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Norderney zwischen Nachkriegsnot und Neubeginn

Mit einer neuen Publikation von Matthias Pausch begibt man sich auf eine historische Bilderreise

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Titelblatt der Publikation

Pünktlich zum Beginn der Sommerferien wird auch Norderney erneut von der jährlich wiederkehrenden Gästewelle überflutet. Die Annehmlichkeiten der Insel sind allzu verlockend; hier kann der Sommer in vollen Zügen genossen werden. Dabei stand Norderney als Sommerfrische nach ersten schweren Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mitte jenes Jahrhunderts beinahe vor dem Aus. Vom Ersten Weltkrieg und den wirtschaftlich schwierigen Weimarer Jahren hatte sich das Nordseebad noch nicht vollständig erholt, als die NS-Zeit und in ihrem Verlauf der Zweite Weltkrieg mit fatalen Folgen über die Insel hereinbrachen. Die wenigsten der heute anreisenden Gäste werden ahnen oder wissen, wie hart und steinig der Weg Norderneys nach dem Krieg zurück zum belebten Seebad war, und wie wenig selbstverständlich es ist, dass die Insel für viele Erholungsuchende zum beliebten und begehrten Ferienparadies werden konnte.

So ist es sehr erfreulich, dass Stadtarchivar Matthias Pausch als profunder Kenner der Inselgeschichte jetzt eine eindrucksvolle Dokumentation über Norderney in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vorlegt. Dabei hat er keinen klassischen historischen Überblick verfasst. Das Buch lebt vielmehr von seinen Bildern. Fotografien aus den Beständen des Stadtarchivs, ergänzt durch zeitgenössische Zeitungsberichte, amtliche Bekanntmachungen, Leserbriefe und andere historische Dokumente, lassen die Nachkriegsjahre auf Norderney lebendig werden. Die erläuternden Texte sind bewusst knapp gehalten und ordnen die Quellen ein, ohne sich in ausführlichen Darstellungen zu verlieren. Gerade dadurch sprechen die Bilder häufig für sich selbst, und der tiefgreifende Wandel Norderneys von den entbehrungsreichen Jahren unmittelbar nach Kriegsende über die Zeit als Leave Centre – also als ein Erholungszentrum der britischen Rheinarmee – bis hin zum Wiederaufleben des Badebetriebs und den Anfängen des modernen Massentourismus in den 1950er Jahren wird plastisch nachvollziehbar.

Den Ausgangspunkt bildet die Situation auf der Insel unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Badebetrieb, die wirtschaftliche Grundlage Norderneys, war zum Erliegen gekommen. Norderney war im Krieg Garnison; zahlreiche Kasernengebäude, Bunker und Militärwerkstätten prägten das Inselbild. Die britische Besatzungsmacht bestimmte das öffentliche Leben, gleichzeitig verschärften Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und der Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten die ohnehin schwierige Lage der Inselbevölkerung. Die Fotografien dokumentieren eindrucksvoll einen Alltag, der von Mangel und Improvisation geprägt war.

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Viel mehr als “Soete pasteikens”

Das handschriftliche Kochbuch der Dichterin Clara Feyoena van Raesfelt (1729-1807) liegt nun ediert vor

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Cover von Clara Feyoenas “Kookboek”

Erst im April dieses Jahres führte ein nord-, ost- und westfriesisches Expertentreffen im Steinhaus in Bunderhee vor Augen, dass die kulinarische Geschichte der Frieslande wissenschaftlich bislang nur in Ansätzen erschlossen ist und dass gerade handschriftliche Kochbücher zu den ergiebigsten Quellen gehören, um Esskultur, Trinkgewohnheiten, Gastlichkeit und regionale Identität greifbar zu machen.1 Wo die Quellen zu gehobenen Tafeln zu sprechen beginnen, erweisen sie sich regelmäßig als Resonanzraum eines weitgespannten Waren- und Wissenstransfers, in dem Rezepte, koloniale Gewürze und höfische Tischsitten zusammenfließen. Vor diesem Hintergrund verdient eine niederländische Neuerscheinung Aufmerksamkeit, die auch für die Frieslande von Belang ist: Das „Kookboek van Clara Feyoena“.

