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Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 1: Zur Herkunft des Norder Stadtwappens

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Seit über fünfhundert Jahren führt die Stadt Norden ihr sehr prägnantes Wappen, das drei goldene Sporenräder in Blau zeigt. In der großen Ausführung des Wappens hält der heilige Andreas, im Mittelalter der Stadtpatron, den Wappenschild (Abb. 1).

Abb. 1: Wappen der Stadt Norden mit dem heiligen Andreas als Schildhalter. Ausschnitt aus einem der beiden Wappenfenster im sogenannten Prunkzimmer der Ostfriesischen Landschaft, Aurich, 1914 (Foto: Hanke Immega)

Dieses Wappen ist schon in nahezu identischer Form auf einem Stadtsiegel aus dem Jahr 1498 zu sehen.1 Allerdings scheint es sich hier im Wappenschild eher um Sterne zu handeln, denn den drei Wappenfiguren fehlen die mittigen Achslöcher. Auf späteren Siegeln sind sie hingegen deutlich zu erkennen (Abb. 2). Ob es sich ursprünglich um Sterne oder Sporenräder gehandelt hat, ist umstritten; beide Varianten kommen über längere Zeit nebeneinander vor.

Abb. 2: Siegel der Stadt Norden an einer Urkunde vom 7. November 1599 (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich, Rep. 1, Nr. 821)

Allgemein wurde und wird angenommen, dass das Norder Wappen auf die Häuptlingsfamilie Idzinga zurückgeht.2 In Siegeln der Mitglieder dieser Familie lässt sich das allerdings offenbar nicht nachweisen. Hicko Ychenga oder Idzinga von Norden siegelte 1340 mit einem Adler, einem der ältesten erhalten Häuptlingssiegel überhaupt (Abb. 3). Allerdings handelt es sich hier vermutlich noch nicht um ein Wappen im eigentlichen Sinne. Der Adler steht frei im rautenförmigen Siegel und ist in unheraldischer Seitenansicht zu sehen. Ob es sich tatsächlich um einen Adler oder einen anderen Vogel handeln soll, ist ebenfalls nicht eindeutig zu erkennen.

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  1. Vgl. Ernst Friedländer (Hrsg.), Ostfriesisches Urkundenbuch, Bd. 2, Emden 1881, S. 575 / Nr. 1582. Abbildung in: Ufke Cremer, Norden im Wandel der Zeiten, Norden 1955, S. 1. [↩]
  2. So z. B. bereits Heinrich Bernhard von dem Appelle, Collectanea heraldica, 1713 (NLA AU, Dep. 1 Msc, Nr. 59, S. 138) oder aktuell Hajo van Lengen, Die ostfriesischen Wappen. Das Fürstenwappen und das Landschaftswappen, Aurich 2018, S. 21–22. [↩]

100 Jahre Friesenkongresse – Beginn, Entwicklung und erste Bilanz

Festvortrag zur Jubiläumstagung des Interfriesischen Rates am 17. Oktober 2025 im Audienzsaal des Schlosses zu Jever1

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Steensen (Nordstrand)

Einhundert Jahre Friesenkongresse – das sind 29 Tagungen mit Menschen aus allen Winkeln der friesischen Lande und weit darüber hinaus. Es sind ungefähr 150 Vorträge mit neuen Erkenntnissen über die Friesen und die Frieslande, mal wissenschaftlich-sachlich und analytisch, mal spröde und knochentrocken, mal leidenschaftlich oder gar pathetisch. Es sind ungezählte Sitzungen, „Workshops“, Auftritte von Trachten-, Tanz- und Musikgruppen, feierliche friesische und plattdeutsche Gottesdienste. Es sind mehrere Hunderttausend, vielleicht Millionen Kilometer, die in interfriesischen Zusammenhängen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den Niederlanden zurückgelegt wurden, zumeist mit Personenautos und Omnibussen, manchmal mit dem Fahrrad, mit der Eisenbahn und auch mit dem Schiff. Die Friesenkongresse bilden gewiss das Kernstück der interfriesischen Zusammenarbeit. Aber daneben gibt oder gab es die ebenfalls dreijährlichen Fahrten nach Helgoland, die Bauerntreffen, Tagungen von Kommunalpolitikern, Jugend- und Studentenlager, Frauentreffen. Ungezählt sind die Briefe, Telefonate, Telefaxe, E-Mails, „Posts“ in den „sozialen Medien“. Ungezählt sind auch die Presse-, Radio und Fernsehberichte. Erst dadurch erfuhr so mancher Friese, dass es überhaupt andere Frieslande gab und gibt. Dennoch ist das Wissen übereinander weithin gering ausgeprägt. Ich erfuhr dies auf meiner Fahrradtour durch West- und Ostfriesland, als ich erzählte, dass ich aus Nordfriesland komme. „Ach so, ganz aus Mecklenburg-Vorpommern …“, erhielt ich zur Antwort.

