl. Wilpert, Bd. 4, S. 829–830. []
  3. Vgl. Wilpert, Bd. 3, S. 392. []
  4. Bei Stavo soll es sich um die friesische Entsprechung des germanischen Donnergottes Thor bzw. Donar handeln. Andererseits wird diese Gottheit mit Jupiter gleichgesetzt. Einer der Beinamen dieses höchsten römischen Gottes war „Stator“ („der (die Feinde) zum Stehen bringt“). Möglicherweise handelt es sich bei Stavo aber um einen in späterer Zeit erdichteten Namen. Zu Stavo vgl. Martinus Hamconius, Verthoninghe der coninghen, bisschoppen, princen, potestaten, heeren ende graven van Vrieslant, Workum 1844, S. 18. []
  5. Für die gesamte Sage vgl. Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Franeker 1620, Bl. 7 sowie Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843, S. 3–6 (Sagen Nr. 1 und 2). []

Von Gauß gelernt, für die Praxis gerechnet

Die geodätischen Tafeln des ostfriesischen Wasserbauinspektors Dr. Arend Emanuel Taaks (18191892)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Unter den Wasserbauingenieuren, die im 19. Jahrhundert an der ostfriesischen Küste wirkten, nimmt Arend Emanuel Taaks eine Sonderstellung ein. Der gebürtige Ostfriese hatte bei Carl Friedrich Gauß in Göttingen promoviert und schließlich als Leiter der Königlich Hannoverschen Küstenvermessung das mathematische Erbe seines Lehrers mit der praktischen Arbeit an der Nordsee verbunden. Als er 1865 seine „Geodätischen Tafeln für die Nord- und Ostseeküste“ veröffentlichte, schuf er ein Werkzeug, das die elegante, aber abstrakte Koordinatentheorie von Gauß erstmals für Nautiker, Techniker und Geometer handhabbar machte. Er verband damit wissenschaftliche Präzision mit praktischem Nutzen.

Abb. 1: Die ostfriesische Nordseeküste mit den Inseln Borkum, Norderney und Juist (vor 1864) (NLA AU, Rep. 244, C Nr. 462)

Beim Verfasser dieser Abhandlung handelt es sich um Arend Emanuel Taaks, der am 14. Juni 1819 in Resterhafe zur Welt kam.1 Sein Vater Anton Ernst Taaks wirkte als Rektor in Norden, seine Mutter Catharina Sophia, geb. Hoppe stammte aus Victorbur. Die Familie lässt sich bis zu Taake Claassen zurückverfolgen, der um 1600 in Stedesdorf lebte.2

Nach dem Besuch der Lateinschule in Norden – an der sein Vater lehrte – wechselte Taaks 1837 ans Gymnasium Aurich. Sein Abiturzeugnis von 1838 bescheinigt ihm besonders in Mathematik und Physik hervorragende Leistungen. Anschließend studierte er in Berlin, Bonn und Göttingen und erwarb bei Carl Friedrich Gauß den Doktorgrad der Philosophie.3

Zunächst arbeitete Taaks als Mathematiklehrer in Ilfeld im Südharz. Da keine Festanstellung in Aussicht stand, orientierte sich Taaks 1844 beruflich neu, zog nach Hannover um und eignete sich autodidaktisch Kenntnisse in Geometrie, Architektur und technischem Zeichnen an. 1845 bat er bei der Hannoverschen General-Direction des Wasserbaues um Zulassung zur Prüfung als Wasserbauingenieur. Die Behörde äußerte Bedenken angesichts seines Alters von bereits 27 Jahren und der langen Ausbildungszeit mit geringem Sold. Taaks beharrte jedoch auf seinem Entschluss und bestand 1846 beide Prüfungen mit gutem Erfolg. Als Wasserbau-Eleve sammelte er in Stade, Bleckede und Harburg praktische Erfahrungen bei Deichbau- und Vermessungsarbeiten an Elbe und Oste.

Nach vier Jahren praktischer Bewährung legte Taaks 1852 die zweite Prüfung ab und wurde zum Wasserbau-Conducteur ernannt. Ende 1853 erfolgte seine Versetzung nach Esens, wo die Stelle des Wasserbau-Inspectors seit dem Tod von Siegfried Anton Börner vakant war. Im Februar 1854 traf Taaks mit seiner Frau in Ostfriesland ein.

