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Zwischen Hausgeburt und Kreißsaal – Die ostfriesische Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922-1974)

Ein Beitrag von Dr. Heiko Suhr

Abb. 1: Kinderstation in der Wolfenbütteler Frauenklinik und Entbindungsanstalt (um 1945) (Landschaftsbibliothek, Ms 461: Nachlass Hilka de Vries)

Der 2025 von der Landschaftsbibliothek Aurich übernommene Nachlass der Hebamme Hilka Haßler verh. de Vries (1922–1974) ermöglicht erstmals einen umfassenderen und quellennahen Einblick in das Berufsleben einer ostfriesischen Landhebamme im 20. Jahrhundert. Kernstück des Nachlasses sind sieben Dienst- oder Hebammentagebücher der Jahre 1948 bis 1966. Hinzu kommen Ausbildungs- und Zulassungspapiere seit 1936, Korrespondenz mit Behörden und mit ausgewanderten Verwandten in South Dakota sowie mehrere Fotografien und Postkarten aus ihrer gesamten beruflichen Laufbahn.1

Die Geschichte der Hebammen erfuhr im Zuge der Frauen- und Geschlechtergeschichte seit den 1980er Jahren verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Für den norddeutschen Raum liegen jedoch nur wenige biografische Studien vor. Christine Loytveds Dissertation untersuchte die Lübecker Hebammen zwischen 1730 und 1850 und analysierte dabei die Professionalisierung unter ärztlicher Aufsicht.2 Malte de Vries widmete sich jüngst den Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung bzw. in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts.3 Eva Labouvie hat in ihren kulturhistorischen Arbeiten den „Erlebnisraum Geburt“ vom 16. bis 19. Jahrhundert ausgeleuchtet und dabei die Verlagerung der Geburt aus dem häuslichen Umfeld in eine ärztlich geführte Klinik sowie die dabei entstandenen Widerstände auf dem Land herausgearbeitet.4 Sie betont zu Recht, auf dem Dorf sei die Tätigkeit der Hebamme lange Zeit als christliche Nachbarschaftshilfe angesehen worden und hätte damit nur den Charakter eines gering entlohnten Ehrenamtes. Kirsten Tiedemann legte mit ihrer Untersuchung zur Reichsfachschaft Deutscher Hebammen die erste systematische Forschung zur Verbandsgeschichte vor, die auch Fragen weiblicher Handlungsräume im Nationalsozialismus berührt.5

Für Ostfriesland fehlt eine systematische Aufarbeitung des Hebammenwesens weitgehend; erste Impulse gaben regionalhistorische Projekte, in denen u. a. die Biografie der Hebamme Martje Janssen aus Loga vorgestellt wurde, die im 19. Jahrhundert im ländlichen Raum praktizierte.6 Ergänzend hat der 2024 dem Niedersächsischen Landesarchiv Aurich übereignete Nachlass der aus Pewsum stammenden Frauenärztin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen (1872–1955) neue Forschungsperspektiven eröffnet.7 Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende Biografie einer ostfriesischen Hebamme einen Beitrag zur bislang unterrepräsentierten ländlichen Geburtshilfe in der Region leisten.

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  1. Vgl. https://opac.lbs-emden.gbv.de/DB=1.1/XMLPRS=N/PPN?PPN=1971839221 [16.07.2026]. [↩]
  2. Christine Loytved, Hebammen und ihre Lehrer. Wendepunkte in Ausbildung und Amt Lübecker Hebammen (1730–1850), Osnabrück 2002. [↩]
  3. Malte de Vries, Hebammen im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel zwischen Reformation und Aufklärung. Ein Überblick, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 104, 2023, S. 59–88; ders., Hebammenausbildung in den Herzogtümern Bremen und Verden während des 18. Jahrhunderts, in: Stader Jahrbuch 114, 2024, S. 141–177. [↩]
  4. Eva Labouvie, Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte der Geburt, Köln/Weimar/Wien 1998. [↩]
  5. Kirsten Tiedemann, Hebammen im Dritten Reich. Über die Standesorganisation für Hebammen und ihre Berufspolitik, Frankfurt am Main 2013. [↩]
  6. Christine Hühns / Gabriele Ketels, Die Hebamme Martje Janssen, in: Stadt Leer (Hrsg.), FrauenLeben in Leer. Ausgewählte Frauenbiografien vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, Leer 2022, S. 44–53; vgl. dazu https://ostfrhist.hypotheses.org/1797 [02.02.2026]; vgl. zu Martje Janssen auch Jann de Buhr, Martje Janssen, als Hebamme fast sieben Jahrzehnte tätig, in: Unser Ostfriesland 2012, Nr. 12. [↩]
  7. NLA AU, Rep. 220/30; vgl. zum Nachlass, der im Auricher Landesarchiv verwahrt wird, vor allem https://ostfrhist.hypotheses.org/6198 [02.02.2025]. [↩]