Viel Papier wurde produziert. Allein die Protokolle des Friesenrates oder seit 1999 Interfriesischen Rates, der ja gewissermaßen die Klammer für all das bildet, umfassen rund tausend Seiten; mit einiger Mühe haben meine Frau und ich mittlerweile mit einer Ausnahme sämtliche Protokolle von der Gründung bis zum Jahr 2000 in fünf verschiedenen Archiven ermitteln können, die meisten in Aurich. Ideen wanderten hin und her, Erfahrungen wurden ausgetauscht, nicht selten eiferte man in einem Friesland dem Vorbild des anderen nach. Grundsätzliche Diskussionen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Friesen wurden geführt. Dabei dürfte so mancher Teepunsch, Friesengeist, Beerenburger konsumiert worden sein. Interfriesische Impulse führten zu bemerkenswerten Ergebnissen – oder aber, was wohl noch häufiger geschah, sie lösten sich in Luft auf, gerieten in Vergessenheit. Interfriesische Freundschaften sind entstanden. Interfriesische Ehen wurden geschlossen – und zum Teil wieder geschieden. Tausende Menschen aus den Frieslanden sind sich begegnet und nähergekommen – dies ist, um es in einer Bilanz nach einhundert Jahren gleich am Beginn zu sagen, gewiss das Wichtigste.

All das hat in diesem prachtvollen Saal im Schloss zu Jever einen Anfang genommen. Am 4. und 5. August 1925 kamen hier etwa 80 Vertreter aus den friesischen Gebieten, außerdem Wissenschaftler und weitere Interessierte aus Deutschland und den Niederlanden zu dem – später so bezeichneten – ersten Friesenkongress zusammen. In Nordfriesland war vom ersten „Allfriesentag“ die Rede, in Westfriesland vom „Great Frysk Kongres“ und „Friezendei“, in Ostfriesland zumeist von der ersten „friesischen Geschichtstagung“, dem „Friesentag“ oder auch der ersten „Allfriesentagung“. Diese Bezeichnung behagte manchen Westfriesen nicht, denn sie lasse an das „Alldeutschtum“ denken. In der gedruckten Einladung hieß es unverfänglich: “Zusammenkunft von Freunden friesischer Geschichte und Literatur”.

Abb. 1: Tagungsort des ersten Friesenkongresses 1925: das Schloss zu Jever; auch der „Jubiläumskongress“ 75 Jahre später wurde hier gehalten (Foto: Thomas Steensen, 2019).

Warum geschah dies gerade in Jever? Warum nicht in Aurich und damit nahe an der von Mythen umwehten friesischen „Weihestätte“, dem Upstalsboom? Warum traf man sich nicht in der westfriesischen Hauptstadt Ljouwert/Leeuwarden, der weltweit größten friesischen Stadt? Warum nicht auf Helgoland, früher manchmal als eine Art Zentralheiligtum der Friesen betrachtet? Warum nicht in Nordfriesland, sagen wir: in Bredstedt?

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  1. Gedankt sei Arno Ulrichs, dem Vorsitzenden des Interfriesischen Rates, für die Einladung und Volker Landig für die organisatorische Vorbereitung in Jever, außerdem Antje Sander für die Gastfreundschaft im Schloss und Froukje de Jong-Krap, die freundlicherweise die westfriesischen Verse vortrug. Der Vortragstext wurde leicht überarbeitet und ergänzt. – Der Verfasser arbeitet an einer umfassenden Darstellung zu den „interfriesischen“ Verbindungen zwischen Nord-, Ost- und Westfriesen. Darin werden die Quellen- und Literaturangaben detailliert aufgeführt. [↩]

Nachahmung eines Stadtwappens mit fürstlichen Mitteln. Ein ungewöhnliches Wappen auf einer Münze Enno Ludwigs von Ostfriesland

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Unter den Münzprägungen der ostfriesischen Cirksena fällt ein Silbergulden (Florin) Enno Ludwigs (1632–1660, regierender Graf seit 1651) durch eine ungewöhnliche Wappendarstellung auf. Unter Rudolf Christian (1602–1628, Graf seit 1625) war endgültig der heute noch bekannte Schild mit sechs Feldern eingeführt worden (Abb. 1). Spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde auf den Münzen das ostfriesische Grafen- bzw. Fürstenwappen nur noch in dieser Form oder als einfacher Harpyienschild dargestellt.

Abb. 1: Das ostfriesisches Fürstenwappen an der “Alten Wache” in Aurich. Der Schild zeigt die sogenannte Harpyie in Feld 1 für die Häuptlingsfamilie Cirksena, das Adlerwappen der tom Brok in Feld 2, den Rautenbalken mit den Monden für Gela von Manslagt in Feld 3, das Löwenwappen der Ukena in Feld 4 sowie den Bären und die Geißeln für das Harlingerland in Feld 5 und 6. Die Beizeichen zu den ersten beiden Feldern (Sporenräder bei der Harpyie, Kronen beim Adler) sind nicht zu erkennen. Umgeben ist der Schild von einem Kranz aus Orangenzweigen, dem Symbol des in den Niederlanden regierenden Hauses Oranien. Außerdem ist er mit einer Fürstenkrone bekrönt. Diese Kombination deutet auf Enno Ludwig hin, der mit Henriette Catharina von Oranien verlobt war und als erster Cirksena den Fürstentitel erlangte (Foto: Hanke Immega).

