Der Volksschullehrer Gerhardus Jungmann (1892–1970) in Visquard
Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr
Seit den 1980er Jahren besteht in Visquard der Gerhardus-Jungmann-Platz mit einer Erinnerungstafel an den ehemaligen Lehrer. Bei ihrer Aufstellung und Einweihung durchaus nicht unumstritten, ist die Tafel mittlerweile längst Teil des gewohnten Dorfbildes. Auffällig ist allerdings, dass das zugehörige Hinweisschild Jungmann als Lehrer in Visquard von 1927 bis 1959 würdigt und damit seine Entlassung aus dem Schuldienst infolge der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst ausspart. Schon dieser Befund wirft Fragen nach den Formen und Funktionen lokaler Erinnerungskultur auf. Im November 2023 erhielt das Thema dann größere öffentliche Aufmerksamkeit: Im Rahmen der Gründungsversammlung des „Bündnis für mehr Demokratie und Weltoffenheit“, einer zivilgesellschaftlichen Initiative gegen Rechtsextremismus, brachte Hans Schulz, ein ehemaliger Visquarder, die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit der Jungmann-Tafel in einer Diskussion über rechte Strukturen zur Sprache und bat um Unterstützung bei der Aufarbeitung – konkret um rasche Umbenennung des Platzes und Abbau der Erinnerungstafel. Sein Vorstoß fand zunächst wenig Resonanz; lediglich die Ostfriesen-Zeitung griff das Thema auf.1 Dieser Artikel löste im Dorf erhebliche Unruhe aus, wobei die Reaktionen sich weniger gegen die Erinnerungstafel als vielmehr gegen Schulz selbst richteten, der für seinen Vorstoß deutliche Kritik erfuhr. Die Gemeinde Krummhörn, zu der Visquard heute gehört, entschied sich daraufhin, den Konflikt nicht weiter schwelen zu lassen, sondern eine fundierte historische Grundlage für die weitere Diskussion zu schaffen: Mit Beschluss des Verwaltungsausschusses wurde der Verfasser dieses Beitrages mit der Erstellung einer biografischen Studie zu Jungmann beauftragt, aus der ein Vorschlag für den Gemeinderat zum künftigen Umgang mit der Erinnerungstafel und dem Jungmann-Platz abgeleitet werden soll.

Der Hintergrund dieser von Hans Schulz ausgelösten bzw. wiederbelebten lokalen Auseinandersetzung war ein direkt nach dem Kriegsende schwelender Konflikt zwischen Gerhardus Jungmann und dem Landarbeiter Marten Wagenaar, der sich zu einer bisher übersehenen lokalpolitischen Auseinandersetzung entwickelte. Wagenaar, ein überzeugter Sozialdemokrat und nach eigenem Bekunden Antifaschist, hatte Jungmann 1946 bei der britischen Militärregierung angezeigt und damit dessen vorübergehende Entlassung aus dem Schuldienst bewirkt. Die Reaktion der Dorfgemeinschaft darauf offenbart jedoch, dass die moralischen Koordinaten der unmittelbaren Nachkriegszeit keineswegs so eindeutig waren, wie es die kategorische Unterscheidung zwischen Täter und Opfer, zwischen Nazis und Antifaschisten suggeriert. Die Mehrheit der Visquarder Bevölkerung stellte sich hinter ihren Volksschullehrer und wandte sich gegen den vermeintlichen „Denunzianten“, dessen Ambitionen auf das Bürgermeisteramt in der Folge scheiterten.
Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, diesen verwickelten Konflikt in seinen historischen Kontext einzuordnen und dabei vor allem die Biografie Jungmanns zu rekonstruieren. Weiterhin fragt der Beitrag nach den Mechanismen dörflicher Vergangenheits- und Erinnerungspolitik, nach den Strategien der Selbstentlastung und nach den sozialen Folgen, die diejenigen zu tragen hatten, die sich der stillschweigenden Rehabilitierung vermeintlicher Nationalsozialisten widersetzten. Im Sinne Aleida Assmanns geht es damit auch um das Spannungsfeld zwischen dem gelebten Gedächtnis einer Dorfgemeinschaft und der historisch-kritischen Befragung seiner Grundlagen.
In der Geschichte des Volksschullehrers Gerhardus Jungmann bündeln sich die Ambivalenzen und Verwerfungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft.2 Sein Lebensweg – vom kaiserlichen Seminaristen über den nationalsozialistischen Parteifunktionär bis zum rehabilitierten Dorfschulmeister – spiegelt jene Aushandlungsprozesse wider, die sich in zahllosen deutschen Gemeinden nach 1945 vollzogen. Aufschlussreich ist Jungmanns Fall vor allem deshalb, weil sein Entnazifizierungsverfahren nicht allein von den abstrakten Kategorien alliierter Spruchgerichte bestimmt wurde, sondern von den sozialen Dynamiken einer kleinen dörflichen Gemeinschaft, in der persönliche Beziehungen, politische Überzeugungen und pragmatische Erwägungen ineinandergriffen.
Dabei geht es weder um eine nachträgliche Verurteilung noch um eine Rehabilitierung Jungmanns, sondern um die Frage, wie es möglich war, dass ein Mann mit seiner NS-Vergangenheit zum geehrten Bürger seiner Gemeinde werden konnte.
Biografischer Hintergrund: Der Weg zum Dorfschulmeister
Gerhardus Philippus Jungmann wurde am 18. Juli 1892 in Wirdum als ältester Sohn des Landbriefträgers Johann Andreas Jungmann und seiner Ehefrau Sophie Hilke geb. Graalmann geboren. Die Familie entstammte dem ostfriesischen Kleinbürgertum, der Vater stieg später zum Oberpostschaffner auf. Gerhardus hatte vier Geschwister, darunter den 1894 geborenen Friedrich Christoph, der ebenfalls den Lehrerberuf ergriff und am 6. August 1915 als Soldat in Russland fiel. Diese frühe Erfahrung des Kriegstodes in der eigenen Familie sollte Gerhardus Jungmann prägen, der selbst als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teilnahm.3

Die Bildungsbiografie Jungmanns folgte dem für ostfriesische Volksschullehrer typischen Muster.4 Nach dem Besuch der zweiklassigen Volksschule in Wirdum von 1898 bis 1906 absolvierte er ab 1907 die Präparandenanstalt und das Schullehrer-Seminar in Aurich. Am 11. Februar 1913 legte er dort seine erste Lehrerprüfung ab, wobei ihm überwiegend gute Leistungen bescheinigt wurden. Im April trat er seine erste Stelle als Lehrer in Bunde an, zunächst in kommissarischer Verwaltung, ab Oktober 1913 dann in fester Anstellung. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrach diese Tätigkeit nur vorübergehend: Am 14. Oktober 1914 meldete sich Jungmann als Kriegsfreiwilliger beim II. Seebataillon in Wilhelmshaven. Er diente beim Marinekorps Flandern, wurde jedoch bereits im Dezember 1915 wegen einer Verwundung am linken Arm entlassen und kehrte im Januar 1916 in den Schuldienst nach Bunde zurück. Dort legte er am 30. Oktober 1916 seine zweite Lehrerprüfung ab, die er mit genügendem Erfolg bestand.
Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg brachten für Jungmann sowohl berufliche als auch private Konsolidierung. Am 1. November 1919 übernahm er die alleinige Lehrerstelle in Canhusen.5 Im Jahr 1920 heiratete er Hinderika Dirksen aus Bunde, geboren am 22. März 1895 als Tochter des Frisörs Johann Diedrich Dirksen.6 Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Sophie Margaretha, geboren am 23. Juni 1922, und Erika Johanne, geboren am 7. Dezember 1925.
In Canhusen entfaltete Jungmann erstmals jene Aktivitäten, die über den reinen Schuldienst hinausgingen und für das Berufsbild des traditionellen Dorfschulmeisters charakteristisch waren. Er übernahm den Organistendienst und wurde 1922 zudem zum Gemeindevorsteher gewählt. Die Wahl kam vor allem mit Unterstützung der politischen Linken zustande, was Jungmann später in seinen Entlastungsschreiben während der Entnazifizierung wiederholt erwähnen sollte.7 Bis 1926 bekleidete er dieses Amt, wobei ein Vorfall aus dem Jahr 1923 einen kleinen Einblick in sein Amtsverständnis gewährt: Als ein junger Knecht ihn während einer Amtshandlung als „Schafhirte“ beschimpfte, wandte sich Jungmann an den Norder Landrat und bestand auf einer förmlichen Abbitte.8
Nach kurzer Zwischenstation in Boen im Kreis Weener, wo er vom 1. April 1926 bis 31. Juli 1927 als erster Lehrer an der zweiklassigen Volksschule tätig war, erreichte Jungmann schließlich seinen endgültigen Wirkungsort.9 In seiner Bewerbung für die erste Lehrerstelle in Visquard vom 30. April 1927 bekannte er, dass er sich in Boen „gar nicht heimisch“ fühle und sich nach einer Rückkehr in den Kreis Emden, seiner Heimat, sehne. Visquard sage ihm sehr zu und er hoffe, von dort aus seine Arbeit wieder „gern und freudig“ leisten zu können. Auch den Organistendienst wolle er gern übernehmen.10 Der Schulvorstand von Visquard erhob in seiner Sitzung vom 9. Juli 1927 keine Bedenken gegen die Übertragung der ersten Lehrerstelle an Jungmann, und zum 1. August 1927 trat dieser sein Amt an, das er mit der bereits erwähnten Unterbrechung in der Nachkriegszeit bis zu seiner Pensionierung 1957 ausüben sollte.
Als Lehrer im Nationalsozialismus
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 stellte Jungmann wie Hunderttausende andere deutsche Beamte und Angestellte vor die Frage der politischen Positionierung. Seine Antwort fiel eindeutig aus: Nachdem er bereits im April 1933 dem NS-Lehrerbund beigetreten war, erfolgte am 1. Mai 1933 der Eintritt in die NSDAP. Jungmann erhielt die Mitgliedsnummer 3.155.726 und wurde der Ortsgruppe Uttum, später Pewsum, im Gau Weser-Ems zugeordnet. Das Eintrittsdatum 1. Mai 1933 ist bezeichnend: Es handelt sich um den Tag, an dem die NSDAP nach einer vorübergehenden Aufnahmesperre wieder Neumitglieder akzeptierte, was einen gewaltigen Andrang auslöste. Die spöttisch als „Maikäfer“ bezeichneten Neumitglieder dieser Phase galten vielfach als Opportunisten, die durch ihren Beitritt Vorteile zu erlangen oder zumindest Nachteile zu vermeiden hofften. Für Lehrer war der Druck zur Parteimitgliedschaft besonders groß, da sie als Beamte und Erzieher der Jugend unter verschärfter politischer Beobachtung standen.11

Jungmanns Engagement für das neue Regime beschränkte sich jedoch keineswegs auf die formale Parteimitgliedschaft. Die Entnazifizierungsakten aus dem Auricher Landesarchiv dokumentieren eine Vielzahl von Funktionen und Aktivitäten: Er war zeitweise Mitglied der SA, aus der er nach eigenen Angaben aus religiösen Gründen 1934 wieder austrat. Ab Januar 1934 übernahm er das Amt des „Zellenwalters“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Visquard, später war er auch als „Blockwalter“ und Schriftführer der NSDAP-Ortsgruppe tätig. Im NS-Lehrerbund stieg er zum Verwalter des Kreisabschnitts Emden auf und fungierte als Kreiskunstschutzreferent. Ab 1935 übernahm er zudem die Funktion eines Untergruppenführers im Reichsluftschutzbund.12 Im September 1935 nahm er am Reichsparteitag in Nürnberg teil, im Oktober desselben Jahres an einem Lehrerschulungslager in Sandhatten.13
Besonders aufschlussreich ist Jungmanns Tätigkeit als Propagandaredner. Nach eigenen Angaben nahm er im Juli 1933 an einer Schulung für Redner teil, wobei er nach Kriegsende wenig glaubhaft behauptete, dies sei trotz seines Widerspruchs geschehen. Von September 1933 bis Anfang 1943 – also für fast zehn Jahre – hielt er nach eigenen Angaben in verschiedenen Dörfern Vorträge von jeweils 45 Minuten Dauer über das Programm der NSDAP. In seinen späteren Rechtfertigungsschreiben schrieb Jungmann, er habe dabei stets seine christliche Haltung betont und sei schließlich mit einem Redeverbot belegt worden, da man ihn für einen „Marxisten“ gehalten habe.7 Diese Selbstdarstellung als innerlich distanzierter Mitläufer, der nur unter äußerem Zwang gehandelt habe, ist charakteristisch für die Verteidigungsstrategien ehemaliger Parteimitglieder in der Entnazifizierung. Ungewöhnlich ist aber, dass Jungmanns Vorträge in der Lokalberichterstattung der Ostfriesischen Tageszeitung – dem Amtsblatt der NSDAP – keinen Niederschlag gefunden haben.