Bei der Quelle handelt es sich um ein handgeschriebenes, in Leder gebundenes Rezeptbuch aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, zur Sammlung des Drents Museum gehört und im Drents Archief wiederentdeckt wurde. Die „Stichting Historische Projecten Hardenberg“ ließ es Seite für Seite digitalisieren, transkribierte die 324 Rezepte und übertrug sie zugleich ins moderne Niederländisch. Clara Feyoena hat das Buch dabei nicht eigenhändig geschrieben. Es stammt aber aus ihrem Besitz und wurde ihr wohl zu ihrer Volljährigkeit geschenkt.

Hinter dem Büchlein steht eine bemerkenswerte Frau. Clara Feyoena van Sytzama wurde 1729 in Leeuwarden geboren und entstammte dem friesischen Adel. 1750 heiratete sie Isaac Reinder van Raesfelt, Herr zu Heemse, und führte ab 1753 als „Vrouwe van Heemse“ das Gut in der Provinz Overijssel. Bekannt wurde sie vor allem als Dichterin und als Autorin von Kirchenliedern, die bis heute im niederländischen Gesangbuch stehen. Sie starb 1807 in Heemse. Da das Buch aus ihrem vorehelichen Besitz stammt, spiegelt es das kulinarische Milieu ihrer Herkunft – des westfriesischen Landadels – und rückt die Sammlung damit auch in den Horizont einer Esskulturgeschichte der gesamten Frieslande.2

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  1. Vgl. https://www.kultino.de/magazin/kulinarik-den-frieslanden [25.06.2026]. Ein ausführlicher Tagungsbericht erscheint zeitnah hier im Blog. []
  2. Vgl. zu ihrer Biografie http://www.biografischportaal.nl/persoon/96168353 [25.06.2026]. []

Vom Fischerdorf zum Staatsbad: Karl-Wilhelm Fischers Publikation zur Frühgeschichte des Seebades Norderney

Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann

Abb. 1: Umschlagbild der Veröffentlichung

Auf den ersten Blick weckt der Titel der vorliegenden Broschüre Assoziationen zu Hermann Soeke Bakkers Dissertation „Norderney: Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad“ (1956, erw. Auflagen 1971 und 1980).1 Doch wo Bakker sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Insulaner bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs auseinandersetzte, konzentriert sich Karl-Wilhelm Fischer, langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter des Norderneyer Bademuseums, auf die schwierige Gründungsphase des Bades, während der aus einem bescheidenen ostfriesischen Fischerort ein konzessioniertes Seebad entstand.

Fischer verortet seine Darstellung im europäischen und deutschen Kontext der Badekultur um 1800. Als Vorbilder nennt er die repräsentativen Seebäder an der englischen Nordseeküste sowie den einflussreichen Aufsatz des Göttinger Professors Georg Christoph Lichtenberg von 1793, der für die Gründung eines Seebades an der deutschen Nordseeküste plädierte und auf die nachgewiesenen Heilerfolge bei Atemwegs- und Hauterkrankungen hinwies. Die Gründung des ersten deutschen Ostseebades in Bad Doberan (1794) hatte überdies bewiesen, dass ein solches Vorhaben auch an der deutschen Küste realisierbar war.

Norderney selbst präsentierte sich Ende des 18. Jahrhunderts als relativ unbedeutende Inselgemeinde, deren Bewohner ihren Lebensunterhalt vornehmlich aus Fischfang und Frachtschifffahrt bestritten. An die Errichtung eines Seebades war zunächst kaum zu denken. Den entscheidenden Impuls gab schließlich der Inselvogt Johann Gerhard Feldhausen, in dessen Haus bereits Gäste zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit logierten: 1797 wandte er sich mit einem Gesuch um finanzielle Unterstützung an die ostfriesischen Landstände.

Fischer zeichnet die kleinteilige Verwaltungsgeschichte dieses Gründungsprozesses nach. Das Gutachten des Arztes Dr. Friedrich Wilhelm von Halem, der die therapeutische Wirkung des Seebades bei chronischen Erkrankungen hervorhob, ebnete den Weg für den Grundsatzbeschluss der Landstände. In den Folgejahren standen mehrere Alternativen zur Debatte – darunter die Anlage eines Seebades in Norddeich oder die Beauftragung eines privaten Unternehmers –, bevor man sich 1800 auf die Bereitstellung von 1.500 Talern aus dem Dispositionsfonds zur Errichtung eines Conversationshauses einigte.