Der Silbergulden Enno Ludwigs weicht davon deutlich ab (Abb. 2 und 3).1 Er stammt aus seinen letzten Regierungsjahren, denn auf der für diesen Münztyp üblichen Seite mit dem kaiserlichen Doppeladler und der Wertangabe (28 Stüber) ist als Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Leopold (I.) (1640–1705, Kaiser seit 1658) genannt. Auf der anderen Seite zeigt die Münze einen gevierten Schild mit zunächst einer Harpyie und kleinen Sporenrädern im ersten sowie einem Adler im vierten Feld. Bei der Harpyie handelt es sich um das Stammwappen der Cirksena, beim Adler sicherlich um den der tom Brok, auch wenn keine Kronen auf dem Kopf und den Flügeln dargestellt sind.2 Kurios ist der Inhalt des zweiten und dritten Feldes. Hier ist zweimal das Wappen Gelas von Manslagt dargestellt, der Mutter des ersten Grafen Ulrich I. (um 1408–1466, Graf seit 1464). Es handelt sich um einen mit Rauten belegten Balken, der von drei Halbmonden begleitet ist.3

Abb. 2: Silbergulden Enno Ludwigs, zwischen 1658 und 1660. Vierfeldriger Wappenschild. (Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N 457, Foto: Hinrich Dirksen)
Abb. 3: Silbergulden Enno Ludwigs, zwischen 1658 und 1660. Kaiserlicher Doppeladler und Wertangabe 28 Stüber (Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N 457, Foto: Hinrich Dirksen)
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  1. Eine Ausnahme stellt zwar auch ein Schilling Enno Ludwigs dar, der den gevierten Schild des Harlinglanit je zwei Feldern mit einem Bären bzw. zwei Geißeln zeigt; vgl. Anton Kappelhoff, Die Münzen Ostfrieslands, Aurich 1982, S. 69. Da das Harlingerland aber noch jahrhundertelang innerhalb Ostfrieslands eine Sonderstellung einnahm, ist diese Münze trotzdem nicht ungewöhnlich. [↩]
  2. Vgl. Kappelhoff, Münzen, S. 69–70. [↩]
  3. Außerdem ist diesem Wappen offenbar auch noch ein „lediges Schildhaupt“, also ein leerer schmaler Bereich am oberen Rand hinzugefügt worden, dessen Bedeutung nicht erkennbar ist. [↩]

Selbstvergewisserung einer fürstlichen Halbwaise. Die Heraldik im Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Im März 1690 trat der 24jährige Christian Eberhard Cirksena (1665–1708) endlich die Regierung an. Zwar war er schon vom Augenblick seiner Geburt an Fürst von Ostfriesland, denn sein Vater war knapp vier Monate vorher verstorben, aber seine Mutter Christine Charlotte von Württemberg (1645–1699) hatte bis dahin die Regentschaft geführt. Christian Eberhard war schon als Zehnjähriger zur Ausbildung außer Landes geschickt worden und erst seit etwas über einem Jahr wieder in Ostfriesland.1

Abb. 1: Porträt-Silbergulden Christian Eberhards von 1686 (Graveur: Giovanni Hamerani, Ostfriesisches Landesmuseum Emden, MK-N-641, Foto: Hinrich Dirksen)

Für seine Residenz in Esens ließ der junge Fürst einen repräsentativen Stammbaum erstellen, ein Gemälde von fast drei Metern Höhe, das heute im Rathaus von Esens zu sehen ist. Zu den genealogischen Zusammenhängen hat schon Hajo van Lengen einen Beitrag verfasst, der ebenfalls in diesem Blog veröffentlicht wurde.2 Ein paar Anmerkungen zu den dargestellten Wappen sollen hier noch folgen.

Abb. 2: Stammbaum der Cirksena im Rathaus von Esens (Foto: Detlef Kiesé). Vgl. auch das 360-Grad-Panoramabild, das über die Website der Stadt Esens zugänglich ist (https://esens-museen.de/sehenswuerdigkeiten/rathaus-mit-ahnensaal bzw. direkt https://maps.app.goo.gl/rh9ENEunJD6po1fGA)

Der Stammbaum enthält alle männlichen und weiblichen Mitglieder des Hauses Cirksena mit ihren Ehepartnern, und zwar sowohl die der ostfriesischen Hauptlinie als auch die der beiden katholischen Nebenlinien. Die erste begründete Johann der Ältere (1506–1572) 1538 mit der unehelichen Kaisertochter Dorothea von Österreich (1516–1572); sie erlosch 1600 „im Mannesstamm“. Die zweite Linie von 1601 bis 1690 entstammte der Ehe Johanns des Jüngeren (1566–1625) mit seiner Nichte Sabina Catharina von Ostfriesland-Rietberg (1582–1618). Der Stammbaum wurde nach dem Tod Christian Eberhards offensichtlich bis 1711 fortgeführt und enthält noch zwei seiner Enkel, als Kleinkinder verstorbene ältere Geschwister des letzten Fürsten Carl Edzard (1716–1744), dieser selbst fehlt aber bereits. Immerhin sind damit vierzehn Generationen verzeichnet, beginnend im 14. Jahrhundert mit Edzard, dem Ururgroßvater Ulrichs I. (um 1408–1466).

