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Norderney zwischen Nachkriegsnot und Neubeginn

Mit einer neuen Publikation von Matthias Pausch begibt man sich auf eine historische Bilderreise

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Titelblatt der Publikation

Pünktlich zum Beginn der Sommerferien wird auch Norderney erneut von der jährlich wiederkehrenden Gästewelle überflutet. Die Annehmlichkeiten der Insel sind allzu verlockend; hier kann der Sommer in vollen Zügen genossen werden. Dabei stand Norderney als Sommerfrische nach ersten schweren Zeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mitte jenes Jahrhunderts beinahe vor dem Aus. Vom Ersten Weltkrieg und den wirtschaftlich schwierigen Weimarer Jahren hatte sich das Nordseebad noch nicht vollständig erholt, als die NS-Zeit und in ihrem Verlauf der Zweite Weltkrieg mit fatalen Folgen über die Insel hereinbrachen. Die wenigsten der heute anreisenden Gäste werden ahnen oder wissen, wie hart und steinig der Weg Norderneys nach dem Krieg zurück zum belebten Seebad war, und wie wenig selbstverständlich es ist, dass die Insel für viele Erholungsuchende zum beliebten und begehrten Ferienparadies werden konnte.

So ist es sehr erfreulich, dass Stadtarchivar Matthias Pausch als profunder Kenner der Inselgeschichte jetzt eine eindrucksvolle Dokumentation über Norderney in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vorlegt. Dabei hat er keinen klassischen historischen Überblick verfasst. Das Buch lebt vielmehr von seinen Bildern. Fotografien aus den Beständen des Stadtarchivs, ergänzt durch zeitgenössische Zeitungsberichte, amtliche Bekanntmachungen, Leserbriefe und andere historische Dokumente, lassen die Nachkriegsjahre auf Norderney lebendig werden. Die erläuternden Texte sind bewusst knapp gehalten und ordnen die Quellen ein, ohne sich in ausführlichen Darstellungen zu verlieren. Gerade dadurch sprechen die Bilder häufig für sich selbst, und der tiefgreifende Wandel Norderneys von den entbehrungsreichen Jahren unmittelbar nach Kriegsende über die Zeit als Leave Centre – also als ein Erholungszentrum der britischen Rheinarmee – bis hin zum Wiederaufleben des Badebetriebs und den Anfängen des modernen Massentourismus in den 1950er Jahren wird plastisch nachvollziehbar.

Den Ausgangspunkt bildet die Situation auf der Insel unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Badebetrieb, die wirtschaftliche Grundlage Norderneys, war zum Erliegen gekommen. Norderney war im Krieg Garnison; zahlreiche Kasernengebäude, Bunker und Militärwerkstätten prägten das Inselbild. Die britische Besatzungsmacht bestimmte das öffentliche Leben, gleichzeitig verschärften Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und der Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten die ohnehin schwierige Lage der Inselbevölkerung. Die Fotografien dokumentieren eindrucksvoll einen Alltag, der von Mangel und Improvisation geprägt war.

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Eine besondere Uhrengeschichte aus Emden

Ein Gastbeitrag von Wiard Loesing (unter Mitarbeit von Axel Heinze)

Was zunächst wie eine gewöhnliche Wanduhr wirkte, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als außergewöhnliches Zeugnis der Emder Handwerksgeschichte. Auf dem Zifferblatt einer in Aurich aufgetauchten Präzisionspendeluhr war die ursprüngliche Signatur „Seckel & Co Emden“ sorgfältig abgedeckt und durch den Aufdruck „Kittel Aurich“ ersetzt worden – nach dem heute nicht mehr bestehenden Auricher Uhren- und Schmuckgeschäft Kittel am Marktplatz, in dem sich das Zeitmessgerät zuletzt befand. Der Verfasser hatte Interesse an der Uhr bekundet, die er erwarb und anschließend restaurieren ließ.

Der Fund warf sogleich mehrere Fragen auf: Wer verbarg sich hinter der Bezeichnung „Seckel & Co“? Welches handwerkliche Können steckte in der Entwicklung dieser Uhr? Und weshalb war die ursprüngliche Signatur verdeckt worden? Die Spurensuche führte zurück ins Emden des 19. Jahrhunderts und in eine Uhrmacherwerkstatt, die in ihrer Qualität weit über das hinausging, was man für eine norddeutsche Hafenstadt dieser Größe erwarten durfte.

