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100 Jahre Friesenkongresse – Beginn, Entwicklung und erste Bilanz

Festvortrag zur Jubiläumstagung des Interfriesischen Rates am 17. Oktober 2025 im Audienzsaal des Schlosses zu Jever1

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Thomas Steensen (Nordstrand)

Einhundert Jahre Friesenkongresse – das sind 29 Tagungen mit Menschen aus allen Winkeln der friesischen Lande und weit darüber hinaus. Es sind ungefähr 150 Vorträge mit neuen Erkenntnissen über die Friesen und die Frieslande, mal wissenschaftlich-sachlich und analytisch, mal spröde und knochentrocken, mal leidenschaftlich oder gar pathetisch. Es sind ungezählte Sitzungen, „Workshops“, Auftritte von Trachten-, Tanz- und Musikgruppen, feierliche friesische und plattdeutsche Gottesdienste. Es sind mehrere Hunderttausend, vielleicht Millionen Kilometer, die in interfriesischen Zusammenhängen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und den Niederlanden zurückgelegt wurden, zumeist mit Personenautos und Omnibussen, manchmal mit dem Fahrrad, mit der Eisenbahn und auch mit dem Schiff. Die Friesenkongresse bilden gewiss das Kernstück der interfriesischen Zusammenarbeit. Aber daneben gibt oder gab es die ebenfalls dreijährlichen Fahrten nach Helgoland, die Bauerntreffen, Tagungen von Kommunalpolitikern, Jugend- und Studentenlager, Frauentreffen. Ungezählt sind die Briefe, Telefonate, Telefaxe, E-Mails, „Posts“ in den „sozialen Medien“. Ungezählt sind auch die Presse-, Radio und Fernsehberichte. Erst dadurch erfuhr so mancher Friese, dass es überhaupt andere Frieslande gab und gibt. Dennoch ist das Wissen übereinander weithin gering ausgeprägt. Ich erfuhr dies auf meiner Fahrradtour durch West- und Ostfriesland, als ich erzählte, dass ich aus Nordfriesland komme. „Ach so, ganz aus Mecklenburg-Vorpommern …“, erhielt ich zur Antwort.

Viel Papier wurde produziert. Allein die Protokolle des Friesenrates oder seit 1999 Interfriesischen Rates, der ja gewissermaßen die Klammer für all das bildet, umfassen rund tausend Seiten; mit einiger Mühe haben meine Frau und ich mittlerweile mit einer Ausnahme sämtliche Protokolle von der Gründung bis zum Jahr 2000 in fünf verschiedenen Archiven ermitteln können, die meisten in Aurich. Ideen wanderten hin und her, Erfahrungen wurden ausgetauscht, nicht selten eiferte man in einem Friesland dem Vorbild des anderen nach. Grundsätzliche Diskussionen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Friesen wurden geführt. Dabei dürfte so mancher Teepunsch, Friesengeist, Beerenburger konsumiert worden sein. Interfriesische Impulse führten zu bemerkenswerten Ergebnissen – oder aber, was wohl noch häufiger geschah, sie lösten sich in Luft auf, gerieten in Vergessenheit. Interfriesische Freundschaften sind entstanden. Interfriesische Ehen wurden geschlossen – und zum Teil wieder geschieden. Tausende Menschen aus den Frieslanden sind sich begegnet und nähergekommen – dies ist, um es in einer Bilanz nach einhundert Jahren gleich am Beginn zu sagen, gewiss das Wichtigste.

All das hat in diesem prachtvollen Saal im Schloss zu Jever einen Anfang genommen. Am 4. und 5. August 1925 kamen hier etwa 80 Vertreter aus den friesischen Gebieten, außerdem Wissenschaftler und weitere Interessierte aus Deutschland und den Niederlanden zu dem – später so bezeichneten – ersten Friesenkongress zusammen. In Nordfriesland war vom ersten „Allfriesentag“ die Rede, in Westfriesland vom „Great Frysk Kongres“ und „Friezendei“, in Ostfriesland zumeist von der ersten „friesischen Geschichtstagung“, dem „Friesentag“ oder auch der ersten „Allfriesentagung“. Diese Bezeichnung behagte manchen Westfriesen nicht, denn sie lasse an das „Alldeutschtum“ denken. In der gedruckten Einladung hieß es unverfänglich: “Zusammenkunft von Freunden friesischer Geschichte und Literatur”.

Abb. 1: Tagungsort des ersten Friesenkongresses 1925: das Schloss zu Jever; auch der „Jubiläumskongress“ 75 Jahre später wurde hier gehalten (Foto: Thomas Steensen, 2019).

Warum geschah dies gerade in Jever? Warum nicht in Aurich und damit nahe an der von Mythen umwehten friesischen „Weihestätte“, dem Upstalsboom? Warum traf man sich nicht in der westfriesischen Hauptstadt Ljouwert/Leeuwarden, der weltweit größten friesischen Stadt? Warum nicht auf Helgoland, früher manchmal als eine Art Zentralheiligtum der Friesen betrachtet? Warum nicht in Nordfriesland, sagen wir: in Bredstedt?

Antworten gibt das Einladungsschreiben: Eine „Tagung an der historischen Stätte des Upstalsbooms unter freiem Himmel“ komme nicht in Frage. Deshalb habe man nach einem würdigen Tagungsraum gesucht und ihn im „Prunksaal“ des Schlosses zu Jever gefunden. Diese – so schrieb der damalige Bürgermeister Georg Müller – „alte Friesenstadt, die stolz ist auf ihre friesische Vergangenheit“, liege „ungefähr in der Mitte“ zwischen der Zuiderzee als dem westlichsten und Hoyer als dem nördlichsten Punkt des friesischen Siedlungsgebietes. Außerdem bezogen sich die Einladenden auf ein Ereignis, das damals gerade ein Dreivierteljahrhundert – heute also 175 Jahre – zurücklag. Um 1850 hatte der oldenburgische Hofrat Heinrich Georg Ehrentraut aus Jever sein Friesisches Archiv erscheinen lassen. Diese Zeitschrift sollte, obschon sie sich fast nur auf die ostfriesischen Lande bezog, eigentlich „den ganzen friesischen Volksstamm von Antwerpen bis Schleswig umfassen“. Dazu hieß es nun, und das war und blieb ein Grundgedanke: „Daß Ehrentrauts Unternehmen bald wieder einging, ist zu bedauern. Weder die friesische Sprachforschung noch die ältere Geschichte dürfen sich auf eine Landschaft allein beschränken. Ihr Arbeitsgebiet ist ganz Friesland.“