Links am Fuß des Stammbaums ist eine Art erweitertes Allianzwappen des Fürstenpaares dargestellt (Abb. 3). Im Gegensatz zum eigentlichen Allianzwappen für Eheleute zeigt es drei Vollwappen: Über den Wappen Christian Eberhards und seiner Ehefrau Eberhardine Sophie (1666–1700) ist das seiner Mutter Christine Charlotte dargestellt, alle mit sämtlichen Wappenfeldern, Helmen und Helmzierden sowie durch Schleifenbänder miteinander verbunden.3

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  1. Vgl. Ernst Kaeber, Bilder aus dem Leben ostfriesischer Fürstlichkeiten des 17. Jahrhunderts, Aurich 1912, S. 59. [↩]
  2. Hajo van Lengen, Ostfriesische Geschichte anschaulich. Der Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens, in: Blog für ost-friesische Geschichte, Aurich 2025, https://ostfrhist.hypotheses.org/5582 [04.09.2025]. [↩]
  3. Da die Mutter Eberhardine Sophies die Schwester Christine Charlottes war, kann deren Wappen zugleich als das ihrer Schwester aufgefasst werden; vgl. van Lengen, Stammbaum, https://ostfrhist.hypotheses.org/5582 [04.09.2025]. Damit ergibt die Position des württembergischen Wappens mittig über den Wappen des Ehepaars und die beidseitige Verknüpfung des Schleifenbandes auch genealogisch Sinn. [↩]

Die Durchsetzung von Herrschaftsrechten in einem Grenzgebiet – Die Anfänge von Flachsmeer

Ein Gastbeitrag von Wiard Hinrichs

Abb. 1: Auszug aus einer Karte mit der Lage eines Heidefeldes und der gemeinen Weide von Steenfelde mit der Kirche sowie dem Flachsmeer mit den Flachsmeerhäusern, 1784 (NLA AU Rep. 244 A Nr. 798)

Die Siedlungsgeschichte von Flachsmeer ist das Ergebnis von Schwierigkeiten, die sich bei der Abgrenzung und Durchsetzung von Herrschaftsrechten in einem Grenzgebiet – zwischen den Bistümern Münster und Osnabrück – ergaben.1 Das gab den Bewohnerinnen und Bewohnern Gelegenheit zur Eigeninitiative in den von ihnen neu erschlossenen Gebieten. Nur mühsam konnte die landesherrliche Abgabenverwaltung hier ihre Ansprüche zur Geltung bringen. Keine Obrigkeit lenkte den Aufbau der ersten menschlichen Siedlungen und die Auswahl der Siedler. Daher ist die Aktenüberlieferung – anders als bei den meisten Eindeichungen oder Fehnkolonien dieser Zeit – für Flachsmeer auch noch im 18. Jahrhundert gering. Hofbesitzer der Nachbarkirchspiele Großwolde und Ihrhove hatten Teile ihrer Moorflächen am Flachsmeer an Siedlungswillige abgetreten. Nach den späteren Ermittlungen haben Kultivierung und Niederlassung in Flachsmeer wohl in den 1720er Jahren begonnen.

Die ältesten Erwähnungen Flachsmeers

Die bisher älteste Erwähnung einer Ansiedlung bei Flachsmeer enthält die Amtsbeschreibung von Leerort aus dem Jahr 1735. Hier schreibt Amtmann Kettler zuerst über die Niederlassungen am Geestrand: „Noch ist zu gedencken der neuen Colonie, die von Steenfelde anzurechnen, bis Völlen hin, sieder etzlichen Jahren auffm wilden Morast sich gesetzet hat.“ Damit sind Steenfelde, Marck, Mitling und Völlenerfehn gemeint. Die Kolonien bestünden zwar nur aus einzelnen Häusern, hätten aber durch den Anbau von Buchweizen ihr Auskommen. Weiter im Binnenland komme man dann, „wenn man von Völlen selbige [Orte] passieret“, gegen das Flachsmeer. „Ganz hoch hinauf [auf] dem Morast“ seien hier seit wenigen Jahren auch einige Häuser gebaut worden, welche die „Mohrhusen“ genannt werden. Die Bewohner „frequentieren“ nach ihrer Religion die Kirchen zu Steenfelde und Großwolde.2

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  1. Die Ausarbeitung hat der Verfasser auf Wunsch von Landschaftspräsident a.D. Helmut Collmann im Rahmen der Vorbereitungen der 300-Jahr-Feier der Besiedlung Flachsmeers schon im März 2021 zusammengestellt. [↩]
  2. Stephan Rudolph Kettler, General- und Special-Beschreibung des Hauses und Ambtes Leerorth in Ecclesisticis et Politicis, Leer 1886, S. 20. Die Rechtschreibung dieser Edition sollte noch am Original von 1735 überprüft werden. Zur Geschichte der durch ein Reskript des Fürsten Georg Albrecht vom 1. Februar 1734 von den Amtleuten geforderten Amtsbeschreibungen mit einem Überblick der zumeist aus dem Jahr 1735 stammenden Eingänge vgl. Cirk Heinrich Stürenburg, Beschreibung des Amtes Aurich. Quoad politica et ecclesiastica Anno 1735, hrsg. von Ufke Cremer, Aurich 1933, S. 6–7. [↩]

NS-Parteifunktionäre in Ostfriesland – Ein Projekt zur Erforschung des regionalen Führungskorps der NSDAP

Ein Gastbeitrag von Miriam Klapproth, M. Ed.