Dem gegenüber stehen gravierende Anschuldigungen, die lange Jahre nach dem Krieg von Zeitzeugen erhoben wurden und in einem unveröffentlichten Manuskript aus dem Jahr 2025 dokumentiert sind.14 Demnach soll Jungmann in SA-Uniform unterrichtet und den Schülern gesagt haben, wenn sie in der Schule gut aufpassten, dürften sie bald auch so eine tragen. Wenn jüdische Bewohner des Dorfes an der Schule vorbeigingen, habe er die Schüler aufgefordert, den Unterrichtsraum zu verlassen und den Menschen mit Schimpfwörtern hinterherzulaufen. Einschränken muss man hier, dass jüdische Einwohnerinnen oder Einwohner Visquards für die NS-Zeit gar nicht dokumentiert sind und es sich höchstens um Juden aus der Krummhörn auf dem Weg in die benachbarten Städte gehandelt haben könnte. Ein besonders schwerwiegender Vorwurf betrifft die systematische Benachteiligung bestimmter Kinder: Jungmann habe „das Gesocks“ nicht in seiner Klasse haben wollen und den Kindern schuleigene Lernmittel vorenthalten, wodurch er die Bildungsgrundlagen der Kinder für ihr späteres Leben zerstört habe. Ein Sohn einer betroffenen Familie habe nach dem Abgang von der Schule weder lesen noch schreiben können und sei deswegen sterilisiert worden. Nachzuprüfen sind diese Anschuldigungen nicht.

Zudem stehen sie in scharfem Kontrast zu den zahlreichen entlastenden Aussagen, die während des Entnazifizierungsverfahrens gesammelt wurden. Auch mehrere Zeitzeugen, die 2025 vom Verfasser befragt wurden, erinnerten sich an Jungmann als zwar streng, aber nicht strenger als andere Lehrer seiner Zeit, der gerecht gehandelt und seine Schüler zu NS-Zeiten nicht nach dem Leben und der politischen Einstellung zu Hause ausgefragt habe. Hervorzuheben ist die Aussage, Jungmann habe dem Volkssturm nahegelegt, nicht zu kämpfen und die Waffen wegzuwerfen, kurz bevor die Besatzer kamen.
Diese widersprüchlichen Erinnerungen zeigen, wie schwer ein eindeutiges Urteil über Jungmanns Verhalten während der NS-Zeit zu fällen ist — und wie selektiv das Dorfgedächtnis arbeitete.
Der Gegenspieler: Marten Wagenaar
Um den Konflikt zwischen Jungmann und seinem Kontrahenten zu verstehen, ist ein näherer Blick auf die Biografie Marten Wagenaars unerlässlich. Wagenaar wurde am 1. April 1890 in Visquard geboren und war damit zwei Jahre älter als Jungmann. Er arbeitete als Landarbeiter, später als Landgebräucher, und gehörte damit zu den unteren Schichten der dörflichen Gesellschaft.15 Bereits bei der Gemeinderatswahl am 12. März 1933 kandidierte er auf der Arbeiterliste,16 was seine politische Verortung im sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Milieu unterstreicht.
Während der NS-Zeit war Wagenaar Mitglied der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ und der NS-Kriegsopferversorgung, beides Massenorganisationen, deren Mitgliedschaft nicht notwendigerweise auf eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus schließen lässt. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes engagierte er sich erneut in der SPD und positionierte sich als Antifaschist. Im August 1945 wurde er vom Norder Landrat als Berater für Gemeindeangelegenheiten zugelassen,17 im Oktober 1945 zum stellvertretenden Bürgermeister von Visquard ernannt.18 Am 5. Januar 1946 wählte ihn die Gemeindevertretung zum Bürgermeister als Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen Kaufmanns Eden.19
Diese Wahl sollte jedoch nie bestätigt werden; Eden blieb offiziell weiter im Amt. Die Gründe dafür markieren den Beginn des eigentlichen Konflikts. Wagenaar hatte bei der Militärregierung – nach deren erster Bestätigung von Jungmanns Weiterbeschäftigung als Lehrer – eine Eingabe gegen Jungmann eingereicht, in der er diesem politische Unzuverlässigkeit vorwarf. Der Landrat berichtete dann bereits am 17. Januar 1946, diese Eingabe habe in Visquard „offenbar viel Staub aufgewirbelt“, sodass es ihm zweifelhaft erschien, ob Wagenaar der richtige Mann für den Posten des Bürgermeisters sei.20

Die Situation eskalierte weiter, als am 22. Januar 1946 ein Verwaltungsoffizier der ehemaligen 317. Marinedivision eine schwerwiegende Anschuldigung gegen Wagenaar erhob. In einer Holzbaracke der Division, die mit Mannschaften, Proviant und einer Handwerkerstube belegt gewesen war, seien nach der Entlassung der Soldaten am 21. Januar 1946 Betten, Öfen und Laternen zurückgeblieben. Als der Offizier die Baracke inspizierte, habe er vier Personen angetroffen, die dabei waren, das Material zu demontieren. Unter ihnen sei Marten Wagenaar gewesen. Der Offizier habe dies untersagt, doch beim Wegfahren beobachtet, wie Wagenaar erneut zur Baracke ging. Später sei dort alles verschwunden gewesen. Der Offizier bezeichnete dies als Diebstahl und wies darauf hin, dass Wagenaar Mitglied der Gemeindevertretung sei und bereits im Dezember 1945 versucht habe, ehemaliges Wehrmachtseigentum an sich zu bringen.21
