Die geodätischen Tafeln des ostfriesischen Wasserbauinspektors Dr. Arend Emanuel Taaks (1819–1892)
Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr
Unter den Wasserbauingenieuren, die im 19. Jahrhundert an der ostfriesischen Küste wirkten, nimmt Arend Emanuel Taaks eine Sonderstellung ein. Der gebürtige Ostfriese hatte bei Carl Friedrich Gauß in Göttingen promoviert und schließlich als Leiter der Königlich Hannoverschen Küstenvermessung das mathematische Erbe seines Lehrers mit der praktischen Arbeit an der Nordsee verbunden. Als er 1865 seine „Geodätischen Tafeln für die Nord- und Ostseeküste“ veröffentlichte, schuf er ein Werkzeug, das die elegante, aber abstrakte Koordinatentheorie von Gauß erstmals für Nautiker, Techniker und Geometer handhabbar machte. Er verband damit wissenschaftliche Präzision mit praktischem Nutzen.

Beim Verfasser dieser Abhandlung handelt es sich um Arend Emanuel Taaks, der am 14. Juni 1819 in Resterhafe zur Welt kam.1 Sein Vater Anton Ernst Taaks wirkte als Rektor in Norden, seine Mutter Catharina Sophia, geb. Hoppe stammte aus Victorbur. Die Familie lässt sich bis zu Taake Claassen zurückverfolgen, der um 1600 in Stedesdorf lebte.2
Nach dem Besuch der Lateinschule in Norden – an der sein Vater lehrte – wechselte Taaks 1837 ans Gymnasium Aurich. Sein Abiturzeugnis von 1838 bescheinigt ihm besonders in Mathematik und Physik hervorragende Leistungen. Anschließend studierte er in Berlin, Bonn und Göttingen und erwarb bei Carl Friedrich Gauß den Doktorgrad der Philosophie.3
Zunächst arbeitete Taaks als Mathematiklehrer in Ilfeld im Südharz. Da keine Festanstellung in Aussicht stand, orientierte sich Taaks 1844 beruflich neu, zog nach Hannover um und eignete sich autodidaktisch Kenntnisse in Geometrie, Architektur und technischem Zeichnen an. 1845 bat er bei der Hannoverschen General-Direction des Wasserbaues um Zulassung zur Prüfung als Wasserbauingenieur. Die Behörde äußerte Bedenken angesichts seines Alters von bereits 27 Jahren und der langen Ausbildungszeit mit geringem Sold. Taaks beharrte jedoch auf seinem Entschluss und bestand 1846 beide Prüfungen mit gutem Erfolg. Als Wasserbau-Eleve sammelte er in Stade, Bleckede und Harburg praktische Erfahrungen bei Deichbau- und Vermessungsarbeiten an Elbe und Oste.
Nach vier Jahren praktischer Bewährung legte Taaks 1852 die zweite Prüfung ab und wurde zum Wasserbau-Conducteur ernannt. Ende 1853 erfolgte seine Versetzung nach Esens, wo die Stelle des Wasserbau-Inspectors seit dem Tod von Siegfried Anton Börner vakant war. Im Februar 1854 traf Taaks mit seiner Frau in Ostfriesland ein.

In Esens übernahm Taaks zunächst die Neufestsetzung der Fluthöhen und die Ermittlung beitragspflichtiger Ländereien. Nach der schweren Januarflut von 1855 leitete er die Instandsetzung und Verstärkung der Harlinger Deiche. Zwischenzeitlich beaufsichtigte er auch Sturmflut-Schutzbauten auf Norderney. Am 1. November 1858 wurde er zum Wasserbau-Inspector ernannt und mit der selbstständigen Leitung der Inspektion Esens betraut.
Von 1861 bis 1869 führte Taaks eine umfassende Vermessung der ostfriesischen Küste durch, die seine Arbeitskraft vollständig beanspruchte und den Höhepunkt seines Schaffens markierte. Nach der preußischen Annexion Hannovers 1866 wurde die Wasserbauverwaltung reorganisiert. Taaks erhielt 1871 zwar den Titel eines Bau-Inspektors, musste allerdings ein geringeres Gehalt als seine jüngeren Kollegen in Leer und Emden akzeptieren. Nach mehrfachen Interventionen der Auricher Landdrostei wurde 1875 die Inspektion Esens aufgelöst und Taaks die neu geschaffene Bauinspektor-Stelle in Wittmund übertragen. Im Mai 1878 wurde ihm schließlich der Ehrentitel eines Baurats verliehen. Vorausgegangen war ein Antrag der Landdrostei Aurich, der auf Taaks’ Leistungen eingeht. Er zeichne sich durch „Fleiß, Zuverlässigkeit und wissenschaftliche Ausbildung aus“, sei der „älteste der hiesigen Baubeamten“ und habe bei der „Schauung der Deiche und Siele im Jadegebiete“ überzeugt, sodass ihm der Titel eines Baurats verliehen werden solle.4
Während seiner rund dreißigjährigen Tätigkeit prägte Taaks das Deich- und Sielwesen des Harlingerlandes nachhaltig. Er war maßgeblich an der Unterhaltung und Verstärkung der Deiche von Dornumersiel bis Friedrichsschleuse beteiligt sowie an zahlreichen Sielbauten. Besonders hervorzuheben ist der Bau des Esens-Wittmunder Kanals – heute Benser Tief – in den Jahren zwischen 1870 und 1875.