Die Stadt Jever umwehte mithin so etwas wie ein großfriesischer Genius loci. Zudem legte ja das Jeverland in doppeltem Sinne Wert auf seine Eigenständigkeit. Zum einen betonte es seine friesische Sonderstellung im Großherzogtum und späteren Freistaat Oldenburg. Zum andren setzte es sich vom benachbarten Ostfriesland ab, was etwa der Historiker Hajo van Lengen herausgearbeitet hat, der hier in Jever geborene, im vergangenen Jahr verstorbene langjährige Direktor der Ostfriesischen Landschaft, auch viele Jahre Mitglied des Friesenrates. Ein Sinnbild dieser Eigenständigkeit ist die „Friesenfürstin“ Maria, deren Standbild sich nahe am Schloss erhebt – und das übrigens auch einen „interfriesischen“ Aspekt aufweist; denn es wurde geschaffen von dem Bildhauer Harro Magnussen, dessen Familiengeschichte eng mit dem nordfriesischen Ort Bredstedt verknüpft ist. Am Rande sei bemerkt: Nicht jeder kann auf Anhieb nachvollziehen, dass westlich vom Landkreis „Friesland“ Ostfriesland liegt.

Abb. 2: Das Denkmal der Maria von Jever in Sichtweite des Schlosses (Foto: Thomas Steensen, 2019).

Um ganz zu verstehen, dass Jever zum ersten Tagungsort wurde, müssen wir jedoch die unmittelbare Vorgeschichte in den Blick nehmen. Das östliche Friesland hatte sich an den Verbindungen zwischen den Friesen vor dem Ersten Weltkrieg wenig beteiligt. Aber gleich danach wurden hier Rufe nach einem „Friesenthing“ laut, die allerdings zunächst ungehört verhallten. Die Initiative zum ersten „interfriesischen“ Treffen kam dann aus dem niederländischen Westfriesland, und es sah so aus, dass dort auch die erste Zusammenkunft stattfinden würde. In Westfriesland waren inzwischen die „Jungfriesen“ hervorgetreten, die eine Verbindung der friesischen mit der Weltkultur erstrebten und sich gegen eine „Hollandisierung“ Frieslands wandten. Sie nahmen auch die Nord- und sodann die Ostfriesen in den Blick und luden nun zu einem „Landtag“ nach Westfriesland ein. Wie sehr oft spielte die Initiative einzelner Persönlichkeiten eine wichtige Rolle. Die friesische Bewegung war wie fast alle anderen gesellschaftlichen Bereiche eine männliche Domäne, aber hier schritt eine Frau voran: Anna Maria Catharina Quarles van Ufford-Buma. Sie stammte aus „vornehmer“ Familie, heiratete den früh verstorbenen Bürgermeister von Warkum/Workum, einer der elf alten friesischen Städte. Friesisch erlernte sie erst als Erwachsene, setzte sich dann zeitlebens mit Elan, Temperament und Begeisterung für die Sprache und Kultur Frieslands ein, wirkte als Schauspielerin und Regisseurin am friesischen Theaterspiel mit. Mehrfach besuchte sie Ost- und Nordfriesland, erlernte die nordfriesische Sprache, beherbergte oftmals Gäste aus den anderen Frieslanden. Ihr imposantes Haus in Ljouwert wurde so etwas wie ein Dreh- und Angelpunkt. Sie war so etwas wie das „Fräulein Maria“ in den interfriesischen Verbindungen. In der Einladung zur Zusammenkunft in Jever sucht man ihren Namen vergebens. Es wurde wohl als untunlich angesehen, eine Frau in diesen erlauchten Kreis aufzunehmen.

Ihr Brief gelangte nämlich unter anderem an Carl Woebcken, Pastor in Sillenstede. Dieser wurde sofort tätig und schlug als Tagungsstätte das Schloss der Stadt Jever vor, zehn Kilometer von seiner Wirkungsstätte entfernt. Die Vorbereitung der Zusammenkunft übernahm der – noch heute aktive – Jeverländische Altertums- und Heimatverein. Den Vereinsvorsitz führte der Bürgermeister von Jever, Georg Müller, sodass Woebcken auf die Unterstützung der Stadt rechnen konnte.

Carl Woebcken war nicht weniger als 36 Jahre lang evangelisch-lutherischer Geistlicher in Sillenstede, wo bereits sein Vater als Pastor gewirkt hatte. Die Kirchengemeinde bezeichnete ihn als „Seelsorger, der fröhlich unter den Fröhlichen und traurig unter den Traurigen sein konnte“. Schon früh gehörte sein Interesse der Heimatgeschichte. Viel Anklang fanden seine nach dem Vorbild Fontanes geschriebenen „Wanderfahrten durch das Friesenland“. Woebcken war nationalkonservativ eingestellt und vertrat manche Gedanken der „volkstümlichen“ Heimatideologie. Nicht ganz klar ist sein späteres Verhältnis zur NSDAP. Gemäß der Mitgliederkartei im Bundesarchiv gehörte er ihr nicht an. In seinem Buch „Das Land der Friesen und seine Geschichte“ (1932) etwa habe ich kein eindeutig nationalsozialistisches Gedankengut finden können. Übrigens: Erhaltene Fotos zeigen ihn zumeist als alten Mann; zur Zeit des Kongresses war er 47 Jahre alt. Anna Quarles war 36.

Wie sah die politische Lage in jenem Jahr 1925 aus? In Deutschland schien die junge Weimarer Republik ihre schwerste Krise überwunden zu haben. Doch ein Vertreter der vergangenen Monarchie, Paul von Hindenburg, war gerade zum Reichspräsidenten gewählt worden. Adolf Hitler, „Führer“ der rechtsextremen Splitterpartei NSDAP, befand sich nach nur neunmonatiger Festungshaft vorzeitig wieder in Freiheit, „auf Bewährung“. In den Niederlanden war bereits seit vielen Jahren Königin Wilhelmina das erste weibliche Staatsoberhaupt. Als Ministerpräsident regierte der konservative Katholik Ruys de Beerenbrouck; noch im selben Jahr trat für kurze Zeit erstmals Hendrik Colijn an die Regierungsspitze. In der oppositionellen sozialdemokratischen Arbeiterpartei spielte nach wie vor der friesische dichtende Politiker Pieter Jelles Troelstra eine entscheidende Rolle, doch beendete er noch 1925 seine langjährige parlamentarische Tätigkeit.