Objekte einer zeitgenössischen Präzisionstechnik

Bei der wiederentdeckten Uhr handelt es sich um eine Präzisionspendeluhr und damit um keinen Alltagsgegenstand, sondern um ein Gerät auf dem Stand der damaligen Spitzentechnik. Das Gehäuse ist aus Eiche gefertigt und mit feinstem englischem Mahagoni furniert. Das ungewöhnlich schwere Werk ist mit präzisen Messingblechen gegen Staub geschützt. Räder und Triebe mit hohen Zahnzahlen sind sauber geschnitten und poliert. Das sogenannte Regulator-Zifferblatt spart die Räder des Zeigerwerks ein. Die Hemmung verfügt über Saphirpaletten, um die Reibung zu minimieren, und das Pendel ist als Kompensationspendel ausgeführt: Ein Quecksilberzylinder gleicht die Längenausdehnung der Pendelstange bei Erwärmung aus.

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Von Westoverledingen ins Unheil

Neue Erkenntnisse zu Transportwegen und Einzelschicksalen jüdischer Einwohner im Holocaust

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Abb. 1: Umschlag der Veröffentlichung

Als Regionalhistoriker hat Hermann Adams bereits mehrfach zur Geschichte Ostfrieslands, insbesondere Westoverledingens, veröffentlicht. Sein 2017 erschienenes Werk „Geboren in Ihrhove – Westoverledingen – im Holocaust umgekommen“ hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Vergangenheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger Westoverledingens sichtbar zu machen.

Vielfach wurde gerade erst durch diese Veröffentlichung bekannt, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Westoverledingen eine jüdische Gemeinde gab. Die von Adams vorgestellten Lebensgeschichten der Ihrhover Juden während des „Dritten Reichs“ zeugen von zunehmendem Antisemitismus, täglichen Schikanen und Gewalttaten während der Reichspogromnacht 1938 und darüber hinaus. Ursprünglich hatte Adams 14 Betroffene ermittelt; die Lebenswege von 13 von ihnen bis zu ihrem Tod im Holocaust lassen sich nachzeichnen, wie Adams 2017 zeigte.

Unter dem etwas sperrigen Titel „Transportsystem – Westerbork – Rheiderland – Westoverledingen – Leer – Bremen – ins Verderben. Das Schicksal von Max Mindus im Holocaust. Geboren in Ihrhove – In Theresienstadt überlebt“ hat Hermann Adams mit großer Akribie weitere Erkenntnisse zu den aus Ihrhove stammenden jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner zusammengetragen und zu den Wegen, auf denen sie in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Kurz vor der Einweihung eines den Westoverlediger Juden gewidmeten Denkmals ist es ihm überdies gelungen, zu zeigen, dass es mit Max Mindus einen Überlebenden des Holocaust aus der Gemeinde gab.

Die neue Publikation soll im Folgenden kurz vorgestellt werden: Einführend stellt Adams das bereits erwähnte Holocaust-Denkmal vor und geht auf die Einweihungsfeier ein. Der folgende Abschnitt präsentiert neue Erkenntnisse zu den Transporten in die Vernichtungslager im Osten, die in der Regel vom Durchgangslager Westerbork/Niederlande aus durch Ostfriesland fuhren. Zahlreiche Abbildungen u. a. von den Transportwegen respektive dem für die Transporte genutzten Schienennetz, aktuelle Belegfotos und Augenzeugenberichte bereichern diesen Abschnitt der Veröffentlichung. Besonders erwähnenswert ist hier, dass viele der Augenzeugen übereinstimmend berichten, dass nicht verborgen blieb, welche Jüdinnen und Juden unter welchen Umständen in diesen Zügen deportiert wurden,  die nicht selten auf Gleisen im Gemeindegebiet abgestellt wurden.