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  1. Vgl. Hermann Soeke Bakker, Norderney. Vom Fischerdorf zum Nordseeheilbad. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Bevölkerung der Insel Norderney bis zum ersten Weltkriege (= Schriften der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft zum Studium Niedersachsens e.V., Neue Folge, Bd. 62), Bremen-Horn 1956. []

Von Westoverledingen ins Unheil

Neue Erkenntnisse zu Transportwegen und Einzelschicksalen jüdischer Einwohner im Holocaust

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Umschlag der Veröffentlichung

Als Regionalhistoriker hat Hermann Adams bereits mehrfach zur Geschichte Ostfrieslands, insbesondere Westoverledingens, veröffentlicht. Sein 2017 erschienenes Werk „Geboren in Ihrhove – Westoverledingen – im Holocaust umgekommen“ hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Vergangenheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger Westoverledingens sichtbar zu machen.

Vielfach wurde gerade erst durch diese Veröffentlichung bekannt, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Westoverledingen eine jüdische Gemeinde gab. Die von Adams vorgestellten Lebensgeschichten der Ihrhover Juden während des „Dritten Reichs“ zeugen von zunehmendem Antisemitismus, täglichen Schikanen und Gewalttaten während der Reichspogromnacht 1938 und darüber hinaus. Ursprünglich hatte Adams 14 Betroffene ermittelt; die Lebenswege von 13 von ihnen bis zu ihrem Tod im Holocaust lassen sich nachzeichnen, wie Adams 2017 zeigte.

Unter dem etwas sperrigen Titel „Transportsystem – Westerbork – Rheiderland – Westoverledingen – Leer – Bremen – ins Verderben. Das Schicksal von Max Mindus im Holocaust. Geboren in Ihrhove – In Theresienstadt überlebt“ hat Hermann Adams mit großer Akribie weitere Erkenntnisse zu den aus Ihrhove stammenden jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner zusammengetragen und zu den Wegen, auf denen sie in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Kurz vor der Einweihung eines den Westoverlediger Juden gewidmeten Denkmals ist es ihm überdies gelungen, zu zeigen, dass es mit Max Mindus einen Überlebenden des Holocaust aus der Gemeinde gab.

Die neue Publikation soll im Folgenden kurz vorgestellt werden: Einführend stellt Adams das bereits erwähnte Holocaust-Denkmal vor und geht auf die Einweihungsfeier ein. Der folgende Abschnitt präsentiert neue Erkenntnisse zu den Transporten in die Vernichtungslager im Osten, die in der Regel vom Durchgangslager Westerbork/Niederlande aus durch Ostfriesland fuhren. Zahlreiche Abbildungen u. a. von den Transportwegen respektive dem für die Transporte genutzten Schienennetz, aktuelle Belegfotos und Augenzeugenberichte bereichern diesen Abschnitt der Veröffentlichung. Besonders erwähnenswert ist hier, dass viele der Augenzeugen übereinstimmend berichten, dass nicht verborgen blieb, welche Jüdinnen und Juden unter welchen Umständen in diesen Zügen deportiert wurden,  die nicht selten auf Gleisen im Gemeindegebiet abgestellt wurden.

Als weiteres zentrales Thema der Publikation wird im nächsten Abschnitt das Schicksal von Max Mindus, der aus Ihrhove stammte, beleuchtet: Bei seiner ersten Veröffentlichung zum Thema im Jahr 2017 war Adams noch davon ausgegangen, dass sich in der Gemeinde Westoverledingen keine Überlebenden des Holocaust nachweisen lassen. Kurz vor der Einweihung des Holocaust-Denkmals im November 2019 wurde jedoch bekannt, dass der 1895 in Ihrhove geborene Max Mindus mit seiner Frau den Holocaust überlebt hatte und nach Kalifornien emigriert war. Ausführlich stellt Adams die Lebenswege von Max Mindus und seiner Frau Selma vor. Der Leser lernt ihre Elternhäuser und Familien kennen; er erfährt, dass Max Mindus als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte und mit welchen Schwierigkeiten die junge Familie Mindus schon vor der NS-Zeit zu kämpfen hatte. Auch der weitere Lebensweg von Max Mindus während und nach der NS-Zeit bis zur Befreiung des KZ Theresienstadt und Mindus‘ Übersiedlung in die USA nach dem Zweiten Weltkrieg wird eindrücklich geschildert. Sehr lesenswert ist auch die Schilderung von Mindus‘ Kampf um Entschädigung für sein in der NS-Zeit verlorenes Eigentum.