Abb. 1: NSDAP-Ortsgruppenleiter G. Siebels, Walle (oben links), N. Lobes, Hinte (oben rechts), K. Arkebauer, Holtrop (unten links), J. Harms, Forlitz-Baukirchen (unten rechts) (NLA Aurich, Rep. 250, Nrn. 00933, 13382, 42496, 00922)

Die Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes zählt auch achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu den zentralen Aufgaben der Geschichtswissenschaft – auf regionaler wie überregionaler Ebene. Dabei hat sich die wissenschaftliche Perspektive auf das „Dritte Reich“ im Laufe der Jahrzehnte mehrfach gewandelt: So standen nach dem Kriegsende insbesondere die Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus – und damit das Scheitern der Weimarer Republik –, die Hauptkriegsverbrecher, Herrschaftsstrukturen sowie die Shoah im Zentrum des Interesses. Ab den 1980er und 1990er Jahren verlagerte sich der Fokus zunehmend auf die sogenannte „Täterforschung“,1 die durch ihre gesamtgesellschaftliche Perspektive maßgeblich dazu beiträgt, „das extreme Ausmaß der Kriminalisierung der NS-Gesellschaft aufzudecken.“2

Wenngleich sich diverse lokale und regionale Forschungsarbeiten der NS-Vergangenheit Ostfrieslands,3 so fehlt bis heute eine systematische Erforschung der Täterperspektive auf regionaler Ebene, die orts- und kreisübergreifende Strukturen erfasst. Dabei könnten insbesondere Untersuchungen der sozialen und biografischen Hintergründe helfen, Herkunft, Motive und Herrschaftspraxis der Parteifunktionäre umfassender zu beleuchten sowie deren Netzwerke und Einflüsse auf verschiedenen Ebenen offenzulegen. Ferner „ermöglicht der biographische Ansatz“, so der Historiker Rudolf Lill, „viele lokale Gegebenheiten und Entwicklungen mit einzubeziehen,“ mit deren Ausführlichkeit unter anderem „die mentalitäts- wie die alltagsgeschichtliche Dimension“ aufgezeigt werden kann.4 Das Potenzial solcher Forschungsansätze zeigen bereits Vergleichsstudien aus anderen Regionen, die sich mit der lokalen Machtelite der NSDAP und deren individueller Rolle bei der Implementierung der NS-Politik befassten.5 Mit Blick auf die überregionale NS-Forschung sollte somit betont werden, dass „die Zukunft dieser Projekte“, wie der Historiker Magnus Brechtken konstatiert, „weniger in grundlegend neuen Erkenntnissen liegt als in der Differenzierung und Vertiefung unseres Wissens.“6

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  1. Vgl. dazu auch Hans Mommsen, Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus, 23.03.2007, in: bpb. Bundeszentrale für politische Bildung, online: https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/dossier-nationalsozialismus/39638/forschungskontroversen-zum-nationalsozialismus/ [01.10.2024]. [↩]
  2. Ebd.; Vgl. zu den Phasen der NS-Aufarbeitung ausführlich Magnus Brechtken, Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Historische Perspektiven seit 1945, in: Zeitschrift für Politik 71, 2024, Heft 1, S. 52-67. [↩]
  3. Siehe hierzu besonders die Sammelbände und Publikationen von Herbert Reyer und Dietmar von Reeken; Herbert Reyer (Hrsg.), Ostfriesland im Dritten Reich. Die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Regierungsbezirk Aurich 1933-1938. Beiträge des Kolloquiums der Ostfriesischen Landschaft am 7. und 8. Februar 1992 (Forschungsinstitut für den friesischen Küstenraum. Beiträge und Ergebnisse der Kolloquien), Aurich 1999; ders. (Hrsg.), Ostfriesland zwischen Republik und Diktatur (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 76), Aurich 1998; ders. (Hrsg.), Aurich im Nationalsozialismus (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 69), Aurich 1993; Dietmar von Reeken, Heimatbewegung, Kulturpolitik und Nationalsozialismus. Die Geschichte der „Ostfriesischen Landschaft“ 1918-1949 (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 75), Aurich 1995; ders.: Emden und Aurich 1928-1948. Zum Verhältnis von Bruch und Kontinuität sozialmoralischer Milieus, in: Frank Bajohr (Hrsg.), Norddeutschland im Nationalsozialismus (Forum Geschichte 1), Hamburg 1993, S. 53-66; ders., Ostfriesland zwischen Weimar und Bonn. Eine Fallstudie zum Problem der historischen Kontinuität am Beispiel der Städte Aurich und Emden (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens 1945 7), Diss., Hildesheim 1991. [↩]
  4. Rudolf Lill, Vorwort, in: Michael Kißener/ Joachim Scholtyseck (Hrsg.), Die Führer der Provinz. NS-Biographien aus Baden und Württemberg, Konstanz/München 2016, S. 9f., hier: S. 9. [↩]
  5. Siehe dazu etwa Christine Müller-Botsch, „Den richtigen Mann an die richtige Stelle“. Biographien und politisches Handeln von unteren NSDAP-Funktionären, Frankfurt u.a. 2009; Wolfgang Stelbrink, Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Versuch einer Kollektivbiographie mit biographischem Anhang, Münster 2003; Caroline Wagner, Die NSDAP auf dem Dorf. Eine Sozialgeschichte der NS-Machtergreifung in Lippe (Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung 11), Münster 1998; Claudia Roth, Parteikreis und Kreisleiter der NSDAP unter besonderer Berücksichtigung Bayerns, München 1997. [↩]
  6. Brechtken 2024, S. 62. [↩]