Als weiteres zentrales Thema der Publikation wird im nächsten Abschnitt das Schicksal von Max Mindus, der aus Ihrhove stammte, beleuchtet: Bei seiner ersten Veröffentlichung zum Thema im Jahr 2017 war Adams noch davon ausgegangen, dass sich in der Gemeinde Westoverledingen keine Überlebenden des Holocaust nachweisen lassen. Kurz vor der Einweihung des Holocaust-Denkmals im November 2019 wurde jedoch bekannt, dass der 1895 in Ihrhove geborene Max Mindus mit seiner Frau den Holocaust überlebt hatte und nach Kalifornien emigriert war. Ausführlich stellt Adams die Lebenswege von Max Mindus und seiner Frau Selma vor. Der Leser lernt ihre Elternhäuser und Familien kennen; er erfährt, dass Max Mindus als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte und mit welchen Schwierigkeiten die junge Familie Mindus schon vor der NS-Zeit zu kämpfen hatte. Auch der weitere Lebensweg von Max Mindus während und nach der NS-Zeit bis zur Befreiung des KZ Theresienstadt und Mindus‘ Übersiedlung in die USA nach dem Zweiten Weltkrieg wird eindrücklich geschildert. Sehr lesenswert ist auch die Schilderung von Mindus‘ Kampf um Entschädigung für sein in der NS-Zeit verlorenes Eigentum.

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Ein friesisches Nationalepos? Marten Hamckema schildert in seiner “Frisia” friesische Geschichte und Legende in Versen

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

Zur Identitätsstiftung einer Volksgruppe gehört neben Sprache und Kultur auch eine eigene Geschichtsüberlieferung, die sich häufig an Helden und Herrschergestalten festmacht. In Antike und Mittelalter gab es für viele Völker dabei eine Ursprungslegende und einen Herrscherstammbaum von einem mythischen Ahnen her. So führten die Römer ihr Gemeinwesen auf den Stadtgründer Romulus und die Briten auf einen ersten König Brutus zurück.

In der frühen Neuzeit inspirierten diese Legenden verschiedene Dichter zu nationalen Epen nach dem Vorbild der lateinischen Aeneis. In diesem Werk der klassischen Antike beschreibt der römische Dichter Vergil das Leben des trojanischen Helden in hexametrischen Versen nach dem Modell der Ilias und der Odyssee Homers.1 So schuf Luís de Camões die „Lusiaden“ (Os Lusíadas, erschienen 1572) und wurde damit zum Nationaldichter Portugals. Ausgehend vom legendären Lusus, dem Gefährten des Weingottes Bacchus, schildert er darin eine verklärte Geschichte Portugals.2 Noch im gleichen Jahr veröffentlichte der französische Dichter Pierre de Ronsard die ersten vier seiner wie Homers Werke auf vierundzwanzig Gesänge angelegten „Franciade“, die beginnend mit Francus, dem angeblichen Sohn Hektors von Troja, die gesamte Geschichte Frankreichs darstellen sollte. Dieses Werk blieb allerdings unvollendet.3

Einen solchen „Stammvater“ sollen auch die Friesen in Friso gehabt haben, einem Sohn eines Königs vom Ganges in Indien, der nach der Ermordung seines Vaters zusammen mit seinen Brüdern seine Heimat verlassen musste. Nachdem sie anfangs im Heer Alexander des Großen gedient hatten, zogen die drei Brüder mit ihrer Gefolgschaft nach dessen Tod angeblich nach Nordwesteuropa. Friso soll am Ufer des heutigen IJsselmeers die Stadt Stavoren gegründet haben, benannt angeblich nach dem Gott Stavo.4 Nach der Legende zog der eine Bruder, Saxo, weiter an die Elbe, wo das Siedlungsgebiet nach ihm Sachsen benannt wurde, während der andere, Bruno, an die Weser ging und Braunschweig gegründet haben soll.5