Dieser Vorwurf der Bereicherung an ehemaligem Wehrmachtsgut war für Wagenaars politische Ambitionen verheerend. Am 30. Januar 1946 forderte der Landrat den noch amtierenden Bürgermeister Eden auf, die Angelegenheit zu prüfen und festzustellen, ob Wagenaar Bürgermeister werden solle. Bereits am 2. Februar 1946 fand eine Neuwahl statt, bei der der Milchkontrolleur Harm Royer22 mit einer Stimme Mehrheit in geheimer Wahl zum neuen Bürgermeister gewählt wurde. Wagenaar war der einzige Gegenkandidat,23 gab sich jedoch noch nicht geschlagen. Gemeinsam mit anderen – darunter Gerd Jungenkrüger mit Familie, die später als Belastungszeugen in Jungmanns Entnazifizierungsverfahren auftreten sollten – legte er gegen die Wahl Royers mit der Behauptung Einspruch ein, dieser sei schon vor der Machtübernahme in Gliederungen der NSDAP aktiv gewesen. Der Landrat wies diese Anschuldigungen als unberechtigt zurück, da aus Royers Entnazifizierungsfragebogen keine NSDAP-Mitgliedschaft hervorgehe.24 Der alte und immer noch amtierende Bürgermeister Eden äußerte sich in einem Schreiben vom 22. Februar 1946 sehr kritisch über Wagenaar: Der Einspruch sei „aus Neid geboren“, da Royer die auf ihn gefallene Wahl angenommen habe. Noch im Dezember 1945 habe Wagenaar selbst Royer für die Gemeindevertretung vorgeschlagen. Die Unterzeichner des Einspruchs stellten zudem nur einen kleinen Bruchteil der Wähler dar, mehrere von ihnen seien 1933 noch nicht in der Gemeinde ansässig oder noch Kinder gewesen. Wenn die Demokratie einen Sinn habe, so Eden, sei die Wahl Royers zu bestätigen, „um nicht eine Minderheitsdiktatur durch den Erstunterzeichner [Wagenaar] zu bekommen und wieder Frieden in der Gemeinde“.25
Die Charakterisierung Wagenaars durch den Bürgermeister Eden ist bezeichnend. Eden, der sich selbst als „unentwegten Gegner des Nationalsozialismus“ bezeichnete und am 6. April 1933 von der SA seines Amtes als Gemeindevorsteher enthoben worden war, distanzierte sich scharf von Wagenaars Agitation gegen Jungmann und wies auch darauf hin, Wagenaar habe alle Kräfte darangesetzt, den früheren Zellenleiter Janssen als Milchkontrolleur im August 1945 seiner Stellung zu entheben und durch Royer zu ersetzen, während er nun denselben Janssen wieder in diesem Posten sehen wolle. Diese Widersprüchlichkeit in Wagenaars Handeln ließ in Visquard Zweifel an dessen Motiven aufkommen. Doch ungeachtet solcher Zweifel entfalteten seine Eingaben Wirkung, denn sie trafen auf ein Entnazifizierungsverfahren, das ohnehin an entscheidenden Weichenstellungen angelangt war.
Das Entnazifizierungsverfahren Jungmanns
Die Entnazifizierung Jungmanns vollzog sich in mehreren Etappen und wurde zunehmend von der Auseinandersetzung mit Wagenaar überlagert. Bereits am 5. Juni 1945 füllte Jungmann in Aurich seinen ersten Fragebogen aus, ein weiterer folgte am 24. Juni 1946 in Norden. Im August 1945 wurde er als Volksschullehrer wieder eingestellt, nachdem sein Fragebogen geprüft worden war. Doch am 31. Mai 1946 erfolgte auf Befehl der Militärregierung seine erneute Entlassung.26 Wie Jungmann selbst in der Schulchronik notierte, erfuhr er, dass ihn jemand „angeschwärzt“ habe: „Ich habe 18 Jahre mit ihm in Frieden gelebt“, schrieb er über seinen Ankläger, das „ganze Dorf ist empört“ über die Denunziation, stehe seinen „Machenschaften“ aber „hilflos“ gegenüber. Es ist offensichtlich, dass damit Marten Wagenaar gemeint ist.27
Die Mobilisierung der Dorfgemeinschaft zugunsten Jungmanns setzte unmittelbar ein. In einer Umfrage unter den Eltern sprachen sich 115 von 130 Familien für den Lehrer aus. Eine Vielzahl von Entlastungsschreiben wurde gesammelt: Der Ortsgeistliche Buismans, der 1933 von den Nazis abgesetzte und nun wieder amtierende Bürgermeister Eden, Gemeindevertreter, Landarbeiter und Pastor Klaas Tjarks Wiltfang aus Grimersum, der selbst im KZ gewesen war, protestierten gegen die Entlassung. Zahlreiche Leumundszeugnisse bescheinigten Jungmann, dass er freundlich zu Zwangsarbeitern gewesen sei, Auslandsradio gehört habe und christlichen Unterricht erteilt habe. Die Jugend aus Visquard bestätigte seinen christlichen Unterricht, diverse Arbeiter versicherten, Jungmann sei kein Nazi gewesen.26

Jungmanns Verteidigungsstrategie in seinen Eingaben bediente sich dabei der gesamten Bandbreite typischer Entlastungsargumente.28 Er betonte seinen Parteieintritt unter äußerem Druck, seine anhaltende demokratische Grundhaltung, seine tiefe Religiosität und die Konflikte, die er mit dem NS-Staat gehabt habe. Er verwies auf seine Wahl zum Bürgermeister in Canhusen mit Hilfe der politisch Linken, auf seinen Austritt aus der SA aus religiösen Gründen, auf das Redeverbot, das gegen ihn verhängt worden sei. In einem Schreiben vom 21. April 1947 fügte er 21 Anlagen bei, die zeigen sollten, dass er nur in einem „sehr losen“ Verhältnis zur NSDAP gestanden habe.29 Diese Selbstdarstellung liest sich wie das Werk eines Opportunisten, der durch den Parteibeitritt auf den eigenen Vorteil bedacht war und es nun so drehte, als hätte er sich nie von ihrer demokratischen Gesinnung abbringen lassen. Jungmanns Argumentation entsprach damit ziemlich genau den Kriterien, die von den Entnazifizierungsausschüssen als entlastend anerkannt wurden.