Ostfriesische Geschichte anschaulich – Der Stammbaum der Cirksena im Rathaus zu Esens

Ein Gastbeitrag von Dr. Hajo van Lengen [†]

Abb. 1: Dr. Hajo van Lengen und die Diplomrestauratorin Anja Brigitta Jacobsen M.A. vor der Stamm- und Wappentafel der Cirksena im Rathaus in Esens 2016 (Foto: Detlef Kiesé)

Der fast drei Meter hohe Stammbaum des 1744 ausgestorbenen ostfriesischen Fürstenhauses der Cirksena – der heute im Rathaus der Stadt Esens öffentlich zugänglich ist – stammt aus der ehemaligen Burg zu Esens, der Residenz der Cirksena als Herren des Harlingerlandes, die sie 1600 geworden waren. Er hatte in der Schlosskapelle, wohl unter einem Gewölbebogen, gehangen.1 Er ist mit den Namen und Wappen sowie Lebensdaten der Familienmitglieder auf Leinen gemalt worden. Das Gemälde hat im Laufe der Zeiten nach dem Ende der Fürstenzeit arg gelitten und ist 2016 so weit wie möglich restauriert worden. Vieles ist trotzdem nicht mehr klar oder gar nicht zu entziffern.2

Dieses Großgemälde ist in seiner Darstellung ein Zeugnis stolzer Selbstdarstellung des Fürstenhauses aus der Barockzeit.3 Seine nähere Datierung ergibt sich aus den aufwendigen Wappendarstellungen links und rechts zu Füßen des Stammbaumes.

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  1. Der Beitrag wurde von Hajo van Lengen im Jahr 2017 auf Anfrage von Axel Heinze für die Stadt Esens verfasst und war wohl für einen Stadtführer vorgesehen. Der Text blieb aber bisher unveröffentlicht. [↩]
  2. Vgl. Imke Oltmanns, Cirksena-Stammbaum hängt wieder im Rathaus, in: Ostfriesen-Zeitung, 08.04.2016. Vgl. auch Axel Heinze, Der Stammbaum der Cirksena in Esens, in: Friesische Heimat, 14.10.201; Detlef Kiesé, Stammbaum eines Selbstdarstellers glänzt wieder, in: Anzeiger für Harlingerland, 07.04.2016. [↩]
  3. Vgl. allgemein zum Wappen der Cirksena Hajo van Lengen, Das Wappen des ostfriesischen Fürstenhauses Cirksena, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands 95, 2015, S. 66–99 bzw. ders.,  Das Wappen des ostfriesischen Fürstenhauses Cirksena, in: Paul Weßels (Hrsg.), Die ostfriesischen Wappen. Das Fürstenwappen und das Landschaftswappen (Hefte zur ostfriesischen Kulturgeschichte; 6), Aurich, 2018, S. 8–41. [↩]

Schule im Wandel der Zeit

Das Teletta-Groß-Gymnasium Leer blickt in einer aktuellen Festschrift auf 175 Jahre Geschichte zurück

Ein Beitrag von Udo Tinnemeyer, Westoverledingen

Abb. 1: Auszug aus dem Titelblatt der Festschrift

Zum 175-jährigem Bestehen des Teletta-Groß-Gymnasiums Leer erschien im vergangenen Jahr die Festschrift der Schule. Den neun Grußworten folgen 25 Aufsätze aus den Bereichen Schulzeiten, Schulleben und Schulmenschen. Es geht nicht nur um die Geschichte der Schule, sondern auch die Gegenwart wird dargestellt, etwa über Bemerkungen zum MINT-Bereich oder zu den Bläserklassen. Fast fünfzig Fotos zeigen Schülerinnen und Schüler, das Kollegium und Mitarbeiter aus den Jahren 2023/24.