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  1. Vgl. zur Biografie Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA), I. HA, Rep. 93 B, Nr. 964: Dr. phil. Arend Emanuel Taaks; NLA AU, Rep. 145, Nr. 66: Personalakte Taaks und Ude Hangen, Fleißig und vorbildhaft. Wasserbauinspektor Dr. phil. Arend Emanuel Taaks, in: Harlinger Heimatkalender 59, 2008, S. 78–85. []
  2. Der bekannte Bauingenieur und Architekt Otto Christian Cadovius Taaks (1849–1924) und Arend Emanuel Taaks entstammten derselben ostfriesischen Familie. Ihr gemeinsamer Vorfahre war Johann Hillern Taaks (1751–1843), ein Norder Bürger, der 1784 in Dornum Dorothea Catharina Tellting (1762–1816) geheiratet hatte. Für Arend Emanuel war Johann Hillern der Großvater, für Otto Christian der Urgroßvater – entsprechend war Arend Emanuel ein Großonkel zweiten Grades von Otto Christian. Der Stammvater Johann Wessels Hillerns Taaks (ca. 1660–1730) stammte aus Altfunnixsiel und heiratete 1684 in Norden Swantje Gerdes. Der Familienname „Taaks“ selbst geht wohl auf eine Frau zurück – Marye Taaks, die 1644 in Funnix Hillern Wessels (ca. 1610–1683) geheiratet hatte. Ich danke Bastian Wilmsen, Wesel, für seine umfangreichen genealogischen Recherchen im Umfeld der Familie Taaks. Seine Quellen waren die online verfügbaren Kirchenbücher und die ostfriesischen Ortssippenbücher. []
  3. Das Studium in Göttingen für 1842 ist nachgewiesen in Wilhelm Ebel (Hrsg.), Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen, Bd. 2, Göttingen 1974, S. 63. []

Mord und Selbstmord am 27. Dezember 1944 in Folmhusen

Ein Gastbeitrag von Hermann Adams

Abb. 1: Grabstein von Sofia Sibanowa (2025) (Foto: Hermann Adams)

Am 27. Dezember 1944 wurde das ruhige Dorf Folmhusen in helle Aufregung versetzt. Am Ortsausgang in Richtung Leer brannte der linksseitig stehende große Hof der Familie Brüning lichterloh. Die herbeigeeilten Feuerwehren aus Folmhusen, Ihrhove und Collinghorst und die Nachbarn des Hofes suchten den Bauern Bernhard Brüning, allerdings vergebens. Man vermutete, dass er nach Leer gefahren sei. Letztlich entdeckte die Feuerwehr auf dem Hof die Leichen von drei Menschen.

Bernhard Brüning lebte damals als einziges Familienmitglied auf dem Hof, seine beiden Brüder Georg und Fokko Brüning waren als Soldaten im Kriegseinsatz. Er bewirtschaftete den großen landwirtschaftlichen Betrieb mit kriegsbedingter Hilfe eines polnischen Zwangsarbeiters und einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Auch seine Verlobte, die nur etwa 200 Meter weiter dorfwärts wohnte, kam zum Melken. Ebenso halfen des Öfteren seine Nachbarinnen Trientje Eden abwechselnd mit Antje Kanzler.1

Die wesentlichen Geschehnisse, die zu dem Brand und den Todesfällen führten, konnte ich bereits vor mehr als zwanzig Jahren in einer kleinen Broschüre skizzieren.2 Damals konnte ich die Namen der wichtigsten Zeitzeuginnen meiner Recherchen nicht nennen, was zu einigen berechtigten Vorwürfen führte. Daher soll nunmehr mit weiteren zugänglichen Dokumenten dieses furchtbare Ereignis mit genauen Angaben der Zeitzeugen ergänzt, erweitert und neu gefasst werden.

Einleitung

Im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland aufgrund der Einberufung vieler Männer zur Wehrmacht bald einen großen Mangel an Arbeitskräften. Um dem abzuhelfen, ging die Regierung mehr und mehr dazu über, Kriegsgefangene zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen. Dabei musste sie sich an das Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929 halten, denn das war damals auch vom Deutschen Reich unterzeichnet worden. Das Abkommen sollte gewährleisten, dass beispielsweise bei der Unterbringung und Verpflegung gewisse Mindeststandards eingehalten wurden, die einer internationalen Kontrolle unterlagen.