Jungmanns Entlastungsversuchen standen die Eingaben der Emder KPD und SPD gegenüber, die im Mai 1946 und erneut im Juli und August 1947 die Entfernung Jungmanns aus dem Amt forderten.30 Beide Parteien beschuldigten ihn zunächst in nahezu gleichlautenden Eingaben gegenüber der Militärregierung, er habe demokratische, sozialistische und kommunistische Kinder im Unterricht „derart niedergedrückt, zurückgestellt oder als minderwertig bezeichnet“, dass sie weinend nach Hause gekommen seien. Er habe ihnen Lehrmittel entzogen und Kinder ausgefragt, um deren Eltern ins Konzentrationslager zu schaffen. Auch habe er sich abfällig über Zwangsarbeiter geäußert.31 Hinter diesen Versuchen standen mit ziemlicher Sicherheit Marten Wagenaar (SPD)32 und Gerd Jungenkrüger (KPD),33 die zudem beide politische Ambitionen in Visquard verfolgten. Beachtung verdient dabei die Kontroverse innerhalb der SPD. Während die SPD Emden auf Initiative Wagenaars gemeinsam mit der KPD gegen Jungmann agierte, setzte sich die SPD Visquard zunächst für Jungmann ein. In einem Schreiben vom 1. August 1947 an den Landrat Norden rang die örtliche SPD mit ihrer Position: Man sei sich unsicher geworden, ob man ein „Kindergarten“ sei oder eine „antifaschistische Partei“.34 In einem internen Schreiben an die SPD-Ortsgruppe Norden vom 28. Juli 1947 sprach die SPD Visquard – mittlerweile deutlich unter Wagenaars Kontrolle – dann deutlicher: Jungmann habe sozialistische Arbeiter unterdrückt und sei führender Nazi im Ort gewesen. Die Norder Genossen hätten geholfen, dass er in Kategorie IV eingestuft worden sei und weiterarbeiten könne. „Das Unglaubliche ist nun geschehen“, schrieben die Visquarder Sozialdemokraten, „die Reaktion arbeitet im Falle Jungmann mit allen Mitteln“. Man schloss mit der Forderung, Jungmann dürfe in Visquard „nicht wieder aufs Katheder kommen“.35
Der Entnazifizierungsausschuss Norden blieb jedoch bei seiner Einschätzung. In seinem Bescheid vom 18. November 1946 kategorisierte es Jungmann als „nominellen Unterstützer“ und empfahl seine Weiterbeschäftigung. Er sei kein so „hochprozentiger Nazi“ gewesen, dass eine Entfernung aus dem Amt gerechtfertigt wäre. Die Zwistigkeiten vor Ort lägen in „persönlichem Hass“ begründet, es bestünden keine Bedenken gegen eine Wiedereinstellung. Der Gemeinderat Visquard hatte bereits am 26. März 1947 sein Bedauern ausgesprochen, dass Jungmann nicht wieder eingesetzt worden sei. Man wisse, dass 95 Prozent der Gemeinde hinter ihm stünden. Eine „kleine Minderheit“ unter Führung von Marten Wagenaar agiere gegen ihn aus persönlichen Motiven, was dieser sogar vor dem Gemeinderat zugegeben habe.
Am 8. Mai 1947 bestätigte der Entnazifizierungsausschuss Norden sein Urteil auch nach Besprechung der Eingaben von Wagenaar und Jungenkrüger.36 Der endgültige Einreihungsbescheid vom 5. Juli 1947 stufte Jungmann in Kategorie IV ein. Ab dem 15. August 1947 nahm er seine Tätigkeit als Schulleiter in Tichelwarf auf, Ostern 1948 wurde er in Visquard wieder eingesetzt und Anfang Oktober 1950 schließlich zum Hauptlehrer befördert.37 In der Schulchronik notierte Jungmann, er sehe dies als ein „Wiedergutmachenwollen“.38
Nachkriegsintegration und dörfliche Rehabilitation
Die Wiedereinsetzung Jungmanns markierte den Beginn einer bemerkenswerten zweiten Karriere als geachtete Persönlichkeit des dörflichen Lebens. Ab dem 1. Januar 1951 übernahm er das Amt des Standesbeamten, das zuvor mit dem Bürgermeisteramt verbunden gewesen war.39 Er leitete den Gesangverein und das Jugend- und Dorftheater, engagierte sich im Sportverein und spielte sonntags die Orgel in der Kirche. In der kirchlichen Gemeindevertretung war er ebenso tätig wie im weltlichen Gemeinderat, dem er schon von 1929 bis 1932 angehört hatte und erneut von 1956 bis 1961 angehören sollte.40 Seine Frau Hinderika starb am 22. Dezember 1954, wonach er häufig am Wochenende nach Bunde zu ihrer Familie fuhr. 1958 zog er schließlich zu seiner Familie nach Aurich um,41 legte im Zuge dessen sein Amt als ehrenamtlicher Standesbeamter nieder,42 fungierte aber weiter bis kurz vor seinem Tod als Organist in Visquard.
Die Erinnerungen der Zeitzeugen an den Nachkriegs-Jungmann zeichnen das Bild eines vollständig in die dörfliche Gesellschaft integrierten Mannes. Er half jemandem, der kein Geld für einen Konfirmationsanzug hatte, bezahlte im Laden die Rechnung einer ärmeren Dame. Er wurde als hilfsbereit und gerecht in Erinnerung behalten.43 Am 18. September 1957 wurde er in einer Feierstunde unter anderem von Schulrat Dr. Harm Wiemann aus Aurich in den Ruhestand verabschiedet, arbeitete jedoch noch bis 1959 als Angestellter weiter. Die verschiedenen Nachrufe nach seinem Tod am 30. Juni 1970 in Aurich würdigten ihn als „profilierte Persönlichkeit“ oder als „alten Schulmeister im besten Sinne des Wortes“.44

Allerdings berichteten Zeitzeugen auch von Momenten, in denen die Vergangenheit durchschimmerte. Nach 1945 seien manchmal „die Nazipferde mit ihm durchgegangen“. Im Geschichtsunterricht habe er sich nicht zurückhalten können, die NS-Zeit zu verherrlichen und zu bedauern, „dass man nicht erreicht hat, was gewollt war“.45 Solche Aussagen, die kaum nachprüfbar sind und nicht als gesicherte Tatsachen gelten können, blieben jedoch offenbar – sofern sie überhaupt zeitgenössisch schon kolportiert wurden – ohne Konsequenzen für seine gesellschaftliche Stellung, vermutlich, da auch gegenteilige Anekdoten tradiert wurden. So ist ebenfalls überliefert, Jungmann habe aktiv dazu beigetragen, den „Volkssturm“ zu überzeugen, nicht mehr den offenen Kampf zu suchen.46
Der Höhepunkt der postumen Ehrung kam nach Jungmanns Tod. In den 1980er Jahren, im Zuge einer Neuordnung der Straßennamen in der Gemeinde Krummhörn, wurde auf Vorschlag der Visquarder SPD eine Grünanlage in Visquard zum Gerhardus-Jungmann-Platz umbenannt und mit einem Schild versehen. Diese Ehrung blieb über Jahrzehnte unangefochten, obwohl sie schon damals bei manchen Zeitzeugen Unverständnis ausgelöst hatte. Erst im November 2023 wurde die Benennung öffentlich hinterfragt, als die Ostfriesen-Zeitung im Rahmen einer von Hans Schulz aufgebrachten Diskussion über den Umgang mit rechten Strukturen einen Artikel über Jungmann veröffentlichte.1
Schlussbetrachtung: Vergangenheitspolitik im Dorf
Der Fall Jungmann wirft ein Schlaglicht auf die Mechanismen dörflicher Vergangenheits- und Erinnerungspolitik in der frühen Bundesrepublik. Die Entnazifizierung, ursprünglich als Instrument zur Entfernung nationalsozialistischer Belasteter aus dem öffentlichen Leben konzipiert, wurde hier in der konkreten Anwendung von lokalen Konstellationen überformt, die mit den ursprünglichen Intentionen wenig zu tun hatten. Im Fall Jungmann überlagerten kommunalpolitisch konnotierte Konflikte die politische Aufarbeitung, wobei der „Ankläger“ Wagenaar letztlich mehr Schaden nahm als der „Angeklagte“ Jungmann. Auffällig ist aber auch, wie schnell sich das dörfliche Leben wenige Jahre nach dem Krieg konsolidieren sollte. Denn aus späteren Gemeinderatssitzungen geht wie selbstverständlich hervor, dass Marten Wagenaar sich für eine Renovierung von Jungmanns Lehrerwohnung einsetzte.47
Die Mehrheit der Dorfbewohner stand auf der Seite des Lehrers. Diese Entscheidung lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: auf die zentrale Rolle des Volksschullehrers in der traditionellen Dorfgemeinschaft, auf die sozialen Netzwerke, die Jungmann über Jahrzehnte geknüpft hatte, auf das Misstrauen gegen jene, die als Denunzianten agierten, und nicht zuletzt auf den verbreiteten Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen und einen Schlussstrich zu ziehen. Dass Wagenaar selbst des Diebstahls an ehemaligem Wehrmachtsgut beschuldigt wurde, unterminierte seine moralische Integrität zusätzlich.