Abb. 1: Friso, Gründer Frieslands, „Ur-Anführer“ und erster Fürst, mit Schwert und Ruder sowie der eisernen Krone und dem heiligen roten Banner der legendären Überlieferung; im Hintergrund Stavoren mit dem Tempel des mit Jupiter gleichgesetzten Stavo, rechts ein Baumstumpf als Symbol für den legendären Kreilerwald, der in der Zuiderzee versunken sein soll. Kupferstich von Pieter Feddes von Harlingen, in: Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Amsterdam 1623, Bl. 6v (Landschaftsbibliothek Aurich, x 1065 (3.Ex.))
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  1. Vgl. Gero von Wilpert (Hrsg.), Lexikon der Weltliteratur, München 1997, Bd. 3, S. 19. []
  2. Vgl. Wilpert, Bd. 4, S. 829–830. []
  3. Vgl. Wilpert, Bd. 3, S. 392. []
  4. Bei Stavo soll es sich um die friesische Entsprechung des germanischen Donnergottes Thor bzw. Donar handeln. Andererseits wird diese Gottheit mit Jupiter gleichgesetzt. Einer der Beinamen dieses höchsten römischen Gottes war „Stator“ („der (die Feinde) zum Stehen bringt“). Möglicherweise handelt es sich bei Stavo aber um einen in späterer Zeit erdichteten Namen. Zu Stavo vgl. Martinus Hamconius, Verthoninghe der coninghen, bisschoppen, princen, potestaten, heeren ende graven van Vrieslant, Workum 1844, S. 18. []
  5. Für die gesamte Sage vgl. Martinus Hamconius, Frisia seu De viris rebusque Frisiae illustribus libri duo, Franeker 1620, Bl. 7 sowie Johann Wilhelm Wolf, Niederländische Sagen, Leipzig 1843, S. 3–6 (Sagen Nr. 1 und 2). []

“Ich hätte niemals gedacht, dass in ‘Klein-Ostfriesland’ solche unmenschlichen Taten begangen wurden”

Ein Projekttag der KGS Wiesmoor zum Gedenken und Erinnern in Kooperation mit der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs

Ein Gastbeitrag von Isabel Scheunert (Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich)

Abb. 1: Einführung in den Projekttag der 12. Jahrgangsstufe der KGS Wiesmoor durch Daniela Peters (Foto: KGS Wiesmoor)

Geschichtsunterricht in der Schule wird oftmals mit Klischees in Verbindung gebracht: Trockene Schulbücher vermitteln historische Grundkenntnisse von der Antike bis in die Moderne, große und komplizierte Zusammenhänge sollen sich anhand von zunächst oft unverständlichen Quellen erschließen und das Auswendiglernen von Zahlen und Daten darf zum Bestehen der kommenden Klausur ebenfalls nicht fehlen. Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus wird hierbei wiederkehrend in verschiedenen Jahrgängen thematisiert. Die zentralen Orte, an denen sich die Grausamkeit des NS-Regimes abgespielt hat, scheinen dabei jedoch oft die gleichen zu sein: Berlin, München, Auschwitz und weitere. Für Ostfriesen sind dies jedoch Orte, die damals wie heute weit weg von der eigenen Lebenswelt liegen.

Wie vermittelt man also Schülern einen Eindruck davon, dass all die Dinge, die sie sonst nur aus Schulbüchern kennen, vor mehr als achtzig Jahren auch in ihrem Dorf, ihrer Stadt, ihrer Heimat geschehen sind? Wie bringt man ihnen näher, dass die grausamen Taten des NS-Regimes überhaupt stattfinden konnten, weil genug MitbürgerInnen weggeschaut haben? Kann man Kindern und Jugendlichen diese Geschehnisse überhaupt begreiflich machen? Diese Fragen stellte sich auch die Kooperative Gesamtschule in Wiesmoor und entschied sich dazu, einen themenspezifischen Projekttag anzubieten.

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Mord und Selbstmord am 27. Dezember 1944 in Folmhusen

Ein Gastbeitrag von Hermann Adams

Abb. 1: Grabstein von Sofia Sibanowa (2025) (Foto: Hermann Adams)

Am 27. Dezember 1944 wurde das ruhige Dorf Folmhusen in helle Aufregung versetzt. Am Ortsausgang in Richtung Leer brannte der linksseitig stehende große Hof der Familie Brüning lichterloh. Die herbeigeeilten Feuerwehren aus Folmhusen, Ihrhove und Collinghorst und die Nachbarn des Hofes suchten den Bauern Bernhard Brüning, allerdings vergebens. Man vermutete, dass er nach Leer gefahren sei. Letztlich entdeckte die Feuerwehr auf dem Hof die Leichen von drei Menschen.