Der Rahmen für den ersten Friesenkongress konnte nicht eindrucksvoller sein. Im Bericht eines Nordfriesen wird dies ganz deutlich: „Ein niederländischer Künstler […] hat für den Saal eine Holzdecke geschnitzt, die wohl in ganz Deutschland nicht ihresgleichen findet, und aus jeder Ecke dieses stolzen Raumes spricht friesische Geschichte zu uns.“

In dieser – so hieß es mit einigem Pathos im Ostfriesischen Kurier – „durch friesische Kunst und eine stolze geschichtliche Vergangenheit geheiligten Umgebung“ ergriff sodann der Vorsitzende des Kongresses das Wort zur Begrüßung. Einen würdevollen Mann hatte man gewonnen, den Wirklichen Geheimen Rat Botho Graf von Wedel-Philippsburg, vormals Botschafter des Deutschen Reichs zu Wien, ein Nachkomme der ostfriesischen Häuptlinge zu Gödens und Edzards des Großen, Eigentümer der Philippsburg zu Loga bei Leer. Diese hatte er großzügig ausgebaut und im Garten exotische Gewächse anpflanzen lassen, Mitbringsel von seinen Auslandsaufenthalten.

Es sei das erste Mal, dass Vertreter aus allen von Friesen bewohnten Gauen zu einem wissenschaftlichen Zweck zusammenkommen, sagte der Graf. Damit betonte er die historische Bedeutung des Treffens, die hernach immer wieder hervorgehoben wurde. In einer ostfriesischen Zeitung stand zu lesen: „Seit der letzten Zusammenkunft der alten Friesen am Upstalsboom haben sich unsere Vorfahren niemals wieder mit den Brüdern von West und Nord irgendwo getroffen, um über gemeinsame Dinge zu reden.“ Allerdings waren bei diesen mittelalterlichen Zusammenkünften die Nordfriesen nicht vertreten gewesen.

Abb. 3: Teilnehmer des ersten „Friesenkongresses“ 1925 vor der Stadtkirche zu Jever, die 1959 abbrannte; unten in der Mitte sitzend der Vorsitzende Botho Graf von Wedel, sitzend 3. von links Otto Bremer; hinter ihm Anna Quarles van Ufford-Buma; links hinter Graf von Wedel steht Izaak Hendrik Gosses aus Groningen, rechts hinter von Wedel Heinrich Reimers im hochgeschlossenen schwarzen Rock; ganz links Anna Minssen aus Jever, die an der Vorbereitung mitwirkte, neben ihr Carl Woebcken (Quelle: Bildarchiv Ostfriesische Landschaft).

Sehen wir uns den Verlauf etwas genauer an, denn hier in Jever wurde zum Teil ein Rahmen für die folgenden Kongresse gesetzt. Wissenschaftliche Vorträge standen im Mittelpunkt. Ich nenne nur drei Beispiele: Reichsarchivar Sybrand Allard Waller Zeper aus Ljouwert referierte über Verbindungen zwischen West-, Ost- und Nordfriesen im 19. Jahrhundert. Er flocht einen Scherz ein: Den Friesen gehe es wie jener Schottin, die Dienstmagd bei einer englischen Dame geworden war. Zur Rede gestellt, warum sie im Vorstellungsgespräch ihre schottische Herkunft verschwiegen habe, entgegnete das Mädchen, es habe nicht prahlen wollen … Waller Zeper fuhr fort: „Von Übermacht, Not und Meereswut bedrängt, haben die friesischen Länder sich einst getrennt.“ Doch diese Zeiten seien hoffentlich vorüber. Das friesische Niederland reiche den Friesen in Deutschland die Hand, auf dass man zusammenarbeite „ad maiorem gloriam Frisiae nostrae“, zum größeren Ruhm unseres Frieslands. Lorenz Conrad Peters von der Insel Föhr, Studienrat in Husum, ließ den versunkenen nordfriesischen Handelsort Rungholt wiedererstehen, von dem vermeintliche Spuren vier Jahre vor dem Kongress entdeckt worden waren.

Den größten Diskussionsstoff lieferte der Vortrag über den Ursprung der Friesen, gehalten von Otto Bremer, Professor in Halle an der Saale, der übrigens ein Grammophon mitgebracht hatte, um friesische Sprachproben aufzunehmen. Der von deutschem Nationalbewusstsein durchdrungene Wissenschaftler, der als Jude in der NS-Zeit verfolgt wurde, gab am Schluss seines Vortrags eine Antwort auf die Frage, die häufig bei friesischen Zusammenkünften debattiert wurde (und der 2000 ein ganzer Kongress hier in Jever gewidmet war): Sind die Friesen ein Volk für sich? Er verneinte diese Frage. Der friesische Individualismus werde ein friesisches Volk nicht erstehen lassen. Sprachlich und politisch habe es sich endgültig in unterschiedliche Teile aufgelöst. Für die deutschen Friesen werde das Deutsche, für die niederländischen Friesen das Niederländische die offizielle Kultursprache bleiben, und niemand solle daran rütteln. Die friesischen Bestrebungen müssten sich „in vernünftigen Grenzen“ halten.

Im kleinen Saal des Konzerthauses zu Jever fand sich die Gesellschaft zu einem „Festessen mit Damen“ zusammen. Es bestand Gelegenheit zur Besichtigung des Schlosses und des dort „nach längeren Irrfahrten“ untergebrachten Heimatmuseums. Man besuchte das Denkmal für Edo Wiemken, den letzten männlichen Regenten der Herrschaft Jever, in der Stadtkirche sowie das Jeversche Rathaus. Im Mariengymnasium gab es eine Ausstellung historischer Bücher zu sehen, andere Teilnehmer erwanderten den Woltersberg im Norden der Stadt.

Bei einem „gemütlichen Bierabend“ im großen Saal des Konzerthauses wurden Lieder und Verse aus den friesischen Landen vorgetragen, darunter ein Gedicht des Westfriesen Fedde Schurer über Frisia Magna; in der letzten Strophe heißt es:

Draech de wachtrop oer de fiere weagen,
Dat er klinkt fen Starum ôf oant Sylt;
As in wûnder foar ús dreamende eagen
Riist, Great Fryslân, dyn ûnstjerlik byld.

Tragt den Weckruf über die fernen Wellen,
damit er von Stavoren bis Sylt erklingt;
Wie ein Wunder für unsere träumenden Augen
Erhebt sich, Groß-Friesland, dein unsterbliches Bild.