Nach Erlass der Deich- und Sielordnung für Ostfriesland von 1853 wirkte Taaks an der Gründung der Deich- und Sielachten der Ämter Esens und Wittmund mit und hatte vor allem an der Ausarbeitung des 1878 erlassenen Statuts der Esenser Deich- und Sielacht entscheidenden Anteil. Von 1881 bis 1885 verantwortete er schließlich die Erneuerung des Carolinensiels.
Seit längerem von Asthma geplagt, beantragte Taaks im Dezember 1887 seine Pensionierung, die ihm zum 1. April 1888 und nach über vierzig Dienstjahren gewährt wurde. Als Anerkennung erhielt er den Königlichen Kronen-Orden III. Klasse verliehen. Arend Emanuel Taaks starb am 2. Januar 1892 in Wittmund und wurde dort am 5. Januar beigesetzt.
Als die Königliche General-Direktion des Wasserbaues zu Hannover Mitte des 19. Jahrhunderts neue Karten der ostfriesischen Küste benötigte, stand sie vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Die bestehenden Kartenwerke entsprachen nicht mehr den Anforderungen einer modernen Wasserbauverwaltung, die für den Küstenschutz, die Schifffahrt und die Unterhaltung der Häfen präzise topographische und hydrographische Grundlagen benötigte. Das Königreich Hannover hatte seit der napoleonischen Zeit seine technische Verwaltung professionalisiert, und die Wasserbauverwaltung bildete dabei einen zentralen Pfeiler der staatlichen Infrastrukturpolitik. Die Vermessung und Kartierung der Küstenregion war nicht nur eine technische Notwendigkeit, sondern auch Ausdruck des Anspruchs, die dynamische Nordseeküste mit ihren Gezeiten, Wattgebieten und wandernden Sandbänken wissenschaftlich zu erfassen und damit letztlich zu kontrollieren.
Für dieses Vorhaben fiel die Wahl auf Arend Emanuel Taaks, der fortan als Chef der Königlich Hannoverschen Küstenvermessung fungierte. Nach fünf Jahren Arbeit war 1864 ein umfassendes und aus insgesamt fünf Blättern bestehendes Kartenwerk der ostfriesischen Nordseeküste im Maßstab 1:25.000 entstanden.5

Für die praktische Durchführung der Vermessungsarbeiten hatte Taaks zuvor ein Team aus erfahrenen Fachleuten verschiedener Qualifikationen zusammengestellt. Die maritimen Vermessungstechniker Bertram aus Verden und Höbel brachten ihre Expertise aus der Wasserbauverwaltung ein. Alfred Stentzel aus Breslau, der in den Akten als Obersteuermann bezeichnet wird, verfügte über nautische Kenntnisse, die für die Küstenvermessung unverzichtbar waren. Die Kapitäne Hohnholz und Dinklage ergänzten das Team mit ihrer praktischen Erfahrung in der Seefahrt und Küstennavigation. Die Wasserbauführer Dempwolff und Franck übernahmen sowohl Vermessungsarbeiten als auch die kartographische Ausführung. Diese Zusammensetzung aus Wasserbauingenieuren, Nautikern und technischen Zeichnern spiegelt die Komplexität der Aufgabe wider: Die Vermessung der ostfriesischen Küste erforderte sowohl landgestützte geodätische Arbeiten als auch Messungen vom Wasser aus, um Fahrrinnen, Wassertiefen und die Bodenbeschaffenheit des Wattenmeeres zu erfassen.
Parallel zur eigentlichen Küstenkarte entstand unter der Leitung von Kapitän Hohnholz 1864 eine Spezialkarte zur „Bodenbeschaffenheit und Tiefen der Nordsee nördlich von den Ostfriesischen Inseln“.6 Diese Karte beschreibt detailliert die Sedimentverhältnisse des Meeresbodens – von feinem bräunlich-grauem Sand über Gebiete mit Muschelschalen bis hin zu Zonen mit unterschiedlichen Korngrößen und Färbungen. Für die Schifffahrt waren solche Informationen von praktischem Nutzen, da die Bodenbeschaffenheit Rückschlüsse auf Ankergründe und Strömungsverhältnisse ermöglichte. Weiterhin gaben in diesem Zusammenhang sowohl Dinklage eine Wasserstandsbeobachtung in Cuxhaven als auch Taaks geodätische Tafeln der Ems heraus.7