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Von Wappen und verschwundenen Gewässern bis hin zu dunklen Kapiteln der NS-Zeit

Das neue “Emder Jahrbuch” eröffnet abermals Einblicke in die ostfriesische Geschichte

Abb. 1: Umschlagbild des aktuellen Emder Jahrbuchs 2026

Dass unsere Sicht auf die Geschichte nicht statisch ist, sondern in einem fortwährenden Prozess des Entdeckens entsteht, beweist eindrücklich die neueste Ausgabe des „Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands“. In insgesamt sechs Forschungsbeiträgen, die zeitlich vom 15. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit reichen, unterstreicht der aktuelle Band, dass die Geschichte der Region durch moderne Fragestellungen ständig neu beleuchtet werden kann.

Der erste Beitrag stammt von Hanke Immega, Mitarbeiter der Landschaftsbibliothek, der sich für Ostfriesland immer mehr zu dem Heraldik-Experten entwickelt. Nachdem er im „Blog für ost-friesische Geschichte“ seit September 2025 bereits vier umfangreiche Beiträge zu verschiedenen Themen rund um ostfriesische Wappen veröffentlicht hat,1 befasst er sich im Emder Jahrbuch mit der „Entwicklung der Helmzierden des ostfriesischen Grafen- und Fürstenwappens“. Es geht darin nicht um den bekannten Wappenschild mit seinen sechs Feldern, sondern um den oberen Teil des Wappens. In seinem Aufsatz kommt Immega zu dem Ergebnis, dass die Helmzierden nicht nur den tatsächlichen Besitz, sondern darüber hinaus auch nicht verwirklichte Herrschaftsansprüche des Grafenhauses repräsentieren. Nach 1630 kam neben dem Oberwappen der Häuptlinge des Harlingerlandes auch das der Herrschaft Jever hinzu, welche die Cirksena nie in die Grafschaft integrieren konnten. Später wurde diese Helmzier durch die der Grafschaft Rietberg ersetzt, die vorher im Besitz einer Nebenlinie der Cirksena gewesen war.

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  1. Hanke Immega, Selbstvergewisserung einer fürstlichen Halbwaise. Die Heraldik im Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 24.09.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/6435; Hanke Immega, Nachahmung eines Stadtwappens mit fürstlichen Mitteln. Ein ungewöhnliches Wappen auf einer Münze Enno Ludwigs von Ostfriesland, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 05.11.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/6760; Hanke Immega, Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 1: Zur Herkunft des Norder Stadtwappens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 04.12.2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042; Hanke Immega, Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 2: Das Dreililienwappen von Faldern und Oldersum, in: Blog für ost-friesische Geschichte, 15.01.2026, https://ostfrhist.hypotheses.org/7301. []

“Dein Freund und Henker” – Ergebnisse eines Workshops zur Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus in Ostfriesland

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Anti-Jüdische Aktion der Nationalsozialisten in Norden am 22. Juli 1935: Öffentliche Anprangerung von „Rasseschändern“: C. Neemann und J. Wolff flankiert von 2 Polizisten (NLA AU, Rep. 243, A 898/1)

Am 12. März 2026 fand im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft in Aurich der ganztägige Workshop „Polizei im Nationalsozialismus in Ostfriesland“ statt. Veranstaltet wurde er gemeinsam von der Ostfriesischen Landschaft, der Gedenkstätte Engerhafe und dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich. Gefördert wurde die Tagung durch die Hans-Heyo Prahm Stiftung, Leer.