Ein weiteres westfriesisches Gedicht, ebenfalls betitelt „Frisia Magna“, verfasste bald nach dem Kongress Anna Quarles van Ufford-Buma:

Us tael is ien, ús folk is ien,
Us bynt de leafde ta ús lân.
Us tinzen sille jimmer gean
Fen Fries ta Fries, fen strân ta strân.

Unsere Sprache ist eins, unser Volk ist eins,
Uns verbindet die Liebe zu unserem Land.
Unsere Gedanken werden immer gehen
Von Friese zu Friese, von Strand zu Strand.

Bei jenem „Bierabend“ gab es jedoch, so wenigstens berichtete Carl Woebcken viele Jahre später, einen Missklang. Demnach wurde vorgeschlagen, die Heimatlieder der einzelnen Landschaften zu Gehör zu bringen. Dem nordfriesischen Lied – leider wird nicht gesagt, welches hier angestimmt wurde, die heutige Hymne gab es noch nicht – folgten der Reihe nach: „Hurrah, Butjarland“, „Mien Jeverland“, „In Ostfreesland ist‘ am besten“, und nun, so schilderte es Woebcken, erhob sich Izaak Hendrik Gosses, Geschichts-Professor in Groningen, einer der Referenten beim Kongress, „in seiner ganzen Größe, mit ihm die Groninger und die westfriesischen Mitglieder der Friesch Genootschap und stimmten die holländische Nationalhymne an: ‚Wilhelmus van Nassouwe‘, aber die Jungfriesen blieben sitzen und taten den Mund nicht auf“.

In dieser Anekdote wie auch in den Reaktionen auf den Vortrag Otto Bremers klingt an, dass es Friesen gab, die dem Friesischen ein stärkeres Gewicht beimessen wollten als nur untergeordnete Regionalsprache zu sein. Dies vertraten die westfriesischen Jungfriesen. Auch in Nordfriesland sahen einige – wenige – die Friesen als eigenes Volk.

Zum Ausklang unternahmen die Teilnehmer in einem Korso von Automobilen eine Rundfahrt durch die Umgebung, besichtigten die Kirchen von Sillenstede, Accum, Schortens und fanden sich am glücklichen Schluss zum Tee bei dem Grafen Erhard von Wedel, dem Bruder des Kongress-Vorsitzenden, auf dem prächtigen Wasserschloss Gödens ein. Solche Ausflüge in die nähere Umgebung blieben ein fester Bestandteil so gut wie aller folgenden Friesenkongresse.

Die Teilnehmer erkannten genügend gemeinsame Interessen und beschlossen, dass weitere Kongresse folgen sollten. Man müsse das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Dazu schrieb der Ostfriesische Kurier hieß es: „Der erste schwerste Schritt zur geistigen Wiedervereinigung der Friesen ist nun getan und damit hoffentlich eine neue Epoche für die friesische Geschichtsforschung und Literatur angebrochen.“ Pastor Heinrich Reimers, Loga, auch er Referent in Jever und bei den folgenden Kongressen, schrieb rückblickend, der Gedanke, die „Glieder des ganzen friesischen Stammes auf großen Tagungen zu vereinen“, sei in Jever zum ersten Male „in bescheidenem Umfange, aber mit durchschlagendem Erfolg, zur Tat“ geworden. Reimers galt als der beste Kenner der ostfriesischen Geschichte; mehrere ostfriesische Gemeinden benannten Straßen nach ihm.

Welche friesischen Gebiete waren damals zugegen? Im Einladungsschreiben fällt auf, dass der – im weitesten Sinne – ostfriesische Raum genau aufgegliedert wird: Emden, Leer, Aurich, Norden, Harlingerland, Jever, Butjadingen, Land Wursten. Man kann fast von einer gesamt-ost-friesischen Reunion sprechen. Dies hing gewiss mit der Orts- und Personenkenntnis Carl Woebckens zusammen. Nicht vertreten war aber das friesischsprachige Saterland, wo es friesische Bestrebungen noch kaum gab. Dabei hatte die Sprachinsel im Moor schon früh das Interesse und Engagement gerade von Westfriesen auf sich gezogen, so blieb es bis in die Gegenwart hinein. Erst seit den 1950er Jahren beteiligten sich Saterfriesen an den interfriesischen Bestrebungen.

„Nordfriesland“ wird insgesamt genannt, obwohl die Landschaft damals verwaltungsmäßig keine Einheit bildete; nur zwei Nordfriesen waren gekommen, denn die Reise nach Jever sei „doch ziemlich beschwerlich und kostspielig“. Nicht erwähnt wird die nordfriesische Insel Helgoland, die aber bei den nächsten Zusammenkünften einbezogen wurde. Aus den Niederlanden begaben sich annähernd 20 Teilnehmer nach Jever. Nicht berücksichtigt war das westlich der Zuiderzee gelegene „Westfriesland“, das auch weiterhin zumeist außenvor blieb.

Sehr wohl und recht prominent vertreten war hingegen die Provinz Groningen. Die Einbeziehung dieser abtrünnigen Friesen geriet dann immer wieder zum Diskussions- und Streitpunkt. Als 1955 das Friesische Manifest beschlossen und verkündet wurde, kam von dort ein Protest: Man sei ausgeschlossen worden! Im Friesenrat, ein Jahr danach gegründet, wurden in der westfriesischen Sektion viele Jahre lang zwei Sitze für Groningen freigehalten, zeitweise diskutierte man sogar über die Bildung einer eigenen, vierten Sektion. Es ging hin und her. Mal äußerten Groninger Interesse an einer Mitarbeit, mal wieder nicht. Mal wollten Westfriesen sie aufnehmen, mal lehnten sie es ab. Den Ostfriesen wäre eine Präsenz Groningens wohl lieb gewesen, allein schon wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe und Verwandtschaft. Der amerikanische Frisist und Indigenats-Ostfriese Marron C. Fort stellte fest: „Trotzdem gelten die Groninger als erbitterte Friesenfeinde und wollen von ihrer eigenen friesischen Vergangenheit nichts wissen.“ Die Groninger seien „Ostfriesen, die keine sein wollen“. Der Nordfriese Jakob Tholund, in Jahrzehnten eine bedeutsame Persönlichkeit in den interfriesischen Beziehungen, meinte, man solle niemanden in den Friesenrat aufnehmen, der nicht als Friese angesprochen werden wolle.