Bernhard Brüning lebte damals als einziges Familienmitglied auf dem Hof, seine beiden Brüder Georg und Fokko Brüning waren als Soldaten im Kriegseinsatz. Er bewirtschaftete den großen landwirtschaftlichen Betrieb mit kriegsbedingter Hilfe eines polnischen Zwangsarbeiters und einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Auch seine Verlobte, die nur etwa 200 Meter weiter dorfwärts wohnte, kam zum Melken. Ebenso halfen des Öfteren seine Nachbarinnen Trientje Eden abwechselnd mit Antje Kanzler.1

Die wesentlichen Geschehnisse, die zu dem Brand und den Todesfällen führten, konnte ich bereits vor mehr als zwanzig Jahren in einer kleinen Broschüre skizzieren.2 Damals konnte ich die Namen der wichtigsten Zeitzeuginnen meiner Recherchen nicht nennen, was zu einigen berechtigten Vorwürfen führte. Daher soll nunmehr mit weiteren zugänglichen Dokumenten dieses furchtbare Ereignis mit genauen Angaben der Zeitzeugen ergänzt, erweitert und neu gefasst werden.

Einleitung

Im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland aufgrund der Einberufung vieler Männer zur Wehrmacht bald einen großen Mangel an Arbeitskräften. Um dem abzuhelfen, ging die Regierung mehr und mehr dazu über, Kriegsgefangene zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen. Dabei musste sie sich an das Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen vom 27. Juli 1929 halten, denn das war damals auch vom Deutschen Reich unterzeichnet worden. Das Abkommen sollte gewährleisten, dass beispielsweise bei der Unterbringung und Verpflegung gewisse Mindeststandards eingehalten wurden, die einer internationalen Kontrolle unterlagen.

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  1. Erzählungen von Gerhard Eden, der in der Nähe aufwuchs, und Lydia Kanzler, die es von ihrer Schwiegermutter hörte. []
  2. Hermann Adams, Das blutige Drama vom 27. Dezember 1944 in Folmhusen. Eine Zwangsarbeitertragödie, Ihrhove 2006. []

“Antisemitismus im Netz und den sozialen Medien”

Unter diesem Thema fand am 8. Oktober 2025 in Leer eine Fachtagung im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Antisemitismusprävention und Demokratieförderung” statt

Ein Gastbeitrag von Andreas Scheepker (Arbeitsstelle für evangelische Religionspädagogik Ostfriesland)

Abb. 1: 4. Fachtag „Antisemitismusprävention und Demokratieförderung“ am 8. Oktober 2025 im Leer (Foto: Jürgen Bambrowicz/Landkreis Leer)

Am 8. Oktober 2025 fand im Maritimen Kompetenzzentrum in Leer der 4. Fachtag in der Reihe „Antisemitismusprävention und Demokratieförderung“ statt. Das Schwerpunktthema war in diesem Jahr „Antisemitismus im Netz und den sozialen Medien“. Die Veranstaltung wurde gefördert vom Landespräventionsrat Niedersachsen, dem Landesdemokratiezentrum sowie dem Landkreis Leer.

Der Fachtag begann mit einem Online-Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel (TU Berlin) zum Thema „Antisemitismus in den sozialen Medien: Die Netz(un)kultur des Hasses“. Prof. Dr. Schwarz-Friesel ist Kognitionswissenschaftlerin und Antisemitismusforscherin. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit sind Antisemitismus in Sprache, Internet und sozialen Medien sowie Antisemitismus als Phänomen in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“. Schwarz-Friesel ist eine führende Expertin für gegenwärtigen Antisemitismus.