Die Frage, ob Jungmann tatsächlich ein überzeugter Nationalsozialist war oder nur ein Mitläufer, lässt sich auf Grundlage der vorliegenden Quellen nicht eindeutig beantworten. Seine fast zehnjährige Tätigkeit als Parteiredner verweist auf eine wichtige Rolle Jungmanns bei der Etablierung und Festigung der NS-Herrschaft in Visquard. Auch seine zahlreichen Funktionen in Partei und Massenorganisationen sprechen für mehr als bloße Passivität. Die schweren Anschuldigungen bezüglich seiner Behandlung von Kindern aus politisch links orientierten Familien – besonders der Familie Jungenkrüger – sind ernst zu nehmen, auch wenn sie von politischen Gegnern erhoben wurden.48 Andererseits ist die Quellenlage unausgewogen: Die Vorwürfe stammen von einer kleinen Gruppe, während eine überwältigende Mehrheit der Dorfbewohner Jungmann entlastete.
Was der Fall jedoch zweifelsfrei zeigt, ist die Funktionsweise kollektiver Erinnerung und Verdrängung. Die Ehrung Jungmanns durch die Benennung eines Platzes nach seinem Namen in den 1980er Jahren dokumentiert, wie vollständig seine Rehabilitation gelungen war. Die Kontroverse, die erst Jahrzehnte später aufflammte, unterstreicht den Generationenwechsel in der Erinnerungskultur, in dessen Zuge neue Fragen an die Vergangenheit gestellt werden. Die Tatsache, dass diese Fragen im Dorf selbst auf Ablehnung stoßen, zeigt jedoch auch, wie persistent die einmal etablierten Narrative sind.

Der Konflikt zwischen Jungmann und Wagenaar war mehr als ein parteipolitischer Streit. Er verkörperte den grundlegenden Antagonismus zwischen jenen, die eine konsequente Aufarbeitung der NS-Vergangenheit forderten, und jenen, die in der Integration ehemaliger Parteimitglieder den Weg zur gesellschaftlichen Normalisierung sahen. Dass Letztere sich durchsetzten, war kein ostfriesisches Spezifikum, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen. Der Visquarder Fall zeigt dabei in besonderer Deutlichkeit, welchen Preis diejenigen zahlen mussten, die sich der herrschenden Tendenz zur Rehabilitation widersetzten. Wagenaar, der antifaschistische Landarbeiter, scheiterte mit seinen politischen Ambitionen und geriet selbst in die Defensive.
Der Fall Gerhardus Jungmann verdeutlicht damit das Spannungsfeld, das Aleida Assmann als Konflikt zwischen Gedächtnis und Geschichte beschrieben hat:49 Während eine historisch-kritische Durchsicht der überlieferten Unterlagen keine konkreten Belege für persönliche Verfehlungen des Lehrers während der Jahre der NS-Diktatur nachweisen kann und die überlieferten Zeitzeugenaussagen in beide Richtungen weisen, hat sich im kulturellen Gedächtnis der Dorfgemeinschaft über Generationen hinweg ein überwiegend positives Narrativ verfestigt. Gleichwohl ist die Kritik an Jungmann trotz seiner Rehabilitierung nie vollständig verstummt und wurde von Teilen der Dorfgemeinschaft über Jahrzehnte hinweg wachgehalten. Die zeitgenössischen Auseinandersetzungen waren zudem von politischen Streitigkeiten überlagert, was eine abschließende Bewertung zusätzlich erschwert. Die Erinnerungstafel selbst fungiert dabei als symbolische Stütze im Sinne Assmanns,50 die Erinnerungen transgenerationell befestigt und späteren Generationen ohne eigenen Erfahrungsbezug einen Zugang zur lokalen Vergangenheit ermöglicht – ein Umstand, der bis heute im Selbstverständnis des Dorfes fortwirkt.
Angesichts dieser Gemengelage erscheint es angemessen, den Gerhardus-Jungmann-Platz mit seiner Erinnerungstafel als Teil des gewachsenen Ortsgedächtnisses – zu dem auch die kritischen Stimmen gehören – zu erhalten, sie jedoch durch einen QR-Code und/oder eine zusätzliche Hinweistafel zu ergänzen, um so weitere Informationen – zum Beispiel diesen Beitrag – zur Verfügung zu stellen und damit den notwendigen Dialog zwischen lokalem Gedenken und kritischer Geschichtswissenschaft weiter zu öffnen.
Dr. Heiko Suhr
(Red.: M.H.)