Wer waren die Teilnehmer der ersten Tagung hier in Jever und der folgenden Friesenkongresse? Zum Treffen in Husum 1930 meinte der westfriesische Journalist Jacobus Pieters Wiersma: „Vögel von unterschiedlichem Gefieder“ seien herbeigeflogen. Mit Abwandlungen ist es wohl so geblieben. Da waren würdige Wissenschaftler, Pastoren, Lehrer, Beamte, einige wohlhabende Bauern, Frauen zunächst fast nur als Begleitung ihrer Ehemänner. Da waren junge Westfriesen, die teils auf dem Fahrrad zum Kongressort fuhren. Da waren Lutheraner, Reformierte, Mennoniten, Katholiken, einzelne Juden, Atheisten, Sozialisten vorwiegend aus Westfriesland, einige auch aus Ostfriesland, vor allem aber wohl konservative, oft „national“ eingestellte Männer. Sie waren in der friesischen Welt wohlbekannt, etwa die westfriesische Schriftstellerin Simke Kloosterman als Verfasserin des ersten Romans ganz in friesischer Sprache. Ein Teilnehmer des Kongresses in Jever wurde weltbekannt: als Heiliger. Es ist der westfriesische katholische Theologie-Professor Titus Brandsma. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande verurteilte er die Diktatur und die Judenverfolgung, wurde verhaftet und im KZ Dachau ermordet. Als Märtyrer sprach ihn Papst Franziskus 2022 heilig. Zeitlebens setzte sich Titus Brandsma für die friesische Sprache ein, in seiner Kirche und zum Beispiel als Mitbegründer der Fryske Akademy. Ich fand seinen Namen in einer getippten Liste der Angemeldeten zum Kongress in Jever und wollte wissen, ob er wirklich teilnahm. Der Leiter des Brandsma-Archivs in Boalsert erkannte ihn auf dem bekannten Foto: in der zweiten Reihe, fünfter von rechts. Der Westfriese Wiersma traf beim Kongress 1930 aber auch auf einen Vogel mit „braunem“ Gefieder, einen aus Berlin angereisten Verkünder des nationalsozialistischen Rassenwahns. Es war ein Vorzeichen dessen, was kommen sollte. Viele Nord- und Ostfriesen waren begeistert vom Dritten Reich. Nach den Tagungen in Jever, Ljouwert und Husum – wo 1930 der erste Friesenrat gegründet wurde – sollte 1933 der vierte Friesenkongress im ostfriesischen Aurich stattfinden. Aber die Westfriesen lehnten es ab, in dieser Zeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten an einer Tagung in Deutschland teilzunehmen. Auch ein später geplanter Kongress in Aurich wurde abgesagt – zum Glück, müssen wir sagen. Der umfangreiche Schriftverkehr zur Vorbereitung ist erhalten. Sie lag in den Händen von Georg von Eucken-Addenhausen, Vorsteher der Ostfriesischen Landschaft, der als hoher Beamter im Ruhestand auf dem prachtvollen Sielhof in Neuharlingersiel bei Esens residierte. Eucken schrieb nach Kriegsbeginn: „Vor uns steht das Ideal eines großdeutschen Weltreichs.“ Seine Briefe schloss er häufig mit der Wendung: „Mit Friesengruß und Hitlerheil!“ Just in diesem Sinne wäre damals ein Kongress in Aurich verlaufen. Stattdessen traf man sich 1937 in Medemblik, gelegen im historischen „Westfriesland“. Zugegen waren hier in geheimer Mission bereits Beobachter der Dienststelle Ribbentrop, NSDAP-Büro für außenpolitische Sonderfragen. Einerseits wandte sich NS-Deutschland gegen „internationale Kongresse nach Art des Judentums“. Andererseits sah man darin ein Instrument, um deutsche Einflüsse auszuüben. 

Abb. 4: Die Burg „Radboud“ in Medemblik, Tagungsort des Friesenkongresses 1937 (Foto: Thomas Steensen, 2025).

Mit dem Überfall deutscher Truppen auf die neutralen Niederlande am 10. Mai 1940 brach die „Nacht über Magna Frisia“ herein, wie der westfriesische Provinzialbibliothekar Geert Aeilco Wumkes in seinen Lebenserinnerungen schrieb; er hatte zu den Unterzeichnern der Einladung nach Jever gehört. Nun erhielten die nationalsozialistischen Überlegungen zur friesischen Bewegung eine neue Dimension. Indem man auf die während der Friesenkongresse geknüpften Verbindungen zurückgriff, wurde der Versuch unternommen, die westfriesische Bewegung in das Lager der deutschen Besatzungsmacht hinüberzuziehen und der stark ausgeprägten pro-englischen Orientierung entgegenzutreten. Damit wurden die interfriesischen Verbindungen pervertiert. Mehrere Ostfriesen beteiligten sich daran. Die gefährliche Seite der Friesentümelei und des Germanenkults trat zu Tage.

Bei Kriegsende schrieb Jelle Hendriks Brouwer – Friesisch-Professor in Groningen, Wissenschaftler, Dichter, friesischer Beweger, Sozialdemokrat, Christ, 1956 erster Vorsitzender des Friesenrates: Es werde gewiss für lange, lange Jahre keine Verbindungen mehr geben können. Aber zu berichten ist vom „Wunder“ der interfriesischen Versöhnung, so wurde es verschiedentlich genannt – obwohl man in Nord- und Ostfriesland das nötige Einfühlungsvermögen mehr als einmal vermissen ließ. Beim ersten Friesenkongress nach dem Krieg 1952 in Husum schlug der Festredner deutschnationale Töne an. Den Krieg bezeichnete er als „Unwetter“ und verlor kein Wort über die Besetzung der Niederlande.

Wieder waren es einzelne, herausragende Persönlichkeiten, die eine erneute Zusammenarbeit anbahnten. Zu nennen ist der Föhrer Nordfriese Frederik Paulsen, der schon im Herbst 1945 nach Westfriesland reiste, von Schweden aus, wohin er als NS-Verfolgter emigriert war. Dieser friesische Weltbürger, 32 Jahre lang Mitglied des Friesenrates, sah die interfriesischen Verbindungen als Bestandteil eines anzustrebenden Europas der kulturellen Vielfalt. Davon eingenommen war ebenfalls der Westfriese Jan Piebenga, der schon als junger Mann auf dem Fahrrad Nordfriesland erkundet hatte. Paulsen und Piebenga wurden gute Freunde und gründeten sogar eine Skandinavisch-Friesische Gesellschaft. Piebenga – wie Jelle Brouwer Christ, Sozialist, Friese – war als Chefredakteur der größten westfriesischen Zeitung Leeuwarder Courant ein recht einflussreicher Mann. Er hielt 1955 in Aurich unter dem Titel „Wir Friesen“ wohl die leidenschaftlichste Rede, die jemals auf einem Friesenkongress vorgetragen wurde. Vorher schon hatte er den Begriff von einer „friesischen Tragik“ geprägt: Immer wieder habe es in der friesischen Bewegung hoffnungsvolle Ansätze gegeben, die aber durch Schicksalsschläge beendet wurden. Piebenga wurde dann selbst Bestandteil dieser Tragik. Er starb 1965, damals Vorsitzender des Friesenrates, mit 55 Jahren an den Folgen eines Autounfalls.