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  1. Erzählungen von Gerhard Eden, der in der Nähe aufwuchs, und Lydia Kanzler, die es von ihrer Schwiegermutter hörte. []
  2. Hermann Adams, Das blutige Drama vom 27. Dezember 1944 in Folmhusen. Eine Zwangsarbeitertragödie, Ihrhove 2006. []

Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 2: Das Dreililienwappen von Faldern und Oldersum

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

In der Reihe der älteren Wappen ostfriesischer Häuptlingsfamilien, die bevorzugt kämpferische Raub- und Fabeltiere zeigen (sehr häufig sind es Adler und Löwen), fällt ein Wappen besonders auf, das in blauem Feld drei goldene Lilien zeigt.1 Seine Herkunft ist vermutlich in Faldern zu verorten.

Haro Aildisna aus einer Linie des weitverzweigten Geschlechts der Abdena (gest. 1400), Häuptling zu Groß-Faldern und Uphusen, führte 1400 ein Siegel mit einer Abbildung der Gottesmutter und darunter einem Schild mit zwei Lilien (Abb. 1).2 Vielleicht handelte es sich auch um drei Lilien. In der Umzeichnung des Siegels fällt auf, dass sich die beiden Lilien oben in einem Wappenschild befinden, der unten leer ist. Das könnte darauf hindeuten, dass der Siegelabdruck an dieser Stelle abgerieben oder beschädigt ist.3

Abb. 1: Siegel Haro Aildisnas an einer Urkunde vom 23. Mai 1400 (Stadtarchiv Lübeck, Frisica 24. Nachzeichnung von Carl Julius Milde. Abbildung aus: Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 2, Aurich 1976, S. 127).

Ebenfalls um 1400 findet sich ein Dreililienwappen auf Münzen, die laut Aufschrift in Faldern (aber ohne Angabe eines Münzherrn) geprägt worden sind (Abb. 2–3). Sie zeigen auf einer Seite einen Wappenschild mit drei Lilien, auf der anderen ein Kreuz mit vier Lilien in den Winkeln und ahmen damit eine französische Münze nach, die seit Ende des 14. Jahrhunderts geprägt wurde („Blanc dit Guénar“).4 Nach Anton Kappelhoff hat sie aber nicht Haro Aildisna prägen lassen, sondern Hisko Abdena (gest. 1429), Propst und Häuptling zu Emden sowie der Sohn Liudwards und Diurled Idzingas.5 Hisko war zwar entfernt mit Haro Aildisna verwandt, gehörte aber einem anderen politischen Lager an und ließ im Jahr 1400 Haro sogar in den Kerker werfen und ermorden und übernahm die Herrschaft in Faldern.6 Er führte als Wappen ansonsten einen Löwen, den auch seine in Emden geprägten Witten zeigen.7

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  1. Abbildungen von Wappen der Häuptlingsfamilien des Emsigerlandes vgl. Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 2, Aurich 1976, S. 102–131. – Zum Norder Wappen mit seinen drei Sternen oder Sporenrädern vgl. „Häuptlingswappen oder Regionalwappen?“, Teil 1, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042 [04.12.2025]. []
  2. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 2, S. 127. []
  3. In einem Schild mit zwei Schildfiguren nebeneinander nehmen diese normalerweise in langer, schmaler Form den gesamten Raum ein oder werden zumindest mittig dargestellt. []
  4. Drei goldene Lilien im blauen Schild waren auch das Wappen der französischen Könige. Dieses Wappen wurde übrigens nicht nur hier in Faldern, sondern auch von der Stadt Wiesbaden in heraldisch identischer Form übernommen; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wiesbaden#Hoheitssymbole [30.11.2025]. []
  5. Vgl. Anton Kappelhoff, Die Münzen Ostfrieslands, Aurich 1982, S. 103–105 und S. 270 / Nr. 36–37. Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 1, Aurich 1973, S. 214–215 sowie Tl. 2, S. 103 hatte diese Münze deutlich später datiert und sie dessen Großneffen Wiard Haiken Abdena zugeordnet, über seine Mutter ebenfalls Enkel Haro Aildisnas. Dem widerspricht Kappelhoff allerdings explizit mit dem Hinweis auf die fehlende Münzhoheit Wiards und die frühere Datierung des Münzfundes. – Zu Liudward und Diurled Idzinga vgl. Teil 1, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042 [04.12.2025]. []
  6. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 1, S. 205. []
  7. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 2, S. 102 und 109 sowie Kappelhoff, Münzen, S. 270–271 / Nr. 38–39. []