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vermessungsergebnisse mündete 1865 in Taaks’ Publikation „Erläuterungen zu den Geodätischen Tafeln für die Nord- und Ostseeküste“.8 In seinem Vorwort legte Taaks die methodischen Grundlagen seines Werkes dar. Als Leiter der Küstenvermessung sah er sich vor die Aufgabe gestellt, die Ergebnisse in einer für Praktiker nutzbaren Form zu veröffentlichen, musste sich dabei aber intensiv mit der Gauß’schen Koordinatentheorie auseinandersetzen. Carl Friedrich Gauß – Taaks vormaliger Doktorvater – hatte ein mathematisches Koordinatensystem entwickelt, das für große Vermessungen eine präzise Grundlage bot und Taaks schließlich befand, dass es „keine bessere Grundlage für die Vermessung als die Koordinaten von Gauß“ gebe.9

Allerdings stand Taaks vor einem praktischen Problem: Während das Gauß’sche System für geodätische Arbeiten ideal war, verwendeten Seekarten üblicherweise geographische Koordinaten nach Länge und Breite. Um die Vermessungsergebnisse für Nautiker nutzbar zu machen, mussten die Gauß’schen Koordinaten daher umgerechnet werden. Genau diesem Zweck dienten die von Taaks entwickelten Tafeln. Sie ermöglichten nicht nur die Umrechnung von Gauß’schen Koordinaten in geographische Länge und Breite, sondern auch den umgekehrten Weg – sodass Praktiker aus Längen- und Breitenangaben die entsprechenden Gauß’schen Koordinaten ermitteln konnten. Taaks bemerkte in seinem Vorwort mit einer gewissen Verwunderung, dass trotz des offensichtlichen Nutzens dieser Koordinaten bei großen Vermessungen „wenige davon wissen, auch die Vermesser oft nicht“. Er sah daher in seiner Publikation einen Dienst an „manchem Nautiker, Techniker oder Geometer“, dem diese mathematischen Werkzeuge bislang nicht zugänglich waren.10