Gleich nach dem Weltkrieg zeigten also Westfriesen ihre Versöhnungsbereitschaft und ihr Interesse an neuen Verbindungen mit den Friesen in Deutschland. Damit standen sie wohl, gelinde gesagt, keineswegs im Einklang mit dem damaligen „Zeitgeist“ in den Niederlanden. Die Vorbehalte gegen Deutschland, die „Moffen“, die man wenige Jahre zuvor noch als brutale Besatzungsmacht kennengelernt hatte, waren groß. Dennoch nahmen einzelne Westfriesen am 10. Mai 1951 an einem „Ostfriesentag“ in Aurich teil und wurden vom Landschaftspräsidenten Jann Berghaus herzlich begrüßt. Jelle Brouwer betonte die demokratische Tradition: Der 10. Mai sei für die Ostfriesen seit Jahrhunderten ein historisches Datum, für die Westfriesen aber seit 1940 der Tag, an dem sie Bekanntschaft mit einem totalitären System machen mussten. Seitdem seien sie als „freie Friesen“ mehr denn je vom Wert der Demokratie überzeugt, die selbst in ihrer schlechtesten Form einer Diktatur überlegen sei. Dies müsse auch für die Ostfriesen gelten. In der Tradition der früheren Versammlungen am Upstalsboom könne die alte Verbindung wiederbelebt werden, schloss Brouwer seine mit großem Jubel bedachte Rede.

So wurde der Weg gebahnt zum „Friesischen Manifest“ 1955 und zur Gründung des Friesenrates 1956 in Leer und Aurich. Die Vergangenheit warf jedoch immer wieder dunkle Schatten. Vor allem zwei Namen stehen dafür. Nach dem Nordfriesen Friedrich Christiansen, der Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden gewesen war und etwa das grausame Geschehen in Putten zu verantworten hatte, blieb in seinem Heimatort Wyk auf Föhr noch lange eine Straße benannt. Der aus einer bekannten ostfriesischen Familie stammende Hermann Conring, während der Besatzungszeit Beauftragter des Reichskommissars in der Provinz Groningen, dann viele Jahre angesehener Abgeordneter des Bundestags, erhielt das Große Bundesverdienstkreuz, das er nach niederländischen Protesten zurückgab. Der Spiegel überschrieb seinen Bericht doppelsinnig: „Großes Kreuz“.

„100 Jahre Friesenkongresse“ sind geprägt von Kontinuität und Wandel. In Jever war jedes der drei Frieslande mit Referenten bzw. Themen vertreten. Ähnlich hielt man es bei den kommenden Kongressen. Später wurde jeweils ein übergreifendes Hauptthema festgelegt. Dabei war man manchmal seiner Zeit voraus. So thematisierte man die Zusammenarbeit im Nordseeraum, am Mare Frisicum, schon lange, bevor dies an der Ostsee, dem Mare Balticum, geschah; der Schutz des Wattenmeers stand im Mittelpunkt eines Kongresses, noch bevor es die trilaterale Zusammenarbeit zu dieser Thematik gab; die bedenkliche Entwicklung der Dörfer wurde recht früh in den Blick genommen, außerdem etwa der Regionalismus in Europa als Chance für die Friesen, die Zu- und Abwanderung, die Rolle der Medien, die Auswirkungen des Klimawandels. Manchmal mündeten die Kongresse ein in gemeinsame Entschließungen. In letzter Zeit gab es solche klaren Zielsetzungen selten, die Kongresse verblieben eher im Unverbindlichen. Allgemein muss festgestellt werden: Gewichtige Themen wurden besprochen, Ideen geäußert. Aber die Diskussionen verpufften häufig. Auf den Ergebnissen baute man nur selten auf, leitete kaum einmal Handlungen daraus ab. Als eine erfreuliche Ausnahme sei genannt der Sylter Kongress 1979, der für Impulse zur Pflege friesischer Baukultur sorgte.

Bereits 1967 in Ljouwert benannte Piter van der Mark, Deputierter für kulturelle Angelegenheiten bei der Provinz Friesland, ein Manko der interfriesischen Zusammenarbeit. Diese verlaufe „beiläufig und ohne Koordination“. Tatsächlich gab es keine kontinuierliche Entwicklung, keine Planung, zu wenig Information der Öffentlichkeit, kaum Transparenz. Die Kongresse wurden zu wenig als Forum genutzt. –

Anna Quarles van Ufford-Buma erlebte die Zusammenkunft in Jever, so erinnerte sie sich viele Jahre danach, als eine deutsche Zusammenkunft gelehrter Herren, „nur für Wissenschaftler und ihre Damen“. Douwe Kalma, der Gründer der Jungfriesen, schrieb, der Kongress habe eher außerhalb als innerhalb der friesischen Bewegung gestanden. Man wird sagen können, dass die Kongresse dann sehr schnell in die friesische Bewegung hineinwuchsen und zu einem wichtigen Bestandteil wurden. War die Zusammenkunft in Jever eher einer friesischen Elite vorbehalten, so wurde schon zwei Jahre später in Ljouwert die breitere Bevölkerung stärker einbezogen. Bald waren Trachten-, Tanz- und Musikgruppen, Boßler und Klootschießer vertreten. Hunderte Gäste wurden jeweils zumeist in Familien untergebracht, was allein schon eine große organisatorische Leistung darstellte und überdies den Zusammenhalt stärkte. Der wohl größte Friesenkongress jemals war der von Aurich 1955. Er hatte fast Volksfest-Charakter und brachte es auf die Titelseiten vieler Zeitungen. Im Vergleich damit führen die Kongresse heute ein Nischendasein. –

Von Jever aus sandte 1925 Titus Brandsma eine Karte mit einer Ansicht der Stadt in seinen Heimatort Boalsert/Bolsward. Er vermerkte darauf, die Zusammenkunft verlaufe angenehm, aber verstehen könnten sich die verschiedenen Friesen nicht. Man kann diese Bemerkung im doppelten Sinne deuten. Obschon jetzt von einer „geistigen Wiedervereinigung“ die Rede war und die vielen ja tatsächlich bestehenden Gemeinsamkeiten neu entdeckt wurden, so blieb natürlich der Tatbestand, dass die Frieslande in mehreren Jahrhunderten ganz verschiedene Wege gegangen und von einem recht unterschiedlichen Überbau geprägt worden waren. In einer Amsterdamer Tageszeitung hieß es, die Utopien in den Köpfen vereinzelter Träumer und Dichter vermöchten nichts auszurichten gegen die harten ökonomischen, politischen und geografischen Tatsachen, denen West-, Ost- und Nordfriesland ausgesetzt seien. Man war sich sehr nahe, aber gleichzeitig sehr fern.