„Wieder ist jetzt!“ Mit dieser Abwandlung eines bekannten Mottos begann Prof. Dr. Schwarz-Friesel ihren Vortrag. Sie beschrieb die massive Zunahme sowie Radikalisierung antisemitischer Beiträge im Internet und in sozialen Medien in den letzten Jahren – besonders seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Dabei analysierte sie die Rahmenbedingungen für neue Formen des gegenwärtigen Antisemitismus, der nicht nur von extremistischen Randgruppen getragen wird, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Hier spricht man u.a. von „gebildetem Antisemitismus“ und „Campus-Antisemitismus“. Ein historischer Rückblick zeigt bereits seit der Antike und besonders im Deutschen Kaiserreich wie in der nachfolgenden Weimarer Republik einen Top-Down-Prozess, in dem gebildete Menschen antisemitische Einstellungen und Äußerungen in die Breite der Gesellschaft kommunizierten.

Während sich der frühere Antisemitismus gegen Juden als Minderheit in der Gesellschaft richtete, wie Schwarz-Friesel ausführte, zielt er heute vor allem auf den Staat Israel. Man spricht von einer „Israelisierung des Antisemitismus“. Dabei werden immer gleiche Stereotypen, die vorher auf die jüdische Minderheit in der Gesellschaft bezogen wurden, nun gegen den einzigen jüdischen Staat in der Weltgemeinschaft gerichtet: Der Staat Israel wird (wie vorher die jüdische Minderheit in der Gesellschaft) mit Vorwürfen des Genozids, des Landraubs, der alleinigen Verantwortung für Notsituationen und Kriege sowie der Verschwörung und Manipulation von Regierungen und Medien konfrontiert.

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Häuptlingswappen oder Regionalwappen? Teil 2: Das Dreililienwappen von Faldern und Oldersum

Ein Gastbeitrag von Hanke Immega

In der Reihe der älteren Wappen ostfriesischer Häuptlingsfamilien, die bevorzugt kämpferische Raub- und Fabeltiere zeigen (sehr häufig sind es Adler und Löwen), fällt ein Wappen besonders auf, das in blauem Feld drei goldene Lilien zeigt.1 Seine Herkunft ist vermutlich in Faldern zu verorten.

Haro Aildisna aus einer Linie des weitverzweigten Geschlechts der Abdena (gest. 1400), Häuptling zu Groß-Faldern und Uphusen, führte 1400 ein Siegel mit einer Abbildung der Gottesmutter und darunter einem Schild mit zwei Lilien (Abb. 1).2 Vielleicht handelte es sich auch um drei Lilien. In der Umzeichnung des Siegels fällt auf, dass sich die beiden Lilien oben in einem Wappenschild befinden, der unten leer ist. Das könnte darauf hindeuten, dass der Siegelabdruck an dieser Stelle abgerieben oder beschädigt ist.3

Abb. 1: Siegel Haro Aildisnas an einer Urkunde vom 23. Mai 1400 (Stadtarchiv Lübeck, Frisica 24. Nachzeichnung von Carl Julius Milde. Abbildung aus: Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 2, Aurich 1976, S. 127).

Ebenfalls um 1400 findet sich ein Dreililienwappen auf Münzen, die laut Aufschrift in Faldern (aber ohne Angabe eines Münzherrn) geprägt worden sind (Abb. 2–3). Sie zeigen auf einer Seite einen Wappenschild mit drei Lilien, auf der anderen ein Kreuz mit vier Lilien in den Winkeln und ahmen damit eine französische Münze nach, die seit Ende des 14. Jahrhunderts geprägt wurde („Blanc dit Guénar“).4 Nach Anton Kappelhoff hat sie aber nicht Haro Aildisna prägen lassen, sondern Hisko Abdena (gest. 1429), Propst und Häuptling zu Emden sowie der Sohn Liudwards und Diurled Idzingas.5 Hisko war zwar entfernt mit Haro Aildisna verwandt, gehörte aber einem anderen politischen Lager an und ließ im Jahr 1400 Haro sogar in den Kerker werfen und ermorden und übernahm die Herrschaft in Faldern.6 Er führte als Wappen ansonsten einen Löwen, den auch seine in Emden geprägten Witten zeigen.7