Zur Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus in Ostfriesland liegen bislang kaum wissenschaftliche Forschungen vor. Der Workshop verfolgte daher das Ziel, den aktuellen Kenntnisstand zu bündeln und zugleich Perspektiven für die weitere Forschungsarbeit und die Nutzung der sich daraus ergebenden Erkenntnisse in der historisch-politischen Bildungsarbeit aufzuzeigen. Entsprechend gliederte sich das Programm in zwei thematische Panels: Das erste Panel befasste sich mit der historisch-wissenschaftlichen Perspektive und beleuchtete sowohl übergreifende Forschungsstände zur Polizei im Nationalsozialismus als auch regionale Quellenbestände und biografische Fallstudien aus Ostfriesland. Das zweite Panel richtete den Blick auf die historisch-politische Bildungsarbeit und fragte nach den Möglichkeiten und Herausforderungen einer berufsspezifischen Vermittlung an Gedenkstätten, nach dem Einbezug von Betroffenenperspektiven sowie nach historischen Kontinuitäten im Verhältnis von Polizei und Demokratie.

Das erste Panel eröffnete Andreas Mix, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, mit einem Überblicksvortrag zur Geschichte der Polizei im Nationalsozialismus. Er gliederte seinen Beitrag chronologisch in drei Phasen: den Übergang von der Republik zum „Führerstaat“ (1930–1934), die Phase der „Verreichlichung“, Entstaatlichung und Militarisierung (1934–1939) sowie die Zeit der entgrenzten Gewalt im Kriegseinsatz (1939–1945).

Mix legte dar, wie die Polizei bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik unter Druck geriet und nach 1933 schrittweise zur Stütze der nationalsozialistischen Diktatur wurde. Der Schusswaffenerlass Hermann Görings vom Februar 1933 markierte dabei einen frühen Wendepunkt, mit dem die Polizei zur rücksichtslosen Gewaltanwendung gegen politische Gegner ermächtigt wurde. Die Errichtung der Geheimen Staatspolizei und die Zusammenführung der politischen Polizeien der Länder unter Heinrich Himmler trieben die Zentralisierung voran. Himmler verfolgte programmatisch das Ziel, Polizei und SS zu einer Einheit zu verschmelzen. Parallel dazu wurde die Kriminalpolizei ideologisch aufgeladen und in den Dienst einer rassistisch begründeten „Verbrechensbekämpfung“ gestellt. Mix verdeutlichte die Verfolgungspraxis auch anhand eines regionalen Beispiels: der öffentlichen Demütigung von Christine Neemann und Julius Wolff wegen sogenannter „Rassenschande“ in Norden im Juli 1935. Im Krieg schließlich weitete sich das Einsatzspektrum der Polizei dramatisch aus – von der Sicherung der Besatzungsherrschaft über Deportationen bis hin zur unmittelbaren Beteiligung an den Völkermorden an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma. Dass der in der Weimarer Republik geprägte Slogan „Die Polizei – Dein Freund und Helfer“ im „Dritten Reich“ zu einem „Dein Freund und Henker“ pervertierte, machte Mix abschließend noch mal deutlich.

Mix verwies in der Diskussion auf mögliche Ansatzpunkte für die regionale Erforschung der Polizeigeschichte. Als wichtige Quellengattungen nannte er historische Tageszeitungen, Fotoalben aus Privatbesitz sowie die Personalakten der SS (sog. SSO-Akten) im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. Zudem sei zu klären, welche Polizeibataillone in der Region aufgestellt wurden. Aus dem Publikum kam der Hinweis, auch die Perspektive der Opfer stärker einzubeziehen, etwa über die Akten der Gypsy Lore Society sowie über Zeitzeugeninterviews.

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Erneutes Vortragsangebot über zwei Emder Renaissancehäuser zwischen Abrissbirne und Denkmalschutz

Nachdem der Vortrag im Januar leider ausfallen musste, widmet sich Aiko Schmidt M.A. am 20. April 2026 nochmals der Geschichte der beiden im 16. Jahrhundert errichteten Bürgerhäuser in der Pelzerstraße in Emden

Abb.: Blick aus der Klunderburgstraße auf die Nordfassaden der Häuser Pelzerstraße 11 (links) und 12 (rechts), 2001 (Ostfriesisches Landesmuseum Emden, Foto: Adolf Harms)

Im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Landeskundliche Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands“ laden die Landschaftsbibliothek und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich zum letzten Vortrag in der Vortragssaison 2025/26 ein. Im Mittelpunkt steht die Erhaltung der Renaissancehäuser in der Pelzerstraße in Emden im 20. Jahrhundert.