Dies galt und gilt ebenfalls, darauf bezog sich Brandsmas Bemerkung sicherlich vor allem, für die friesische Sprache, die sich sehr unterschiedlich entwickelt hatte oder, wie im ostfriesischen Gebiet und in Teilen Nordfrieslands, gar nicht mehr bestand. Welche Rolle sollte sie bei den Friesenkongressen und überhaupt im interfriesischen Zusammenhang spielen? In Jever waren alle Vorträge hochdeutsch, auch die der Westfriesen. Anlässlich des dritten Kongresses in Husum spottete ein Westfriese, man müsse wohl einen Deutschkurs besuchen, um bei einem Friesenkongress den Vorträgen folgen zu können. Bei der Tagung 1967 in Ljouwert gelang es, alle Referate auf West- und Nordfriesisch sowie in ostfriesischem Platt zu halten. In den Statuten des Friesenrates rangierte Hochdeutsch hinter „Friesisch in seinen unterschiedlichen Formen“ und Plattdeutsch erst an dritter Stelle; in der Satzung des Interfriesischen Rates wird darüber nichts mehr gesagt. Immer wieder gab es Ideen, Mahnungen, Vorschläge, Vorsätze, wie man dem Friesischen mehr Gewicht geben könne. Aber immer wieder dominierte dann doch die hochdeutsche Sprache. Vor allem für die Westfriesen war und ist dies misslich, und die Teilnahme wird auf Menschen beschränkt, die recht gut Deutsch sprechen. Der Westfriese Teake Hoekema bezeichnete einmal ironisch das Hochdeutsche als „großfriesische Sprache“.

Das alles macht die Zusammenarbeit höchst vielfältig und reizvoll, aber eben auch schwierig und recht kompliziert. Ich erwähnte schon, dass der Westfriese J. P. Wiersma von Vögeln mit unterschiedlichem Gefieder sprach. Eine andere Metapher aus dem Bereich der Ornithologie führte einmal Piet Hemminga an, langjähriges westfriesisches Friesenratsmitglied. Auf einer Autofahrt wurde er auf einen Lastwagen mit einem großen Container voller Kanarienvögel aufmerksam. Er fühlte sich an die interfriesische Zusammenarbeit erinnert. –

„Unsere Zusammenkunft (hat) mit Politik nichts zu tun. Wir wollen uns an Goethes Wort halten ‚politisch Lied ein garstig Lied‘.“ Das betonte Graf von Wedel in seiner Eröffnungsansprache 1925 in Jever. Aber das war eine Fehleinschätzung, eine Illusion, ein frommer Wunsch. Natürlich ging es nicht um partei- oder tagespolitische Fragen. Aber von Anfang an hatten die Friesenkongresse eine politische Dimension. Eugen von Finckh, in Varel geboren, parteiloser Ministerpräsident des Freistaates Oldenburg – das Land Niedersachsen entstand ja erst nach dem Zweiten Weltkrieg – bejahte damals die entstehende Zusammenarbeit und betonte in seinem Grußwort: „Friesische Art, Kultur und Geschichte schließen auch über die politischen Grenzen unserer Länder hinaus ein freundschaftliches Band“. Gerade dies aber beäugten die Regierungen in Berlin und Den Haag dann mit Argwohn. Daraus könnten sich unliebsame Verwicklungen ergeben, meinte man. Diese friesischen Bestrebungen sollten „in Fortfall“ kommen, dekretierte 1929 der preußische Innenminister. In Den Haag sah man es ebenso.

Nachdrücklich bejaht wurden sie von maßgeblichen Politikern erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen des Europagedankens. Hierzu leisteten die Friesen einen wichtigen Beitrag, erklärte etwa der niedersächsische Ministerpräsident Heinrich Hellwege beim Auricher Kongress 1955. Auch später äußerten sich hochrangige Regierungsvertreter der Niederlande, Schleswig-Holsteins und Niedersachsens in ähnlicher Weise. Was Niedersachsen angeht, so gab sich als Ministerpräsident zuletzt 1991 Gerhard Schröder die Ehre. Das ist lange her und deutet wohl ebenfalls darauf hin, dass die Friesenkongresse in Politik und Öffentlichkeit nicht mehr den Stellenwert einnehmen, wie er früher selbstverständlich war.

Viele Friesen sahen ihr Wirken noch lange als ganz „unpolitisch“. Vor allem Westfriesen wie schon Jan Piebenga wiesen darauf hin, dass Politik kein „garstig Lied“ sei, sondern dass man auf diesem Gebiet wirksam werden müsse, um Fortschritte für die friesische Sprache und Kultur zu erreichen.

Die Friesen wurden manchmal als die „Europäer der ersten Stunde“ bezeichnet; so formulierte es etwa der westfriesische Historiker Klaas de Vries. Klang dieser Gedanke auch schon beim ersten Kongress an? Unmittelbar angesprochen wurde er nicht. Ein vereinigtes Europa spielte damals in der Politik und öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle. Aber neu und in Europa damals höchst selten anzutreffen war es, dass aus bürgerschaftlichem Antrieb heraus Verbindungen über die staatlichen Grenzen hinweg geknüpft wurden.

Dass man damit Brücken baue und einen Beitrag zu einem geeinten Europa leiste, wurde dann seit dem Auricher Friesenkongress 1955 zum tragenden Gedanken in der Zusammenarbeit der Friesen. „Die Zeit drängt nach größeren Zusammenschlüssen. Die drei Frieslande bejahen alle Bestrebungen, die zu einem geeinten Europa führen“, lautete eine Hauptaussage des Friesischen Manifests. „Denn auch die kleinsten Instrumente sind für das europäische Orchester wichtig“, schrieb Willem Kok, Direktor der Fryske Akademy.