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  1. Abbildungen von Wappen der Häuptlingsfamilien des Emsigerlandes vgl. Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 2, Aurich 1976, S. 102–131. – Zum Norder Wappen mit seinen drei Sternen oder Sporenrädern vgl. „Häuptlingswappen oder Regionalwappen?“, Teil 1, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042 [04.12.2025]. []
  2. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 2, S. 127. []
  3. In einem Schild mit zwei Schildfiguren nebeneinander nehmen diese normalerweise in langer, schmaler Form den gesamten Raum ein oder werden zumindest mittig dargestellt. []
  4. Drei goldene Lilien im blauen Schild waren auch das Wappen der französischen Könige. Dieses Wappen wurde übrigens nicht nur hier in Faldern, sondern auch von der Stadt Wiesbaden in heraldisch identischer Form übernommen; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wiesbaden#Hoheitssymbole [30.11.2025]. []
  5. Vgl. Anton Kappelhoff, Die Münzen Ostfrieslands, Aurich 1982, S. 103–105 und S. 270 / Nr. 36–37. Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes, Tl. 1, Aurich 1973, S. 214–215 sowie Tl. 2, S. 103 hatte diese Münze deutlich später datiert und sie dessen Großneffen Wiard Haiken Abdena zugeordnet, über seine Mutter ebenfalls Enkel Haro Aildisnas. Dem widerspricht Kappelhoff allerdings explizit mit dem Hinweis auf die fehlende Münzhoheit Wiards und die frühere Datierung des Münzfundes. – Zu Liudward und Diurled Idzinga vgl. Teil 1, https://ostfrhist.hypotheses.org/7042 [04.12.2025]. []
  6. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 1, S. 205. []
  7. Vgl. van Lengen, Emsigerland, Tl. 2, S. 102 und 109 sowie Kappelhoff, Münzen, S. 270–271 / Nr. 38–39. []

Niederländische Pläne zur Annexion Ostfrieslands nach dem Zweiten Weltkrieg

Ein Gastbeitrag von Dr. Dirkje Mulder-Boers

Eine mögliche Annexion Ostfrieslands durch die Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Thema, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern schon lange begleitet, nicht zuletzt durch die traditionellen Meinungsverschiedenheiten über den Verlauf der Grenze im Dollart.1

Nach dem Ersten Weltkrieg war eine Annexion deutscher Gebiete von niederländischer Seite nicht thematisiert worden. Allerdings hatte das Deutsche Reich die Niederlande auch nicht in den Krieg mit einbezogen, sondern deren Neutralität weitgehend respektiert. Die niederländische Regierung und die Bevölkerung der Provinz Groningen stimmten damals nicht einmal dem Versailler Vertrag zu, da sie der Ansicht waren, Deutschland bekäme durch ihn keinerlei Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Die Groninger Bevölkerung unterstützte dann auch ihre ostfriesischen Nachbarn so gut sie konnte. Sie sammelte Waren und Geld für die Ostfriesen und sorgte für vorübergehende Betreuung ihrer Kinder, sodass diese sich – vor allem im Osten der Provinz Groningen – erholen und eine Zeitlang das Elend vergessen konnten.2

Erst infolge des Zweiten Weltkriegs wurde der Kampf um deutsches Territorium, darunter auch Ostfriesland, ein wichtiges Thema. Dabei stellt sich die Frage, ob es 1945 den Niederlanden vor allem um Ostfriesland ging oder ob die Annexionsfrage nicht viel umfassender war. In diesem Beitrag soll dargelegt werden, aus welchen Gründen die niederländische Regierung im Gegensatz zu 1918/19 nunmehr eine andere Sichtweise zu möglichen Gebietsabtretungen einnahm und wie die niederländische Bevölkerung darüber dachte. Bei so einem umfangreichen Thema ist es schwer, sich allein auf Ostfriesland zu beschränken, weil es nämlich nicht nur um Ostfriesland ging, sondern allgemein um Wiedergutmachungs- und Reparationsleistungen, die die niederländische Regierung von den Deutschen forderte. Es lässt sich daher nicht vermeiden, die gesamten Maßnahmen anzusprechen, der Fokus soll aber auf Ostfriesland liegen.