Niederländische Pläne zur Annexion Ostfrieslands nach dem Zweiten Weltkrieg

Ein Gastbeitrag von Dr. Dirkje Mulder-Boers

Eine mögliche Annexion Ostfrieslands durch die Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Thema, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern schon lange begleitet, nicht zuletzt durch die traditionellen Meinungsverschiedenheiten über den Verlauf der Grenze im Dollart.1

Nach dem Ersten Weltkrieg war eine Annexion deutscher Gebiete von niederländischer Seite nicht thematisiert worden. Allerdings hatte das Deutsche Reich die Niederlande auch nicht in den Krieg mit einbezogen, sondern deren Neutralität weitgehend respektiert. Die niederländische Regierung und die Bevölkerung der Provinz Groningen stimmten damals nicht einmal dem Versailler Vertrag zu, da sie der Ansicht waren, Deutschland bekäme durch ihn keinerlei Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Die Groninger Bevölkerung unterstützte dann auch ihre ostfriesischen Nachbarn so gut sie konnte. Sie sammelte Waren und Geld für die Ostfriesen und sorgte für vorübergehende Betreuung ihrer Kinder, sodass diese sich – vor allem im Osten der Provinz Groningen – erholen und eine Zeitlang das Elend vergessen konnten.2

Erst infolge des Zweiten Weltkriegs wurde der Kampf um deutsches Territorium, darunter auch Ostfriesland, ein wichtiges Thema. Dabei stellt sich die Frage, ob es 1945 den Niederlanden vor allem um Ostfriesland ging oder ob die Annexionsfrage nicht viel umfassender war. In diesem Beitrag soll dargelegt werden, aus welchen Gründen die niederländische Regierung im Gegensatz zu 1918/19 nunmehr eine andere Sichtweise zu möglichen Gebietsabtretungen einnahm und wie die niederländische Bevölkerung darüber dachte. Bei so einem umfangreichen Thema ist es schwer, sich allein auf Ostfriesland zu beschränken, weil es nämlich nicht nur um Ostfriesland ging, sondern allgemein um Wiedergutmachungs- und Reparationsleistungen, die die niederländische Regierung von den Deutschen forderte. Es lässt sich daher nicht vermeiden, die gesamten Maßnahmen anzusprechen, der Fokus soll aber auf Ostfriesland liegen.

Abb. 1: Niederländisches Poster „Deutsches Geld, deutsche Unterschriften, deutsche Versprechen sind wertlos. Für unsere abgesoffenen Polder, zerstörten Häfen, Eisenbahnen und Städte verlangt das niederländische Volk deutsches Territorium ohne Deutsche“ (August 1945) (Stadsarchief Deventer)
„Niederländische Pläne zur Annexion Ostfrieslands nach dem Zweiten Weltkrieg“ weiterlesen
  1. Der Text basiert auf zwei Vorträgen, die von der Autorin in Leer (11.11.2017) und Aurich (23.05.2025) – im Rahmen einer Tagung zur 80. Wiederkehr des Kriegsendes – gehalten wurden; vgl. https://ostfrhist.hypotheses.org/5918 [17.07.2025]. Grundlegend zum Thema ist die Dissertation der Verfasserin; vgl. Dirkje Mulder-Boers, De grens getrokken. Noord-Nederlandse grensbewoners tussen 1914–1964, Assen 2020, für diesen Beitrag vor allem Kapitel 5. Vgl. auch Louis de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de tweede wereldoorlog, Band 9/1, ‘s-Gravenhage 1979, S. 660–669. []
  2. Mulder-Boers, Grens getrokken, S. 74–75 mit Verweis auf lokale Zeitungsberichte wie den Winschoter Courant aus dem Frühjahr 1920. Die ostfriesischen Tageszeitungen sollen zu diesen Hilfsaktionen geschrieben haben, man liebe in Holland mehr als anderenorts die Kinder. []