- Claus Hock, Ist dieser Platz nach einem Nazi benannt?, in: Ostfriesen-Zeitung, 18.11.2023. [↩] [↩]
- Ich danke Dr. Michael Hermann, Aurich, Per Hüsges, Wesel, und Doris Rulofs-Terfurth, Mehrhoog, für die kritische Durchsicht des Manuskripts. Zu Dank verpflichtet bin ich auch Hedda Oldewurtel, Visquard, für die Vermittlung einiger Zeitzeugengespräche in Visquard sowie den Enkeltöchtern Jungmanns in Fürth und Wittmund, die ihre privaten Archive geöffnet haben und mir aus eigener Erinnerung bzw. aus der Familienüberlieferung wichtige Informationen zu Gerhardus Jungmann übermittelt haben. Auf eigenen Wunsch bleiben sie ungenannt. [↩]
- Eine vollständige Biografie Jungmanns liegt nicht vor. Vgl. zur Genealogie der Familie vor allem Manfred Wegner, Die Familien der Kirchengemeinde Wirdum (1652–1900), Aurich 2000, S. 339, Nr. 2558. [↩]
- Vgl. zu Jungmanns beruflicher Laufbahn vor allem Visquarder Dorfchronisten (Hrsg.), Dorf- und Schulchronik von Visquard, angelegt von Lehrer Buisman im Jahre 1915. Fortgeführt durch die Lehrer Visquards 1919–1926 Folkerts, 1927–1959 Jungmann, 1960–1965 Ewen, Visquard 2002, S. 182–185 und Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Archiv, Gutachterstelle für deutsches Schul- und Studienwesen im Berliner Institut für Lehrerfort- und -weiterbildung und Schulentwicklung, Personalunterlagen von Lehrkräften, Nr. 20222 [Preußische Volksschullehrerkartei]. Vgl. auch den eigenhändigen Lebenslauf in NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 2342: Schullehrer-Dienst zu Boen bzw. in NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 3240: Schullehrer-Dienst zu Visquard. Vgl. auch NLA AU, Rep. 17/4, Nr. 2038: Personalbogen Gerhardus Philippus Jungmann. [↩]
- Vgl. zur Tätigkeit in Canhusen auch NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 3479: Einstellung der Lehrer an der Schule zu Canhusen. [↩]
- Für unzählige Hinweise zur Genealogie der Familie Dirksen danke ich Pastor Jürgen Hoogstraat herzlich. Die Familie Dirksen entstammte einer Baptistenfamilie in Jennelt in der Krummhörn und war über verwandtschaftliche Linien mit dem bekannten amerikanischen Republikaner Everett Dirksen verbunden. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921: Entnazifizierungsakte Gerhardus Jungmann, Anlage zum Fragebogen, ohne Ort, ohne Datum [14.06.1945]. [↩] [↩]
- NLA AU, Rep. 22, Nr. 475, Gemeindevorsteher Canhusen an Landrat Norden, Canhusen, 25.08.1923. [↩]
- Vgl. zur Tätigkeit in Boen auch NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 2342: Schullehrer-Dienst zu Boen. [↩]
- NLA AU, Rep. 16/2, Nr. 3240: Schullehrer-Dienst zu Visquard, Gerhardus Jungmann an Regierung Aurich, Boen, 30.04.1927. [↩]
- Vgl. zur Mitgliedschaft Jungmanns in der NSDAP vor allem Bundesarchiv Berlin, R9361-VIII KARTEI: NSDAP-Zentralkartei, Gerhardus Jungmann und R9361-IX KARTEI: NSDAP, Gaukartei, Gerhardus Jungmann. [↩]
- Vgl. zu seiner Mitgliedschaft im NS-Lehrerbund Bundesarchiv Berlin, Sammlung BDC, NSLB-Kartei, Gerhardus Jungmann. [↩]
- Vgl. Visquarder Dorfchronisten (Hrsg.), Dorf- und Schulchronik von Visquard, angelegt von Lehrer Buisman im Jahre 1915. Fortgeführt durch die Lehrer Visquards 1919–1926 Folkerts, 1927–1959 Jungmann, 1960–1965 Ewen, Visquard 2002, S. 197–198. [↩]
- Hans Schulz, Gerhardus Jungmann. Aufarbeitung eines Nationalsozialisten aus Visquard 1933–1945 und der Nationalsozialisten in der Gemeinde Krummhörn, Emden 2025 [unveröffentlichtes Manuskript, Kopie in der Landschaftsbibliothek Aurich]. Schulz nennt die Zeitzeugen nicht namentlich und zitiert diese aus der Erinnerung, obwohl zwischen den Gesprächen und der Niederschrift mehrere Jahre vergangen sein dürften. Auch deshalb sind die Aussagen kritisch zu bewerten. [↩]
- Vgl. zu Wagenaar NLA AU, Rep. 250/1, Nr. 331, Erklärung, britisches Kontrollgebiet, 30.07.1946. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Gemeindevorsteher Visquard, Wahl der Gemeindevertretung, 12.03.1933. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Landrat Norden an Bürgermeister Visquard, Norden, 27.08.1945. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Landrat Norden an Bürgermeister Visquard, Norden, 30.10.1945. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Protokoll der Gemeindeversammlung Visquard, Visquard, 05.01.1946. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Landrat Norden an Bürgermeister Eden, Norden, 17.01.1946. 1946 waren 716 Einwohner in Visquard verzeichnet, von denen aber 146 als Flüchtlinge registriert worden waren, sodass die Zahl der 130 Familien durchaus plausibel erscheint; vgl. https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/wp-content/uploads/sites/3/dateiarchiv/3031/Visquard.pdf [11.02.2026]. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Ehemalige 317. Marinedivision an Bürgermeister Eden, Visquard, 22.01.1946. [↩]
- Harm Wilken Royer (11.07.1912–11.12.1976), Landwirt in Visquard, 1933–1939 Mitglied der SA, keine nachgewiesene Mitgliedschaft in der NSDAP, nach dem Zweiten Weltkrieg Milchkontrolleur in Pewsum, 02.02.1946–27.09.1946 Bürgermeister in Visquard; vgl. NLA AU, Rep. 250, Nrn. 34001, 47128, 51612; vgl. zum Todesdatum https://www.grabsteine-ostfriesland.de/grabstein/45301/Harm-Royer–Visquard [05.02.2026]. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Landrat Norden an Bürgermeister Eden, Norden, 30.01.1946; Bürgermeister Eden an Landrat Norden, Visquard, 02.02.1946 und 04.02.1946. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Marten Wagenaar u. a. an Landrat Norden, Visquard, 04.02.1946; Landrat Norden an u. a. Marten Wagenaar, Norden, 11.02.1946. [↩]