Historisches bildet allerdings den Schwerpunkt. Über Teletta Groß und ihren Mann Carl Emanuel Groß informiert der Beitrag von Burghardt Sonnenburg. Er arbeitet die christlich-liberale Haltung des Gründerehepaares heraus, das in einer Zeit, in der höhere Schulbildung den Jungen vorbehalten war, eine Mädchenschule einrichtete. Die Schule blieb lange Zeit eine private Einrichtung. Eine städtische Schule wurde sie erst durch eine weitere private Initiative, Teletta Groß‘ Spende in Höhe von 21.000 Mark für die Ausstattung der Schule und weitere 15.000 Mark für einen Neubau. Diese Summen konnte sich die Stadt nicht entgehen lassen.

Einblick in die Wertehaltung der Gründer und ihre Interessen bietet der Beitrag von Leonard Herbst. Er erläutert ausführlich die Bestände der Bibliothek, die Teletta Groß der Schule vermachte, und stellt sie in den Zusammenhang bürgerlicher Lesekultur des 19. Jahrhunderts.

14 Aufsätze beschäftigen sich mit unterschiedlichen Facetten des Schullebens, dazu gehören u.a. die Schülerzeitung, Arbeit in der Schülervertretung, der MINT-Bereich und die Bläserklasse sowie die Schülerbibliothek. Jörg Kenter setzt sich mit der Orientierungsstufe und deren Veränderungen auseinander. In der Zeit zwischen 1974 bis 2004 ermöglichte sie den Zugang zum Gymnasium, anfangs als verbindliche Regelung, später wurde der Elternwille ausschlaggebend für die Wahl der weiterführenden Schule eines Kindes. Dargestellt wird auch die Perspektive der Lehrkräfte, die an die Orientierungsstufe abgeordnet wurden. Als einschneidend erlebte auch das TGG die Corona-Zeit, wie Ulf Rotts Beitrag verdeutlicht. Mit Hilfe zahlreicher Fotos werden die Einschränkungen des Schullebens aufgezeigt, z.B. reduzierte Bestuhlung, als „Einbahnstraßen“ ausgewiesene Laufrichtungen auf Fluren und Treppen und eine Abiturfeier, die unter freiem Himmel stattfinden musste und nicht hygienebedingt im Schichtbetrieb in der Aula stattfinden konnte.

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Kein Häuptling im Steinhaus

Neuerscheinung über das Steinhaus in Bunderhee räumt mit Mythen auf und klärt offene Fragen

Ein Gastbeitrag von Dr. Heiko Laß, Hannover

Abb. 1: Titelbild der Publikation

Das vorliegende 68 Seiten starke Heft stellt die Baugeschichte des Steinhauses Bunderhee vor und verknüpft sie mit den naturräumlichen und historischen Voraussetzungen. Die Geschichte wird bis in die Gegenwart und der Umnutzung des Steinhauses zu einem kulturhistorisch-touristischen Erlebnisort betrachtet. Die Publikation ist reich mit aktuellen und historischen Fotografien und Plänen illustriert, hinzu kommen Grundriss, Aufrisse und Schnitte. Anmerkungen und Literaturliste fehlen nicht. Ein Bastelbogen im Maßstab 1:100 rundet das Heft ab.

Der Autor Rolf Bärenfänger ist Archäologe und ehemaliger Direktor der Ostfriesischen Landschaft. So verwundert es nicht, dass sein Schwerpunkt auf archäologischen Erkenntnissen liegt. Es bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, da über die Frühzeit des Steinhauses kaum Schriftzeugnisse vorliegen – der Erbauer des Hauses bleibt mangels Quellen unbekannt.

Das Besondere am Steinhaus in Bunderhee ist, dass sich seine ursprüngliche Bausubstanz des 14. Jahrhunderts erhalten hat. Der Turm misst im Grundriss 11,40 auf 1,60 Meter und ist heute rund 15 Meter hoch. Sein 1,30 Meter starkes zweischaliges Mauerwerk von Backsteinen im Klosterformat wurde mit Muschelkalk vermörtelt. Es gibt ein Untergeschoss mit eigenem Eingang und zwei Obergeschosse sowie ein Dachgeschoss. Ursprünglich hatte das Gebäude nur Lichtschlitze (eher keine Schießscharten), die erst nach dem Mittelalter teilweise zu Fenstern ausgeweitet wurden. Es steht am Zusammentreffen der drei Landschaftstypen der Region: Moor, Marsch und Geest.

Während die frühe Funktion des Hauses unklar ist, wurde es später zum Wohnsitz und dann in der Frühen Neuzeit ausgebaut, erweitert sowie mit einem Garten umgeben. Allgemein gilt das Steinhaus als „eine der ältesten erhaltenen Burgen Ostfrieslands. Die dreigeschossige mittelalterliche Turmburg in Bunderhee aus dem 14. Jahrhundert war Häuptlingssitz und ist in der Grundsubstanz unverändert erhalten“, so die Wikipedia. Die Gemeinde Bunde klärt auf ihrer Homepage auf: „Im Rheiderland, nahe der niederländischen Grenze, steht die ursprünglichste Häuptlingsburg Ostfrieslands“.