Abb. 5: Die Verkündung des „Friesischen Manifestes“ am 28. August 1955 am Upstalsboom bei Aurich; von links Harald Hansen, Vorsitzender des Nordfriesischen Vereins, Carsten Boysen, stellvertretender Vorsitzender der Nationalen (Nord-)Friesen, Carl Stegmann, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, am Mikrofon Jelle Brouwer, Friesisch-Professor in Groningen (Quelle: Ostfriesische Landschaft / Leeuwarder Courant)

Das Friesische Manifest von 1955, ein halbes Jahrhundert später ergänzt und sprachlich aktualisiert durch die Interfriesische Erklärung, kann in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, wenn es gewiss in manchen Begriffen auch kritisch zu sehen ist. Zum ersten Mal überhaupt wurde ein gemeinsamer Standort für Nord-, Ost- und Westfriesen formuliert und öffentlich verkündet. In beeindruckender Weise fand man eine Synthese zwischen einem Bekenntnis zur friesischen Kultur und einem Appell für ein vereintes Europa. „Die Friesen haben vorgelebt, wie regionale Identität und europäische Integration einander nicht widersprechen, sondern bereichern“, brachte es 70 Jahre danach der Vorsitzende des Interfriesischen Rates, Arno Ulrichs, auf den Punkt.

Erdacht wurde das Manifest in Ostfriesland, gern nenne ich hier den wohl weithin vergessenen Amtmann der Ostfriesischen Landschaft Theodor Rehbein als einen Urheber. Ein anderer wichtiger Ostfriese jener Jahre, Harm Wiemann, auch „Harm Landschaft“ genannt, sagte einmal, die mit Elan betriebene Zusammenarbeit der Friesen habe nachgelassen, als die Vision eines vereinten Europas in den Hintergrund trat. In unserer Gegenwart deutet vieles darauf hin, dass sie wieder an Bedeutung gewinnt. Vielleicht, hoffentlich verleiht dies auch dem grenzüberschreitenden Zusammenwirken der Friesen neuen Auftrieb. Das zurzeit diskutierte interfriesische Kulturparlament mag ein Weg dazu sein. Wichtig dabei wäre, das kann in meinen Augen die Vergangenheit lehren, dass es demokratisch legitimiert ist, eine breitere Öffentlichkeit einbezieht, klare Zielsetzungen formuliert, sich sein Wirken nicht im Unverbindlichen, Beiläufigen verliert und dass die friesische und plattdeutsche Sprache angemessen verankert wird. Diskutiert wird zurzeit auch über die Einrichtung eines ständigen Sekretariats für den Interfriesischen Rat. Nach der Gründung des Friesenrates 1956 gab es viele Jahre eine „Protokollstelle“ an der Ostfriesischen Landschaft, geführt von Theodor Rehbein und Elly Twardokus. Dass man sich dann für ein „wanderndes Sekretariat“ entschied, war den interfriesischen Verbindungen nach meiner Einschätzung nicht förderlich.

Abb. 6: Jubiläumstagung des Interfriesischen Rates im Audienzsaal des Schlosses zu Jever am 17. Oktober 2025; von links Jan Edo Albers, Bürgermeister der Stadt Jever; Prof. Dr. Thomas Steensen, Festredner; Marianne Kaiser-Fuchs, stellvertretende Landrätin des Landkreises Friesland; Arno Ulrichs, Vorsitzender des Interfriesischen Rates; Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft (Foto: Manuela Steensen-Ross).

Jever spielte in der interfriesischen Geschichte noch manches Mal eine Rolle. Nach der Verkündung des Friesischen Manifests traf man sich zum Ausklang hier an historischer Stelle, im Schloss. Der ostfriesische „Veteran“ Peter Zylmann wies nochmals auf die europäische „Mission“ der Friesen hin. Sieben Jahre später wurden hier Carl Woebcken und Anna Quarles, nun van der Minne-Buma, zu Ehrenmitgliedern des Friesenrates ernannt; sie hatten 1925 die Initiative ergriffen. Dazu reichte man ein „Köppke“ Tee sowie „Jeversche Leidenschaften“; ich kenne sie leider noch nicht, aber es handelt sich laut Internet um leicht gezuckerte Blätterbrezeln aus Weizenmehl. Den Friesen in Nord, Ost und West wünsche ich nicht nur dieses sicherlich wohlschmeckende Gebäck, sondern vor allem immer neue Leidenschaft. Und als Nordfriese schließe ich 100 Jahre nach dem ersten Friesenkongress mit dem schönsten Wunsch auf Nordfriesisch: Weites Herz, klarer Horizont! Rüm hart, klaar kiming!

Prof. Dr. Thomas Steensen
Prof. Steensen war langjähriger Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt.
(Red.: M.H. / H.S.)

  1. Gedankt sei Arno Ulrichs, dem Vorsitzenden des Interfriesischen Rates, für die Einladung und Volker Landig für die organisatorische Vorbereitung in Jever, außerdem Antje Sander für die Gastfreundschaft im Schloss und Froukje de Jong-Krap, die freundlicherweise die westfriesischen Verse vortrug. Der Vortragstext wurde leicht überarbeitet und ergänzt. – Der Verfasser arbeitet an einer umfassenden Darstellung zu den „interfriesischen“ Verbindungen zwischen Nord-, Ost- und Westfriesen. Darin werden die Quellen- und Literaturangaben detailliert aufgeführt. [↩]

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Gastautor (12. November 2025). 100 Jahre Friesenkongresse – Beginn, Entwicklung und erste Bilanz. Blog für ost-friesische Geschichte. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/154qf


Eine Antwort auf „100 Jahre Friesenkongresse – Beginn, Entwicklung und erste Bilanz“

  1. Die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Friesenkongresse sind nicht nur ein Rückblick auf die Geschichte der friesischen Gemeinschaft, sondern auch eine schöne Gelegenheit, die Bedeutung der interfriesischen Zusammenarbeit und kulturellen Identität hervorzuheben. Die Vielfalt der Veranstaltungen und Themen im Laufe der Jahre zeigt, wie wichtig der Austausch zwischen den friesischen Regionen ist. Wir hoffen, dass auch die kommenden Kongresse dazu beitragen, das Bewusstsein für die friesische Kultur weiter zu stärken und neue Impulse für die Zusammenarbeit zu geben.

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