- NLA AU, Rep. 36, Nr. 174, Bürgermeister Eden an Landrat Norden, Visquard, 22.02.1946. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921. [↩] [↩]
- Visquarder Dorfchronisten (Hrsg.), Dorf- und Schulchronik von Visquard, angelegt von Lehrer Buisman im Jahre 1915. Fortgeführt durch die Lehrer Visquards 1919–1926 Folkerts, 1927–1959 Jungmann, 1960–1965 Ewen, Visquard 2002, S. 183. [↩]
- Vgl. allgemein zur Entnazifizierung in Ostfriesland Peter Bahlmann, Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wiederaufbau der Justiz und frühe NS-Prozesse im Nordwesten Deutschlands, Diss., Oldenburg 2008, online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:715-oops-10872 [04.02.2026]; ders., Die Rolle der Leumundszeugen bei der Entnazifizierung in Esens, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands 82, 2002, S. 182–228; vgl. mit besonderem Schwerpunkt auf die Entnazifizierung von Lehrern auch Jens Kaufhold, Entnazifizierungspolitik in der britischen Besatzungszone und die Entnazifizierung der Lehrer in Ostfriesland, in: Josef Kaufhold / Klaus Klattenhoff (Hrsg.), Entnazifizierung der Lehrerschaft in Ostfriesland, Oldenburg 2016, S. 23–43. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, Gerhardus Jungmann an Regierungsbezirk Aurich, Visquard, 21.04.1947. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, SPD Emden an Militärregierung Aurich, Emden, 20.05.1946; SPD Emden an Militärregierung Aurich, Emden, 24.07.1947; KPD Emden an Militärregierung Aurich, Emden, 20.05.1946; KPD Emden an Entnazifizierungsgericht Norden, Emden, 02.08.1947. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, KPD Emden an Militärregierung Aurich, Emden, 20.05.1946 und SPD Emden an Militärregierung Aurich, Emden, 20.05.1946. [↩]
- Marten Wagenaar (01.04.1890-09.09.1981), Landarbeiter aus Visquard, Kandidat für die Gemeinderatswahl in Visquard 1946 für die SPD, am 05.01.1946 dort zum Bürgermeister gewählt, aber nie bestätigt; vgl. NLA AU, Rep. 250/1, Nr. 331, Erklärung, britisches Kontrollgebiet, 30.07.1946; NLA AU, Rep. 36, Nr. 174; https://www.grabsteine-ostfriesland.de/grabstein/45375/Marten-Wagenaar–Visquard [04.02.2026]. [↩]
- Gerd Jungenkrüger (13.05.1899–16.01.1971), Bahnarbeiter aus Visquard, Kandidat für die Gemeinderatswahl in Visquard 1946 für die KPD; vgl. NLA AU, Rep. 250/1, Nr. 326, Erklärung, britisches Kontrollgebiet, 28.07.1946; https://www.grabsteine-ostfriesland.de/grabstein/45208/Gerd-Jungenkr%C3%BCger–Visquard [04.02.2026]. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, SPD Visquard an Landrat Norden, Visquard, 01.08.1947. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, SPD Visquard an SPD Ortsgruppe Norden, Visquard, 28.07.1947. [↩]
- NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, Entnazifizierungsgericht Norden, 08.05.1947. [↩]
- NLA AU, Rep. 17/4, Nr. 2038, Personalbogen Jungmann. [↩]
- Visquarder Dorfchronisten (Hrsg.), Dorf- und Schulchronik von Visquard, angelegt von Lehrer Buisman im Jahre 1915. Fortgeführt durch die Lehrer Visquards 1919–1926 Folkerts, 1927–1959 Jungmann, 1960–1965 Ewen, Visquard 2002, S. 184. [↩]
- Visquarder Dorfchronisten (Hrsg.), Dorf- und Schulchronik von Visquard, angelegt von Lehrer Buisman im Jahre 1915. Fortgeführt durch die Lehrer Visquards 1919–1926 Folkerts, 1927–1959 Jungmann, 1960–1965 Ewen, Visquard 2002, S. 82. [↩]
- Vgl. die Todesanzeigen der Gemeinde Visquard und der reformierten Kirchengemeinde Visquard, in: Ostfriesen-Zeitung, 02.07.1970. Die Anzeige der Gemeinde nennt außerdem noch eine Tätigkeit Jungmanns an der Fortbildungsschule Pewsum. [↩]
- Telefonische Auskunft der Fürther Enkeltochter, 13.08.2025. [↩]
- NLA AU, Dep. 119, acc. 2011/002, Nr. 3, Niederschriftenbuch über Sitzungen des Gemeinderats der Gemeinde Visquard 1956–1961, Sitzung vom 27.05.1959. [↩]
- Ich danke der Visquarder Dorfvorsteherin Hedda Oldewurtel, die mir den Zugang zu mehreren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ermöglicht hat, die Jungmann alle persönlich erlebt haben, aber anonym bleiben wollten. [↩]
- Vgl. die Todesanzeigen der Gemeinde Visquard und der reformierten Kirchengemeinde Visquard, in: Ostfriesen-Zeitung, 02.07.1970. [↩]
- Zitiert nach Hans Schulz, Gerhardus Jungmann. Aufarbeitung eines Nationalsozialisten aus Visquard 1933–1945 und der Nationalsozialisten in der Gemeinde Krummhörn, Emden 2025 [unveröffentlichtes Manuskript, Kopie in der Landschaftsbibliothek Aurich], S. 22. Schulz zitiert aus von ihm geführten Zeitzeugengesprächen. [↩]
- Persönliche Auskunft eines Zeitzeugen aus Visquard, der auf eigenen Wunsch ungenannt bleibt, 14.04.2025. [↩]
- NLA AU, Dep. 119, acc. 2011/002, Nr. 4, Niederschriftenbuch über Sitzungen des Gemeinderats der Gemeinde Visquard ab 1961, Sitzung vom 19.09.1964. [↩]
- Im Sinne einer Entlastung Jungmanns könnte angeführt werden, dass Gerd Jungenkrügers ablehnende Haltung gegenüber Gerhardus Jungmann auch daher resultieren könnte, dass seine insgesamt neun Kinder die Schule mit mäßigem Erfolg besuchten und Jungenkrüger – in diesem Fall aus pädagogischen, nicht aus politischen Motiven – Jungmann dafür verantwortlich machte; vgl. NLA AU, Rep. 250, Nr. 34921, Gerhardus Jungmann an [unbekannt], Visquard, 24.06.1946. [↩]
- Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2018, S. 44–47. [↩]
- Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2018, S. 35. [↩]
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Heiko Suhr (23. April 2026). NS-Belastung und Erinnerungspolitik in einer ostfriesischen Dorfgemeinschaft. Blog für ost-friesische Geschichte. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/164bf