Abb. 1: Niederländisches Poster „Deutsches Geld, deutsche Unterschriften, deutsche Versprechen sind wertlos. Für unsere abgesoffenen Polder, zerstörten Häfen, Eisenbahnen und Städte verlangt das niederländische Volk deutsches Territorium ohne Deutsche“ (August 1945) (Stadsarchief Deventer)
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  1. Der Text basiert auf zwei Vorträgen, die von der Autorin in Leer (11.11.2017) und Aurich (23.05.2025) – im Rahmen einer Tagung zur 80. Wiederkehr des Kriegsendes – gehalten wurden; vgl. https://ostfrhist.hypotheses.org/5918 [17.07.2025]. Grundlegend zum Thema ist die Dissertation der Verfasserin; vgl. Dirkje Mulder-Boers, De grens getrokken. Noord-Nederlandse grensbewoners tussen 1914–1964, Assen 2020, für diesen Beitrag vor allem Kapitel 5. Vgl. auch Louis de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de tweede wereldoorlog, Band 9/1, ‘s-Gravenhage 1979, S. 660–669. []
  2. Mulder-Boers, Grens getrokken, S. 74–75 mit Verweis auf lokale Zeitungsberichte wie den Winschoter Courant aus dem Frühjahr 1920. Die ostfriesischen Tageszeitungen sollen zu diesen Hilfsaktionen geschrieben haben, man liebe in Holland mehr als anderenorts die Kinder. []

Im Wandel der Zeit: Das Rathaus in Esens und seine Geschichte

Eine neue Publikation widmet sich Wilhelm von Heespen und dem Wangelinschen Witwenstift

Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack

Abb. 1: Titelbild der von Axel Heinze und Miriam Budinger erarbeiteten Publikation.

Seit dem Mittelalter gehören Rathäuser zum Bild einer Stadt. Die Verleihung von Stadtrechten bedeutete meist nicht nur den Aufstieg eines Ortes; sie erforderte vor allem ein Gebäude, das den neuen Status der Stadt, ihre Wichtigkeit, ihre Stärke sowie Bedeutsamkeit und Selbstverständnis ihrer führenden Schicht nach innen und außen repräsentativ darstellte. Dementsprechend wurden – jeweils im Stil der Zeit – reich verzierte oder architektonisch besonders auffällig gestaltete Gebäude errichtet, von denen nicht wenige die Jahrhunderte überdauerten. So ist es ein langer Weg von frühen z.B. in Backsteingotik oder Fachwerk errichteten Mehrzweckgebäuden, die nicht nur dem Rat die Möglichkeit zur Tagung boten, sondern gleichzeitig etwa eine Markthalle u.a. vorhielten, bis zu modernen Glas-und-Beton-Gebäuden, die nur noch Verwaltungsaufgaben dienen. Gerade jahrhundertealte Rathäuser, die oft untrennbar mit dem Geschick „ihrer“ Stadt verbunden sind, haben ihre Geschichte, der es sich lohnt, nachzuspüren.

Auch Ostfriesland hat mehrere historisch bedeutsame Rathäuser, wovon z.B. in Leer, Norden oder Emden nur die bekanntesten zu finden sind. Zu den weniger bekannten, aber dennoch bemerkenswerten Häusern dürfte wohl das Rathaus von Esens gehören.

In der Reihe „Kulturlandschaft Küste“ des Heimatvereins Esens ist nun aus der Feder von Axel Heinze – als Heimatforscher wohlbekannt – und Miriam Budinger ein neues Heft erschienen, das das markante Gebäude am Esenser Marktplatz und seine Geschichte vorstellt.

Über das Esenser Rathaus sind bereits mehrere Veröffentlichungen erschienen. U.a. findet sich im Emder Jahrbuch von 1998 ein Aufsatz mit ähnlichem Titel1; auch ins renommierte Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler von Dehio hat das Haus seinen Weg gefunden2. Gleichwohl ist die neue Arbeit über das Esenser Rathaus und seine Geschichte sehr zu begrüßen, zeichnet sich das Heft doch besonders durch seine reiche Bebilderung und Hintergrundinformationen zu diesem schönen und für die Stadt Esens so wichtigen Gebäude aus.

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  1. Edzard Rust, Das Gebäude des heutigen Esenser Rathauses und sein Erbauer Wilhelm von Heespen. Ergebnisse einer kunst- und baugeschichtlichen Untersuchung, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands 78, 1998, S. 45–77. []
  2. Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bremen, Niedersachsen, München / Berlin 1992, S. 455–456. []