Neue Erkenntnisse zu Transportwegen und Einzelschicksalen jüdischer Einwohner im Holocaust
Ein Gastbeitrag von Dietrich Nithack, Norderney

Als Regionalhistoriker hat Hermann Adams bereits mehrfach zur Geschichte Ostfrieslands, insbesondere Westoverledingens, veröffentlicht. Sein 2017 erschienenes Werk „Geboren in Ihrhove – Westoverledingen – im Holocaust umgekommen“ hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Vergangenheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger Westoverledingens sichtbar zu machen.
Vielfach wurde gerade erst durch diese Veröffentlichung bekannt, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Westoverledingen eine jüdische Gemeinde gab. Die von Adams vorgestellten Lebensgeschichten der Ihrhover Juden während des „Dritten Reichs“ zeugen von zunehmendem Antisemitismus, täglichen Schikanen und Gewalttaten während der Reichspogromnacht 1938 und darüber hinaus. Ursprünglich hatte Adams 14 Betroffene ermittelt; die Lebenswege von 13 von ihnen bis zu ihrem Tod im Holocaust lassen sich nachzeichnen, wie Adams 2017 zeigte.
Unter dem etwas sperrigen Titel „Transportsystem – Westerbork – Rheiderland – Westoverledingen – Leer – Bremen – ins Verderben. Das Schicksal von Max Mindus im Holocaust. Geboren in Ihrhove – In Theresienstadt überlebt“ hat Hermann Adams mit großer Akribie weitere Erkenntnisse zu den aus Ihrhove stammenden jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner zusammengetragen und zu den Wegen, auf denen sie in die Vernichtungslager im Osten transportiert wurden. Kurz vor der Einweihung eines den Westoverlediger Juden gewidmeten Denkmals ist es ihm überdies gelungen, zu zeigen, dass es mit Max Mindus einen Überlebenden des Holocaust aus der Gemeinde gab.
Die neue Publikation soll im Folgenden kurz vorgestellt werden: Einführend stellt Adams das bereits erwähnte Holocaust-Denkmal vor und geht auf die Einweihungsfeier ein. Der folgende Abschnitt präsentiert neue Erkenntnisse zu den Transporten in die Vernichtungslager im Osten, die in der Regel vom Durchgangslager Westerbork/Niederlande aus durch Ostfriesland fuhren. Zahlreiche Abbildungen u. a. von den Transportwegen respektive dem für die Transporte genutzten Schienennetz, aktuelle Belegfotos und Augenzeugenberichte bereichern diesen Abschnitt der Veröffentlichung. Besonders erwähnenswert ist hier, dass viele der Augenzeugen übereinstimmend berichten, dass nicht verborgen blieb, welche Jüdinnen und Juden unter welchen Umständen in diesen Zügen deportiert wurden, die nicht selten auf Gleisen im Gemeindegebiet abgestellt wurden.
Als weiteres zentrales Thema der Publikation wird im nächsten Abschnitt das Schicksal von Max Mindus, der aus Ihrhove stammte, beleuchtet: Bei seiner ersten Veröffentlichung zum Thema im Jahr 2017 war Adams noch davon ausgegangen, dass sich in der Gemeinde Westoverledingen keine Überlebenden des Holocaust nachweisen lassen. Kurz vor der Einweihung des Holocaust-Denkmals im November 2019 wurde jedoch bekannt, dass der 1895 in Ihrhove geborene Max Mindus mit seiner Frau den Holocaust überlebt hatte und nach Kalifornien emigriert war. Ausführlich stellt Adams die Lebenswege von Max Mindus und seiner Frau Selma vor. Der Leser lernt ihre Elternhäuser und Familien kennen; er erfährt, dass Max Mindus als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte und mit welchen Schwierigkeiten die junge Familie Mindus schon vor der NS-Zeit zu kämpfen hatte. Auch der weitere Lebensweg von Max Mindus während und nach der NS-Zeit bis zur Befreiung des KZ Theresienstadt und Mindus‘ Übersiedlung in die USA nach dem Zweiten Weltkrieg wird eindrücklich geschildert. Sehr lesenswert ist auch die Schilderung von Mindus‘ Kampf um Entschädigung für sein in der NS-Zeit verlorenes Eigentum.

Der folgende Abschnitt der Darstellung, fast die Hälfte des Bandes einnehmend, berichtet über die neuesten Erkenntnisse zu den bereits aus der Veröffentlichung des Jahres 2017 bekannten 13 jüdischen Frauen und Männern aus Ihrhove, die im Nationalsozialismus ums Leben kamen. Wie auch im Abschnitt über Max Mindus wirken die von Hermann Adams eingebrachten Abbildungen von Personen, Orten, aktuellen Fotos, Transportlisten uvm. sehr illustrierend und belegen die Darstellung anschaulich.
Die Erforschung und Publikation der Schicksale jüdischer Einwohner – auch in kleinen Orten Deutschlands – ist heute von zentraler Bedeutung. Sie verwandelt die abstrakten Zahlen des Holocaust in persönliche Geschichten, fördert lokales Verantwortungsbewusstsein und wirkt dem Vergessen entgegen. Die Shoah war kein anonymes Großereignis, sondern fand im direkten Nachbarschaftsumfeld statt. Jüdisches Leben war über Jahrhunderte integraler Bestandteil der Geschichte, auch in Ostfriesland. Die Forschung belegt die Verwurzelung jüdischer Familien in Dörfern und Städten, was ein umfassenderes Verständnis der eigenen Lokalgeschichte ermöglicht. Indem man den Opfern ihre Namen, Gesichter und Lebensgeschichten zurückgibt, wird das Ausmaß der Vernichtung greifbar. Es macht einen Unterschied, ob man von sechs Millionen Opfern spricht oder vom Schicksal einer Familie aus der Nachbarstraße. Vor diesem Hintergrund ist die neue Arbeit von Hermann Adams sehr zu begrüßen.
Hermann Adams, Transportsystem – Westerbork – Rheiderland – Westoverledingen – Leer – Bremen – ins Verderben. Das Schicksal von Max Mindus im Holocaust, geboren in Ihrhove – in Theresienstadt überlebt. Neue Erkenntnisse zu den Opfern . Geboren in Ihrhove – Westoverledingen, im Holocaust umgekommen, Westoverledingen 2015, 14,90 €.
Dietrich Nithack
(Red.: M.H. / H.S.)
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Gastautor (13. Mai 2026). Von Westoverledingen ins Unheil. Blog für ost-friesische Geschichte. Abgerufen am 9. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/167nt