Als Grundlage seiner Arbeit nannte Taaks den veröffentlichten Briefwechsel zwischen Gauß und Heinrich Christian Schumacher, von dem fünf Bände in Altona erschienen waren.11 Dieser Briefwechsel stellte nach Taaks’ Einschätzung „wohl die einzige Quelle“ dar, die die Koordinatentheorie behandelte. Die mathematische Ableitung der Gauß’schen Formeln hatte er nirgendwo publiziert gefunden; in einem Fall – der Reduktion der Breite eines Punktes des Sphäroids auf die Breite des entsprechenden Punktes auf der Kugel unter der Bedingung, dass beide Körper die gleiche Quadrantenlänge haben – konnte er die Formel selbst herleiten.10
Die praktische Anwendung der Tafeln beschränkte sich bewusst auf zwei Breitengrade, was jedoch für die gesamte Nord- und Ostseeküste ausreichend war. Das Koordinatenverzeichnis erfasste systematisch 336 feste Punkte entlang der Küste von der Ems über die Jade, Weser und Elbe bis zur Nordsee. Für die ostfriesischen Inseln verzeichneten die Tabellen ferner markante Orientierungspunkte wie Leuchttürme, Kirchtürme, Windmühlen und Seezeichen. Die Angaben erfolgten sowohl in metrischen Koordinaten als auch in geographischer Breite und Länge, ergänzt um Konvergenzwerte. So finden sich etwa für Borkum der Feuerturm auf Westland, für Juist das Signal auf der Bill und die Kirche, für Norderney das Logierhaus mit Flaggenstange, das Conversationshaus und der Kirchturm, für Baltrum die Kirche sowie für Langeoog und Spiekeroog die jeweiligen Orientierungspunkte an den Inselenden.
Bemerkenswert ist, dass einige dieser Punkte bereits bei der Vermessung zerstört oder abgebrochen waren – ein Hinweis auf die Dynamik der Küstenlandschaft, die einer ständigen Veränderung auch durch Sturmfluten unterworfen war. Die Vermerke „ist zerstört“ oder „ist abgebrochen“ bei einzelnen Seezeichen dokumentieren diese Vergänglichkeit.
Das unter Taaks’ Leitung entstandene Kartenwerk stellt einen wichtigen Beitrag zur Erschließung und wissenschaftlichen Dokumentation der ostfriesischen Küste dar. Die Verbindung von präziser Vermessungstechnik, nautischem Wissen und mathematischer Fundierung durch die Gauß’sche Koordinatentheorie machte die Ergebnisse sowohl für die praktische Schifffahrt als auch für wissenschaftliche Zwecke nutzbar. Die Karten und geodätischen Tafeln bildeten eine Grundlage, auf der spätere Vermessungen aufbauen konnten, und sind heute als historische Quellen in der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs überliefert.
Heiko Suhr
(Red.: M.H.)
- Vgl. zur Biografie Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA), I. HA, Rep. 93 B, Nr. 964: Dr. phil. Arend Emanuel Taaks; NLA AU, Rep. 145, Nr. 66: Personalakte Taaks und Ude Hangen, Fleißig und vorbildhaft. Wasserbauinspektor Dr. phil. Arend Emanuel Taaks, in: Harlinger Heimatkalender 59, 2008, S. 78–85. [↩]
- Der bekannte Bauingenieur und Architekt Otto Christian Cadovius Taaks (1849–1924) und Arend Emanuel Taaks entstammten derselben ostfriesischen Familie. Ihr gemeinsamer Vorfahre war Johann Hillern Taaks (1751–1843), ein Norder Bürger, der 1784 in Dornum Dorothea Catharina Tellting (1762–1816) geheiratet hatte. Für Arend Emanuel war Johann Hillern der Großvater, für Otto Christian der Urgroßvater – entsprechend war Arend Emanuel ein Großonkel zweiten Grades von Otto Christian. Der Stammvater Johann Wessels Hillerns Taaks (ca. 1660–1730) stammte aus Altfunnixsiel und heiratete 1684 in Norden Swantje Gerdes. Der Familienname „Taaks“ selbst geht wohl auf eine Frau zurück – Marye Taaks, die 1644 in Funnix Hillern Wessels (ca. 1610–1683) geheiratet hatte. Ich danke Bastian Wilmsen, Wesel, für seine umfangreichen genealogischen Recherchen im Umfeld der Familie Taaks. Seine Quellen waren die online verfügbaren Kirchenbücher und die ostfriesischen Ortssippenbücher. [↩]
- Das Studium in Göttingen für 1842 ist nachgewiesen in Wilhelm Ebel (Hrsg.), Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen, Bd. 2, Göttingen 1974, S. 63. [↩]
- GStA, I. HA, Rep. 93 B, Nr. 964, Landdrostei Aurich an Ministerium für öffentliche Arbeiten, Aurich, 05.03.1878. [↩]
- Ich danke Michael Recke, Emden, sehr für die vielen Informationen zu diesem Thema, die er u. a. auf einem Vortrag präsentierte, vgl. https://ostfrhist.hypotheses.org/6931 [15.01.2026]. [↩]
- NLA AU, Rep. 244, C Nr. 9. [↩]
- Vgl. NLA AU, Rep. 141, Nr. 233. [↩]
- Arend Emanuel Taaks, Geodätische Tafeln für die Nord- und Ostsee-Küste nebst Erläuterungen und nebst einem Coordinaten-Verzeichnisse von 336 an der Ems, Jade, Weser, Elbe und an der Nordsee belegenen festen Punkten für Nautiker, Techniker und Geometer berechnet nach Gauß’schen Formeln, Aurich 1865, digital verfügbar: https://goobi.tib.eu/viewer/image/873762797/1 [15.01.2026]. [↩]
- Taaks, Geodätische Tafeln, S. 3. Vgl. zu den Vermessungsarbeiten von Gauß Mitte der 1820er Jahre auch Antje Sander, Sonnenstrahlen und Rauchschwaden. Spurensuche zu den Vermessungsarbeiten rund um den Jadebusen 1825, in: Michael Hermann (Hrsg.), Ostfriesland im „langen“ 19. Jahrhundert. Festschrift für Paul Weßels, Aurich 2023, S. 137–149. [↩]
- Taaks, Geodätische Tafeln, S. 4. [↩] [↩]
- Christian A. F. Peters (Hrsg.), Briefwechsel zwischen C. F. Gauß und H. C. Schumacher, 6 Bde., Altona 1860–1865, digital verfügbar: https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN635102439 [15.01.2026]. [↩]
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Heiko Suhr (24. Februar 2026). Von Gauß gelernt, für die Praxis gerechnet. Blog für ost-friesische Geschichte. Abgerufen am 15. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15r99