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“Bei einer Tasse Thee besprachen wir das in der Schule Gehörte.”

Themen der “Konferenzen” der Volksschullehrer im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert

Ein Gastbeitrag von Peter Klein-Nordhues

Abb. 1: Aufschrift auf dem zweiten Protokollbuch der Konferenz Timmel (Ostfriesisches Schulmuseum Folmhusen, PL 9a)

Die Volksschullehrer am Anfang des 19. Jahrhunderts hatten bis zur Gründung der Lehrerseminare in der Mitte des Jahrhunderts keine systematische Ausbildung. Sie lebten in ihrem Beruf zunächst von ihrer natürlichen Begabung, durch die der „Mester“ auf sie aufmerksam geworden war, so dass er sie zum Schulgehilfen machte. Wenn einer dann – oft noch in der achten Klasse – mit dem Unterrichten anfangen musste, etwa den jüngsten Kindern beim Lesen und Schreiben helfen sollte, so versuchte er den Lehrer, den er ja schon einige Jahre kannte, nachzuahmen. Das Lehren war also zunächst Imitation, so wie der Lehrling dem Handwerksmeister abzuschauen versuchte, was er vormachte. Hinzu kam manchmal ein Lernen aus Büchern, falls dem Gehilfen Buchwissen zur Verfügung stand.1

Es gibt eine sehr eindrückliche Beschreibung dieses Wegs im Nachruf für Hermann Groothoff (1840-1928), der zu den Gründern der Konferenz Timmel gehörte: „Um sich – dem Wunsche seiner Eltern entsprechend – für den Lehrerberuf vorzubereiten, wanderte der außergewöhnlich begabte Knabe täglich von seinem Wohnort nach Remels, um sich in der dortigen Schule zunächst die Kenntnisse für den Gehilfendienst anzueignen.2 Nach einjähriger Vorbereitung in Remels kam unser Groothoff – 15jährig – als Gehilfe nach Repsholt, wo er sich auf das Nebenlehrerexamen vorbereitete, welches er 1856, noch nicht ganz 16 Jahre alt, erfolgreich bestand und noch in demselben Jahr in Kleinhesel als Nebenlehrer gewählt und angestellt wurde. Nach vierjähriger Tätigkeit in Kleinhesel wurde G. in Neuefehn gewählt, wo er von 1859–1864 amtierte. In dieser Zeit legte er auch die Hauptlehrerprüfung ab und gründete mit mehreren benachbarten Kollegen die Konferenz Timmel. Von 1864–1867 war G. Lehrer in Westgroßefehn.“3

So waren die Volksschullehrer Autodidakten. Wir wissen nicht, wie sehr sie darunter gelitten haben. Allerdings gab es einige, die mit dieser Situation unzufrieden waren und die versuchten aus dieser herauszufinden. Das trifft besonders auf Hinrich Janssen Sundermann (1815–1879) zu, der schon als junger Schulgehilfe 1833 die Idee einer „Conferenz“ entwickelte, die es den Kollegen an den Volksschulen ermöglichen sollte, sich selbstständig weiter zu bilden. Er gründete 1839, nachdem er in Hesel eine Anstellung gefunden hatte, dort die „Lehrerhalle“, die man wohl als die berühmteste der Lehrerkonferenzen in Ostfriesland bezeichnen kann. Durch sie wurde die Vorstellung von den „Conferenzen“ in Ostfriesland verbreitet.4

„“Bei einer Tasse Thee besprachen wir das in der Schule Gehörte.”“ weiterlesen
  1. Vgl. hierzu: Peter Klein-Nordhues, Lehrer werden im 19. Jahrhundert – Das „Institut zur Bildung angehender Elementar-Schullehrer und Schulgehülfen in Aurich“ und seine Bibliothek in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Michael Herman (Hrsg.), Ostfriesland im „langen“ 19. Jahrhundert. Festschrift für Paul Weßels, Aurich 2023, S. 167–178. [↩]
  2. Die Familie lebte in Südgeorgsfehn. Nach Remels waren es unter damaligen Straßenverhältnissen vermutlich 10 bis 12 km, was einen Fußmarsch von um die zwei Stunden bedeutet hat. [↩]
  3. Johann Janssen, Ruhelehrer Hermann Groothoff in Jheringsfehn [Nachruf], in: Ostfriesisches Schulblatt (im Folgenden: OSB) 1928, Heft 4, S. 403f. [↩]
  4. Auf der Homepage des Ostfriesischen Schulmuseums Folmhusen ist dies schon ausführlicher dargestellt worden: „Hinrich Janssen Sundermann und der Beginn der selbstorganisierten Lehrerfortbildung in Ostfriesland“ (Die Kladde 1/2023), https://ostfriesisches-schulmuseum.de/museum/downloads/) (letzter Aufruf: 27.11.2024). Verwiesen sei an dieser Stelle auch auf: „Eilhard Oldenburger. Ein Lehrerleben im 19. Jahrhundert“ (Die Kladde 2/2021), https://ostfriesisches-schulmuseum.de/museum/downloads/ (letzter Aufruf: 27.11.2024). [↩]