Die Emder Altstadt fiel im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig den Bombenangriffen zum Opfer. Inmitten dieser Zerstörung haben zwei im 16. Jahrhundert errichtete Bürgerhäuser an der Pelzerstraße die Zeiten überdauert und gewähren noch heute – zumindest ansatzweise – einen seltenen Einblick in die einstige Wohnkultur einer wohlhabenden Bürgerschaft. Der Vortrag zeichnet die wechselvolle Geschichte dieser beiden Renaissancegebäude von ihrer Entstehung bis in die jüngere Vergangenheit nach. Während das Haus Nr. 11 trotz fortschreitender Baufälligkeit bis 1989 als Unterkunft für sozial schwach gestellte Personen diente, wurde das Haus Nr. 12 – mit Ausnahme der erhaltenen Nordfassade – durch einen Neubau ersetzt und ab 1984 als Kulturhaus genutzt. An der Wende zum 21. Jahrhundert erfuhr das Haus Nr. 11 eine behutsame Restaurierung und vermittelt seither einen Eindruck der Lebensverhältnisse vor rund 350 Jahren, wenngleich dessen Authentizität gewissen Einschränkungen unterliegt.

Aiko Schmidt M. A. ist seit 1994 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ostfriesischen Landesmuseum Emden tätig und hat zahlreiche Aufsätze zur Emder Stadtgeschichte veröffentlicht.

Aiko Schmidt M.A.

Aiko Schmidt M.A. (Emden)

Die Erhaltung der Renaissancehäuser in der Pelzerstraße in Emden im 20. Jahrhundert

Zeit:                Montag, den 20. April 2026; 19.30 Uhr

Eintritt:           5,00 €

Michael Hermann
(Red.: H.S.)

Migration und Integration in Ostfriesland

Am Tag der Archive fand unter dem Motto “Alte Heimat – neue Heimat” im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft ein Vortragsvormittag statt

Ein Beitrag von Dr. Michael Hermann

Abb. 1: Der Tag der Archive ist eine bundesweite Veranstaltung, um Archive und ihre Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen (Foto: Michael Hermann)

Für den 7. März 2026 lud das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich – in Kooperation mit der Ostfriesischen Landschaft zu einem Vortragsvormittag unter dem Titel „Alte Heimat – Neue Heimat“ ein. Die Veranstaltung fand im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft statt und war Teil des bundesweiten „Tags der Archive“, der 2026 zum dreizehnten Mal seit seiner Erstauflage im Jahr 2001 begangen wurde. Dieser Aktionstag, organisiert vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), gibt Archiveinrichtungen in ganz Deutschland die Gelegenheit, sich an die breite Öffentlichkeit zu wenden und auf die gesellschaftliche Bedeutung archivischer Arbeit aufmerksam zu machen.

Die Begrüßung der über dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die trotz des ungewöhnlich schönen Wetters gekommen waren, übernahmen Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, sowie Dr. Michael Hermann, Leiter der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs.

Rico Mecklenburg hob in seiner Ansprache neben der überregionalen Bedeutung des Tags der Archive die langjährige und traditionsreiche Kooperation zwischen Landesarchiv und Ostfriesischer Landschaft hervor. Vortragsreihen, der „Tag der ostfriesischen Geschichte“ sowie zwei wissenschaftliche Buchreihen zeugten von einem fruchtbaren institutionellen Miteinander, das auch zu der sofortigen Bereitschaft führte, das Landschaftsforum als Veranstaltungsort zur Verfügung zu stellen.

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“Ich hätte niemals gedacht, dass in ‘Klein-Ostfriesland’ solche unmenschlichen Taten begangen wurden”

Ein Projekttag der KGS Wiesmoor zum Gedenken und Erinnern in Kooperation mit der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs

Ein Gastbeitrag von Isabel Scheunert (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich)

Abb. 1: Einführung in den Projekttag der 12. Jahrgangsstufe der KGS Wiesmoor durch Daniela Peters (Foto: KGS Wiesmoor)

Geschichtsunterricht in der Schule wird oftmals mit Klischees in Verbindung gebracht: Trockene Schulbücher vermitteln historische Grundkenntnisse von der Antike bis in die Moderne, große und komplizierte Zusammenhänge sollen sich anhand von zunächst oft unverständlichen Quellen erschließen und das Auswendiglernen von Zahlen und Daten darf zum Bestehen der kommenden Klausur ebenfalls nicht fehlen. Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus wird hierbei wiederkehrend in verschiedenen Jahrgängen thematisiert. Die zentralen Orte, an denen sich die Grausamkeit des NS-Regimes abgespielt hat, scheinen dabei jedoch oft die gleichen zu sein: Berlin, München, Auschwitz und weitere. Für Ostfriesen sind dies jedoch Orte, die damals wie heute weit weg von der eigenen Lebenswelt liegen.

Wie vermittelt man also Schülern einen Eindruck davon, dass all die Dinge, die sie sonst nur aus Schulbüchern kennen, vor mehr als achtzig Jahren auch in ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrer Heimat geschehen sind? Wie bringt man ihnen näher, dass die grausamen Taten des NS-Regimes überhaupt stattfinden konnten, weil genug MitbürgerInnen weggeschaut haben? Kann man Kindern und Jugendlichen diese Geschehnisse überhaupt begreiflich machen? Diese Fragen stellte sich auch die Kooperative Gesamtschule in Wiesmoor und entschied sich dazu, einen themenspezifischen Projekttag anzubieten.

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Strandräuber auf Borkum: Gregor Ulsamers Dokumentation eines vergessenen Kriminalfalls

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Titelblatt der Publikation

Was das kollektive Gedächtnis der Insel Borkum über fast zwei Jahrhunderte vollständig vergessen hatte, hat Gregor Ulsamer nun in einer sorgfältig recherchierten Dokumentation aufgearbeitet: die Geschichte der Strandung des Kuffschiffs „Constantino“ im November 1831 und ihrer erstaunlichen juristischen Nachspiele. Sein Band „Strandräuber. Achtzehn Borkumer zu 187 Tagen Gefängnis verurteilt“ ist 2025 erschienen und schließt dabei gleich zwei Lücken der ostfriesischen Küsten- und Sozialgeschichte: zum einen die Entwicklung des Strandrechts in den vergangenen Jahrhunderten, mit seinen Wurzeln in Seerecht, Piraterie und dem althergebrachten Strandraub; zum anderen die extrem schwierigen sozialen Verhältnisse der Küstenbewohner in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hier exemplarisch dargestellt an den Einwohnerinnen und Einwohnern Borkums. Der Kampf zwischen der Obrigkeit – repräsentiert durch die Amtsvögte und das königlich hannoversche Gericht in Emden – und den Insulanern um das Strandgut liefert den Rahmen für die Geschichte der Ladung der „Constantino“.

Am 13. November 1831 schlug ein Nordweststurm den Zweimastsegler „Constantino“ auf den Borkumer Strand. Das Schiff war nur wenige Monate alt, gehörte zu einem Viertel dem erfahrenen Kapitän Lühr Hinderks Müggenborg, und transportierte 34 Tonnen ungemahlener Eichenrinde von Bremen nach Yarmouth, wo sie als Rohstoff für die dortigen Ledergerber dienen sollte. Schiff und Ladung waren wie üblich versichert: die Ladung bei Lloyds in London, das Schiff in Papenburg. Was folgte, war ein Ereignis, das die Justiz des Königreichs Hannover über Monate beschäftigen sollte: Nach der Strandung kamen Insulaner mit Beilen an Bord, um Ladung und Tauwerk an sich zu nehmen. Der zuständige Strandvogt Tönjes Bley sah sich zwischen die Fronten gestellt. Das Kriminalamt Emden ermittelte, verhörte die dreiköpfige Besatzung sowie alle Insulaner und sogar deren Kinder. Das Gericht ordnete Hausdurchsuchungen auf der Insel an und fand am Ende gerade einmal etwas mehr als vier Prozent der Ladung in den Gärten der Borkumer verteilt.

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